Lexikon R

Raabe, Wilhelm, 8.9.1831-15.11.1910, Schriftsteller. Sein Frühwerk, besonders die «Chronik der Sperlingsgasse» (1857), stellt der nach der Niederlage der Revolution von 1848/49 herrschenden weltanschaulich-politische Resignation humoristische und gefühlvoll-idyllische Bilder einfachen menschlichen Lebens, aber auch die pathetische Erinnerung an patriotische und demokratische Traditionen («Die schwarze Galeere», 1861; «Unseres Herrgotts Kanzlei», 1861/62) entgegen. Eine Reihe großer Romane (unter anderem «Der Schüdderump», 1870) entwirft Lebensläufe kleinbürgerlich-plebejischer Helden als Gegenbilder zum Egoismus der sich konstituierenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Nach der Gründung des Kaiserreichs, dessen Charakter R in eine tiefe Schaffenskrise stürzte, suchte er Güte, Hilfsbereitschaft und Verantwortungsbewusstsein zu wecken durch Gestaltung gesellschaftlicher Konflikte am Schicksal sensibler, gefährdeter Menschen («Horacker», 1876; «Im alten Eisen», 1887; «Stopfkuchen», 1891; «Die Akten des Vogelsangs», 1896).

Rab: eine der Dalmatinische Inseln, vor der Nordküste Dalmatiens (Kroatien), im Kvarner; 91 km, 8 500 Einwohner; Steineichenwälder; Wein-, Gemüsebau; Fremdenverkehr; Hauptort Rab mit Altstadt (Dom aus dem 13. Jahrhundert).

Rabat, arabisch Ar-Ribat: Hauptstadt Marokkos, am Atlantischen Ozean; 870000 Einwohner; Lebensmittel-, Textil-, Keramik-, Filmindustrie; Teppichherstellung, Lederwaren-, Metallwarenfertigung; Straßenknoten, Hafen, internationaler Flughafen Rabat-Salé, Universität, archäologisches Museum; orientalisch geprägte Altstadt (Medina) mit Moscheen, Sultanspalast (14. Jahrhundert) und Königsresidenz (18. Jahrhundert). 1150 durch den Almohaden-Sultan Abd al-Mumin gegründet, im 12./13. Jahrhundert ökonomisches und kulturelles Zentrum des Landes; im 16./17. Jahrhundert erneute Blüte; seit 1912 Hauptstadt.

Rabatt, Handelsrabatt: Abschlag, Preisnachlass; wird in der kapitalistischen Wirtschaft unter anderem bei Barzahlung (Barzahlungsrabatt) oder bei Abnahme von größeren Mengen (Mengenrabatt) gewährt. Im Sozialismus werden Rabatte nur begrenzt zur Stimulierung der Handelstätigkeit angewandt.

Rabatte: schmales Längsbeet, vornehmlich mit Blütenpflanzen.

Rabaul: Stadt (Provinzzentrum) in Papua-Neuguinea, an der Nordspitze der Insel Neubritannien, im Bismarckarchipel; 15000 Einwohner; Hafen; Handelszentrum; Holzindustrie, Kokosnussverarbeitung.

Rabbi: (hebräisch, «mein Meisten>) Anrede und Titel für den jüdischen Gesetzeslehrer.

Rabbiner: geistliches Oberhaupt einer jüdischen Gemeinde.

Rabéarivelo, Jean-Joseph, 4.3.1903 bis 22.6.1937 (Selbsttötung), madagassischer Lyriker; Mitbegründer der Négritude; vom Surrealismus beeinflusst, gestaltete tragisch-pathetische Verse von großer Schönheit, zum Teil auch zweisprachig (Französisch und Hova, zum Beispiel «Übersetzt aus Nacht», 1935).

Rabelais, François, um 1494-9.4.1553, französischer Humanist und Schriftsteller, auch als Arzt und Geistlicher tätig; sein Hauptwerk, der satirische phantastische Roman «Gargantua und Pantagruel») (4 Bände, 1532/52, deutsch) setzt volkstümliche Erzähltraditionen fort und ist Ausdruck von Zeitkritik und Zukunftserwartung, ein Plädoyer für das Menschenbild der Renaissance.

Raab, Julius, 29.11.1891-8.1.1964, österreichischer madagassischer Schriftsteller, schreibt Französisch; war führend in der madagassischen Unabhängigkeitsbewegung tätig; seine patriotische Dichtung von großer sprachlicher Eleganz (Poem «Antsa», 1948) sowie seine Aufsätze sind antikolonialistisch geprägt.

Rabenschnabelbein, Coracoid: Skelettelement des Schultergürtels der Lurche, Kriechtiere, Vögel und eierlegenden Säugetiere; beim Menschen zum Rabenschnabelfortsatz (Processus coracoideus) des Schulterblattes zurückgebildet.

Rabenvögel, Corvidae: weltweit verbreitete Familie der Singvögel; allesfressende, starkschnäblige Stand- oder Strichvögel; hierzu Dohle, Elster, Häher, Kolkrabe, Krähen.

Rabi, Isidor Isaac, geboren 29.7.1898, US-amerikanischer Physiker; entwickelte 1938/39 die Atomstrahl-Resonanzmethode.

Rabitzwand, Drahtputzwand, gespanntes Drahtgeflecht von etwa 20 mm Maschenweite mit ein- oder doppelseitigem Bewurf aus Zement-, Kalk- oder Gipsmörtel; 1880 von dem Berliner Maurermeister Carl Rabitz erfunden.

Rabka: Stadt in Polen (Wojewodschaft Nowy Sacz), an der Raba, in einem Bergkessel der Westbeskiden; 13000 Einwohner; Kurort (560m überm Meer; besonders für Kinder); Puppentheater, Volkskunstmuseum, spätgotische Holzkirche.

Rabulistik: leere Wortemacherei; Wort-, Rechtsverdreherei; Haarspalterei.

Runsen: durch Regenwasser gebildete Furchen, Rinnen und Kerben an Hängen im Locker- oder Festgestein. Die Zerrachelung ist eine intensive Form der Hangabtragung. Runsen treten besonders in Gebieten mit Starkregen bei gleichzeitig lückenhafter Vegetationsdecke auf.

Rachenkatarrh, Pharyngitis: Entzündung der Rachenschleimhaut; beim akuten Rachenkatarrh besteht eine ausgeprägte Rötung der Rachenschleimhaut, oft verbunden mit akutem Schnupfen (Nasen-Rachen-Katarrh). Der chronische Rachenkatarrh wird durch Entzündung der Nase oder der Nasennebenhöhlen, Staub, trockene oder heiße Luft, Abgase, Rauchen, Alkohol unter anderem hervorgerufen.

Rachitis, Englische Krankheit: Störung des Kalk- und Phosphorstoffwechsels infolge Vitamin-D-Mangels beziehungsweise ungenügender Sonnenbestrahlung. Folgen sind Weichheit der Knochen (Schädel, Gliedmaßen, Wirbelsäule) und Verbiegungen derselben bis zu schweren Deformierungen (enges Becken). Der Rachitis wird durch regelmäßige Gaben von Vitamin D (Dekristol, Lebertran) sowie durch genügend Aufenthalt im Freien erfolgreich vorgebeugt. Seltener kommen angeborene Stoffwechselstörungen vor, die auch mit Rachitis verbunden sind (vitamin-D-resistente Rachitis).

Rachmaninow, Sergej Wassiljewitsch, 1.4.1873 bis 28.3.1943, russischer Komponist und Pianist; verließ nach der Oktoberrevolution Russland und lebte seit 1935 ständig in den USA; schrieb Opern, Orchesterwerke und vor allem Klaviermusik (4 Konzerte, Sonaten, Klavierstücke unter anderem). Als Pianist erlangte er Weltruhm.

Raciborz: Stadt in Polen (Wojewodschaft Katowice), an der Oder; 56000 Einwohner; Maschinen-, Hochdruckkesselbau, Herstellung von Kohleelektroden, chemische, Nahrungsmittelindustrie; Heimatmuseum; Piastenburg (13., 17., 19. Jahrhundert).

Racine, Jean, 21.12.1639-21.4.1699, französischer Dramatiker; seine formvollendeten Tragödien («Berenice», 1670, deutsch; «Phädra», 1677, deutsch), die vorwiegend psychologische Probleme aufgreifen, bezeichnen trotz ihrer beginnenden Abkehr von streng rationalistische Normen den Höhepunkt der französischen Klassik.

Rackelhuhn: Bastard zwischen Birkhahn und Auerhenne; sehr selten sind Bastarde zwischen Auerhahn und Birkhenne.

Rackenvögel, Coraciiformes: Ordnung auffallend gefärbter, vorwiegend in den Tropen und Subtropen lebender Vögel; hierzu unter anderem Eisvögel, Nashornvögel, Wiedehopf.

Racker: Kind, das gern lustige Streiche, kleine Dummheiten macht; ursprünglich Abdecker, Schinder; Henker, auch Schimpfwort.

rackern: schwere, unangenehme Arbeit verrichten; sich plagen, abschinden.

Racket, Rakett beide (englisch - französisch - arabisch): Tennisschläger.

Rankett: Musik Doppelrohrblattinstrument im 16. und 17. Jahrhundert in Form einer kurzen Holz- oder Elfenbeinbüchse mit 11 Grifflöchern, in der ein 9 mal längeres, enggewundenes Rohr untergebracht ist.

Rackwitz: Industriegemeinde im Kreis Delitzsch, Bezirk Leipzig; 1500 Einwohner; Leichtmetallwerk.

Rad:

1. Maschinenbau: Maschinenelement für drehende Bewegung zur Übertragung von Kräften und Drehmomenten sowie zur Abstützung und Führung. Jedes Rad besteht aus der Nabe zur Befestigung auf der Welle oder Achse, dem Radkranz (Felge) und den beide verbindenden Speichen oder der Scheibe. Reibräder können bei Vorhandensein einer Anpresskraft Kräfte auf das Gegenstück übertragen. Ketten- und Zahnräder haben am Umfang eingearbeitete Profile oder Zähne entsprechend der Form der eingreifenden Gegenstücke; dadurch wird eine schlupffreie Übertragung gewährleistet.

2. Rad, Zeichen rd: Metrologie - veraltende Maßeinheit der Energiedosis ionisierender Strahlung.

Rada, Ukrainische Zentralrada: bürgerlich-nationalistische Organisation in der Ukraine, im März 1917 gebildet; proklamierte am 20.11.1917 als konterrevolutionäre Regierung die «Ukrainische Volksrepublik». Nach ihrer Entmachtung durch die Revolution im Januar 1918 schloss die Ukrainische Rada am 9.2.1918 in Brest-Litowsk einen formalen Sonderfrieden mit den Mittelmächten, wurde aber im April 1918 von diesen aufgelöst.

Radar, (Kurzwort für radio detection and ranging, englisch, «Funkermittlung und -messung») Funkmesstechnik: Verfahren und Einrichtungen, die mittels gerichteter und reflektierter elektromagnetischer Wellen das Auffinden sowie die Orts-, Entfernungs- beziehungsweise Geschwindigkeitsbestimmung von Objekten ermöglichen. Beim Impulsradar sendet ein Radargerät eine periodische Impulsfolge im Zenti- oder Dezimeterwellenbereich über eine rotierende Richtantenne aus, die oft gleichzeitig als Empfangsantenne für die vom Objekt reflektierten Echos dient. Nach Mischung, Verstärkung und Demodulation steuern die Empfangsimpulse die Helligkeit einer Elektronenstrahlröhre und werden als nachleuchtende Punkte dargestellt. Aus der Impulslaufzeit wird die Entfernung und aus dem Antennenwinkel die Richtung des Objekts ermittelt (Rückstrahlortung). Beim Rundsichtradar werden mittels PPI-Anzeige (PPI = Abkürzung für plan position indication, englisch «Polarkoordinatendarstellung») Objekte zweidimensional (Entfernung und Azimut) oder Geländestrukturen landkartenähnlich dargestellt; bei Festzielunterdrückung werden nur bewegte Objekte abgebildet; die Kombination von Rundsicht- und Höhenmessradar ermöglicht eine dreidimensionale Ortsbestimmung. Der Einsatz erfolgt am Boden (zum Beispiel Hafen-, Flughafen- und Zielverfolgungsradar) und an Bord (zum Beispiel Kollisionsschutzradar) in der See-, Luft- und Raumfahrt, in der Meteorologie (Wetterradar) sowie für militärische Zwecke. Beim Dauerstrichradar mit amplitudenkonstanter und frequenzmodulierter Trägerwelle wird die Frequenzdifferenz zwischen reflektiertem und eingestreutem Sendesignal zur Entfernungsmessung genutzt. Zur Geschwindigkeitsmessung dient das Dopplerradar, bei dem der Dopplereffekt ausgenutzt wird (Anwendung unter anderem im Verkehrsradar). Die Verfahren der passiven Rück-Strahlortung, bei denen sich die Objekte wie passive Reflektoren verhalten, bezeichnet man als Primärradar; dagegen sind beim Sekundärradar die Zielobjekte mit einem aktiven Antwortimpulsgeber ausgerüstet.

Radaufhängung: bei Kraftwagen das in unterschiedlicher Bauart gefertigte Bindeglied zwischen den Rädern und dem Fahrzeugrahmen beziehungsweise der selbsttragenden Karosserie. Siehe auch Achse 3.

Radball: von (Spezial-) Fahrrädern aus mit den Laufrädern oder dem Körper betriebenes Torspiel zweier Mannschaften, fast ausschließlich als Hatten-Radball mit je 2 Spielern. Spielfeldmaße siehe, die Tore sind 2 m x 2 m groß. Der 500 bis 600 g schwere Vollball von 16 bis 18 cm Durchmesser soll möglichst oft in das gegnerische Tor getrieben werden. Spielzeit 2x7 min. Weltmeisterschaften seit 1929. Rasen-Radball wird mit je 6 Spielern auf einem 20 m x 40 m großen Feld (Tore 4 m x 2,25 m) mit einem Hohlball betrieben. Spielzeit 2 x 20 min.

Radeberg: Stadt im Kreis und Bezirk Dresden, am Ostrand der Dresdener Heide, an der Röder; 16000 Einwohner; Herstellung von elektronischen Geräten, Exportbier, Küchenmöbeln, Baumaschinen, Glas, Glasformen, Zahnersatz, Leuchten und Teppichen; Schloss Klippenstein (16. Jahrhundert; Heimatmuseum).

Radebeul: Stadt im Kreis und Bezirk Dresden, in der Lößnitz, an der Elbe; 35000 Einwohner; Druckmaschinen-, Energieanlagen-, Elektroarmaturen-, Werkzeug-, Spezialwaagenbau, pharmazeutische, Schuh-, Bekleidungs-, Plastikindustrie sowie Wein- und Sektfabrikation; im Umland Wein- (Lößnitzhänge), Obst- und Gemüsebau; Institut für Lehrerbildung, Fachschule, meteorologisches Observatorium, Volkssternwarte; Landesbühnen Sachsen; Karl May-Museum; Schloss Hoflößnitz (1650; Heimat- und Weinbaumuseum).

radebrechen: eine Sprache schlecht oder verstümmelt sprechen; ursprünglich auf dem Rade brechen, rädern, misshandeln.

Radeburg: Stadt im Kreis und Bezirk Dresden, an der Röder; 5600 Einwohner; Flachglaswerk, elektronische, Möbel-, Bauindustrie; Agrarbetriebe; Heimatmuseum mit Ausstellung über H. Zille, der in Radeburg geboren wurde.

Radekrankheit: durch Befall mit dem Weizenälchen Anguina tritici verursachte Krankheit des Weizens, bei der die Körner zu Gallen umgebildet werden und eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Samen der Kornrade (Radekorn) haben.

Rädelsführer: Anführer, treibende Kraft einer von mehreren Personen begangenen Straftat.

Rädertiere, Rotatoria: Klasse der Schlauchwürmer; winzige, höchstens 3 mm lange wurm- oder sackförmige Tiere; Vorderende mit Wimpernkranz zum Herbeistrudeln der Nahrung und zur Fortbewegung; Hinterende oft teleskopartig einziehbar, leben meist im Süßwasser oder Moos.

Radetzky, Joseph Graf von, 2.11.1766 bis 5.1.1858, österreichischer Feldmarschall; beteiligt an der Niederschlagung der Revolution 1848/49 in Italien.

Radew, Wylo, geboren 1. 1. 1923, bulgarischer Filmregisseur; schuf vor allem Filme über die jüngste Geschichte seines Landes («Der Pfirsichdieb», «Der Zar und der General», «Die längste Nacht», «Die schwarzen Engel», «Verdammte Seelen»),

Radewski, Christo, geboren 23.10.1903, bulgarischer Dichter, Übersetzer, Kinder- und Jugendbuchautor; gehörte bereits in den 30er Jahren zu den führenden Kräften der proletarisch-revolutionären Literatur in Bulgarien («An die Partei», 1932); schreibt auch Satiren und Fabeln.

radial: strahlenförmig; vom Mittelpunkt ausgehend beziehungsweise zu ihm hinführend; den Radius betreffend; in Richtung des Radius.

Radialgeschwindigkeit: Geschwindigkeitskomponente eines Himmelskörpers in Blickrichtung. Die Radialgeschwindigkeit lässt sich über den Doppler-Effekt aus der Verschiebung der Linien im Spektrum des Himmelskörpers berechnen.

Radiant, Zeichen rad: SI-Einheit des ebenen Winkels, 1 rad = 1 m/m. Der Radiant ist der Winkel zwischen zwei Kreisradien, die aus dem Kreisumfang einen Bogen ausschneiden, dessen Länge gleich dem Radius ist.

Radiärsymmetrie: Biologie Bauplanverhältnisse mit mehreren durch die Längsachse verlaufenden Symmetrieebenen; Radiärsymmetrie ist typisch für Hohltiere sowie Blüten oder Pflanzenteile.

Radiator, Gliederheizkörper: aus beliebig vielen senkrechten Gliedern aus Gusseisen oder Stahl zusammengeschraubter Heizkörper für die Raumheizung.

Radieren: Entfernen von Bleistift-, Tinte- oder Tuschespuren mittels Radiergummis, Radier- (Glas-) Pinsels (für Tuschespuren), Radiermessers oder -schabers.

Radierung: graphische Drucktechnik, künstlerisches Tiefdruckverfahren; auch das durch dieses Verfahren hergestellte Werk. Die Metallplatte (vorwiegend aus Kupfer) wird mit einer säurefesten Schicht überzogen. Beim Einritzen der Zeichnung mit der Radiernadel in diesen sogenannten Ätzgrund wird das Metall freigelegt und an diesen Stellen im anschließenden Säurebad tiefgeätzt. Nach Entfernen des Ätzgrundes und Einfärben erfolgt der Abzug in einer Spezialpresse auf Kupferdruckpapier. Wird mit der Radiernadel auf die blanke Platte gezeichnet, ohne zu ätzen, spricht man von Kaltnadelradierung. Oft wird die geätzte Platte mit der kalten Nadel überarbeitet. Die Aquatinta oder Tuschmanier ähnelt der Schabkunst (Kupferstich). Durch Aufschmelzen von Kolophoniumstaub auf die Platte und anschließendes Atzen wird ein feines Korn erzielt, das im Druck eine weiche, flächige Wirkung ergibt. Bei der Kreide- oder Crayonmanier wird die Zeichnung mit Instrumenten wie Punze und Roulette in den Ätzgrund gegraben. Die Wirkung ist der der Kreidezeichnung ähnlich. Beim Vernis mou oder Durchdruckverfahren wird auf den weichen Ätzgrund ein Papier gelegt und darauf mit hartem Stift gezeichnet, so dass nach Entfernen des Blattes das Kupfer an den gezeichneten Stellen freiliegt und geätzt werden kann. Entwurf, Zeichnung, Radierung und Druck müssen nicht in einer Hand liegen. Der Künstler, der alle Arbeitsgänge selbst durchführt, heißt Malerradierer (Peintre Graveur). Die Radierung kam zu Beginn des 16. Jahrhundert auf. A. Dürer schuf einzelne Eisenradierung Hervorragende Leistungen sind die Landschaftsradierung der Donauschule. Im 17. Jahrhundert fand die Radierung in den Niederlanden weite Verbreitung. Im 18. und in der 1. Hälfte des 19. Jahrhundert stand die Radierung besonders im Dienst der Buchillustration und Reproduktion. In Frankreich und Großbritannien erreichte in dieser Zeit auch die Farbradierung ein hohes technisches Niveau. Nach den großartigen Radierungsfolgen F. J. de Goya y Lucientes gewann die Radierung erst im letzten Drittel des 19. Jahrhundert wieder an Bedeutung, die sie bis zur Gegenwart behalten hat.

Radieschen, (lateinisch radix, «Wurzel») Raphanus sativus: Kreuzblütler mit scharf schmeckenden roten oder weißen runden Spross-, zum Teil auch längliche Spross-Wurzel-Knollen; ein- bis zweijährige Gemüsepflanze.

radikal: bis auf die Wurzel, bis zum Äußersten gehend, gründlich; rücksichtslos.

Radikal:

1. Chemie: in der Regel unbeständiger Atomverband mit einem oder mehreren ungepaarten Elektronen. Ein elektrisch geladenes Radikal heißt Radikalion. Ein Radikal kann sich aus einem stabilen Molekül zum Beispiel durch energiereiche Strahlung, in einem Plasma (Glimmentladung, Funken, Flamme) oder bei hoher Temperatur bilden. Ein großer Teil der chemischen Reaktionen verläuft über die zwischenzeitliche Existenz eines Radikals. Im weiteren Sinne bezeichnet man auch Atomgruppen als Bestandteile von Molekülen als Radikale, zum Beispiel die Methyl-, Äthyl-, Phenylgruppe. Ihr allgemeines Symbol ist R, zum Beispiel in den Formeln R-CH2OH, R-COOH unter anderem

2. Mathematik: Ausdruck, der durch Ineinander schachteln von Wurzeln mit natürlichen Wurzelexponenten gebildet wird; zum Beispiel auch radikalistische Kräfte zum aktiven Friedenskampf. Siehe auch Rechtsextremismus.

Radiklon: (Kunstwort) Papierherstellung - Wirbelsortierer zur Feinsortierung (Reinigung) von Zellstoff. Unter einer zylindrischen Haube sind Zentrifugalreiniger (Zyklone) radial in mehreren Etagen übereinander angeordnet. Für den Stoffeinlauf und die Abführung der Grobstoffanteile sowie des gereinigten Stoffes ist das Radiklon in 3 Ringzonen unterteilt.

Radio:

1. Radio: Funktechnik: volkstümliche Bezeichnung für Hörrundfunk (Rundfunk) und Rundfunkempfänger.

2. Raumfahrt: Erdsatellit künstlicher, radio..., Radio...: 1. allgemein so viel wie funk.... Funk...

3. Chemie: bezogen auf oder hervorgerufen durch Strahlen.

radioaktiver Abfall, Atommüll: beim Betrieb eines Kernreaktors oder bei der Produktion, Verarbeitung und Anwendung von Radionukliden anfallende radioaktive Stoffe, die ohne zusätzliche Bearbeitung nicht weiter genutzt werden können. Um zu verhindern, dass sie die Umwelt unzulässig belasten und Menschen gefährden, müssen sie gesammelt, teilweise auch konzentriert und verfestigt werden, so dass sie langfristig sicher lagerbar sind (Endlagerung). Bis zum Abklingen der Aktivität hochaktiver Abfälle sind dabei Zeiträume bis über tausend, bei Aktiniden bis zu einer Million Jahre in Betracht zu ziehen. Siehe auch Kernbrennstoffzyklus. radioaktive Wolke: Alpha-, Beta- und Gammastrahlung verbreitende Wolke, die sich bei der Erddetonation einer Kernwaffe bildet; besteht aus der eigentlich Detonationswolke und dem aus hochgerissenen Erd- und Schlacke- beziehungsweise Wassermassen gebildeten Stiel; nimmt (nicht bei unterirdischen Detonationen) die Form eines Pilzes an (Atompilz).

Radioaktivität: Eigenschaft instabiler Nuklide, sich spontan (das heißt ohne äußere Einwirkung) in andere Nuklide umzuwandeln. Bei diesem 1896 von H. Becquerel an Uran entdeckten radioaktiven Zerfall wird eine für die jeweilige Zerfallsart charakteristische Strahlung ausgesendet. Elemente, die mindestens eine radioaktiv zerfallende Atomart, ein Radionuklid, aufweisen, heißen Radioelemente. Die Radioaktivität der in der Natur vorkommenden Nuklide wird natürliche Radioaktivität, die durch Kernreaktionen erzeugte künstliche Radioaktivität genannt. Die wichtigsten Arten der Radioaktivität zeigt die Tabelle. Natürliche Radionuklide zerfallen nur durch Aussendung von a- und/oder ß-Teilchen, die von y-Strahlung begleitet wird. Künstlich hergestellte Radionuklide zerfallen auch auf alle anderen Arten. Die Anzahl dN der im Zeitintervall d < zerfallenden Kerne ist der Anzahl N der jeweils vorhandenen aktiven Kerne proportional: dN/dt= -XN; X heißt Zerfallswahrscheinlichkeit oder -konstante. Dann beträgt die Anzahl N der zur Zeit vorhandenen Kerne N= N0 exp (-Xt) (Zerfallsgesetz), wenn N0 die Anzahl bei / = 0 ist. r = l/X heißt mittlere Lebensdauer. Nach der Halbwertszeit Tm = ln HX ist die Hälfte von N0 zerfallen. X und somit r und Tm sind für jedes Radionuklid charakteristische Konstanten. 7 1/2 beträgt zum Beispiel 1,4 • IO10 Jahre für Thorium 232 und 3 IO' s für Polonium 212 (bei Zerfällen einiger Radionuklide, an denen Hüllenelektronen beteiligt sind, kann man durch physikalische oder chemische Einwirkung X messbar verändern). Nuklide, die auseinander entstehen, bilden eine Zerfallsreihe, die längsten beginnen mit Uran 238, Uran 235, Thorium 232 und Neptunium 237 und enden bei den stabilen Nukliden Blei 206, 207, 208 und Wismut 209.

Radioastronomie: Teilgebiet der Astronomie, das die aus dem Weltall kommende Radiostrahlung untersucht. Neben Sonne und Planeten sind verschiedenartige Radioquellen sowie die Hintergrund-Strahlung Gegenstand der Forschung. Wichtigstes Beobachtungsinstrument ist das Radioteleskop.

Radikalenerlass: irreführende Bezeichnung für den Beschluss der Ministerpräsidenten der BRD Länder vom 28.1.1972 mit seinen «Richtlinien zur Einstellungspraxis in den öffentlichen Dienst», der unter dem Vorwand des Schutzes der Verfassung kommunistisch, sozialistisch oder auch pazifistisch engagierte Demokraten aus dem öffentlichen Dienst ausschließt. Siehe auch Berufsverbot.

Radikalismus: politisch-ideologische Strömung, die gesellschaftlichen Zustände grundlegend, von der Wurzel (radix) her umgestalten will. Der europäische bürgerliche Radikalismus des 18./19. Jahrhundert war auf die Vernichtung der feudalen und absolutistischen Ordnung gerichtet. In der revolutionären Arbeiterbewegung bezeichnet Radikalismus eine von Lenin in seinem Werk «Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus», (1920) kritisierte pseudorevolutionäre Strömung; ihre Ablehnung jeglicher parlamentarischer Kampfmethoden, jegliche Bündnispolitik und Kompromisse führt zur Isolierung der Partei von den Werktätigen. Ein Instrument des Antikommunismus ist in der Gegenwart der kleinbürgerliche Radikalismus, der gegen die Organisiertheit und Diszipliniertheit der kommunistischen Bewegung auftritt und mit abenteuerliche, terroristische Einzelaktionen imperialistischen Kräften einen Vorwand zum Terrorismus gegen alle fortschrittlichen Kräfte liefert.

Radiochemie: Teilgebiet der Chemie, das alle chemischen Aspekte der Erforschung und Anwendung von Radionukliden umfasst. Die allgemeine Radiochemie behandelt die Chemie der Radioelemente, die chemischen Eigenschaften und Reaktionen von Radionukliden sowie die Herstellung von Radionukliden und radioaktiv markierten Verbindungen. Radiochemische Arbeiten führt man in speziellen, nach den Anforderungen des Strahlenschutzes ausgerüsteten radiochemische Laboratorien durch. Ein wichtiges Gebiet der angewandten Radiochemie ist die Radiotracertechnik, bei der Radionuklide als Radioindikatoren eingesetzt werden. Die Wiederaufbereitung abgebrannter Kernbrennstoffe, die Abtrennung und Nutzung von Spaltprodukten sowie die Deponie und Aufbereitung radioaktiver Abfälle und Abwässer sind ebenfalls Arbeitsgebiete der angewandten Radiochemie Bereits 1898 isolierten M. und P. Curie die Radioelemente Polonium und Radium. 0. Hahn und F. Straßmann entdeckten 1939 die Uranspaltung. Seit 1940 werden Transurane hergestellt.

radiochemische Analyse: chemische Analyse, bei der Radionuklide als Leitisotope genutzt werden. Die hohe Empfindlichkeit des Nachweises ionisierender Strahlen ermöglicht die Bestimmung auch sehr geringer Substanzmengen. Zur radiochemischen Analyse gehören unter anderem die Aktivierungs-, Radioindikator-, Radioreagens- und Isotopenverdünnungsanalyse.

radiochemisches Laboratorium: für chemische Arbeiten mit radioaktiven Substanzen ausgerüsteter Arbeitsraum. Die Arbeiten werden vorwiegend in speziellen Anzügen durchgeführt. Bei Umgang mit hohen Gamma-Aktivitäten werden Laborgeräte, radioaktive Präparate und Lösungen mit Manipulatoren hinter Bleiglaswänden bewegt. Im radiochemischen Laboratorium sorgt man für ständigen Luftwechsel; die Zuluft ist klimatisiert, die Abluft wird gefiltert; Abfälle und Abwässer werden gesammelt. Die Mitarbeiter tragen spezielle Arbeitsschutzkleidung und werden strahlen-dosimetrisch überwacht.

Radiographie: Verfahren zur Bestimmung der örtlichen Verteilung von Substanzen, die auf der Absorption ionisierender Strahlung beruhen, zum Beispiel Röntgenuntersuchungen, in der Technik als Defektoskopie bezeichnet. Als Detektor dienen Filme oder Kernspuremulsionen.

Radiohorizont: gedachte Horizontlinie, bei der ein von einer Antenne ausgehender elektromagnetischer Strahl die Erdoberfläche gerade berührt. Der Radiohorizont ist infolge der Brechungseigenschaften der Atmosphäre etwa 15 % weiter von der Antenne entfernt als der geometrische Horizont.

Radioindikator, Radiotracer, Leitisotop: radioaktiv markierte Substanz, die sich bei bestimmten chemischen, physikalischen, biologischen oder technischen Vorgängen so verhält wie der nichtradioaktive Stoff (oder das Stoffgemisch), dem sie zugefügt wird oder in dem sie von Natur aus enthalten ist. Mittels Strahlungsmessungen kann dann das Verhalten solcherart markierter Stoffe oder Stoffgemische hinsichtlich ihrer Bewegung, Verteilung und chemische Reaktionen untersucht werden. Radioindikatoren dienen zum Beispiel der Ermittlung verfahrenstechnische Kenngrößen und biochemische Synthesewege.

Radioindikatoranalyse: Methode zur quantitativen Bestimmung radioaktiv markierter Stoffe. Die Aktivitäten beziehungsweise Zählraten von Proben bekannter Masse werden mit denen von Analysenproben unbekannter Masse verglichen. Die Radioindikatoranalyse eignet sich besonders für Spurenbestimmungen.

Radioisotope, radioaktive Isotope: Radionuklide gleicher Kernladungszahl. Die Verwendung dieser Begriffe für Radionuklide schlechthin ist unkorrekt.

Radiojodtest: Funktionsuntersuchung der Schilddrüse mit radioaktivem Jod (1-131). Der Radiojodtest beruht auf der Fähigkeit der Schilddrüse, Jod rasch anzureichern und an Hormon gebunden langsam wieder abzugeben. Die Aktivität der Schilddrüse wird in zeitlichen Abständen gemessen.

Radiokarbonverfahren, Radiokarbondatierung, Radiokohlenstoffmethode, C-¡4-Methode: physikalische chemische Untersuchungsmethode zur Bestimmung des absoluten Alters kohlenstoffhaltiger organischer Substanzen aus urgeschichtlicher Zeit; beruht auf der Existenz des radioaktiven Isotops Kohlenstoff 14 mit einer Halbwertzeit von 5 568 Jahren in jedem organischen Körper. Altersbestimmungen bis zu 50000 Jahren sind zur Zeit möglich. 1946 von W. F. Libby entwickelt.

Radiolarienschlamm: unverfestigter Schlamm des Meeresbodens mit mehr als 50 % Skeletten von Strahlentierchen (Radiolarien). Radiolarit ist verfestigter Radiolarienschlamm.

Radiologie, medizinische: medizinisches Fachgebiet, Wissenschaft aller Wechselbeziehungen zwischen ionisierender Strahlung und menschlichen Organismus mit den Teilgebieten Röntgendiagnostik, Strahlentherapie, Nuklearmedizin, Strahlenphysik und Strahlenbiologie.

Radiometeorologie: Teilgebiet der Meteorologie, das den Einfluss der Atmosphäre auf die Ausbreitung von Funkwellen und umgekehrt, die atmosphärischen Verhältnisse mittels Funkausbreitung untersucht; Teilgebiet der Radiometeorologie ist die Radarmeteorologie, die mittels Wetterradars Angaben über Wolken- und Niederschlagsverteilung für die Wetterdiagnose und kurzfristige Vorhersagen vermittelt.

Radiometer: empfindliches Strahlungsmessgerät für Wärmestrahlung; beruht auf dem Prinzip der Crookesschen Lichtmühle, einem leicht drehbaren Flügelrad mit einseitig geschwärzten Metallöder Glimmerplättchen in einem auf 15 bis 1,5 Pa evakuierten Glasgefäß. Auf den geschwärzten Seiten der Plättchen wird die Temperatur höher, und damit auch die Geschwindigkeit der dort reflektierten Moleküle, als auf den ungeschwärzten Seiten; somit entsteht ein Rückstoß. Beim Radiometer ist das Flügelrad an einem Quarzfaden aufgehängt; bei auffallender Strahlung wird es um einen Winkel gedreht, der der Strahlungsintensität proportional ist.

Radiometrie: Begriff, der verschiedenste Messverfahren für die Intensität von Strahlung umfasst, wobei die spektrale Zusammensetzung weniger interessiert. In der angewandten Geophysik Untersuchung der natürlichen Radioaktivität der obersten Erdkruste; dient insbesondere dem Auffinden von mineralischen Lagerstätten und tektonischen Störungen.

Radiomimetika: Stoffe, die auf das Zellwachstum einen röntgenstrahlenähnlichen Effekt ausüben. Es handelt sich um die Stickstoff-Lost-Derivate (sogenannt Alkylantien), die bei der Krebstherapie Verwendung finden (zum Beispiel Zyklophosphamid).

Radionuklide: instabile Nuklide, die sich beim radioaktiven Zerfall unter Aussendung von Strahlung in stabile Nuklide umwandeln. Man kennt etwa 50 natürliche und 1200 künstliche Radionuklide. Viele Radionuklide werden als Strahlungsquellen genutzt. Die Schwächung der Strahlung in Materialschichten wird zum Beispiel ausgenutzt bei der Gamma Defektoskopie, einem Verfahren der zerstörungsfreien Werkstoffprüfung, beim Messen von Banddicken unter anderem. In der Tracer- oder Markierungstechnik wird einem Element ein Radioisotop als Indikator zugesetzt. Durch seinen Nachweis lassen sich Stofftransporte, zum Beispiel in Pflanzen, verfolgen (siehe auch Autoradiographie). Durch Bestrahlung mit Radionuklide lassen sich die mechanischen oder thermischen Eigenschaften bestimmter Stoffe (Plaste) verbessern, die Haltbarkeit von Lebensmitteln erhöhen sowie medizinische Geräte und Präparate sterilisieren.

Radionuklidgenerator: Apparatur zur Gewinnung kurzlebiger Radionuklide. Der Radionuklidgenerator enthält ein langlebiges Mutternuklid, welches ständig in ein kurzlebiges Tochternuklid übergeht, das nach Bedarf chemisch abgetrennt werden kann. Ein Technetium99-Generator findet zum Beispiel in der Medizin Anwendung.

Radionuklidtherapie, Isotopentherapie: Strahlenbehandlung bösartiger Geschwülste in der Nuklearmedizin; verwendet werden

a) geschlossene radioaktive Präparate, zum Beispiel Kobaltnadeln oder -stifte, Radiumträger und Radiogoldkörner, die zur Kontaktbestrahlung auf den Krankheitsherd gelegt (Moulagen Bestrahlung), in präformierte Hohlräume eingelegt (Packmethode) oder zur interstitiellen Bestrahlung in das erkrankte Gewebe eingestochen werden (Spickmethode);

b) offene radioaktive Präparate, die, in die Blutbahn injiziert, am Stoffwechsel des erkrankten Gewebes teilnehmen und dort ihre Wirkung entfalten.

Radioökologie: Teilgebiet der Ökologie, Lehre vom Einfluss ionisierender Strahlung auf die Organismen; untersucht werden die Auswirkungen natürlicher und künstlicher (Kernspaltungsversuche) Radioaktivität.

Radiopharmakon, Nuklearpharmakon: für die Anwendung in der Nuklearmedizin (Diagnostik oder Therapie) geeignete radioaktiv markierte Substanz, zum Beispiel Jod-131-Bengalrosa.

Radioquelle: Himmelskörper, der Radiostrahlung aussendet. Im Sonnensystem sind insbesondere Jupiter und Sonne starke Radioquelle Galakt. Radioquelle sind unter anderem Gasnebel, Pulsare und bestimmte Sterntypen. Bei vielen Dunkelwolken und kühlen Riesensternen (Mira-Sterne) beobachtet man Linienstrahlung von Molekülen, die teilweise nach der Art der Maser verstärkt ist (kosmische Maser). besonders starke extragalaktische Radioquelle sind I Quasare sowie Radiogalaxien, deren Radiostrahlung die normalen Galaxien weit übertrifft.

Radioreagensanalyse: Methode zur quantitativen Bestimmung nichtradioaktiver Verbindungen durch deren Umsatz mit einem radioaktiv markierten Reagens; nach chemischer Abtrennung werden die Aktivitäten der Reaktionsprodukte gemessen.

Radiosonde: Messgerät, das mittels wasserstoffgefüllten Ballons in die Atmosphäre aufgelassen wird und periodisch Druck-, Temperatur- und Luftfeuchtewerte an die Bodenstation sendet. Der Ballon wird gleichzeitig zur Höhenwindbestimmung durch Radiopeilung verfolgt; die Gipfelhöhen liegen bei 30 bis 40 km.

Radiostrahlung, Radiofrequenzstrahlung: als Rauschen empfangene elektromagnetische Strahlung aus dem Weltall. Die Erdatmosphäre lässt Radiostrahlung mit Wellenlängen zwischen 1 mm und 20 m hindurch. Neben örtlich begrenzten Radioquellen beobachtet man eine Hintergrundstrahlung, die sich aus einem schwächeren, über den Himmel gleichmäßig verteilten Beitrag der extragalaktischen Sternsysteme, der zur Milchstraße konzentrierten stärkeren galaktischen Radiostrahlung sowie der ebenfalls aus allen Richtungen gleichmäßig einfallenden Drei-Kelvin-Strahlung zusammensetzt. Radiostrahlung wurde erstmals 1931/32 von dem US-amerikanischen Ingenieur Karl G. Jansky (1905-1950) beobachtet.

Radioteleskop: Empfangs- und Messgerät zur Beobachtung der Radiostrahlung der Himmelskörper. Die Antenne hat oft die Gestalt eines Paraboloids, in dessen Brennpunkt ein Dipol angebracht ist, und ist um 2 Achsen beweglich, damit sie auf jeden Punkt des Himmels gerichtet und der scheinbaren Bewegung der Gestirne nachgeführt werden kann. Zur Steigerung des Winkelauflösungsvermögens schaltet man 2 oder mehr Radioteleskop zu einem Radiointerferometer zusammen. Bei der Apertursynthese «synthetisiert» man ein Radioteleskop großer Empfängerfläche (Apertur) mittels mehrerer kleiner Radioteleskop. Höchste Auflösung erzielt man durch Verwendung von Radioteleskop, die tausende km voneinander entfernt sind (sogenannt interkontinentale Interferometrie.

Radiozirkulographie: Untersuchung der Durchblutung von Organen und Gliedmaßen mit leicht nachweisbaren radioaktiven Substanzen, die in die Blutbahn injiziert werden.

Radischtschew, Alexander Nikolajewitsch, 31.8.1749-24.9.1802 (Selbsttötung), russischer Schriftsteller und Philosoph; erstrebte, beeinflusst von den Ideen der Aufklärung, besonders J.-J. Rousseaus und C. A Helvetius, für Russland eine demokratische Republik. In seinem Hauptwerk «Reise von Petersburg nach Moskau» (1790, deutsch) klagte er, wie schon in der Ode «Freiheit», den Zarismus und das System der Leibeigenschaft an und bekannte sich zur Französischen Revolution. Radischtschew wurde zum Tode verurteilt, dann zu zehnjähriger Verbannung nach Sibirien begnadigt, in der er sein philosophischen Werk «Über den Menschen, seine Sterblichkeit und Unsterblichkeit» (1792/96, deutsch) verfasste. Nach seiner Rückkehr versuchte Radischtschew 1801 und 1802 in einer Gesetzeskommission, das Los der Bauern zu erleichtern.

Raditschkow, Jordan, geboren 16.10.1929, bulgarischer Schriftsteller; gestaltet, Reales mit Phantastischem verschmelzend und ironisch-grotesk verfremdet, skurrile Menschen und Merkwürdigkeiten im Alltag, die zum Nachdenken über die Lebensfragen unserer Zeit anregen, so in den Prosasammlungen «Der Ziegenbart» (1967), «Die Pulverfibel» (1968), ((Menschliche Prosa» (1971) und in den erfolgreichen Bühnenwerken (Januar» (1967, deutsch), «Lasariza oder Der Mann auf dem Birnbaum» (1978), «Versuch zu fliegen» (1979).

Radium, Symbol Ra: radioaktives chemisches Element der Kernladungszahl 88; Erdalkalimetall; Atommasse 226,05; F 700 °C; Dichte 6,0 g/cm3; Wertigkeit +2; längste Halbwertszeit 1620 Jahre (Ra 226; a-Strahler). Radium-Isotope finden sich als Glieder radioaktiver Zerfallsreihen insbesondere in Uranmineralen (etwa 0,14 g je t Pechblende). Die chemischen Eigenschaften der Radiumverbindungen ähneln denen der Bariumverbindungen sehr. Radium wurde 1898 von P. und M. Curie in der Pechblende entdeckt und 1910 von M. Curie rein dargestellt.

Radius:

1. Anatomie: Speiche.

2. Geometrie: Abstand der Punkte eines Kreises oder einer Kugel vom Mittelpunkt; auch jede Strecke vom Mittelpunkt zu einem dieser Punkte.

Radiusvektor: gerichtete Strecke von einem Bezugspunkt zu dem zu bestimmenden Punkt.

Radix, Wurzel:

1. Anatomie: Ursprungsteil oder Befestigungsstelle eines Organs, zum Beispiel Radix dentis (Zahnwurzel).

2. Pharmazie: Wurzeldroge; zum Beispiel Radix Valerianae (Baldrianwurzel), Radix Liquiritiae (Süßholzwurzel).

radizieren: eine Wurzel aus einer Zahl ziehen.

Radmanesch, Reza, geboren 4.2.1905, iranischer Politiker; Vertreter der iranischen kommunistischen und Arbeiterbewegung, 1941 Mitbegründer der Tudeh-Partei, 1946/47 Leiter ihres provisorischen Exekutivkomitees, 1948/57 Generalsekretär und 1957/71 1. Sekretär der Tudeh-Partei; 1949 in Abwesenheit zum Tode verurteilt; lebt im Exil.

Rado, Sandor, 5.11.1899-20.8.1981, ungarischer Geograph und Kartograph; 1918 Mitglied der KP Ungarns, 1919 Teilnahme an den Kämpfen der ungarischen Roten Armee und 1922/24 der deutschen Arbeiterklasse, während des 2. Weltkrieges als Kundschafter aktiver Kämpfer gegen den Faschismus, worüber er in seinem Buch «Dora meldet» (1971, deutsch) berichtet; 1958/66 Professor an der ökonomischen Universität Budapest. Rado erwarb sich auch große wissenschaftliche Verdienste.

Radom: 1. Wojewodschaft im mittleren Teil Polens, westlich der Wisla; 7295 km2, 720000 Einwohner; 99 Einwohner/km2, Verwaltungszentrum Radom 2. Im Norden Niederungen der Nizina Mazowiecka, von der Pilica, Radomka und Ozanka durchflossen, im Süden Ausläufer der Gery Swietokrzyskie; 20 % der Fläche bewaldet. Industrie-Agrar-Gebiet mit Metallverarbeitung, Präzisionsgerätebau, elektrotechnische/elektronische, chemische, Leichtindustrie, besonders in Radom 2 und Pionki; bei Kozienice Wärmekraftwerk (2 600 MW). Die Landwirtschaft ist auf den Getreide-, Kartoffel- und Gemüseanbau, die Viehzucht (Schweine, Rinder) und den Obstbau (an 1. Stelle in Polen) orientiert; entwickelter Tourismus.

2. Stadt, Verwaltungszentrum von Radom 1; 200000 Einwohner; Metallverarbeitung, Näh- und Schreibmaschinenherstellung, elektrotechnische (Telefonapparate), Leder-, Schuhindustrie; Verkehrsknoten; TH; Theater, Museum; Rathaus (19. Jahrhundert), Pfarrkirche (14. Jahrhundert), Kloster (15./16. Jahrhundert), Palast (19. Jahrhundert).

Radomsko: Stadt in Polen (Wojewodschaft Piotrkow Trybunalski); 40000 Einwohner; Maschinenbau, Möbel-, Glasindustrie.

Radon, Symbol Rn: radioaktives chemisches Element der Kernladungszahl 86; Edelgas; F -71 °C; Kp -61,8 °C; Dichte (bei 0°C und 101,3 kPa) 9,96 g/1; längste Halbwertszeit 3,825 Tage (Rn 222; o-Strahler). Radon-Isotope finden sich als Glieder radioaktiver Zerfallsreihen spurenweise in entsprechenden Mineralen und in manchen Quellwässern. Radon wurde um 1900 von F. Soddy, E. Rutherford und F. E. Dom entdeckt.

Radoslawow, Wassil Christow, 27. 7. 1854 bis 21.10.1929, bulgarischer Politiker, Jurist; Gründer der Liberalen Partei; 1886/87 und 1913/18 Ministerpräsident; verantwortlich für die Teilnahme Bulgariens am 1. Weltkrieg, emigrierte 1918 nach Deutschland.

Radpolo: von (Spezial-) Fahrrädern aus mit Polostöcken (Schlägern) betriebenes Torspiel zweier Mannschaften zu je 2 Spielerinnen. Spielfeldmaße wie bei Radball. Der Ball (Filzkugel von 10 cm Durchmesser) soll möglichst oft mit Hilfe der Polostöcke in das gegnerische Tor geschlagen werden. Spielzeit 2x5 min.

Radrennbahn: Radsportanlage mit Rundbahn von meist 333 m (internationales Maß), 265 oder 400 m Länge (Hallenbahnen auch kürzer) in Stahlbetonkonstruktion (gegebenenfalls mit Holzbelag der Fahrfläche) mit überhöhten Kurven und nach innen geneigten Geraden.

Radsatz: aus Achswelle und 2 fest auf ihr sitzenden Rädern bestehender Teil eines Schienenfahrzeugs. Liegt der Fahrzeug- oder Drehgestellrahmen innerhalb der Räder spricht man von Innen-, bei Anordnung außerhalb von Außenlagerung.

Radscheibe: Verbindungselement zur Kraftübertragung von der Radnabe zum Zahnkranz (bei Zahnrädern) oder zum Schaufelkranz (bei Turbinenläufern), eventuell auch mit axialen Bohrungen zur Minimierung der Masse versehen.

Radschiff: Schiff, das durch mittschiffs (Seitenradschiff) oder am Heck (Heckradschiff) angebrachte Schaufelräder fortbewegt wird, die durch Dampfmaschine (Raddampfer), seit dem 20. Jahrhundert durch Motor oder dieselelektrisch angetrieben werden. Den ersten erfolgreichen Raddampfer baute 1807 R Fulton.

Radsport: Sammelbegriff für Bahnradsport, Straßenradsport, Querfeldeinrennen und Hallenradsport.

Radsturz, Achssturz, Sturz: Neigung der Radebene zu der im Berührungspunkt des Rades in Geradeausstellung auf der Standebene errichteten Senkrechten.

Radula: mit Chitin Zähnchen besetzte, in der Mundhöhle von Weichtieren vorkommende gewölbte Reibeplatte.

Radziwill, Franz, 6.2.1895-12.8.1983, Maler der BRD; war in den 20er Jahren ein Hauptvertreter der sogenannt magischen Richtung der ((Neuen Sachlichkeit» und galt nach 1933 als «entarteten) Künstler. Seine detailreichen, in altmeisterliche Lasurtechnik ausgeführten Gemälde drücken in phantastischer Symbolik tiefe Skepsis gegenüber der Rolle von Technik und Zivilisationsfortschritt sowie die Bedrohung der menschlichen Existenz in der spätbürgerlichen Gesellschaft aus.

Raeburn, Sir Henry, 4.3.1756 bis 8.7.1823, schottischer Maler, mit seinen brillanten, impressionistisch wirkenden Bildnissen bedeutender Zeitgenossen erwarb er sich den Namen eines «schottischen Reynolds»; er strebte besonders nach Herausarbeitung physiognomischer Charakteristika.

Raffael, eigentlich Raffaello Santi, 28. 3. oder 6.4.1483-6.4.1520, italienischer Maler und Architekt; in Perugia, Florenz und seit 1508 in päpstlichen Diensten in Rom tätig, wo er nach dem Tode Bramantes 1514 zum Bauleiter der Peterskirche und zum Konservator der antiken Denkmäler ernannt wurde. Mit seinen Schülern arbeitete er unter anderem als Maler für den Vatikan und die römische Oberschicht. Neben dem Tafelbild gewann das Fresko an Bedeutung. Raffaels Kunst, die das Streben der Hochrenaissance nach höchster menschlicher Würde und vollkommener Schönheit mit am vollendetsten und poesiereichsten zum Ausdruck bringt, erreichte in Rom ihre letzte Reife und Vollendung. Eine vollkommene Harmonie zwischen Inhalt und Form sowie eine strenge, ausgewogene Komposition sind die Grundlage sowohl für seine zahlreichen, durch zarte Schönheit und innige Mütterlichkeit beseelten Madonnenbilder («Sixtinische Madonna», 1512/13) wie für die psychologisch ausgezeichnet erfassten Bildnisse (Papst Julius n., 1512; Graf Castiglione, 1515) und auch die figurenreichen großen Fresken (u. a, «Schule von Athen», «Parnaß»), die er für die Stanzen (Wohnräume) und Loggien des Vatikans 1509/19 ausführte. Er entwarf ferner Kartons für 10 Bildteppiche mit biblischen Motiven, die in Brüssel gewirkt wurden.

Raffball: Tor- beziehungsweise Malspiel zweier Mannschaften von je 7 bis 10 Spielern auf unterschiedlich großem Spielfeld. Der Vollball ist in das gegnerische Tor beziehungsweise hinter die Mallinie zu befördern. Spielzeit 2x15 min oder Wertung nach Tor- beziehungsweise Punktzahl.

Raffinade: durch Wiederauflösen und nochmaliges Kristallisieren gereinigter Weißzucker.

Raffination: Entfernung unerwünschter Bestandteile aus Naturstoffen oder technischen Produkten. In der chemischen Industrie entfernt man zum Beispiel bei der Erdölraffination aus rohen Destillaten Schwefel-, Stickstoff- und Sauerstoffverbindungen, die bei der Verarbeitung (Katalysatorgifte), Verbrennung (Umweltbelastung durch Schwefeldioxid und Stickoxide) oder Lagerung (Alterung, Instabilität, Korrosivität) stören. Durch chemische Raffination des Erdöls werden basische Verbindungen zum Beispiel durch Schwefelsäurewäsche in ölunlösliche Stoffe umgewandelt und damit abtrennbar gemacht; andere Verbindungen bilden dabei Harze, die durch Behandlung mit Aktivkohle oder Bleicherde entfernt werden. Bei der Hydroraffination werden die Rohprodukte bei 280 bis 350 °C und 25 MPa an Wolframsulfid-Nickelsulfid-Kontakten hydriert; hierbei werden Schwefel, Stickstoff und Sauerstoff als Schwefelwasserstoff, Ammoniak beziehungsweise Wasser abgespalten. Im Hüttenwesen wird das Rohmetall durch physikalische, chemische oder elektrochemische Raffinationsverfahren gereinigt. Zur physikalischen Raffination gehören Seigern, intermetallische Fällung, Polen und destillative Raffination (Verflüchtigung einer oder mehrerer Verunreinigungen durch Verdampfung). Zur chemischen Raffination zählen selektive Oxydation (zum Beispiel Frischen), selektive Sulfidbildung (zum Beispiel Entschwefeln) und Scheiden (Trennen von edlen und unedlen Metallen durch Säuren). Die elektrochemische Raffination erfolgt durch Elektrolyse. In der Lebensmitteltechnik werden unerwünschte Begleitstoffe, die Geruch, Geschmack, Farbe und Haltbarkeit beeinträchtigen, entfernt, zum Beispiel bei der Fettraffination, Schleimstoffe, Farbstoffe, Säuren.

Raffinerie: im weiteren Sinne Veredlungsanlage, im eigentlichen Sinn Erdölraffinerie, das heißt Betriebsanlage zur primären Erdölverarbeitung und zur Raffination von Erdölprodukten. Moderne Raffinerie erzeugen gleichzeitig petrolchemische Grundstoffe.

Raffinesse: Überfeinerung; Durchtriebenheit, Schlauheit; Spitzfindigkeit.

Raffineur: Papierherstellung - Maschine zum Verfeinern des Grobstoffes (Splitter, Faserbündel) bei der Holzschliffherstellung. Dabei wird er zwischen den Stirnseiten eines rotierenden und eines feststehenden Steins zerrieben. Durch die Raffineur-Behandlung treten Qualitätsminderungen auf, deshalb ist der Raffineur heute vielfach durch den (Scheiben-) Refiner ersetzt.

Raff Hose: Trisaccharid, das hydrolytisch in D-Galaktose, D-Glukose und D-Fruktose gespalten werden kann. Raff Hose bildet farblose, wasserlösliche, schwach süß schmeckende Kristalle; sie kommt in Honig, Melasse und vielen Samen vor und dient als Nährbodenzusatz in der Mikrobiologie.

Raglan: (nach einem britischen Feldmarschall) eingesetzter Ärmel, dessen Naht vom Armloch zum Halsring verläuft.

Ragnarök: (altnordisch, «Götterschicksal», fälschlich «Götterdämmerung») in der nordischen Mythologie der Weltuntergang mit dem Weltbrand und dem Untergang der Götter.

Ragout: Gericht aus geschnittenem Fleisch und Innereien beziehungsweise Fisch (Fischragout), Gemüse (Gemüseragout) in pikanter Tunke. Ragout fin ist feines Ragout (als Pastetenfüllung oder überbacken).

Ragtime: Klavierstil, den afroamerikanischen Musiker im letzten Drittel des 19. Jahrhundert im Mittelwesten der USA entwickelten; ist durch eine stark synkopierte Melodik, die gegen eine regelmäßig akzentuierte marschartige Bassrhythmik gespielt wird, gekennzeichnet; weist als komponierte Musik in Harmonik und Melodik starke europäischen Einflüsse auf; Blütezeit um die Jahrhundertwende. Wichtigste Vertreter waren S. Joplin (1868-1917), T. Turpin (1873-1922), J. Scott (1886-1938).

Ragusa: 1. Stadt im Südosten der italienischen Insel Sizilien, Verwaltungszentrum der Provinz Ragusa auf einem schmalen Plateau; 65000 Einwohner; chemische, Plaste- und Zementindustrie; Erdölförderung, Erdölraffinerie mit Leitung nach Augusta; barocker Dom.

2. Dubrovnik.

Ragwurz: (zu «ragen») Ophrys: Gattung der Orchideen, deren Blüten Insekten oder Spinnen ähneln; heimisch Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera), Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera), Hummel-Ragwurz (Ophrys fuciflora) und Spinnen-Ragwurz (Ophrys sphegodes); kalk- und wärmeliebend.

Rah, Rahe: waagerecht am Mast befestigtes Rundholz, auf Segelschiffen zum Anschlägen von Rahsegeln drehbar, sonst fest zum Anbringen von Antennen, Flaggleinen o. ä.

Rähm: (zu «Rahmen») waagerechter Balken in einer Fachwerkwand unter der Balkenlage beziehungsweise zur Auflagerung der Kehlbalken im Kehlbalkendach.

Rahmen: bei Fahrzeugen ein über Federn auf die Achsen abgestütztes Traggerüst, das den Aufbau trägt.

Rahmenerzählung: Erzählung, die andere (Binnen-) Erzählungen einschließt; als gestalterische Mittel fasst sie diese zu einem Zyklus zusammen (G. Boccaccios «Decamerone»), oder sie gibt ihnen eine historische oder künstlerische Motivierung (novellistische Erzählungen T. Storms, G. Kellers «Sinngedicht»).

Rahmenfunktionsplan: Modell des Inhalts des Funktionsplanes für eine bestimmte Arbeitsaufgabe; kann ganz oder teilweise verbindlich oder nur empfehlend sein.

Rahmenholz: besäumtes Schnittholz, dessen Dicke 38 bis 100 mm und dessen Breite maximal das Doppelte der Dicke beträgt

Rahmenkollektivvertrag, Abkürzung RKV: Vereinbarung zwischen einem Minister oder Leiter eines anderen zentralen Staatsorgans beziehungsweise einem zentralen Organ einer gesellschaftlichen Organisation einerseits und einem Zentralvorstand der Industriegewerkschaft beziehungsweise Gewerkschaft andererseits, in der besondere arbeitsrechtliche Rechte und Pflichten in Bezug auf den Arbeitslohn, die Arbeitszeit, den Erholungsurlaub unter anderem für die Werktätigen eines bestimmten Zweiges oder Bereiches der Volkswirtschaft, eines Gebietes oder einer Personengruppe geregelt sind. Siehe auch Betriebskollektivvertrag.

Rahmenkrankenhausordnung: verbindliche Festlegung des Ministeriums für Gesundheitswesen für alle staatlichen örtlich geleiteten Krankenhäuser einschließlich der ihnen angeschlossenen ambulanten Einrichtungen sowie für stationäre Gesundheitseinrichtungen, die dem Ministerium für Gesundheitswesen unterstellt sind, über die Arbeit und Struktur dieser Krankenhäuser. Sie regelt die allgemeinen Aufgaben des Krankenhauses, die Grundsätze für die medizinische Betreuung der Patienten, die Gruppierung und das Leistungsprofil der Krankenhäuser sowie die Leitung des Krankenhauses.

Rahmenvertrag: Wirtschaftsvertrag über Vertragsbedingungen, die Inhalt der auf seiner Grundlage zu schließenden Leistungsverträge werden. Der Rahmenvertrag vereinfacht die Vertragsgestaltung und rationalisiert die Vertragserfüllung bei Senkung der Zirkulationskosten. Er wird in solchen Bereichen abgeschlossen, in denen sich Vertragsbeziehungen zu denselben Bedingungen wiederholen und massenhaft auftreten, zum Beispiel bei der Belieferung des Einzelhandels durch den Großhandel.

Raiffeisen, Friedrich Wilhelm, 30.3.1818 bis 11.3.1888, Begründer des deutschen bürgerlichen landwirtschaftlichen Kreditgenossenschaftswesens (Spar- und Darlehenskassen) als wichtige Grundlage für die Entwicklung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens. Raiffeisengenossenschaften und Raiffeisenvereine fanden seit Mitte des 19. Jahrhundert internationale Verbreitung.

Raimondi, Marcantonio, um 1475-zwischen 1527/34, italienischer Kupferstecher; einer der bedeutendsten Graphiker der Hochrenaissance; reproduzierte besonders Werke von A. Dürer und Raffael, darunter auch solche, deren Originale nicht mehr erhalten sind.

Raimund, Ferdinand, 1.6.1790-5.9.1836 (Selbsttötung), österreichischer Bühnendichter; neben J. N. I Nestroy bedeutendster Vertreter der sogenannt Wiener Volkskomödie. Seine den Barocktraditionen verpflichtete Allegorik und das phantastische Geschehen seiner Zauberstücke zeigen ungerechte soziale Gegensätze, auf unmittelbare politische Stellungnahme wird jedoch verzichtet («Der Alpenkönig und der Menschenfeind», 1828; «Der Verschwender», 1834).

Rainald von Dassel, um 1118-14.8.1167, Erzbischof von Köln seit 1159; einflussreicher Berater Kaiser Friedrichs I. Barbarossa, von ihm 1156 zum Reichskanzler ernannt.

Rainfarn, Tanacetum vulgare: ausdauernder Korbblütler mit fiederteiligen Blättern und kleinen gelben Blütenköpfen in Schirmrispen; häufig an Wegen und Rainen.

Rainis, eigentlich Plieksans, Janis, 11.9.1865 bis 12. 9. 1929, lettischer Schriftsteller, verbreitete als Zeitungsredakteur marxistischen Ideengut, lebte 1897/1903 in der Verbannung und 1905/20 in der Emigration; schrieb von revolutionärem Zeitgeist durchdrungene Gedichte und Schauspiele («Feuer und Nacht», 1911; «Dünawind», 1913, deutsch); übersetzte A. S. Puschkin, J. W. Goethe («Faust»), F. Schiller.

Rainwater, James, geboren 9.12.1917, US-amerikanischer Physiker; führte die Flugzeitmessung in der Neutronenspektroskopie ein, leistete 1950 einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Kollektivmodells des Atomkerns.

Raja, (Hindustani Sanskrit) Radscha: Fürst; Titel der Hindu-Fürsten Indiens und des Malaiischen Archipels; weibliche Form Rani.

Rajasthan, Radschastan: Unionsstaat im Nordwesten Indiens; 342 214 km2, 34,1 Millionen Einwohner; 100 Einwohner/km2; Hauptstadt Jaipur. Im Westen Wüsten- und Steppengebiete der Thar, im Osten Hochland von Dekan, das im Norden in das Gangestiefland übergeht; im Südosten Aravalligebirge. Bei trockenheißem Kontinentalklima ist eine umfangreiche Bewässerung der Landwirtschaftsflächen notwendig (vom Norden her seit 1958 Bau des Rajasthan-Kanals (649 km, 6500 km Nebenkanäle) zur Bewässerung von 1 Millionen ha Fläche; zum Teil fertiggestellt). In der Landwirtschaft Produktion von Hirse, Mais, Weizen, Gerste, Hülsenfrüchten, Raps, Senf, Baumwolle (in Bewässerungsfeldbau); extensive Weidewirtschaft (Thar), hoher Viehbestand (Wolle- und Getreidelieferung nach anderen Teilen Indiens). Bergbau auf Glimmer, Kupfer- und Wolframerz; Kupfer- und Zinkhütte, noch schwach entwickelte verarbeitende Industrie; Bau eines Kernkraftwerkes bei Kota.

Rajputen, (Hindustani Sanskrit) Radschputen: hinduistische Adels- (Krieger-) Kaste, aus der viele indische Fürstengeschlechter, besonders des früheren Rajputana (heute Rajasthan) hervorgingen (nicht zu verwechseln mit dem indoarischen Volk der Rajastani).

Rajputen Malerei: die indischen Miniaturmalerei des 16./19. Jahrhundert sowohl an den Fürstenhöfen von Rajputana (heute Rajasthan) und Bundelkhand (Rajasthani Schule) als auch in den Malzentren des Himalaya-Gebietes (Paharischule). Im Unterschied zur Mogulmalerei ist sie in Form und Inhalt volkstümlich.

Rakata, Krakatau: Insel mit stark tätigem Vulkan Krakatau in der Sundastraße zwischen Sumatera und Jawa; zu Indonesien gehörend, 813 m über dem Meeresspiegel; 10,7 km2. Am 26./27. 8. 1883 explosionsartiger Vulkanausbruch, der zwei Drittel der vorher etwa 32,5 km2 großen Insel auseinandersprengte, eine 36 m hohe Flutwelle erzeugte und 36420 Menschen tötete; etwa 18 Millionen m3 Gesteinsmassen wurden in die Atmosphäre geschleudert, wobei die feinsten Teilchen Höhen bis zu 80 km erreichten.

Rakel:

1. Polygraphie: a) Gummiquetscher, mit dem beim Durchdruck die Druckfarbe durch die siebartige Druckform gedrückt wird;

b) messerartiges, federnd in Kontakt mit dem Druckformzylinder gelagertes Stahlband im Druckwerk von Tiefdruckmaschinen zum Abstreifen (Abrakeln) überschüssiger Druckfarbe vom Druckformzylinder.

2. Rakel, Streichmesser, Streichschiene: Textiltechnik - Stahlschiene, die beim Bedrucken von Textilien die Druckfarbe, beim Beschichten die Beschichtungsmasse verteilt und überflüssige Farbe beziehungsweise Masse entfernt

Rakete: durch Raketentriebwerk(e) angetriebener eigenstartfähiger Flugkörper, der zum Transport von Nutzmassen für wissenschaftliche Zwecke (Forschungsrakete, Raumfahrt-Trägerrakete) oder von Kampfmitteln (Raketenwaffen) dient. Nach dem technischen Aufbau unterscheidet man Einstufen- und Mehrstufenrakete, nach der Antriebsart Feststoffrakete, Flüssigkeitsrakete, Hybridrakete, Kernenergierakete und (bisher lediglich hypothetisch) Photonenrakete (siehe auch Raketen-triebwerk, Raketentreibstoff). Raketen wurden seit etwa 1200 in China als Kampfmittel verwendet; in Europa fanden sie 1379 erstmals schriftliche Erwähnung. Die erste wissenschaftliche Bearbeitung der Raketentheorie (um 1900) stammt von K. E. Ziolkowski (siehe auch Raketengrundgleichung). Spätere Pioniere der Raketentechnik sind Esnault-Pelterie (1881-1957, Frankreich), H. Goddard (1882-1945, USA), H. Oberth (geboren 1894), M. Valier (1895-1930, Österreich), F. A. Zander (1887-1933, UdSSR), S. P. Koroljow (1907-1966, UdSSR), A. Missajew (1908-1971, UdSSR), M. K. Jangel (1911-1971, UdSSR), W. von Braun (1912-1977, Deutschland/ USA) unter anderem. Im 2. Weltkrieg wurden Rakete in großem Umfang als Kampfladungsträger eingesetzt (zum Beispiel Katjuscha, V), nach 1945 besonders intensiv für Höhenforschung und Raumfahrt; daneben wächst ihre Bedeutung in der Militärtechnik ständig, besonders als Kernwaffenträger.

Raketenabwehrrakete: mehrstufige Lenkrakete der Klasse «Boden-Luft» zur Bekämpfung von strategischen Raketen in großen Höhen. Zu einem System von Raketenabwehrrakete gehören weitreichende Funkmessstationen, eine Leitstation und ein Rechenzentrum für die Bahnberechnung. Raketenabwehrraketen können mit Kernladungen ausgestattet sein.

Raketenbasis: in den USA übliche Bezeichnung für einen Komplex von Startstellungen, Führungsstellen (Startleitzentren) sowie raketen- und materiell-technische Versorgungs- und Sicherstellungseinrichtungen eines Verbandes oder Truppenteils der strategischen Raketentruppen in einem ausgebauten Raum (mit Flugplatz, Kasernen, Wohnsiedlung sowie Nachrichten- und Energiesystem). Die Raketenbasis dient zum Führen von Schlägen mit Raketenkernwaffen, die meist in Schächten gedeckt untergebracht und ständig einsatzbereit gehalten werden.

Raketenflugzeug: Flugzeug, das seinen Vortrieb (Schub) ausschließlich durch ein Raketentriebwerk erhält. Raketenflugzeuge dienten im 2. Weltkrieg militärischer und später in den USA auch Forschungszwecken. Sie bewährten sich aber trotz hoher Geschwindigkeit nicht (hohe Unfallgefahr, schlechte Landeeigenschaften, geringe Reichweite unter anderem). Das erste Raketenflugzeug wurde 1939 von E. Heinkel konstruiert.

Raketengrundgleichung: von K. E. Ziolkowski 1903 aufgestellte Gleichung zur Berechnung der idealen End- (Brennschluss-) Geschwindigkeit v-, einer Rakete. In dieser Gleichung «i = e in (Mt/Mo) bedeuten: c = Ausströmgeschwindigkeit, M, = Startmasse, M0 = Leermasse einschließlich Nutzmasse. Siehe auch Massenverhältnis.

Raketenleitstation: zu einem Raketenkomplex gehörende funktechnische Anlage, die Ziele ortet und begleitet, die Werte für die Flugbahn der Rakete (zum Beispiel Raketenabwehrrakete) berechnet und die Lenkkommandos an diese übermittelt. Ihr konstruktiver Aufbau ist abhängig vom angewandten Lenkverfahren, wie Kommandolenkung mit Kommandosender, Leitstrahllenkung.

Raketenmodell: kleiner eigenstart- und flugfähiger, gegebenenfalls auch maßstabgerechter, langgestreckter Flugkörper.

Raketenmodellsport: Wettbewerbe mit Raketenmodellen in verschiedenen Klassen mit unterschiedlichen Wettbewerbsgedanken; Einteilung in Höhen-, Nutzlast-, Fallschirm-, Streamer-Dauerflug-, Maßstabmodelle, Raketengleiter und Maßstabhöhenmodelle. Vorgeschrieben sind 2 Starts mit Bergung des Modells in vorgeschriebener Zeit.

Raketenprüfstand: Anlagenkomplex zur statischen Erprobung von Raketentriebwerken, Raketenstufen oder kompletten Raketen.

Raketenschnellboot: Schnellboot, das vorwiegend mit Schiff-Schiff-Raketen, Universalschiffsartillerie und Nebelanlagen ausgerüstet ist; dient zur Bekämpfung von Überwasserkräften auf See, Reede und Ankerplätzen; oft zur Deckung eigener Überwasserkräfte eingesetzt.

Raketenstartplatz, Raumfahrt-Startgelände - Gesamtheit der technischen Anlagen und Baulichkeiten für Montage, Startvorbereitung und Start von Raumfahrt-Trägerraketen und andere Raketen. Siehe auch Countdown, Kosmodrom.

Raketenträger: Kampfflugzeug mit großer Geschwindigkeit (Überschall), Flughöhe und Reichweite. Raketenträger sind insbesondere mit Luft-Boden-Raketen bewaffnet, umfangreiche elektronische Ausrüstung.

Raketentreibstoff: chemische Substanz, die durch Verbrennung oder Zerfallsreaktion in der Brennkammer des Raketentriebwerks das Arbeitsgas liefert. Der Raketentreibstoff setzt sich aus Brennstoff und Oxydator (Sauerstoffträger) zusammen. Allg. wird im Wesentlichen eine Klassifikation in Feststoff- und Flüssigkeitstreibstoffe, außerdem auch in Einstoff- (Monergole), Zweistoff- (Diergole) und Dreistoffsysteme (Triergole) vorgenommen. Gebräuchliche Flüssigkeitstreibstoffe sind unter anderem Kombinationen von Kerosin mit flüssigem Sauerstoff, Distickstofftetroxid oder Wasserstoffperoxid, von unsymmetrischen Dimethylhydrazin (Abkürzung UDMH) mit flüssigem Sauerstoff, von Salpetersäure oder Distickstofftetroxid sowie von flüssigem Wasserstoff mit flüssigem Sauerstoff. Hybridtreibstoffe (Lithergole) bestehen aus flüssigem Oxydator und festem Treibstoff, Tribrid-Treibstoffe (Triergole) enthalten eine weitere (flüssige oder feste) Brennstoffkomponente.

Raketentriebwerk, Raketenmotor: zu den Rückstoßtriebwerken gehörende Antriebsvorrichtung, die durch Ausstoß eines unabhängig von der Umgebung erzeugten Masseteilchenstromes (Antriebsstrahl) eine Vortriebskraft (Schub) liefert. Im chemischen Raketentriebwerk entsteht der Antriebsstrahl durch kontinuierlich ablaufende Verbrennung fester oder flüssiger Treibstoffe. Im Feststofftriebwerk werden überwiegend gießbare oder plastische Treibstoffe (Treibsätze) verwendet, wobei der Treibstoffbehälter gleichzeitig als Brennkammer dient. Bei Flüssigkeitstriebwerken werden die Treibstoffkomponenten (Brennstoff und Oxydator) in getrennten Behältern mitgeführt und durch das Treibstoff-Fördersystem mittels Druckgas oder Pumpen in die Brennkammer gefördert. Die hier infolge chemischer Reaktion erzeugten Verbrennungsgase werden durch die Schubdüse ausgestoßen und erzeugen den der Richtung des Masseteilchenstroms entgegengesetzt wirkenden Schub. In Kernenergie-R:, die bisher in der Raumfahrt noch nicht zum Einsatz kamen, wird ein meist als Stützmasse bezeichneter Treibstoff durch Kernenergie aufgeheizt und so wie bei den chemischen Raketentriebwerk durch eine Schubdüse zum Ausströmen gebracht. Ionentriebwerk und Plasmatriebwerk gehören nicht zu den Raketentriebwerken, sondern zu den elektrischen Antrieben.

Raketentruppen: Verbände, Truppenteile und Einheiten verschiedener Teilstreitkräfte, die mit Raketen und raketentechnischen Einrichtungen ausgerüstet sind. Nach Eigenart und Zweck ihrer Bewaffnung werden strategische Raketentruppen, Raketentruppen der Landstreitkräfte (Teilbereich der Waffengattung Raketentruppen und Artillerie) sowie Fla-Raketentruppen (Waffengattung der Truppen der Luftverteidigung) unterschieden.

Raketenwaffen: Raketen aller Klassen mit Gefechtskopf sowie die Starteinrichtungen dieser Raketen. Sie werden unterteilt nach

a) ihrem Antrieb in Feststoff- und Flüssigkeitsraketen,

b) ihrer Flugbahn und äußeren Form in ballistischen und Flügelraketen,

c) dem Lenkverfahren in gelenkte (Fern-, Selbst- oder Zielsuchlenkung) und ungelenkte Raketen (Flugrichtung und -weite werden mit Hilfe der Startrampe und des Antriebs (Schubprogramm) eingestellt);

d) Startbasis und Zielort in Boden-Boden-Raketen (von Land oder See gegen Land- oder Seeziele), Boden-Luft-Raketen (von Land oder See gegen Luftziele, darunter Schiff-Schiff-Raketen), Luft-Luft-Raketen (von Flugzeugen gegen Luftziele), Luft-Boden-Raketen (von Luftfahrzeugen gegen Land- oder Seeziele), Universalraketen der Seestreitkräfte (gegen See-, Luft- und Küstenziele);

e) der Stabilisierung in flügel- und drallstabilisierte Raketen;

f) der Anzahl ihrer Stufen in Ein- und Mehrstufenraketen,

g) der Reichweite und dem Einsatzbereich in taktischen Raketenwaffen (Kurzstreckenraketen, bis 100 km); operativ-taktische Raketenwaffen (Mittelstreckenraketen, 100 bis 1000 km), strategische Raketenwaffen. Zu letzteren zählen Mittelstreckenraketen großer Reichweite (mehr als 1000 km) und interkontinentale (ballistische) Raketen (auch Globalraketen genannt, mehr als 10000 km);

h) Art und Ladung des Gefechtsteils in Raketen mit Einzel- oder Mehrfachgefechtskopf (lenkbar, nicht lenkbar), Kern-, chemischen Raketen unter anderem;

i) ihrer Zweckbestimmung in Antiraketen, Fla-Raketen, Panzerabwehrlenkraketen unter anderem

Rakoczi, ungarisch Magnaten Geschlecht:

1. Ferenc II., 27.3.1676-8.4.1735, Freiheitskämpfer; führte 1703/11 die nationale Befreiungsbewegung gegen Habsburg (Kuruzenaufstand), wurde 1704 zum Fürsten von Siebenbürgen (Transilvania) und 1705 zum Regenten von Ungarn gewählt; trotzte Wien Zugeständnisse ab. Nach Niederlagen 1708 und 1710 wies er 1711 die ihm angebotene Amnestie zurück und emigrierte.

2. György I., 8.6.1593-11.10.1648, Fürst von Siebenbürgen (Transilvania) seit 1630; Anhänger und Nachfolger G. von Bethlens; organisierte als Vorkämpfer des Protestantismus eine bischöflichen Staatskirche anglikanischen Typs; im Dreißigjährigen Krieg auf schwedischer Seite; gewährte zur Zeit der Gegenreformation in Ungarn im Frieden von Linz (1645) den protestantischen Leibeigenen katholischen Grundbesitzer die Religionsfreiheit.

Rakovnik: Kreisstadt in der CSSR (Mittelböhmischer Bezirk), westlich von Prag; 16400 Einwohner; Maschinen- und Fahrzeugbau, Keramikindustrie, Brauerei; bei Rakovnik Hopfenanbau.

Rakowski, Georgi Stoikow, April 1821 bis 21.10.1867, bulgarischer revolutionärer Demokrat, Dichter und Publizist; Organisator der national-revolutionären Befreiungsbewegung gegen das osmanische Feudaljoch, wirkte zunächst in Bulgarien, nach der Emigration in Serbien, Russland und Rumänien, gründete 1862 die militärische Organisation «Bulgarische Legion», 1866 in Bukarest das erste revolutionäre «Geheime Zentralkomitee»; rief mit dem Poem «Der Waldwanderer» (1857) zum Freiheitskampf auf.

Raleigh: Hauptstadt das Bundesstaates Nordkarolina (USA), auf dem Piedmont Plateau; 150000 Einwohner, als Metropolitan Area (R.-Durham) 530000 Einwohner; elektronische, Lebensmittelindustrie; 2 Universitäten, Colleges, Forschungszentren für Textilien und Chemikalien.

Walter Raleigh, Sir, um 1552-29.10.1618, englischer Seefahrer; Günstling Elizabeths L; schwächte als Kaperkapitän den Kolonialrivalen Spanien und gründete Siedlungen in Amerika; 1603/16 und seit 1617 eingekerkert, schließlich hingerichtet, da er das von Jakob I. angestrebte gute Verhältnis mit Spanien gefährdete.

Rallen, Rallidae: weltweit verbreitete, meist im dichten Pflanzenwuchs sumpfigen Geländes lebende Kranichvögel; meist großfüßige und oft langschnäblige Bodenbewohner, die sich von Insekten, Weichtieren, teilweise auch von Gräsern ernähren. An stehenden Gewässern Eurasiens die bis 30 cm lange Wasserrallen (Rallus aquaticus), die versteckt im Schilf in 20 Tagen 6 bis 12 Eier ausbrütet; siehe auch Bleßhuhn, Teichhuhn.

rallentando, Abkürzung rall.: Musik langsamer werdend.

Rallis, Georgios, geboren 26.12.1918, griechischer Jurist und Politiker; 1954/58, 1961/63 und 1974/80 Minister; 1980/81 Ministerpräsident und seit 1980 Vorsitzender der Partei «Neue Demokratie» als Nachfolger von K. Karamanlis.

Rallye: Zuverlässigkeitswettbewerb mit Gesamt- und Klassenwertung für Motorräder oder (meist) Automobile, hauptsächlich auf öffentliche Straßen und Wegen bei Einhaltung der vorgegebenen Durchschnittsgeschwindigkeit. Außerdem sind Geschwindigkeitsprüfungen bei unterschiedlichen Streckenbeschaffenheit und Geschicklichkeitsprüfungen zu absolvieren. Im Automobil-Rallyesport Europameisterschaften seit 1953, Weltmeisterschaften seit 1980.

Rallye-Cross: Geschwindigkeitswettbewerb mit frisierten Tourenwagen, die nicht mehr für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen sind. Die Strecke ist ein Rundkurs von maximal 2000 m Länge, mindestens 35 % der Fahrfläche muss befestigt sein (Beton, Asphalt o.ä.). In einem Lauf fahren 5 bis 6 Wagen eine festgelegte Rundenzahl auf Zeit. Weltmeisterschaften seit 1978.

Ralswiek: Gemarkung auf Rügen, an der Südspitze des Großen Jasmunder Boddens. Seit 1967 wurden hier Grabungen an einem frühmittelalterlichen slawischen Seehandelsplatz des 9./11. Jahrhundert ausgeführt, der eine ähnliche Bedeutung wie Haithabu gehabt haben dürfte.

Ramadan: 9. Monat des muslimischen Jahres, muslimischer Fastenmonat; verschiebt sich durch den Mondkalender jährlich um 11 Tage.

Ramalho Eanes, Antonio, geboren 25.1.1935, portugiesischer Politiker und Militär; Teilnehmer der antifaschistischen-demokratischen Revolution von 1974; 1975 zum Heeresstabschef und Revolutionsratsmitglied ernannt; von 1976 bis 1986 war er Staatspräsident.

Raman, Sir Chandrasekhara Venkata, 7.11.1888 bis 21.11.1970, indischer Physiker; entdeckte 1928 den nach ihm benannten Effekt.

Raman-Effekt, Smekal-Raman-Effekt: eine 1923 von dem österreichischen Physiker A. G. Smekal vorausgesagte und 1928 von C. V. Raman sowie 1927 von G. S. Landsberg und L. I. Mandelstam entdeckte Erscheinung bei der Lichtstreuung in Gasen, Flüssigkeiten und Festkörpern. Im seitlichen Streulicht treten außer der einfallenden Spektrallinie der Frequenz v0 auch weniger intensive Linien der Frequenzen v0 ± vs auf, wobei v, eine der Schwingungs- oder Rotationsfrequenzen der betreffenden Moleküle beziehungsweise eine Phononenfrequenz des Festkörpers ist. Durch energetische Anregung des Streumediums wird ein Teil der einfallenden Photonenenergie absorbiert und eine Welle geringerer Frequenz (Stokes-Linie) ausgesandt, oder das atomare System gibt Energiequanten der Schwingungsbewegung an das einfallende Licht ab, so dass im Streulicht eine höhere Frequenz (Anti-Stokes-Linie) auftritt. Der Raman-Effekt wird in der Molekül- und Festkörperspektroskopie ausgenutzt.

Ramapithecinen: früheste Gruppe der Hominidae, die vor 14 bis 7 Millionen Jahren in Asien, Afrika und Europa lebte. Aus ihr sind wahrscheinlich die Australopithecinen hervorgegangen. Siehe auch Menschwerdung.

Ramayana: nach dem Mahabharata größtes indisches Nationalepos, ein dem Valmiki zugeschriebenes Kunstepos, wahrscheinlich im 4. oder 3. Jahrhundert vor Christus entstanden. Das Ramayana schildert die Befreiung der Gattin des Rama, Sita, aus der Gewalt des Dämonenfürsten Ravana mit Hilfe eines Affenheeres. Der Stoff des Ramayana ist Gegenstand vieler Bearbeitungen aus späterer Zeit.

Ramazzini, Bernardino, 5.11.1633-5.11.1714, italienischer Arzt; Professor der Medizin in Modena und Padua; Begründer der Arbeitsmedizin; gab in seinem Werk «Von den Krankheiten der Künstler und Handwerken) (1700) die erste zusammenfassende Darstellung der damals bekannten Berufskrankheiten.

Rambouillet: Stadt in Frankreich, südwestlich von Paris. Das Schloss Rambouillet ist Sommersitz des Staatspräsidenten und Gästehaus bei Staatsbesuchen.

Rameau, Jean-Philippe, 1683 (25.9. getauft)-12. 9.1764, französischer Komponist und Musiktheoretiker; wirkte zunächst als Organist, seit 1745 als königlicher Kammerkomponist; schuf Klavier-, Kammer- und Vokalmusik. Seine Opern, mit deren Komposition er erst 1733 begann, waren eine bedeutsame Vorstufe zu C. W. Glucks Reformopern; sie enthalten viele programmatische Instrumentalsätze sowie Chöre und Ballette. In seiner «Abhandlung über die Harmonie ...» (1722) und in anderen Schriften begründete er die Theorie der Tonalität, im Sinne der Aufklärung vom naturgegebenen Klang ausgehend.

Ramiepflanze, Chinagras, Boehmeria nivea: ostasiatisches Brennesselgewächs. Die langen (bis 40 cm) kräftigen Fasern des Strauches werden zu feinen, seidigen Garnen verarbeitet; festeste Naturfaser.

Ramin, Günther, 15.10.1898-27.2.1956, Organist und Chorleiter; wirkte seit 1918 als Organist an der Thomaskirche in Leipzig, seit 1939 als Thomaskantor; führte die Thomaner bei Konzerten im In- und Ausland zu hohen Leistungen.

Ramme: Gerät zum senkrechten oder schrägen Einschlagen von Spundwandbohlen oder Pfählen. Bei der Freifallramme wird ein Schlagwerkzeug (Bär) von 1 bis 101 Masse mit einer Seilwinde an einer Führungsschiene aus Profilstahl, dem sogenannt Mäkler, hochgezogen und ausgeklinkt; er fällt dann frei herab. Die Schlagzahl liegt bei 3 bis 10/min. Eine Folge von 10 Schlägen wird dabei als Hitze bezeichnet. Bei der Dampframme und Druckluftramme ist meist der Bär als Dampf- oder Druckluftzylinder konstruiert, dessen Kolben auf dem Pfahl aufsitzt und als Führung für den sich auf und ab bewegenden Zylinder dient. Die Fallhöhe beträgt bis zu 1,2 m und die Schlagzahl bis 50/min. Die Dieselramme (Explosionsramme) arbeitet nach dem Prinzip eines Dieselmotors. Durch Zünden des Kraftstoff-Luft-Gemisches wird der Kolben hochgedrückt und schlägt beim Herabfallen auf den Pfahl. Die Vibrationsramme hat einen durch Elektro- oder Verbrennungsmotor angetriebenen Schwingungserzeuger und arbeitet mit Schwingungszahlen von 400 bis 2 800/min. Siehe auch Rammhammer.

Rammhammer: doppelt wirkende Ramme für leichte Rammarbeiten. Der durch Druckluft oder Dampf bewegte Schlagkolben des Rammhammers hat einen Hub von 20 bis Südosten cm bei Schlagzahlen bis 300/min und schlägt auf den einzurammenden Gegenstand (Spundwandbohle oder Pfahl).

Ramos, Graciliano, 27.10.1892 bis 20.3.1953, brasilianischer Schriftsteller; stellte die Reaktion von Angehörigen der verschiedensten gesellschaftlichen Schichten auf die inhumanen Folgen der Durchsetzung kapitalistischer Verhältnisse in Nordostbrasilien dar (Romane «Säo Bemardo», 1934, deutsch; «Angst», 1936; «Nach Eden ist es weit», 1938, deutsch).

Rampe: 1. Höhengewinnungsanlage; stufenlose Verbindung verschiedener Ebenen

a) eines Straßenknotenpunktes (zum Beispiel Autobahnanschlussstelle);

b) einer Schienenverkehrsanlage (zum Beispiel Laderampe);

c) eines ober- oder unterirdischen Bauwerks für den ruhenden Straßenverkehr (Parkgarage).

3. vorderer Rand des Bühnenbodens, früher meist mit Beleuchtungseinrichtung (Rampenlicht).

ramponieren: stark beschädigen.

Ramsauer-Effekt: (nach einem Physiker) Eigenschaft mancher Gase (zum Beispiel des Argons), für Elektronen niedriger Energie (etwa 1 eV) nahezu völlig durchlässig zu sein; entsteht durch Beugung der Elektronenwelle an den Atomen; 1920 entdeckt.

Ramsay, Sir William, 2.10.1852 bis 24.7.1916, britischer Chemiker; Professor in Bristol und London; entdeckte 1894 (zusammen mit Lord Rayleigh) das Argon, im selben Jahr das Helium und 1898 Krypton, Neon und Xenon; erforschte den radioaktiven Zerfall des Radiums.

Ramses: Name von 11 altägyptischen Königen der 19. und 20. Dynastie (Ramessiden-, 1308/1085 vor Christus). Die bekanntesten waren Ramses II., gestorben 1224 vor Christus, König seit 1290; die 1286 bei Kadesch unentschieden ausgegangene Schlacht gegen die Hethiter veranlasste ihn 1278 zum Abschluss eines ägyptisch-hethitischen Friedensvertrags. Unter ihm erlangte das Pharaonenreich eine letzte Blütezeit; er entfaltete eine rege Bautätigkeit (Felsentempel mit Kolossalfiguren in Abu Simbel); Ramses III., gestorben 1138 vor Christus, König seit 1170; er errang bedeutende Siege über die Libyer und die Seevölker.

Ramuz, Charles-Ferdinand, 24.9.1878 bis 23.5.1947, schweizerischer Schriftsteller französischer Sprache; verherrlicht in seinen Romanen ein ländliches idyllisches Leben, gilt trotz seiner regionalistisch beschränkten Ansichten als bedeutendster Romancier der romanischen Schweiz («Das große Grauen in den Bergen», 1926, deutsch).

Ran, in der nordischen Mythologie Meeresgöttin, Gemahlin Ägirs; Herrin der im Meer Ertrunkenen.

Ranaivo, Flavien, geboren 13.5.1914, madagassischer Lyriker; verarbeitete in seinem Werk, das heute teilweise volksliedhaften Charakter besitzt, in einzigartiger Weise das kulturelle Erbe, insbesondere die Volkspoesie; seine Gedichte gewannen durch ihre formale Schönheit großen Einfluss auf die Herausbildung einer madagassischen Nationalliteratur («Der Schatten und der Wind», 1947).

Rance: Fluss im Nordwesten Frankreichs; in der Bretagne; 100 km; mündet bei Saint-Malo in den Kanal; an der Mündung ein Gezeitenkraftwerk (240 MW), das den bis zu 10 m hohen Tidenhub nutzt.

Ranchi, Stadt im Unionsstaat Bihar (Indien), am Subarnarekha; 500000 Einwohner; größtes indisches Schwermaschinenbaukombinat (mit Hilfe sozialistischer Länder erbauter staatlicher Betrieb); Maschinenfabriken, Herstellung von Isolatoren und Schellack; Institut für Kohlebergbau.

Randal: (Umbildung aus «Rant» («Auflauf») und «Skandal») Lärm, geräuschvoller Unfug.

Randausgleich: Einrichtung an Schreibmaschinen, den rechten Schriftrand auszugleichen. Es wird ein Konzept geschrieben, die Über- und Unterschreitung des Zeilenrandes festgestellt und durch Veränderung der Wort- und Buchstabenzwischenräume auf der Zweitschrift der Ausgleich erreicht.

Rändeln: in Anwendung und Ausführung dem Kordieren entsprechendes Verfahren, das sich von diesem durch die Oberflächengestaltung der Werkzeuge, die auf dem Werkstück eine feine achsparallele Verzahnung (Rändel) oder ein quadratisches Muster (Kreuzrändel) erzeugen, unterscheidet.

Randers: Stadt in Dänemark, an der Ostküste Jütlands, am Randers-Fjord; 62000 Einwohner; Waggon-, Maschinen-, Apparatebau, Textil-, Lebensmittelindustrie (Brauerei); Hafen.

randomisierte: Versuchsplanung (zum englischen random (Taendam), «Zufall») mathematische Statistik Verfahren zur Ausschaltung unerwünschter systematischer Einflüsse auf das Ergebnis eines Versuchs.

Randpunkt: Punkt P einer Punktmenge M derart, dass jede Umgebung von P Punkte von M enthält, aber auch Punkte, die nicht zu M gehören. Die Menge aller Randpunkt von Ai ist der Rand von M. Siehe auch innerer Punkt.

Randsenke, Außensenke, Saumsenke, Vortiefe. Senke, die sich im Verlauf der Tektogenese/Orogenese des ehemaligen Geosynklinal Raumes an der Grenze zum Tafelvorland entwickelt und durch Gravitationsfaltung und besondere Sedimentbildung (Molasse) gekennzeichnet ist. Siehe auch Orogen.

Randwasser: Salzwasser, das sich innerhalb beziehungsweise bevorzugt am Rande von Erdöllagerstätten meist unter dem Erdöl ansammelt.

Randwertaufgabe: Problem aus der Theorie der Differentialgleichungen. Für eine gewöhnliche Differentialgleichung 2. Ordnung besteht eine Randwertaufgabe zum Beispiel darin, eine Funktion f(x) zu finden, die in einem Intervall der Differentialgleichung genügt und in den Randpunkten x = a und x = b vorgeschriebene Werte annimmt. Siehe auch Potentialtheorie.

Ranen, Rujanen: westslawischer Stamm auf der Insel Rügen; spielte im 10./12. Jahrhundert im südlichen Ostseegebiet eine bedeutende Rolle; Hauptort war spätestens seit dem 10. Jahrhundert die Burg Arkona. Die Ranen kämpften 955 an der Seite Ottos I. gegen Lutizen und Abodriten, gerieten 1168 bis 1227 unter dänischer Herrschaft.

Rang: 1. Stufe oder Stellung in einer Ordnung.

2. Stockwerk im Zuschauerraum eines Theaters.

Rangavis, französisch Rangabé, Alexandras Rizos, 25. 12. 1809-29. 1. 1892, griechischer Gelehrter, Dichter und Politiker, 1844 Professor für Archäologie an der Universität Athen, 1856/59 Außenminister, 1867/78 Diplomat; schrieb neben wertvollen altertumswissenschaftlichen Arbeiten zahlreiche Romane, Erzählungen und Dramen im Stile eines deklamierenden, akademischen Klassizismus sowie (mit D. Sanders) eine «Geschichte der neugriechischen Literatur».

Ranger: (französisch germanisch, «Spürhund») Serie US-amerikanischer Mondsonden (1961/65), von denen Ranger 7, R 8, R 9 (1964/65) vor der harten Landung und ihrer Zerstörung etwa 17000 fotografische Aufnahmen der Mondoberfläche lieferten.

Rangfolge: Recht Reihenfolge, in der Aufgaben zu planen, vertraglich zu binden und zu lösen sind oder in der anderen Rechten oder Pflichten (zum Beispiel Vollstreckung von Ansprüchen) zu entsprechen ist.

rangieren: 1. allgemein ordnen; eingeordnet sein; einen Rang einnehmen, gelten.

2. Verkehrstechnik: Züge auflösen, bilden und umbilden sowie Wagen in Zusatzanlagen bei Anschließen unter anderem bereitstellen und abholen.

Rangliste: in einigen Sportarten (zum Beispiel im Tennis) jährlich auf Grund von Wettkampfresultaten veröffentlichte Einstufung (Rangfolge) von Einzelsportlern.

Rangordnung: ein durch Überlegenheit und Unterordnung gekennzeichnetes Beziehungsgefüge innerhalb von Tiergesellschaften; wird durch Rangordnungskämpfe festgelegt, führt zur sozialen Hierarchie. Die Herausbildung einer (relativ) stabilen Rangordnung ist für die Gruppe günstig (Reduzierung von Rivalen kämpfen). Die Rangordnung besonders bei Hühnern Hackordnung genannt, zeichnet sich durch abgestufte Dominanz aus, das heißt, in linearer Ordnung hackt jeweils das ranghöhere das rangtiefere Huhn.

Rangström, Ture, 30.11.1884 bis 11.5.1947, schwedischer Komponist; beeinflusste nicht nur mit eigenen Werken (unter anderem Opern, programmalische Sinfonien und sinfonischen Dichtungen, Lieder), sondern auch als Dirigent, Kritiker, Lehrer, Musikorganisator die Neugestaltung des schwedischen Musiklebens zu Beginn des 20. Jahrhundert.

Rangtheater: Theater, in dem die Zuschauerplätze in Stockwerken (Rängen) übereinander angeordnet sind, entweder an der hinteren Wand des Theaterraumes oder bogenförmig diesen umschließend; die Ränge sind zum Teil in Logen unterteilt. Im feudalabsolutistischen Theater kam durch die Ränge eine sichtbare Abgrenzung der Stände im Publikum zustande.

Rangun: («Kriegsende») Hauptstadt von Burma, im Osten des Irrawaddy-Deltas am Rangun Fluss, dem östlichen Mündungsarm des Irrawaddy; 2,5 Millionen Einwohner; wichtigste Industrie- und Hafenstadt des Landes, wissenschaftliches und kulturelles Zentrum. In Rangun (besonders in den Vororten) sind 50% der burmesischen Industrie konzentriert, vor allem Erdölverarbeitung, metallverarbeitende, Leicht- und Nahrungsmittelindustrie; Verkehrszentrum mit internationalem Flughafen, bedeutender Überseehafen Südostasiens; Universität, Hochschulen, TH, Nationalbibliothek, Museen; Wallfahrtsort (zahlreiche Tempel, unter anderem die vergoldete Shwedagon-Pagode (buddhistisches Heiligtum Burmas; etwa 2500 Jahre alt, jetziger Bau von 1564)). Im Westen von Rangun Erdgasfelder. 1753 gegründet.

Ranis: Stadt im Kreis Pößneck, Bezirk Gera, am Südrand der Orlasenke; 2300 Einwohner; Erholungsort; Burg (im 10./11. Jahrhundert gegründet; heutige Anlage 13./14. Jahrhundert und um 1600; Kreisheimatmuseum).

Ranke: fadenförmiges, zum Teil verzweigtes Befestigungsorgan mancher Kletterpflanzen (bei wildem Wein eine umgebildete Sprossachse, bei der Erbse umgebildeter Teil der Blattspreite); sie führt Wachstumsbewegungen aus, ist für Tastreize empfindlich und umschlingt so eine Stütze.

Ranke, Leopold von, 20.12.1795-23.5.1886, Historiker, einer der Begründer der Quellenkritik in der Geschichtsforschung; zahlreiche Werke zur europäischen Staaten- und Kirchengeschichte, besonders des 16./17. Jahrhundert; «Weltgeschichte» (unvollendet).

Rankenfußkrebse: Unterklasse der Krebse mit etwa 800 Arten; festsitzende Meeresbewohner mit Kaltschalen und rankenartigen, der Nahrungsaufnahme dienenden Spaltfüßen; siehe auch Entenmuscheln, Seepocken.

Rankenwurm, Cirratulus cirratus: bis 30 cm langer Vielborster mit stark dehnbaren blutroten Kiemenfäden am Vorderende; lebt am Meeresboden, saugt mit einem Rüssel nährstoffhaltigen Schlamm und Sand ein.

Ranker: Bodentyp ohne Grundwasser- und Staunässemerkmale, von geringer Mächtigkeit mit einem Humushorizont unmittelbar über dem Untergrund; im Unterschied zur Rendzina in karbonatfreiem Gestein entwickelt.

Ranki, Dezsö, geboren 8.9.1951, ungarischer Pianist; seit 1974 Professor an der Budapester Musikakademie; international erfolgreicher Konzertsolist.

Rankine, William John Macquorn, 5.7.1820-24.12.1872, britischer Ingenieur, führte wärmetechnische Untersuchungen an Kolbendampfmaschinen durch; Mitbegründer der Theorie der Wärmekraftmaschinen.

Ranküne: Groll, heimliche Feindschaft; Rachsucht; Heimtücke.

ranowa: (Warenzeichen, Kurzwort aus «Raschelnoppenware») auf der Raschelmaschine hergestellter, bis zu 3 m breiter, teppichartiger Fußbodenbelag mit guter Schall- und Wärmedämmung.

Ranzen: Begattung beim Raubwild.

Ranzigkeit: mit Geschmacks- und Geruchsverschlechterung verbundene Eigenschaft verdorbener Fette und fetter Öle. Das Ranzig werden beruht auf der Bildung von Ketonen, Aldehyden und freien Fettsäuren durch Reaktion mit Luftsauerstoff oder mit im Fett vorhandenem Wasser. Es wird durch Licht, Wärme und Schwermetallspuren begünstigt und geht zum Teil auf die Wirkung von Mikroorganismen zurück. Durch Zusatz von Antioxidantien, zum Beispiel Tocopherol, kann Ranzigkeit weitgehend verhindert werden.

Rao, Chandra Rajeswara, geboren 6.6.1914, Funktionär der KP Indiens; seit 1934 Mitglied, 1948 Mitglied des Politbüros, 1951/52 und seit 1964 Generalsekretär der KP Indiens.

Raoultsches Gesetz: (nach einem französischen Naturwissenschaftler) Gesetz, wonach der Dampfdruck einer Lösung um einen Betrag unter den des reinen Lösungsmittels absinkt, der proportional der Anzahl der gelösten Moleküle und unabhängig von der Art des gelösten Stoffes ist. Das gleiche gilt für Siedepunktserhöhung und Gefrierpunktserniedrigung der Lösung gegenüber dem reinen Lösungsmittel, die als Folge der Dampfdruckerniedrigung auftreten.

Rapallo: Stadt in Oberitalien, in der Region Ligurien, an der Riviera di Levante; 30000 Einwohner; Hafen; internationaler Konferenz- und Kurort; mittelalterlicher Kastell.

Rapallo Vertrag: Vertrag zwischen der RSFSR und Deutschland, am 16.4.1922 auf sowjetische Initiative in Rapallo geschlossen; beide Seiten verzichteten auf Reparationen und jedwede andere Entschädigungen, nahmen wieder diplomatische Beziehungen auf und legten ihren wirtschaftlichen Beziehungen das Prinzip der Meistbegünstigung zugrunde; er löste beide Länder aus der internationalen Isolierung und verhinderte die Bildung einer einheitlichen imperialistischen Front gegen Sowjetrussland. Der Rapallo Vertrag ist der erste internationale Vertrag, der auf dem Prinzip der friedlichen Koexistenz basiert. Die KPD setzte sich für seine volle Verwirklichung ein, während ihn die deutsche Monopolbourgeoisie schrittweise unterminierte.

Rapfen, Aspius aspius: bis über 60 cm langer, schlanker Karpfenfisch Mittel- und Osteuropas; lebt räuberisch; Speise- und beliebter Sportfisch.

Raphael: (hebräisch, «Gott hat geheilt») einer der jüdischen Engel und christliche Erzengel.

Raphael, Günter, 30.4.1903-19.10.1960, Komponist; wirkte 1926/34 am Konservatorium Leipzig; emigrierte, von den Faschisten mit Berufsverbot belegt, 1934 nach Großbritannien; lehrte nach 1945 unter anderem in Duisburg, Mainz und Köln; komponierte, an J. Brahms und M. Reger anknüpfend, traditionsverbundene Instrumental- und Vokalwerke.

Raphe, Rhaphe: bindegewebige Nahtstelle von Organen.

rapid: reißend, schnell, blitzartig.

Rapko: Futterpflanze aus einer Kreuzung von Raps und Kohl.

Rappbodetalsperre: Großtalsperre und Kernstück des Bodewerkes bei Wendefurth (Bezirk Magdeburg) im Harz, an der Rappbode; Staumauer 106 m hoch und 450 m lang, 8 km langer Stausee mit 109,1 Millionen m3 Inhalt. Die Rappbodetalsperre staut über ein System von Vorsperren, Hochwasserschutz- und Überleitungsbecken Hassel, Kalte und Warme Bode sowie Rappbode. Unterhalb Trinkwasseraufbereitungsanlage Wienrode (Fernwasserleitung nach Halle) und Pumpspeicherkraftwerk (80 MW) Wendefurth.

Rappe: (zu «Rabe») schwarzes Pferd.

Rappen: (zu «Rabe») a) zuerst im 14. Jahrhundert in Basel und am Oberrhein geprägte Münze;

b) kleinste Währungseinheit in der Schweiz und in Liechtenstein; siehe auch Währung.

Rappenantilope, Hippotragus niger: bis 150 cm hoher Paarhufer mit langen, stark kreisbogenförmigen Hörnern; Weibchen ockerfarben, Männchen dunkelbraun bis braunschwarz; lebt gesellig in ostafrikanischen Savannen.

Rapport: 1. allgemein (dienstl.) Meldung, Bericht.

2. Textiltechnik: Wiederholung der Bindungseinheit beziehungsweise des Musterbildes (Motivs) in Gestricken, Gewirken und Geweben sowie beim Textildruck.

Rapportsystem: in wirtschaftlich komplizierten Situationen von Betrieben, wirtschaftsleitenden Organen unter anderem festgelegtes System straffer, kurzfristiger Berichterstattung von Leiter zu Leiter über Probleme der Planerfüllung, besonders Fertigstellung wichtiger volkswirtschaftliche Objekte. Siehe auch Kostenrapport.

Raps, Brassica napus: gelb blühender Kreuzblütler, dessen Samen bis zu 45 % Öl enthalten; als Sommerraps und Winterraps zur Ölgewinnung und als Grünfutter angebaut; Bienenfutterpflanze.

Rapsglanzkäfer, Meligethes aeneus: 2 mm langer, metallisch grün oder blau glänzender Blattkäfer; Vollkerfe und Larven schädigen an Raps.

Rapsöl, Rüböl: aus Rapssamen gepresstes oder extrahiertes fettes Öl; Hauptbestandteil ist das Glycerid der Erucasäure. Das gelb- bis rotbraune, scharf riechende Rohöl wird zu einem hellgelben Speiseöl raffiniert.

Raptus: schwerer Erregungszustand, vorwiegend bei Depression und Schizophrenie.

Rapünzchen, Rapunzel, Feldsalat, Valerianella locusta: heimisches Baldriangewächs mit ungeteilten Rosettenblättern; Getreideunkraut, auch als Salatpflanze angebaut.

Rapusche, Rapuse: Plünderung, Wirrwarr, Beute; Verlust in die Rapusche geraten: verlorengehen.

Ras: (arabisch, «Spitze», «Kopf») 1. Gipfel, Vorgebirge.

2. einer der höchsten Titel am äthiopischen Kaiserhof;. in der Hierarchie dem Fürsten ebenbürtig.

Ras Addar: Kap auf der tunesische, die östliche Flanke des Golfes von Tunis bildenden Halbinsel Kap Bon, an der Straße von Sizilien (Mittelmeer), auf 37° 05' nördliche Breite und 11° 02' östliche Länge; früher auch Kap Bon genannt.

Ras al-Ablad, Kap Abiad: Vorgebirge in Tunesien, nahe Bizerta; früher Kap Blanc, oft als nördlichster Punkt Afrikas bezeichnet, der jedoch auf dem wenige Kilometer westlich gelegenen Ras ben Sekka unter 37° 20' nördliche Breite und 9° 41' östliche Länge liegt.

Ras al-Khaimah: Emirat innerhalb der Vereinigten Arabischen Emirate, im äußersten Norden, am Persischen Golf; durch Al-Fujairah in 2 Landesteile getrennt; 1700 km2, 83000 Einwohner; 49 Einwohner/km2; Hauptstadt Ras al-Khaimah (9000 Einwohner); Landwirtschaft auf etwa der Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Vereinigten Arabischen Emirate, da günstige natürliche Voraussetzungen; Fischfang; Erdölvorkommen; in der Hauptstadt Ras al-Khaimah Zementfabrik und Flughafen; Spielkasino (einziges im Golfgebiet).

Raschelmaschine: Kettenwirkmaschine mit senkrecht stehenden Zungennadeln, die vielfältige Musterung ermöglicht; Raschelgewirke finden Verwendung für Oberkleidung, Gardinen und Fußbodenbelag.

Raschid, Rashid, Rosette: Stadt in Ägypten (Unterägypten), am westlichen Nilmündungsarm Raschid, nahe dem Mittelmeer; 40000 Einwohner; Nahrungsmittelindustrie.

Rasdan: linker Nebenfluss des Aras, in der Armen. SSR; 146 km; entfließt dem Sewansee; energiereich; von der Sewan-Rasdan-Kaskade mit 6 Wasserkraftwerken (insgesamt 554 MW; Sewan, Gjumusch, Kanaker, Jerewan) genutzt; speist mehrere Bewässerungskanäle.

Rasen: eine den Erdboden dicht bedeckende, künstlich angelegte, überwiegend aus Gräsern bestehende Pflanzengemeinschaft, die die sogenannte Gras- oder Rasennarbe bildet. Rasenformen sind Zierrasen in Parks und Gärten, Gebrauchsrasen für Sport und Spiel, Parkplatzrasen, Böschungsrasen unter anderem.

Rasenbau: oberflächenwirksame ingenieurbiologische Bauweise, bei der Rasenansaaten zur Oberflächenbefestigung, zum Beispiel an Böschungen und als Erosionsschutz, genutzt werden. Siehe auch Rollrasen.

Raseneisen: Go-Horizonte von Gleyen mit starker Anreicherung an oxydiertem Eisen; es gibt unverfestigtes (Raseneisenerde) und verfestigtes Raseneisen

Raseneisenerz: Ausfällung von braunem Eisenhydroxid, die zum Teil unter Beimengungen organischer Stoffe zur Verkittung des Substrats führt und dabei oft harte Knollen und Bänke bildet; entsteht unter der Mitwirkung von Eisen- oder Manganbakterien vorwiegend in nassen Böden. Raseneisenerze sind ohne wirtschaftliche Bedeutung.

Rasenkow, Iwan Petrowitsch, 26.11.1888-14.11.1954, sowjetischer Physiologe; Professor (1944/49 Direktor) am Institut für Physiologie der Akademie der medizinischen Wissenschaften der UdSSR, Schüler I. P. Pawlows, befasste sich mit der Physiologie der höheren Nerventätigkeit.

Rasenplatz: Sportfläche, hauptsächlich zur Ausübung von Sportspielen, mit dichter, auf maximal 6 cm Halmlänge gehaltener Grasnarbe; wegen hoher Elastizität ideale Sportfläche mit geringer Verletzungsgefahr.

Rasensode, Rasenplagge: aus einem geschlossenen Rasen herausgeschälte, meist rechteckige Fläche mit einer 3 bis 5 cm dicken Wurzelschicht; zum Auflegen auf Böschungen, Sportplätze unter anderem

Raser: Apparatur, bei der das Laserprinzip zur Erzeugung intensiver Röntgenstrahlung benutzt wird (Röntgenlaser).

Rasgrad: Bezirksstadt im Nordosten Bulgariens; 52000 Einwohner; Arzneimittelwerk (Antibiotika), Flachglas- und Porzellanherstellung, Maschinenbau; Theater, Museum; Moschee (1614). Bei Rasgrad Ruinen der römischen Siedlung Abritus.

Rascht, Stadt (Provinzzentrum) im Nordwesten Irans, in der Küstenebene des Kaspischen Meeres; 190000 Einwohner; Seide-, Jute-, Lederverarbeitung, Gummi- und Teppichproduktion; Fischereihafen; Vorhafen Bandar-e Anzali.

Rasin, Stepan Timofejewitsch, um 1630 bis 16.6.1671 (hingerichtet), Donkosak; Führer des antifeudalen Kosaken- und Bauernaufstandes 1670/71 im Wolga- und Dongebiet; eroberte 1670 Astrachan, Saratow und Samara, belagerte Simbirsk, wo die Hauptkräfte der Aufständischen jedoch geschlagen wurden.

Rask, Rasmus Kristian, 22.11.1787 bis 14.11.1832, dänischer Linguist und Philologe; einer der Begründer der vergleichenden Germanistik.

Raska: verkarstetes Hochland im Südwesten Serbiens, nahe der Grenze zu Montenegro, Kernland des mittelalterlichen Reiches der Serben; Hauptort Novi Pazar.

Ras Kassa von Quara, Theodorus II., 1818-10.4.1868 (Selbsttötung), Kaiser von Äthiopien seit 1855; errang in Feudalkämpfen die Herrschaft über ganz Äthiopien; reformierte Recht, Steuern, Zoll und Verwaltung; leistete gegen die 1868 eingefallenen Briten Widerstand.

Raskol: (russisch, «Spaltung») religiös-soziale Bewegung in Russland; entstand Mitte des 17. Jahrhundert, richtete sich gegen die offizielle orthodoxe Kirche und teilweise auch gegen verschärfte feudale Ausbeutung. Die Raskolniki (Altgläubige) lehnten die Reformen des Patriarchen Nikon ab und traten gegen die Staatsgewalt auf, doch überwogen bei ihnen reaktionäre Elemente.

Ras Lanuf: Stadt im Norden Libyens, an der Großen Syrte (Mittelmeer); etwa 10000 Einwohner; petrolchemisches Kombinat; Erdölexporthafen (Pipelines von den Erdölfeldern Amal, Ora, Beda, Samah und Hofra).

Rasmussen, Knud, 7.6.1879-21.12.1933, grönländisch-dänischer Polarforscher; erforschte seit 1902 Ursprung, Leben und Kultur der Eskimos; errichtete 1910 die Station «Thule» als Ausgangsbasis seiner zahlreichen Reisen in Nordgrönland und in den kanadisch-arktisches Archipel.

Rasnotschinzen: Bezeichnung für kleinbürgerliche russische Revolutionäre der 60er bis 80er Jahre des 19. Jahrhundert, bekämpften die zaristische Selbstherrschaft und Leibeigenschaft. Hauptvertreter waren W. G. Belinski, N. G. Tschernyschewski, N. A. Dobroljubow.

räsonieren: laut, lärmend reden; schimpfen; übelwollend tadeln; ursprünglich vernünftig reden, Schlüsse ziehen.

Raspel: Holzbearbeitung feilenähnliche Handwerkszeug für grobe, formgebende Vorarbeit.

Rasputin: 1. Grigori Jefimowitsch, 1864 oder 1865 bis 30.12.1916 (ermordet), russischer Mönch, Abenteurer, als Günstling von Nikolai H. und dessen Frau hatte er seit 1907 wachsenden, im 1. Weltkrieg bestimmenden Einfluss am Hof. Er wurde das Opfer einer Verschwörung aus Adel und Großbourgeoisie.

2. Walentin Petrowitsch, geboren 15.3.1937, russisch-sowjetischer Schriftsteller; wandte sich in seinen Erzählungen und Romanen vor allem ethisch-moralische Fragen zu, die aus dem Zusammentreffen von Altem und Neuem im sibirischen Dorf erwachsen («Geld für Maria», 1967, deutsch; «Die letzte Frist», 1970, deutsch; «Leb und vergiss nicht», 1974, deutsch; «Abschied von Matjora», 1976, deutsch; «Der Brand», 1985).

Rasse: Tierzucht die Angehörigen einer Art, die sich in ihren Eigenschaften, Merkmalen und Leistungen sowie in ihren Ansprüchen an die Umwelt von anderen Tiergruppen der gleichen Art unterscheiden. Die Angehörigen einer Rasse liefern untereinander gepaart Nachkommen mit gleichen oder ähnlichen Eigenschaften. Nach dem Leistungsvermögen wird nach Primitiv-, Land- und Kultur-R unterschieden. Andere Einteilungen berücksichtigen morphologische Merkmale, Nutzungsrichtung, Anpassung an natürliche Standortverhältnisse oder geographische Verbreitung.

Rassel: Geräuschinstrument; Schlagidiophon in Rahmen-, Reihen- oder Gefäßform aus Holz, Metall, Ton, Kürbissen, Vogeleiern u. a.; wird durch Schütteln, auch als Rasselschmuck am Körper, zum Klingen gebracht; war schon in vielen urgeschichtliche Kulturen bekannt; gewann besonders Bedeutung in der modernen Tanz- und Unterhaltungsmusik; auch Kinderspielzeug.

Rassenkunde: Teilgebiet der Anthropologie, das sich mit der Beschreibung, Klassifizierung und Entstehung der Menschenrassen befasst. Wegen der außerordentlichen Formenvielfalt des Menschen wird eine verhältnismäßig große Anzahl verschiedener Rassen unterschieden. Auf Grund voneinander abweichender Auffassungen des Rassenbegriffs und der teilweise beträchtlichen Überschneidungen der Rassengruppen in einzelnen Merkmalen gibt es noch kein allgemein akzeptiertes System der Menschenrassen. Übereinstimmung besteht aber in der Zusammenfassung mehrerer Rassen zu 3 Rassenkreisen: Europide, Mongolide und Negride. Die Europiden haben im Allgemeinen helle Hautfarbe (rötlichweiß bis bräunlich), hellblondes bis schwarzes, glattes, welliges oder lockiges Haar und schmale Nase; die Mongoliden weisen hellbraune bis dunkelbraune, leicht ockergelb getönte Hautfarbe, dunkelbraunes bis schwarzes, meist glattes Haar, etwas vorspringende Jochbögen und meist flache Nasenwurzel auf; die Negriden verfügen über dunkelbraune bis grauschwärzliche Hautfarbe, schwarzes krauses Haar, dicke Lippen und kurze breite und flache Nase. Die Australiden werden allgemein als eine Altform der Menschheit keinem Rassenkreis direkt zugeordnet, da sie Beziehungen zu allen 3 Formengruppen erkennen lassen. Wie alle biologischen Gruppen sind auch die Menschenrassen einer ständigen Veränderung unterworfen. sogenannt «reine» Rassen, die in der Rassenideologie eine große Rolle spielen, hat es nie gegeben. Durch den progressiven Abbau alter Schranken geht die Häufung rassenspezifische Merkmale zunehmend verloren, und es tritt eine allmähliche Nivellierung der Rassenunterschiede ein. Die gegenwärtig auf der Erde noch bestehenden zivilisatorischen Unterschiede haben keine rassischen oder biologischen, sondern ökologischen oder gesellschaftlichen Ursachen.

Rassismus, Rassentheorie: extrem reaktionäre Doktrin und politische Praxis der barbarische Unterdrückung, Ausraubung und Vernichtung von Völkern, Bevölkerungsteilen und politischen Gruppen, die sich theoretisch auf den unwissenschaftlichen Biologismus gründet. Unterschiedliche Wertung menschlicher Rassen ist unwissenschaftlich und menschenfeindlich. Die Ursache des Rassismus liegt in der antagonistischen Klassengesellschaft: Die unterschiedliche Stellung und Wertung der Unterdrückten nutzt die herrschende Klasse, um die Unzufriedenheit mit der sozialen Lage als Pogromstimmung gegen einen Teil der Unterdrückten zu lenken, damit sie sich nicht als revolutionäre Haltung gegen die Herrschenden wendet. Rassismus ist besonders im Imperialismus verbreitet; er ist eng mit dem Antikommunismus und mit dem Faschismus verbunden. Dem faschistischen Deutschland diente er als Staatsdoktrin der Vorbereitung und Durchführung seiner Verbrechen (Antisemitismus; Konzentrationslager; Weltkrieg, zweiter). Heute richtet er sich besonders in den USA gegen Afroamerikaner und Indianer, in Südafrika gegen alle nichtweißen Bevölkerungsteile (Apartheid), in Israel gegen alle Araber; als Diskriminierung von Gastarbeitern insbesondere aus der Türkei äußert er sich in Deutschland.

Rast: Hüttenwesen der sich im unteren Teil des Hochofens zur Schmelzzone hin verengende Teil des Schachts; in ihm wird die Charge zum Ablauf physikalischer Prozesse (festflüssig) und chemische Umsetzungen etwas gestaut (die Charge «rastet»).

Ras Tanura: Stadt im Osten Saudi-Arabiens, am Persischen Golf; 15000 Einwohner; Erdölverarbeitung (Raffinerie); Hauptexporthafen des Landes für Erdöl und Erdölprodukte (Beladung von Großtankern), Endpunkt mehrere Pipelines.

Rastatt: Kreisstadt in Baden-Württemberg, an der Murg; 37000 Einwohner; Maschinenbau, Möbel- und Papierindustrie; Anfang des 18. Jahrhundert angelegte Barockstadt mit Schloss; südöstlich von Rastatt Schloss Favorite (Anfang 18. Jahrhundert; Porzellansammlung). 1085 erstmals erwähnt; 1697 Bau der Festung; 1705/71 badische Residenzstadt. Der Friede von Rastatt beendete 1714 den Spanischen Erbfolgekrieg. In der Reichsverfassungskampagne heldenhafte Verteidigung der Stadt durch die badisch-pfälzische Revolutionsarmee gegen preußische Truppen.

Rastelli, Enrico, 19.12.1896-13.12.1931, italienischer Zirkusartist; einer der berühmtesten Jongleure seiner Zeit.

Raster:

1. Bauprojektierung: Netz der in horizontaler oder senkrechter Ebene gelegenen Rasterlinien mit quadratischen, rechteckigen oder polygonalen Feldern zur Aufteilung und Begrenzung von Bauwerken und Bauteilen.

2. Polygraphie: Glasplatte oder Folie mit regelmäßig angeordneten Linien, Punkten, Flächen oder unregelmäßigem Korn als lichtundurchlässige Elemente zur fotografischen Zerlegung der Tonwerte von Halbtonvorlagen in einzelne druckfähige Bildelemente (siehe auch Autotypie); auch das Punktsystem einer Rasterätzung und eines gedruckten Rasterbildes; siehe auch Halbtöne.

Rasterarithmetik: das Rechnen mit einer endlichen diskreten Zahlenmenge (Raster) anstelle des Kontinuums der reellen Zahlen; angewendet insbesondere bei Rechenautomaten, wobei die Stellenzahl stets beschränkt ist. Die Rasterarithmetik hat fortlaufend Rundungen zur Folge, wodurch schon elementare arithmetische Gesetzmäßigkeiten verletzt werden können.

Rasterfotografie: Polygraphie Herstellung gerasterter (in einzelne Druckelemente aufgelöster) Negative (Rasternegative) oder Positive (Rasterpositive) nach Halbtonvorlagen mittels Raster.

Rasterprojektion: Polygraphie die Herstellung stark vergrößerter Kopievorlagen für großformatige, meist mehrfarbige Druckprodukte, z. BL Plakate, durch Projektion von Rasternegativen auf das auf einem Auffangschirm im Dunkelraum befestigte lichtempfindliches Material.

Raster-Tunnel-Mikroskopie: Abbildung einer Festkörperoberfläche mit Hilfe des Tunnelstroms der Festkörperelektronen, die durch das Vakuum zu einer feinen, der Oberfläche nahe gegenüberstehenden Metallspitzen fließen. Die aufgezeichnete Bewegung der Spitze, die zeilenweise so über die Oberfläche geführt wird, dass der Tunnelstrom konstant bleibt, liefert ein dreidimensionales Bild der Probenoberfläche. Die Auflösung der Raster-Tunnel-Mikroskopie übertrifft bei weitem die der Elektronenmikroskopie, einzelne Atome werden aufgelöst.

Rasterwinkelung: Polygraphie von der Senkrecht Waagerechten abweichende Stellung der Rasterlineatur für die Herstellung von Rasternegativen und -positiven. Um Moiré und Farbschwankungen zu vermeiden, muss die Rasterwinkelung bei jedem Farbauszug verändert werden.

Rastral: (lateinisch rastrum, «Harke»)

a) fünfzinkiges Werkzeug des Notenstechers zum Gravieren der Notenlinien in die Stichplatte;

b) fünfspurige Schreibfeder zum Ziehen der Notenlinien auf Papier.

Rastrelli, Bartolomeo Francesco (Warfolomej Warfolomejewitsch), 1700-1771, italienischer Architekt, seit 1716 in Russland tätig; Hauptmeister des ross. Barocks. Als Baumeister des Zarenhofes schuf Rastrelli große Stadtschlösser und Landsitze. Hauptwerke: Winterpalais, 1754/62; Palais Stroganow, 1752/54 und Palais Woronzow, 1749/57 (sämtlich in Leningrad); Großes Schloss, 1747/52, in Petrodworez und Jekaterinen Schloss, 1752/56, in Puschkin.

Rät, Rhät: Stufe der alpinen Trias, entspricht der jüngsten Stufe des Keupers der germanischen Trias, besteht vorwiegend aus Kalken und Mergeln.

Rat der Volksbeauftragten: in der Novemberrevolution am 10.11.1918 gebildete Regierung, bestand aus je 3 Vertretern der SPD und (bis 29.12.1918) der USPD; gab sich als rein sozialistisches Machtorgan der Arbeiterklasse aus, betrieb jedoch bürgerliche und konterrevolutionäre Politik, deren Hauptziel die Liquidierung der Arbeiter- und Soldatenräte war; der Rat der Volksbeauftragten hielt den imperialistischen Staatsapparat intakt und festigte ihn im Bündnis mit der OHL, sein Programm ging nicht über Reformen im Rahmen einer bürgerlich-parlamentarischen Ordnung hinaus. Am 10.2.1919 übergab er seine Befugnisse an die Nationalversammlung.

Ratdolt, Erhard, 1447 um 1528, Buchdrucker; wurde, in Venedig (seit 1474) und Augsburg (seit 1486) wirkend, der Wegbereiter einer von der Renaissance beeinflussten Buchkultur. Seine Drucke waren Höchstleistungen des deutschen Inkunabeldrucks.

Rate: 1. Teil, Teilbetrag; Teilzahlung; siehe auch Teilzahlungskauf.

2. Verhältnis einer Größe zu einer anderen, zum Beispiel Mehrwert-R

Rateau, Auguste, 13.10.1863-13.1.1930, französischer Ingenieur, bahnbrechend auf dem Gebiet des Turbinenbaus, konstruierte die erste Turbine mit tangentialer Beaufschlagung (Rateau Turbine).

Ratio: Vernunft, Verstand; früher auch Grund, zum Beispiel Ratio agendi (Grund des Handelns). Ratio-Bindung: Polygraphie Klebebindemethode, bei der die Falzbogen im letzten Kreuzbruch auf der Falzmaschine steppnahtähnlich geheftet werden, so dass an Stelle von Einzelblättern komplette Bogen miteinander verklebt werden.

Ration: zugeteiltes Maß, Anteil; täglicher Verpflegungssatz, rational: vernünftig, aus der Vernunft, durch die Vernunft; verstandesmäßig; begrifflich; wissenschaftlich.

Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe, Abkürzung RGW: internationale Wirtschaftsorganisation sozialistische Staaten zur planmäßigen wirtschaftlichen und wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit entsprechend den Prinzipien des sozialistischen Internationalismus; gegründet 1949; Sitz Moskau. Im RGW arbeiten gegenwärtig die UdSSR, Bulgarien, die CSSR, die DDR (seit 1950), Kuba (seit 1972), die MVR (seit 1962), Polen, Rumänien, Ungarn und Vietnam (seit 1978) mit. Weitere Staaten nehmen auf vertraglicher Basis bei gemeinsam interessierenden Fragen an der Arbeit des RGW teil. So arbeitet Jugoslawien seit 1965 in Organen des RGW, vor allem in den ständigen Kommissionen, mit; 1973 schloss der RGW mit Finnland, 1975 mit Irak und Mexiko, 1984 mit Nikaragua, 1985 mit Mozambique Abkommen über wirtschaftliche und wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit. Eine Reihe von Staaten (zum Beispiel Laos, Korea, Angola) entsenden Vertreter als Beobachter zu den Ratstagungen. In der UNO wurde dem RGW 1974 Beobachterstatus eingeräumt. Mit zahlreichen internationalen ökonomischen und wissenschaftlich-technischen Organisationen unterhält der RGW Beziehungen. Der RGW arbeitet auf der Grundlage ein stimmig gefasster Empfehlungen und Beschlüsse. Höchstes Organ ist die Ratstagung, die sich aus Delegationen aller Mitgliedsländer zusammensetzt. Die ständigen Kommissionen des RGW für die einzelnen Wirtschaftszweige (zum Beispiel Maschinenbau, Chemie) haben die Aufgabe, die wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit sowie die Spezialisierung und Kooperation der Produktion zwischen den Mitgliedsländern zu organisieren. Hauptvollzugsorgan ist das Exekutivkomitee, das die Realisierung der Empfehlungen und Beschlüsse leitet und kontrolliert. Ziel des RGW ist, gemäß dem Statut «durch Vereinigung und Koordinierung der Bemühungen der Mitgliedsländer des Rates zur weiteren Vertiefung und Vervollkommnung der Zusammenarbeit und Entwicklung der sozialistischen ökonomischen Integration, zur planmäßigen Entwicklung der Volkswirtschaft, zur Beschleunigung des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts in diesen Ländern, zur Hebung des Standes der Industrialisierung in den Ländern mit einer weniger entwickelten Industrie, zur ununterbrochenen Steigerung der Arbeitsproduktivität und allmähliche Annäherung und Angleichung des ökonomischen Entwicklungsniveaus und ständigen Hebung des Wohlstandes der Völker der Mitgliedsländer des Rates beizutragen» und damit auch die politische und Verteidigungskraft der sozialistischen Staatengemeinschaft in der Klassenauseinandersetzung mit dem Imperialismus zu stärken. Die XXni. (Außerordentliche) Tagung des RGW (1969) und die XXV. Tagung (1971) leiteten mit der Verabschiedung eines Komplexprogramms für die weitere Vertiefung und Vervollkommnung der Zusammenarbeit und Entwicklung der sozialistischen ökonomischen Integration der Mitgliedsländer des RGW eine neue Etappe in der Entwicklung der sozialistischen ökonomischen Integration ein. Auf der 41. (Außerordentliche) Tagung des RGW (1985) in Moskau wurde das Komplexprogramm des wissenschaftlich-technischen Fortschritts der RGW-Mitgliedsländer bis zum Jahre 2000 angenommen. Die Tätigkeit des RGW ist ein wesentlicher Faktor für den sozialen, ökonomischen und wissenschaftlich-technischen Fortschritt und hat, im Zusammenhang mit den eigenen Anstrengungen der Mitgliedsländer, die RGW-Region zur dynamischsten Wirtschaftsregion in der Welt werden lassen.

Ratgeb, Jörg, um 1480-1526 (als einer der Anführer im Bauernkrieg in Pforzheim gevierteilt), Maler; in seinen ausdrucksstarken, ausschließlich religiösen Werken werden revolutionäre Gesinnung und soziale Anklage sichtbar. Hauptwerke sind die Tafeln des Herrenberger Altars (1519; Stuttgart) mit ihren bewegten Figuren, großer Raumtiefe und starker Farbintensität sowie der Freskenzyklus im Karmeliterkloster in Frankfurt am Main (1514/17; im Weltkrieg fast völlig zerstört).

Rathaus: städtlicher Gesellschaftsbau; Sitz der Gemeindevertreter und der Stadtverwaltung, an zentralen Plätzen, meist am Markt. Als Wahrzeichen der patrizischen Macht und Kultur entwickelte sich das Rathaus seit dem 12. Jahrhundert zum repräsentativen Profanbau des Bürgertums. Die in zahlreichen Städten erhaltenen historischen Rathäuser sind oft von hohem baukünstlerischem Wert. Durch Schaufassaden, Türme, Erker, Freitreppen, reich gestaltete Portale unter anderem wurden dem Rathaus architektonische Akzente verliehen. Als Haustyp schließt es einmal an den feudalen Saalbau an, zum anderen entwickelte es sich aus dem Bürgerhaus und näherte sich auch dabei dem Saalbau. Als Grundtyp bewährte sich jahrhundertelang das zweigeschossige Rathaus, in dessen Obergeschoß sich der Rats- und Festsaal nebst Verwaltungsräumen befanden, während Erdgeschoß und Keller Wirtschaftszwecken dienten.

Rathenau, Walther, 29.9.1867-24.6.1922, Politiker, Generaldirektor der AEG; Organisator der deutschen Rüstungsproduktion im 1. Weltkrieg; trat in der Novemberrevolution 1918/19 für die Rettung des deutschen Imperialismus durch Anwendung bürgerlich-parlamentarische Herrschaftsmethoden ein; Unterzeichnete 1922 als Außenminister mit J. Wirth den Rapallo Vertrag; wegen seiner auf Verständigung mit Sowjetrussland zielenden Politik von Mitgliedern der Organisation Consul ermordet.

Rathenow: Kreisstadt im Bezirk Potsdam, an der Havel; 32000 Einwohner; «Stadt der Optik»; Herstellung von Sehhilfen, wissenschaftlichen Geräten, Möbeln, Raumheizern und Reißverschlüssen, Maschinenbau, Lebensmittelindustrie; Binnenhafen; neuer Stadtteil Rathenow-Ost. Stadtkirche (15./16. Jahrhundert).

Rathkesche Tasche: Aussackung der embryonalen Mundhöhle; ist an der Entwicklung eines Teiles der Hypophyse beteiligt. benannt nach dem Anatomen Martin Heinrich Rathke (1792-1860).

Ratifizierung, Ratifikation: Bestätigung eines Unterzeichneten völkerrechtlichen Vertrages durch das zuständige Staatsorgan (in der Regel Staatsoberhaupt oder oberste Volksvertretung), durch die der betreffende Staat den Vertrag als für sich bindend erklärt.

Rätikon, Rhätikon: Gruppe der Nördlichen Kalkalpen, südlich des Montafon; in der Schweiz, in Österreich und Liechtenstein, in der Schesaplana 2 965 m; sanft zum Montafon (HI) und Walgau (Vorarlberg), steil zum Prättigau (Graubünden) abfallend; gering vergletschert; Lünersee mit Pumpspeicherwerk der 111werke.

Rationalisierung:

1. Psychologie: Übergang zu zweckmäßigeren Handlungsabläufen; im Arbeitsprozess verbunden mit optimaler, der psycho-physischen Leistungscharakteristik des Menschen entsprechender und persönlichkeitsfördernder Koordinierung von Mensch und Maschine; in der Psychoanalyse die nachträgliche Rechtfertigung von Gefühlen und Handlungen, die das Selbstwerterleben verletzen (Frustration).

2. Wirtschaft: zweckmäßigere Gestaltung des Reproduktionsprozesses; Ziele, Formen und Auswirkungen sind im Sozialismus und Kapitalismus grundverschieden. Die kapitalistische Rationalisierung ist die Gesamtheit der Maßnahmen im kapitalistischen Betrieb (Unternehmen), die darauf gerichtet sind, mit einem Minimum an Kosten ein Maximum an Profit zu erzielen. Typ. Maßnahmen sind dabei die intensivere Ausnutzung der Arbeitszeit, der Maschinen, Anlagen und Ausrüstungen, Verringerung des Rohstoff-, Material- und Energieeinsatzes unter anderem mittels wissenschaftlichen Methoden der Schweißauspressung» (Lenin), Veränderung der Arbeitsorganisation, -Beschleunigung des Produktionsrhythmus, Einführung neuer Technologien, Missbrauch der Arbeitspsychologie unter anderem. Die kapitalistische Rationalisierung vergrößert die Ausbeutung, beschleunigt die Freisetzung von Arbeitskräften und erhöht damit die Existenzunsicherheit der Werktätigen. Die sozialistische Rationalisierung, die den Interessen der Werktätigen dient und mit einer stetigen Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen einhergeht, ist Schwerpunkt der ökonomischen Strategie der DDR für die 80er Jahre. Sie ist ein objektives Erfordernis sozialistischen Wirtschaftens und reicht von der organisatorischen Verbesserung der Arbeitsabläufe über Modernisierung vorhandener Technik bis zur Erneuerung des Produktionsprozesses auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Sie schließt sowohl partielle Verbesserungen am Arbeitsplatz als auch grundlegende Umgestaltungen der Produktionsprozesse durch Anwendung der neuesten Erkenntnisse von Wissenschaft und Technik ein. Mit Hilfe der sozialistischen Rationalisierung wird der Übergang zur Automatisierung organisatorisch und technologisch vorbereitet. Gleichzeitig werden mit den durch die Rationalisierung erzielten Effekten die Mittel erwirtschaftet, die für die Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts erforderlich sind. Von entscheidender Bedeutung für die wirksame sozialistische Rationalisierung ist der Eigenbau von Rationalisierungsmitteln. Siehe auch territoriale Rationalisierung.

Rationalisierungsinvestition: Investition zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit beziehungsweise Verbesserung der Ausnutzung vorhandener Grundfonds (Modernisierung) durch Rekonstruktion und technische Neuausrüstung, insbesondere durch den Einsatz von Industrierobotern, der Prozessrechentechnik unter anderem, gegebenenfalls in Verbindung mit Um- und Ausbau zur Komplettierung vorhandener Gebäude und baulicher Anlagen.

Rationalisierungsmittel: erzeugnis-, Verfahrens-, betriebs- und industriezweigtypische Arbeitsmittel zur rationellen, effektiven Gestaltung des Reproduktionsprozesses und zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen im sozialistischen Betrieb. Zu Rationalisierungsmitteln gehören spezifische Maschinen, Anlagen, Zusatz- und Sonderausrüstungen zur Mechanisierung und Automatisierung der Arbeit in Produktionshaupt- und -hilfsprozessen, zur Energie- und Materialeinsparung und zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen. Sie werden außerhalb der zweigspezifischen Produktion im Betrieb mit eigenen Arbeitskräften oder in zentralen Betrieben des Kombinats beziehungsweise in Spezialbetrieben für Rationalisierungsmittel konstruiert und hergestellt (Eigenherstellung von Rationalisierungsmittel) und sind für den Einsatz im eigenen Betrieb, Industriezweig (Kombinat) oder Industriebereich (Ministerium) und für den Austausch oder für die territoriale Rationalisierung bestimmt. Der Rationalisierungsmittelbau hat große ökonomische Bedeutung, besonders für umfassende Intensivierung der Produktion.

Rationalismus: Richtung der Erkenntnistheorie, die im Unterschied zum Sensualismus beziehungsweise Empirismus die Vernunft, das abstrakte Denken als Hauptquelle der Erkenntnis ansieht und die Sinneswahrnehmung unterschätzt. Kriterium der Wahrheit ist für den Rationalismus das Denken. Vertreter waren R Descartes, G. W. Leibniz, Spinoza, I. Kant, G. W. F. Hegel. Die marxistisch-leninistische Erkenntnistheorie lehnt die metaphysische Gegenüberstellung von sinnlicher und rationaler Stufe der Erkenntnis ab; die Verabsolutierung einer von beiden führt in der Konsequenz zum Idealismus. Siehe auch Sensualismus.

Rationalitätsgesetz: Gesetz, nachdem die an einem Kristall auftretenden Flächen auf den kristallographischen Achsen Abschnitte bilden, die in einem rationalen Verhältnis zueinander stehen, das heißt, ihre Indizes sind einfache ganze Zahlen,

rationell: verständig; sparsam; zweckmäßig.

Rationierung: staatliche Kontingentierung von Produktions- und Konsumtionsmitteln für individuelle und gesellschaftliche Verbraucher; besonders in Kriegs und bestimmten Krisenzeiten üblich.

Rätische Alpen: Teil der Zentralalpen in der Schweiz (Graubünden), im Osten nach Italien reichend; im Piz Bernina 4049 m; überwiegend aus kristallinen Gesteinen bestehend; vom Inn entwässert.

Ratke, latinisiert Ratichius, Wolfgang, 18.10.1571 bis 27.4.1635, Pädagoge; forderte als Vertreter des aufstrebenden Bürgertums Bildung für alle durch ein von der Kirche unabhängiges staatliches Schulwesen; trat für muttersprachliche Bildung ein, entwickelte neue didaktische Prinzipien (zum Beispiel Vorgehen vom Konkreten zum Abstrakten, Anschaulichkeit, führende Rolle des Lehrers im Unterricht) und lehnte die Prügelstrafe ab; wegen seiner fortschrittlichen Gesinnung von der Kirche verfolgt.

Rätoromanen: Nachkommen der schon während der römischen Herrschaft romanisierten Räter (Bewohner der römischen Provinz Rätien), deren Sprache das Rätoromanisch (in verschiedenen Dialekten) ist; mehr als 400000; drei räumlich getrennte Gruppen: Rätoromanen Le. S. im oberen Rhein- und Inntal (Graubünden, 40000; Sprache: Romanisch, seit 1938 vierte Landessprache der Schweiz), Ladiner in den Dolomiten (Südtirol, 20000; Sprache: Ladinisch, besonders im Italienischen synonyme Bezeichnung für Rätoromanisch) und Furlaner oder Friauler (in Friaul in Nordostitalien, etwa 350000; Sprache: Furlanisch oder Friaulisch).

Ratsche: Maschinenelement, das aus einem verzahnten Werkstück besteht, in das eine Sperrklinke eingreift, die in einer Bewegungsrichtung frei bewegt werden kann, während sie in umgekehrter Richtung entgegen der Feder- oder Schwerkraft angehoben werden muss. Anwendung bei der Handbremse von Kraftfahrzeugen, Handwinden u. ä.

Rätsel: Denkaufgabe; verschlüsselte Umschreibung eines Objekts, das erraten werden soll; dient, als Denksport durch Presseorgane gefördert, der Unterhaltung beziehungsweise Förderung von Beobachtungs- und Kombinationsgabe. Das Rätsel spielt in der Literatur seit ältesten Zeiten eine große Rolle. Viele Rätsel wurden durch Märchen volkstümlich.

Ratsiraka, Didier, geboren 4.11.1936, madagassischer Politiker; bis 1972 Marineoffizier, 1972/74 Außenminister, seit Mai 1975 Staatspräsident und Regierungschef Madagaskars.

Rattazzi, Urbano, 20.6.1808-5.6.1873, italienischer bürgerlicher Politiker, seit 1851 Anhänger C. Cavours; 1862 und 1867 Ministerpräsident des Königreichs Italien, Gegner Garibaldis.

Ratten, Rattus: mit 280 Arten in mehr als 550 Unterarten die umfangreichste Nagetier- und Säugetiergattung; von Europa bis zum Fernen Osten, von Indo-Australien bis zu den Salomonen und Afrika verbreitet. In Europa kommen 2 Arten vor. Die Wanderratten (Rattus norvegicus), ein Allesfresser; Körper 24 cm, Schwanz 18 cm lang; Ohren klein; kältefester als die Hausratten; Schädling und Seuchenverbreiter. Die Hausratten (Rattus rattus); Körper bis 18 cm, Schwanz bis 20 cm lang; Ohren groß; vorwiegend Pflanzenfresser; in Europa nur in Gebäuden, Verbreitungszentrum ist das malaiische Gebiet. Hausratten und Wanderratten wurden durch den Menschen weltweit verbreitet.

Rattenflöhe, Xenopsylla: besonders in tropischen Gebieten verbreitete Gattung der Flöhe, wichtigste Überträger der Pest von Ratten auf Menschen.

Rattenigel, Haarigel, Echinosoricinae: bis 65 cm lange Igel von rattenähnliche Gestalt mit langem, fast unbehaartem Schwanz, Körper dicht behaart, aber ohne Stacheln; dämmerungs- und nachtaktiver Bewohner südostasiatischer Feuchtwälder.

Rattermarken: Vertiefungen in der Oberfläche von Werkstücken, die bei der spanenden Bearbeitung durch Schwingungen von Werkzeug, Werkzeugmaschine oder Werkstück zum Beispiel infolge Unwucht oder ungenügender Starrheit des Systems Werkzeug Werkzeugmaschine-Werkstück entstehen. Bei diesem Prozess treten ratternde Geräusche auf.

Rattigan, Sir Terence, 10.6.1911 bis 30.11.1977, englischer Dramatiker; schrieb erfolgreiche Theaterstücke, meist in der «guten Gesellschaft» angesiedelt, teils mit gesellschaftskritischen Tendenzen, wie «Französisch ohne Tränen» (1936, deutsch), «Liebe in Müßiggang» (1944, deutsch), «Der Fall Winslow» (1946, deutsch), «Tiefe blaue See» (1952, deutsch); verfasste auch Fernsehspiele und Drehbücher.

Ratzeburg: Kreisstadt in Schleswig-Holstein, auf einer Insel im Ratzeburger See (Damm zum Festland); 13000 Einwohner; wenig Industrie; Dom (12. Jahrhundert); Barlachhaus; Segelsport- und Rudersportzentrum.

Ratzel, Friedrich, 30.8.1844-9.8.1904, Geograph, Professor in München (1880) und Leipzig (1886); bereiste West- und Südeuropa, Nord- und Mittelamerika, verfasste mehrere Handbücher; mit seiner «Anthropogeographie» (1882/91) und «Politischen Geographie» (1897) wurde er zum Wegbereiter der reaktionären Geopolitik.

Rau, Heinrich, 2.4.1899-23.3.1961, Politiker, Metallarbeiter; 1916 Mitglied der Spartakusgruppe, 1917 der USPD und 1919 der KPD, in der er besonders als Agrarpolitiker wirkte. Nach 1933 kämpfte er aktiv gegen die faschistische Diktatur, 1937/38 Teilnehmer am Freiheitskampf des spanischen Volkes, mehrmals eingekerkert. 1945/48 Minister im Land Brandenburg und 1948/49 Vorsitzender der Deutschen Wirtschaftskommission, seit 1950 war er Mitglied des ZK der SED und seines Politbüros sowie Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrats der DDR; Abgeordneter der Volkskammer seit ihrer Gründung.

Raub: Wegnahme von Sachen aus fremdem Eigentum beziehungsweise Sicherung ihres Besitzes durch Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leben oder Gesundheit; strafbar.

Raubbau: Wirtschaftsweise, bei der der Fortbestand der Erzeugungsgrundlagen nicht gesichert wird; im Kapitalismus weitverbreitete Methode des Herauswirtschaftens höchster Augenblicksprofite ohne Rücksicht auf die verheerenden Auswirkungen, besonders für den Boden, auf Bodenschätze, Waldbestand, Reinheit der Gewässer und der Luft sowie für die menschliche Arbeitskraft. Die Folgen sind Versteppung, Erosionsschäden, Verelendung bestimmter Bevölkerungsgruppen und schließlich Zerstörung der ökologischen Umweltbedingungen menschlichen Existenz.

Raubbeutler, Dasyuridae: maus- bis hundegroße, vorwiegend nachtaktive Beuteltiere mit Fleischfressergebiss; meist Bodentiere, tagsüber in Höhlen, Erdlöchern unter anderem; bewohnen Australien und benachbarte Inseln.

Rauben: Bergbau Entfernen von Ausbaumaterial aus Grubenbauen, um diese zu Bruch gehen zu lassen, oder zur Rückgewinnung des Ausbaumaterials.

Räuber, Prädator, Episit: räuberisch lebendes Tier, das seine Beute tötet und gänzlich oder Teile davon frisst.

Raubfische: Sammelbezeichnung für Fische, die vorwiegend andere Fische schlingend oder reißend fressen, zum Beispiel Hecht, viele Barschartige.

Raubfliegen, Mordfliegen, Asilidae: artenreiche Fliegenfamilie; Vollkerfe, meist stark behaart mit langen Beinen; tagaktiv lauem sie häufig auf blütenreichen Wiesen auf Insekten, die sie oft im Flug erjagen (Habichtsfliegen) und aussaugen. Ihre Larven leben zum Teil räuberisch im Boden oder sind Pflanzenfresser in modernden Stubben.

Raubmöwen, Stercorariidae: Familie fluggewandter, meist dunkel gefärbter Vögel mit verlängerten mittleren Schwanzfedern und weißer Aufhellungszone an den Flügeln; in Polargebieten verbreitet. Die 57 cm lange Skua (Stercorarius skua) wird bis 1,5 kg schwer, sie legt 1 bis 2 Eier zwischen Steinen am Boden ab.

Raubtiere, Carnivora: Säugetiere mit krallentragenden Gliedmaßen, Sohlen- oder Zehengänger. Das Gebiss (ursprünglich 44 Zähne) wird einmal gewechselt, der Eckzahn ist als dolchartiger Fangzahn entwickelt, die Reißzähne werden vom letzten oberen Vorbackenzahn und vom 1. unteren Backenzahn gebildet. Die Urraubtiere (Creodonta) waren primitive Vorfahren der heutigen Raubtiere; rezent sind Landraubtiere (Marder, Kleinbären, Katzenbären, Bären, Schleichkatzen, Erdwolf, Hyänen, Hunde, Katzen) und Wasserraubtiere (Ohrenrobben, Walross, Hundsrobben).

Raubvögel: ältere Bezeichnung für die Ordnung der Greifvögel («Tag-R»), auch für die ebenfalls Wirbeltiere jagenden Eulen («Nacht-R»).

Raubwanzen, Schreitwanzen, Reduviidae: Familie der Landwanzen mit wenigen mitteleuropäischen Arten; Körper dünn, gestreckt, mit geknickten, fadenförmigen Fühlern und langen Schreitbeinen; leben räuberisch von Kleintieren oder saugen Blut. Die 18 mm lange, braune Kotwanze (Reduvius personatus) stellt in Gebäuden Insekten und Spinnen nach; ihre Larven bedecken ihren Körper mit Schmutzteilchen; tropische Arten sind zum Teil Krankheitsüberträger.

Raubwild: jagdbare Tiere, die unter anderem Nutzwild reißen; hierzu Fuchs, Dachs, Wildkatze, Marder, Iltis, Wiesel, Otter, Luchs, Wolf.

Raubzeug: nichtjagdbare Tiere, die dem Nutzwild schaden; hierzu wildernde Hunde, streunende Katzen, Elstern, Krähen.

Rauch, Christian Daniel, 2.1.1777-3.12.1857, Bildhauer; wurde, nach seinem Lehrer G. Schadow, zum Hauptvertreter der Berliner Bildhauerschule. In seinem Werk verbinden sich klassische Formen mit einem auf Naturbeobachtung und historische Forschung beruhenden Realismus. Hauptwerke: Marmorgrabmal der Königin Luise (1811/15), Büste Goethes (1821), Denkmal Friedrichs n. von Preußen (enthüllt 1851).

Rauche: (zu «rau») Eigenschaft des Pelzfelles, die sich aus vielen Komponenten zusammensetzt, zum Beispiel dichte Unterwolle, kräftiges Grannenhaar.

Rauchelsen, Michael, 10.2.1889-29. S. 1984, Pianist; wirkte als Dirigent und Klaviersolist; wurde vor allem als Liedbegleiter international geschätzt.

Raucherbein: volkstümlicher Begriff für Durchblutungsstörungen der Beine infolge Schädigung der arteriellen Blutgefäße durch das beim Tabakrauchen aufgenommene Nikotin (Endangiitis obliterans, Arteriosclerosis obliterans); äußert sich anfangs in belastungsabhängigen Schmerzen mit sogenannt intermittierendem Hinken, später in Ruheschmerzen und schließlich im Brand mit dann oft unvermeidbarer Beinamputation.

Räuchern: Behandeln von Fleisch-, Wurst- und Fischwaren, ferner auch von bestimmten Käseerzeugnissen mit Rauchgasen, die durch unvollständige Verbrennung von Laubholz erzeugt werden. Räuchern wirkt konservierend und erhöht den Genusswert. Kalträuchern erfolgt mehrere Wochen bei 17 bis 26 °C, Heißräuchern wenige Stunden bei 80 bis 100 °C.

Rauchfang, Rauchmantel: trichterförmige Vorrichtung, meist aus Blech, über offenen Feuerungsanlagen zum Auffangen und Ableiten des Rauches.

Rauchfuss, Hildegard Maria, geboren 22.2.1918, Schriftstellerin; verfasste Gegenwartsromane («Wem die Steine Antwort geben», 1953; «Die weißen und die schwarzen Lämmer», 1959), den autobiographischen Roman «Schlesisches Himmelreich» (1968; Fortsetzung «Fische auf den Zweigen», 1980) sowie Novellen, Erzählungen, Fernsehspiele, Feuilletons und Chansons.

Rauchfuß, Wolfgang, geboren 27.11.1931, Politiker, Mechaniker, Diplomwirtschaftler; übte 1946/50 Funktionen in der FDX aus, seit 1951 ist er Mitglied der SED; 1961/65 Stellvertreter beziehungsweise 1. Stellvertreter des Ministers für Außenhandel, seit 1965 Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrats sowie seit 1974 Minister für Materialwirtschaft; seit 1967 Mitglied des ZK der SED und Abgeordneter der Volkskammer.

Rauchgase, Feuergase, Rauch: bei der Verbrennung von festen, flüssigen oder gasförmigen Brennstoffen entstehende flüchtige Produkte (Gase, einschließlich der Staub-, Asche- und Rußanteile); werden durch Schornsteine abgeleitet.

Rauchgasprüfgerät: Messgerät zur Bestimmung im Rauchgas enthaltener Gasbestandteile, zum Beispiel Kohlendioxid oder Sauerstoff, auf physikalischem Wege. Das Rauchgasprüfgerät dient zur ständigen Kontrolle der Verbrennung in der Feuerung. Zur Eichung wird der Orsat Apparat verwendet.

Rauchmiller, Matthias, 1645 (11.1. getauft) bis 15. 2. 1686, Bildhauer, Maler, Elfenbeinschnitzer und Architekt; verarbeitete Einflüsse aus dem Rubenskreis im Sinne eines klassischen Hochbarocks (Dreifaltigkeitssäule; Wien, 1682).

Rauchschäden: hauptsächlich durch industrielle Abgase, Abgasdämpfe oder Flugasche in Abhängigkeit von Entfernung zum Emittenten, Schadstoffart und -konzentration in der Luft entstandene Schäden an Pflanzen. besonders empfindlich reagieren Pflanzen auf Dämpfe von schwefliger Säure (bereits in einer Verdünnung von 1:106). Im Wald reicht die Schädigung von Zuwachsverlusten der Bäume über erhöhte Anfälligkeit gegen biotische (zum Beispiel Insekten, Pilze) und abiotische (zum Beispiel Verringerung der Frostresistenz) Schadfaktoren bis zur Vernichtung ganzer Waldbestände.

rauchschwache Pulver: Sprengstoffe mit besonders schwacher Rauchentwicklung, insbesondere Schießbaumwolle. Die rauchschwachen Pulver haben etwa 1886 das vorher verwendete Schwarzpulver als Geschoßtreibmittel völlig verdrängt.

Rauchwacke, Zellenkalk, Zellendolomit: zeilig-poröser Kalkstein oder Dolomit; Poren durch Lösungsvorgänge entstanden.

Rauchwaren: (zu «rauh») im engeren Sinne veredelte (zugerichtete und gefärbte) Pelzfelle, im weiteren Sinne auch Erzeugnisse aller Fertigungsstufen der Rauchwarenwirtschaft.

Rauchwarenauktion: spezielle Form des Rauchwarenhandels, wobei Rohfelle sowie bei einigen Arten auch veredelte Felle versteigert werden. Es gibt Generalauktionen, bei denen alle Fellarten angeboten werden, und Spezialauktionen, die nur eine Fellart versteigern, zum Beispiel Nerz, Viking-Lamb, Seal. Die bekanntesten Plätze für Generalauktionen sind im Weltmaßstab Leningrad, London, Leipzig.

Rauchwarenveredlung: Sammelbegriff für alle Arbeitsgänge der Rauchwarenzurichtung und -färbung vom Rohfell bis zum Fertigerzeugnis. Die Zurichtung umfasst Weiche, Wäsche, Gerbung, Fettung und Trocknung sowie mechanische Bearbeitung der Haut und Reinigung des Haarkleides. Damit verwandelt sie fäulnisfähige tierische Haut in haltbares geschmeidiges, leichtes, zügiges Pelzleder und verleiht dem Haar Glanz, Spiel und Seidigkeit. Die Färbung erfolgt bei unansehnlichen Fellen, bei Imitation von Edelfellen zum Erzielen mod. Töne und beseitigt Unterschiede natürliche Farbtönung einer Partie durch Behandlung mit Oxydations- (Ursole) oder anderen Anilinfarbstoffen. Durch Bleichen (Entzug von Haarpigment) können auf dunkleren Fellen helle Farbtöne ermöglicht werden. Rauchwarenveredlung umfasst auch Veränderung des Fellcharakters durch Kürzung der Haarlänge, Scheren, Glätten gekräuselter Wollhaare durch Bügeln, Färben des Deckhaares durch Drucken, Blenden, Grotzieren.

Räude: durch Räudemilben verursachte übertragbare Hauterkrankung bei Säugetieren und Vögeln. Die Räude ist durch hochgradigen Juckreiz und Entzündung der Haut gekennzeichnet. Sie ruft direkte wirtschaftliche Schäden (Haut- und Wollverluste, Todesfälle) und indirekte Schäden (Leistungsminderungen) hervor; meldepflichtig.

Rauensche Berge: bewaldeter Endmoränenzug südwestlich von Fürstenwalde; bis 148 m; Großer und Kleiner Markgrafenstein (größte Findlinge im Norden); Aussichtspunkt.

Rauhbrand:

1. Lebensmitteltechnik: Lutter.

2. Silikattechnik: Brand des Steingutes ohne Glasur; erfolgt zum Beispiel bei Feldspat Steingut bei 1200 °C. Der anschließende Glattbrand wird oberhalb 950 °C vorgenommen.

Rauen: Bearbeiten der Oberfläche von Textilien mit auf Walzen aufgezogenen Kratzen, um weichen Griff oder besondere Effekte durch herausgezogene Faserenden zu erreichen.

Raufußhühner, Waldhühner, Tetraonidae: Hühnervögel mit befiederten Läufen; leben einzeln, Hahn und Hennen finden sich nur zur Paarung zusammen, wobei die Hennen durch die Schaubalz des Hahnes angelockt werden. Raufußhühner leben in kalten und gemäßigten Regionen sowie höheren Gebirgen Eurasiens; siehe auch Auerhuhn, Rackelhuhn, Schneehühner.

Raufutter: trockenes, an Rohfaser reiches Futter (Heu, Stroh, Spreu), vornehmlich für Wiederkäuer und Pferde.

Rauleder: verschiedene kurz- oder langfaserig geschliffene, meist weiche Lederarten.

Raureif: durch weitere Sublimation an Reif gebildete, aus kristallischen Plättchen bestehende Eisablagerung.

Raum:

1. Mathematik: in der Elementargeometrie Menge aller Punkte; wird als euklidischer Raum bezeichnet, falls das Parallelenaxiom gilt. Im abstrakten Sinne eine Menge von Dingen, oft Punkte genannt, für die gewisse der Geometrie entstammende Begriffe erklärt sind, zum Beispiel in metrischen Räumen ein Abstandsbegriff, eine Metrik, in topologischen Räumen ein Umgebungsbegriff.

2. Philosophie: Raum und Zeit.

Rauma, Raumo: Stadt im Südwesten Finnlands, am Bottnischen Meerbusen; 31000 Einwohner; Zellulose-, Holzindustrie, Maschinenbau, Automontage; Werft; Hafen; Universität.

Raumakustik: Teilgebiet der Akustik, das sich mit der Ausbreitung von Schall (Sprache, Musik) in geschlossenen Räumen beschäftigt. Für die Deutlichkeit von Sprache beziehungsweise für die Durchsichtigkeit von Musik (Klarheit rhythmischer Strukturen) ist das Verhältnis zwischen direktem und an den Raumwänden beziehungsweise an der Decke reflektiertem Schall sowie das zeitliche Abklingen des mehrfach reflektierten Schalls (Nachhall) wichtig. Der Nachhall vermittelt dem Hörer u. a. das akustischen Empfinden für den Raum und ist für Musikdarbietungen wesentlich.

Raumanzug, veraltet Skaphander: hermetisch abgeschlossener, temperatur- und strahlungsisolierter Schutzanzug für Raumfahrer zum Verlassen des Raumfahrzeugs in den freien Weltraum sowie zum Schutz bei Beschädigung der Raumkabine. Der Raumanzug besitzt eine autonome Klima- (Atemluft-) Versorgungsanlage sowie eine Verständigungsanlage und Assanierungseinrichtungen zur Aufnahme und Abführung von Ausscheidungen.

Raumbeständigkeit: Eigenschaft von Baustoffen, bei veränderter Temperatur- und Feuchteeinwirkung ihr Volumen und Strukturgefüge nicht oder nur unbedeutend zu verändern.

Räumen: spannendes Fertigungsverfahren zur Herstellung von Innen- (Innenräumen) und Außenprofilen (Außenräumen) auf speziellen Räummaschinen in senkrechter oder waagerechter Bauart. Beim Innenräumen wird das entsprechend der Werkstückinnenform profilierte Räumwerkzeug (Räumnadel) mit gestaffelten Schneiden durch einen vorgearbeiteten Durchbruch im Werkstück gezogen, wobei das eventuell komplizierte Profil entsteht. Beim Eisenräumen wird das Räumwerkzeug in seiner Lage zum Werkstück gestützt. Durch Räumen können mehrkantige, Kurven- und Vielkeil- beziehungsweise Vielnutprofite, Innen- und Außenverzahnungen u. ä. hergestellt werden.

Raumfähre: bemannter oder unbemannter, mit Raketentriebwerk(en) ausgerüsteter manövrierfähiger Raumflugkörper für den Transport von Nutzmassen zwischen Erde und Umlaufhahn (Raumtransporter) beziehungsweise zwischen verschieden hohen Umlaufbahnen (Raumschlepper). Siehe auch Raumgleiter.

Raumfahrer: Teilnehmer an bemannten Raumflugunternehmen. Siehe auch Astronaut, Kosmonaut, Spationaut.

Raumfahrt, Astronautik, Kosmonautik: alle Bemühungen, durch Einsatz technischer Hilfsmittel dem Menschen andere Himmelskörper direkt erreichbar zu machen beziehungsweise ihm den Aufenthalt im Weltraum zu ermöglichen. Alle Arbeiten zur Verwirklichung der Raumfahrt werden unter dem Begriff Raumfahrtforschung zusammengefasst, alle Bewegungen künstlicher Körper im Weltraum als Raumflug. Die dazu verwendeten Flugkörper nennt man Raumflugkörper. Zu den Grundlagen der Raumfahrtforschung gehört die Raumfahrttechnik. Von der Raumfahrtmedizin werden die entsprechenden Grundlagen für die Ausführung bemannter Raumflüge geliefert. K. E. Ziolkowski schuf als erster um 1900 wissenschaftliche Grundlagen der Raumfahrt Weitere Raumfahrtpioniere waren Renault-Peltrie (1881-1957, Frankreich), R. H. Goddard (1882-1945, USA), H. Oberth (geboren 1894), M. Valier (1895-1930, Österreich), J. Winkler (1897-1947), F. A Zander (1887-1933, UdSSR), J. W. Kondratjuk (1897-1942, UdSSR). Zur praktischen Entwicklung der Raumfahrt kam es erst nach dem 2. Weltkrieg. Der Beginn der eigentlichen Raumfahrt war der Start von Sputnik 1 am 4.10.1957 in der UdSSR. Wichtige Höhepunkte der R: 3.11.1957 erstes Lebewesen im Weltraum (Hündin Laika); 12.9.1959 erste (harte) Mondlandung (Luna); 4.10.1959 erste Fotos der Mondrückseite (Luna 3); 19. 8.1960 erste sichere Rückführung eines (unbemannten) Raumfahrzeugs zur Erde (Korabl-Sputnik); 12. 4. 1961 erster Mensch im Weltraum (J. A. Gagarin, Wostok 1); 16.6.1963 erste Frau im Weltraum (W. W. Tereschkowa, Wostok 6); 12. 10. 1964 erstes mehrsitziges Raumfahrzeug; 18.3.1965 erster Ausstieg eines Raumfahrers in den Weltraum (A. A. Leonow); 3.2.1966 erste weiche Mondlandung und Fotos des Mondbodens (Luna 9); 18.10.1967 erste weiche Landung auf der Venusoberfläche (Wenera 4); 30.10.1967 erstes vollautomatisches Kopplungsrendezvous zweier unbemannter Raumflugkörper (Kosmos 186 und Kosmos 188); 24.12.1968 erste Umkreisung des Mondes durch ein bemanntes Raumfahrzeug (Apollo 8); 16.1.1969 erste Kopplung zweier bemannter Raumfahrzeuge (Sojus 4 und Sojus 5); 20. 7.1969 erste Landung eines bemannten Raumfahrzeugs auf dem Mond (von Apollo 11 abgesetzter Lander Eagle; N. Armstrong und E. Aldrin betreten als erste Menschen den Mond); 24.9.1970 erste (automatische) Gewinnung und Rückführung von Mondbodenproben mittels eines unbemannten Raumflugkörpers (Luna 16); ab 17.11.1970 erstes ferngesteuertes Mondmobil eingesetzt (Lunochod 1); 7.6.1971 erste wissenschaftliche Raumstation durch Kopplung von Sojus 11 mit Salut 1 und Umstieg der Besatzung gebildet; 20.7.1976 erste weiche Landung eines unbemannten Raumflugkörpers auf dem Mars, Entnahme und Analyse von Bodenproben (Viking 1); 11. 1.1978 nach Ankopplung von Sojus 27 an die Raumstation Salut 6 erster Flug von 3 Raumflugkörpern als Raumflugeinheit (Orbitalkomplex Salut 6/Sojus 26/Sojus 27); 20.1.1978 Start des ersten automatisch gesteuerten Frachtraumfahrzeugs (Progress 1); 2.3.1978 Start der ersten internationalen Besatzung innerhalb des Interkosmos-Programms (Sojus 28); 12.4.1981 erster Start des mehrmals verwendbaren Raumtransporters Space Shuttle; 1. 3. 1982 erste Farbfotos der Venusoberfläche und Entnahme und Analyse von Bodenproben (Wenera 13); 13.6.1983 Pioneer 10 verlässt als erste Raumsonde unser Planetensystem; 18.2.1984 Start von Sojus T-10 zum bisher längsten bemannten Raumflugunternehmen (O. J. Atkow, L. D. Kisim, W. A. Solowjow; 237 Tage); 20.2.1986 Start der sowjetischen Raumstation Mir; März 1986 die sowjetischen Kometensonden Wega 1 und 2 übermitteln Messdaten und Fotos aus unmittelbarer Nähe des Halleyschen Kometen; 5.5. bis 26.6.1986 Pendelflug von Sojus T-15 zwischen den Raumstationen Mir und Salut 7.

Raumfahrtforschung: Gesamtheit der wissenschaftlichen und technische Forschungen und Entwicklungen zur Verwirklichung der Raumfahrt.

Raumfahrttechnik, Raumflugtechnik: Gesamtheit aller praktischen Bemühungen und Verfahren zur Verwirklichung der Raumfahrt; wichtigste Elemente der Raumfahrttechnik sind die Antriebs- (Raketen-) Technik und die Raumflugführung.

Raumfahrzeug, umgangssprachlich Raumschiff: bemannter Raumflugkörper, mit dem sich Flüge und entsprechende Flugmanöver in der Umlaufbahn ausführen lassen.

Raumflug: Bewegung bemannter oder unbemannter künstlicher Flugkörper im Weltraum.

Raumflugkörper: für Bewegungen im Weltraum bestimmter bemannter oder unbemannter Flugkörper. Siehe auch Erdsatellit, künstlicher, Mondsatellit; Mondsonde; Planetensonde; Raumfahrzeug; Raumsonde; Raumstation; Raumtransporter.

Raumgleiter: Raumflugkörper mit aerodynamischen Eigenschaften, der als Bestandteil eines-Raumtransporters nach Erfüllung seines Flugprogramms aus der Umlaufbahn zur Erde zurückkehrt und mehrmals verwendungsfähig ist. Siehe auch Raumfähre.

Raumgruppe: Kristallographie Kombination von Gittersymmetrieelementen. Zu den Symmetrieelementen der Kristallmorphologie kommen Translationen, Schraubenachsen und Gleitspiegelebenen. Es gibt 230 Kombinationsmöglichkeiten. Jede Raumgruppe enthält charakteristische Untergruppen. Ohne Berücksichtigung der Translation erhält man die 32 Kristallklassen.

Raumintegral, Volumenintegral: Verallgemeinerung des bestimmten Integrals von Funktionen einer Variablen auf Funktionen f(x, y, z) von 3 Variablen.

Raumkabine, hermetische Kabine: Teil eines Raumflugkörpers, in dem die Raumfahrer beziehungsweise Versuchsobjekte (-tiere) oder Geräte durch hermetischen Abschluss von der Umwelt vor schädlichen äußeren Einflüssen des Raumaufenthaltes geschützt sind.

Raumkunst, Innenarchitektur. Gestaltung und Ausstattung von öffentlichen oder privaten Innenräumen, wobei alle Genres der bildenden Kunst (Architektur, Plastik, Malerei, Kunsthandwerk) beteiligt sein können.

Raumladung: Elektronik die durch Elektronen oder beziehungsweise und Ionen hervorgerufene elektrische Ladung eines Raumgebietes im Vakuum (Elektronenröhre), in Gasen (Gasentladung) oder Festkörpern (Halbleiter).

Raumladungsstrom: Strom in Elektronenröhren, der im Gegensatz zum Anlauf- und Sättigungsstrom von der vor der Kathode gebildeten Raumladung begrenzt wird; in Halbleitern spricht man im analogen Fall von einem raumladungsbegrenzten Strom.

Raumsonde: unbemannter Raumflugkörper, der in den interplanetaren Raum gelangt. Siehe auch Mondsonde, Planetensonde.

Raumstation, Außenstation, Orbitalstation: Raumflugkörper mit (mehrköpfiger) Besatzung, der die Erde in einer stabilen Satellitenbahn längere Zeit (monate- oder jahrelang) umkreist und als wissenschaftlicher oder raumflugtechnischer Stützpunkt genutzt wird. Raumstation können im Wechsel bemannt oder unbemannt beziehungsweise mit unmittelbarem Besatzungswechsel betrieben werden. Siehe auch Mir 2, Salut 2, Skylab.

Raumtonfilmverfahren: Filmverfahren, bei denen der stereophon. Eindruck mehrkanalig aufgenommener und wiedergegebener Schallereignisse ausgenutzt wird. Die meist im Magnettonfilmverfahren realisierten Raumtonfilmverfahren werden aus ökonomischen Gründen kaum noch angewendet.

Raumtransporter: bemannter oder unbemannter, mit Raketentriebwerken ausgestatteter, manövrierfähiger Raumflugkörper für den Transport von Ausrüstungen, Forschungsmaterialien, Nahrungsgütern und Treibstoff zu Raumstationen. Raumtransporter können so ausgelegt sein, dass sie unversehrt zur Erde zurückkehren und mehrmals verwendbar sind (Space Shuttle) oder nach Erfüllung ihrer Aufgaben in dichteren Schichten der Erdatmosphäre verglühen (Progress). Siehe auch Raumfähre, Raumgleiter.

Räum- und Sammelpresse: traktorbetriebene Feldarbeitsmaschine zum Aufnehmen von Halmgut aus dem Schwad, zum Pressen, Binden und Laden der Ballen. Als Ladevorrichtung kann eine Ballenschurre dienen, auf der die Pressballen gleitend zum zugeordneten Transportfahrzeug geschoben werden, oder das Pressgut wird mittels Ballenwerfer verladen. Vorläufer war die stationäre Strohpresse.

Raum und Zeit: Existenzformen der Materie. Der Raum ist das Nebeneinander der materiellen Dinge, ihre Lage zueinander, ihre Entfernung und Ausdehnung; die Zeit ihr Nacheinander, die Folge der materiellen Ereignisse, der Abstand verschiedener Prozessphasen sowie die Dauer der Prozesse. Materie, Bewegung, Raum und Zeit sind untrennbar miteinander verbunden. Außerhalb der materiellen Erscheinungen und Prozesse gibt es keine räumlichen und zeitlichen Strukturen; der absolute Raum und die absolute Zeit des mechanischen Materialismus existieren nicht. Raum und Zeit nach Christus sind relativ, das heißt, die konkreten Raum- und Zeitstrukturen sind durch die entsprechenden Qualitäten der materiellen Dinge bedingt. Die moderne Physik, insbesondere die Relativitätstheorie bestätigt die philosophischen Aussage des dialektischen Materialismus über den untrennbaren Zusammenhang von Materie und Raum und Zeit nach Christus und weist zudem den unlösbaren Zusammenhang von Raum und Zeit nach Christus selbst nach.

Raumwelle: elektromagnetische Welle (insbesondere Kurzwelle) eines Senders, die an einer leitenden Schicht der Ionosphäre reflektiert wird und in großen Entfernungen empfangen werden kann. Siehe auch Bodenwelle.

Raumwinkel: Teil des Raumes, der von der Mantelfläche eines Kegels begrenzt wird und dessen Scheitel die Kegelspitze ist; SI-Einheit Steradiant.

Raumzelle: nach einheitlichen geometrischen Parametern vorgefertigter komplettierter, zumindest vierseitig umschlossener Bauteil, zum Beispiel aus Stahlbeton oder Bauplatten. Die Länge einer Raumzelle entspricht der halben oder ganzen Bauwerkstiefe. Raumzellen werden meist mit Tiefladern zur Baustelle transportiert und mittels Portalkrans, seltener mit einer Hubbühne montiert. Siehe auch Installationszelle.

Raupe: meist pflanzenfressendes Larvenstadium der Schmetterlinge; länglich, mit fester Kopfkapsel und beißenden Mundwerkzeugen; 3 Brustsegmente mit je 1 Beinpaar, 11 Bauchsegmente mit meist 4 Paar Bauchfüßen; Entwicklung über mehrere Häutungen zur Puppe.

Raupenfahrwerk: Fahrwerk von Schleppern, Fördergeräten unter anderem; zu beiden Seiten des geländegängigen (Ketten-, Gleisketten- oder Raupen-) Fahrzeugs oder darunter angeordnete, über Antriebs- und Umlenkräder geführte, aus plattenförmigen Einzelgliedern bestehende endlose Gleiskette (Raupe, Raupen-, Gleis-, Gliederkette).

Raupenfliegen, Tachinidae: Fliegenfamilie mit dunklen, behaarten Arten, ähnlich den Schmeiß- und Stubenfliegen; Larven schmarotzen in Insektenlarven, besonders in Raupen; als Parasiten von Schadinsekten sehr nützlich.

Raupenleim, Insektenleim: Klebmasse aus Baumharzen, Lack und Ölen zum Fang von Insekten. Auf Papierstreifen aufgetragen, schützt er als Leimring Obstbäume vor Schädlingen, die vom Boden aus aufwärts wandern. Bei Waldbäumen wird der Raupenleim unmittelbar auf den Stamm aufgetragen.

Raupenseide: Sammelbegriff für die Kokonfäden der Raupe verschiedener Seidenspinner. Raupenseide ist fest, leicht, fein und glänzend; Verwendung für Nähfäden, Festkleidung. Siehe auch Naturseide.

Raupp, Jan, geboren 17.11.1928, sorbischer Musikwissenschaftler und Komponist; wirkt seit 1955 am Institut für sorbische Volksforschung der AdW in Bautzen. Seine Kompositionen (insbesondere Instrumentalmusik) führen folkloristische Tradition in zeitgenössischer Musiksprache weiter. Raupp publizierte mehrere Bücher über sorbische Musik sowie Beiträge zur Volksmusikforschung.

Rausch: meist nur kurze Zeit dauernder Vergiftungszustand des Zentralnervensystems, zum Beispiel durch Alkohol, Narkotika oder Rauschgifte; ist in der Regel verbunden mit Bewusstseinstrübung, Euphorie und Halluzinationen. Der pathologische Rausch ist ein mit Bewusstseins- und Orientierungsstörungen verbundener alkoholischer Vergiftungszustand.

Rauschbrand: akut verlaufende, ansteckende, nicht übertragbare bakterielle (Clostridium chauvoei) Krankheit der Wiederkäuer. Mit dem Futter oder über Wunden gelangt der Erreger in den Organismus und verursacht fieberhafte, knisternde Schwellungen in den großen Muskelpartien. Rauschbrand ist meldepflichtig.

Rauschen, elektronisches: statistische Schwankungserscheinung bei Elektronen- und Photonenprozessen, macht sich zum Beispiel in Rundfunkempfängern als gleichmäßiges Geräusch, auf dem Bildschirm eines Fernsehempfängers als «Schneegestöber» bemerkbar. Das Widerstandsrauschen (thermische oder Nyquist Rauschen) hat als Ursache die Wärmebewegung der Elektronen in elektrischen Widerständen; der Schroteffekt in Elektronenröhren wird durch die statistisch auf die Anode auftrefferden Elektronen, der Funkeleffekt durch statistisch schwankende Emission der Kathode verursacht. Das Generations-Rekombinationsrauschen entsteht durch Schwankungen der Zahl erzeugter beziehungsweise rekombinierender Elektron-Loch-Paare. Galakt. Rauschen wird durch eine aus dem Weltraum kommende elektromagnetische Strahlung (siehe auch Radiostrahlung) verursacht. Das Quantenrauschen (optisches Rauschen) der Photonen ist Ausdruck der spontanen Emission übliche Lichtquellen; in Lasern bestimmt es die erreichbare Frequenzstabilität Ursache aller Rauschprozesse ist die Quantennatur stofflicher Materie; Rauschprozesse begrenzen grundsätzlich die Mess- und Nachweisempfindlichkeit elektrische und optische Signale, da Signale, deren Leistung unter der des elektronisches Rauschen liegt, nicht nachweisbar sind. Siehe auch Signal-Rausch-Verhältnis.

Rauschgifte, Rauschmittel-. Stoffe, die in bestimmter Dosierung durch Lähmung oder Erregung von Teilen des Zentralnervensystems Bewusstseinsstörungen hervorrufen. Medizinisch werden Rauschgifte nicht verwendet. Substanzen, wie Meskalin, Haschisch, Lysergsäurediethylamid (Abkürzung LSD), können Sinnestäuschungen (Halluzinationen) bewirken. Ein Missbrauch dieser Stoffe kann zu Vergiftungen und zur Sucht fuhren. Siehe auch Haschisch, Lysergsäurediethylamid, Opium.

Rauschpfeife: (mittelniederdeutsch rusch, «Rohr») oboenartiges Rohrblattinstrument des 16./17. Jahrhundert mit Windkapsel.

Rauschtat: Begehung einer mit Strafe bedrohten Handlung in einem die Zurechnungsfähigkeit ausschließenden Rauschzustand; strafbar, wenn dieser Zustand schuldhaft herbeigeführt wird.

Rautengewächse, (lateinisch griechisch + deutsch) Rutaceae: Familie an ätherischen Ölen reicher, stark duftender, meist tropische Pflanzen mit durchscheinenden Öldrüsen in den Blättern; vorwiegend Holzgewächse; krautige Vertreter bei uns sind Diptam und Weinraute. Siehe auch Zitrusfrüchte.

Rautengrube: Anatomie rautenförmig gestalteter Boden des IV. Gehirnventrikels.

Ravel, Maurice, 7.3.1875-28.12.1937, französischer Komponist; schuf, ausgehend vom Impressionismus und zunächst stark beeinflusst von C. Debussy, unter Einbeziehung der baskisch-spanischen Folklore einen eigenen, nach 1912 zunehmend auf klassische Klarheit und klassischen Formen bedachten Musikstil; entwickelte dabei eine virtuose Instrumentationstechnik, die allen seinen Werken ungewöhnlicher Klangreiz verliehen hat. Zu Ravels erfolgreichsten Kompositionen gehören «Rapsodie espagnole», «La Valse», «Bolero», 2 Klavierkonzerte, das Ballett (sowie die Orchestersuiten daraus) «Daphnis und Chloe», Lieder-, Klavier- und Kammermusikwerke sowie die Orchesterfassung der «Bilder einer Ausstellung» von M. P. Mussorgski.

Ravenna: Stadt in Oberitalien, in der Region Emilia-Romagna, Verwaltungszentrum der Provinz Ravenna nahe der Adriaküste; 138000 Einwohner; Erdölraffinerie, chemische, Textil- und Zementindustrie; 11 km langer Kanal zum Adriahafen Porto Corsini; Kunstakademie, Museen; Fremdenverkehr. Bedeutender Denkmäler bestand frühchristlicher und byzantinischer Bau- und Mosaikkunst des 5. und 6. Jahrhundert; sogenannt Grabkapelle der Galla Placidia, die Basiliken S. Giovanni Evangelista, S. Apollinare Nuovo, S. Apollinare in Classe, der zweigeschossige Zentralbau S. Vitale mit den berühmten Mosaiken des Kaisers Justinian sowie der Kaiserin Theodora mit Hofstaat (Mitte 6. Jahrhundert), die Baptisterien der Orthodoxen und der Arianer; am Stadtrand Grabmal Theoderichs (Rundbau, um 520); im Minoritenkloster Grab von Dante Alighieri; barocker Dom. 402 wurde Ravenna Residenz der weströmische Kaiser, 476 Odoakers, 493 der Ostgotenkönige, 552 der byzantinischen Exarchen; 754/1860 gehörte es (mit Unterbrechungen) zum Kirchenstaat, seitdem zum Königreich Italien; 1316/21 Exil von Dante Alighieri.

Ravensbrück: Ortsteil von Fürstenberg (Havel). 1939/45 größtes faschistisches KZ für Frauen und Kinder mit über 20 Außenlagern. In das KZ Ravensbrück wurden mehr als 135000 Frauen und Kinder aus 23 Nationen eingeliefert (Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie), über 92000 Häftlinge fielen dem SS-Terror zum Opfer, etwa 40000 befreite die Rote Armee (30.4.1945). Seit 1959 Nationale Mahn- und Gedenkstätte.

Ravensburger Gesellschaft: oberdeutsche Handelsgesellschaft um 1380/1530 (besonders für Leinwand, Barchent, Metallwaren) mit Niederlassungen in Konstanz und Memmingen, Filialen unter anderem in Italien, Spanien, Frankreich und den Niederlanden.

Rawlinson, Henry, 11.4.1810 bis 5.3.1895, britischer Assyriologe; kopierte die dreisprachige Inschrift von Behistun; leistete entscheidende Beiträge zur Entzifferung der altpersischen Keilschrift.

Rawson: Stadt (Provinzzentrum) im Süden Argentiniens, am Chubut, vor dessen Mündung in den Atlantischen Ozean; 52000 Einwohner; Fischverarbeitung; Fischereihafen.

Ray: 1. Dvijendralal Ray, 19.7.1863-17.5.1913, indischer Dichter, schrieb in Bengali; griff historische Stoffe auf, um sich kritisch und satirisch in Liedern («Spottlieder», 1906) und Dramen («Durgadas», 1906; «Shah Jahan», 1909) mit seiner Zeit auseinanderzusetzen. Er trug wesentlich zur Entwicklung des bengalischen Theaters bei.

2. Man Ray, 27.8.1890-18.11.1976, US-amerikanischer Fotograf; gilt als Erfinder des gestalteten Fotogramms (1924 erschienen seine «Rayogramme»). Auch durch unkonventionelle Porträtaufnahmen regte er neue fotografische Darstellungsweisen an.

3. Ram Mohan Ray, 22.5.1774-27.9.1833, indischer Reformer, Schriftsteller und Philosoph, schrieb in Bengali, Persisch und Englisch; trat gegen soziale Missstände auf, wollte die Rückständigkeit Indiens überwinden und es an die europäischen Kultur heranführen; gründete 1828 die religiöse Reformgesellschafft «Brahma Samaj».

4. Satyajit Ray, geboren 2.5.1921, indischer Filmregisseur; schuf realistische Filme über das Leben des indischen Volkes (Trilogie über den Dorfjungen Apu «Charulata»).

Rayleigh, John William Strutt, Lord Rayleigh, 12.11.1842—30.6.1919, britischer Physiker; arbeitete unter anderem über Schall, Temperaturstrahlung, Lichtstreuung; entdeckte 1894 mit W.Ramsay das Argon.

Raymond, Fred, 20.4.1900-10.1.1954, österreichischer Komponist; trat seit 1925 als erfolgreicher Autor von Operetten (unter anderem «Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren», 1927; «Maske in Blau», 1937), Revuen, Filmmusiken und Schlagerliedern (unter anderem «In einer kleinen Konditorei», «Ja, das Temperament», «Wenn der Toni mit der Vroni») hervor.

Rayon: Bezirk, Bereich; Einheit im System der politisch-territorialen Gliederung verschiedener Staaten (zum Beispiel Untergliederung der Unionsrepubliken der UdSSR in Rayons).

Rayski, Ferdinand von, 23.10.1806-23.10.1890, Maler; gehört zu den bedeutendsten deutschen Porträtmalern des 19. Jahrhundert Anknüpfend an die realistische Kunst A. Graffs, schuf er zahlreiche, oft lebensgroße Bildnisse sächsischer Adliger, die durch ihre treffende Erfassung des Physiognomischen, ihre Sachlichkeit und Eleganz sowie ihre hohe Malkultur beeindrucken. Seine Landschaften, Jagd- und Tierbilder zeigen bereits die Merkmale der Freilichtmalerei des späten 19. Jahrhundert.

Razelm See, rumänisch Lacul Razim: Haff an der rumänischen Schwarzmeerküste (Bezirk Tulcea), südlich der Donaumündung; 415 km2, 0,5 bis 3 m tief; durch die Donau gespeist (daher Süßwasser); fischreich; Teil eines Bewässerungssystems.

Razzia: überraschende, sich meist auf größere Räume und einen unbestimmten Personenkreis erstreckende Such- und Überprüfungsmaßnahme der Polizei kapitalistischer Länder.

Re, Ra, altägyptischer Sonnengott; durch Verschmelzung mit anderen Göttern wurde er zum Ur- und Weltgott und nach der Verschmelzung mit Amun zum Reichsgott Amun-Re erhoben. Der Pharao galt als sein Sohn. Symbol war der Obelisk.

re.... Re... (lateinisch): (zu)rück..., wieder...; gegen ..., wider...; neu ...

Reading: Stadt im Süden Englands (Großbritannien), Verwaltungszentrum der Grafschaft Berkshire, an der Mündung des Kennet in die Themse; 124000 Einwohner; Eisengießerei, Maschinenbau, Brau- und polygraphische Industrie; Universität; Abtei (gegründet im 12. Jahrhundert).

Reafferenz: Rückmeldung zum Zentralnervensystem über die Veränderungen, die durch eine efferent verursachte Aktion des Organismus zustande gekommen sind; dient der laufenden Korrektur zum Beispiel von Körperbewegungen.

Reagan, Ronald Wilson, geboren 6.2.1911, US-amerikanischer Politiker (Republikanische Partei), Journalist, Schauspieler, 1966/74 Gouverneur Kaliforniens; seit 1981 Präsident der USA verantwortlich für den Konfrontations- und Hochrüstungskurs (zum Beispiel Invasion in Grenada, Unterstützung der Konterrevolution in Nikaragua, Stationierung strategischer Mittelstreckenraketen in Westeuropa, Beginn der Realisierung des SDI-Programms).

Reaganomics: von dem Namen des US-Präsidenten Reaganomics Reagan abgeleitete Bezeichnung wirtschaftspolitische Maßnahmen seiner Regierung. Sie beinhalten eine massive Umverteilung von Nationaleinkommen zugunsten des Kapitals und den rigorosen Abbau staatlicher Sozialleistungen.

Reagens: Substanz, die mit einem nachzuweisenden Stoff in charakteristischer Weise, zum Beispiel durch Farbänderung, Fällung oder Gasentwicklung, reagiert.

Reagenzglas: zylindrisches Glasgefäß (zum Beispiel von 16 mm Durchmesser und 160 mm Länge) zur Durchführung chemischer Reaktionen mit kleinen Substanzmengen.

Reaktand: Substanz, die an einer chemischen Reaktion beteiligt ist.

Reaktanz: 1. Reaktanz, Blindwiderstand-. Anteil (Imaginärteil) des Wechselstromwiderstands. Zeichen X, SI-Einheit Ohm (CI).

2. Bezeichnung für Drosselspulen zur Kurzschlussstrombegrenzung in elektrische Energieversorgungsanlagen.

Reaktanzröhre, Impedanz-Röhre-. Elektronenröhre mit speziellem Rückkopplungsnetzwerk zur Realisierung spannungsgesteuerter Blindwiderstände (Reaktanzen); Anwendung in Frequenzmodulatoren und Schaltungen zur Frequenznachstimmung.

Reaktion: 1. allgemein Gegen-, Rückwirkung; Gegenbewegung; Rückschlag.

2. Politik: politischer, ideologischer, ökonomischer und militärischer Widerstand historisch überlebter Klassen gegen gesellschaftlichen Fortschritt, vor allem gegen den revolutionären Kampf der Arbeiterklasse.

3. Psychologie: Antwort des Organismus auf einen Reiz durch innere (zum Beispiel Empfindung) und äußere Veränderungen (zum Beispiel Bewegung, Handlung).

Reaktionsenergie: die bei einer chemischen Reaktion je Formelumsatz unter Konstanthaltung des Volumens (isochor) aufgenommene oder frei werdende Energie-, insbesondere Wärmemenge. Die Reaktionsenergie AU ist gleich der Änderung der inneren Energie des Systems und setzt sich zusammen aus der freien Reaktionsenergie AF (auch in anderer Energieform als Wärme umsetzbar) und der gebundenen Reaktionsenergie A Q (nur als Wärme umsetzbar), die sich als Produkt aus Kelvintemperatur und Reaktionsentropie AS ergibt; Gleichung AU = AF + T-AS. Die freie Reaktionsenergie ist ein Maß für die Gleichgewichtslage und damit die chemische Affinität einer isochor durchgeführten Reaktion; je stärker negativ der Zahlenwert, umso stärker liegt das chemische Gleichgewicht auf Seiten der Endprodukte.

Reaktionsenthalpie: die bei einer chemischen Reaktion je Formelumsatz unter konstantem Druck (isobar) aufgenommene oder frei werdende Energie-, insbesondere Wärmemenge. Die Reaktionsenthalpie AH ergibt sich gemäß AH = AU + p-AV als Summe der Reaktionsenergie AU und der verrichteten Volumenarbeit p-AV und kann aus den Bildungsenthalpien der Reaktionsteilnehmer berechnet werden. Sie setzt sich weiterhin zusammen aus der freien Reaktionsenthalpie AG (auch in anderer Energieform als Wärme umsetzbar) und der gebundenen Reaktionsenthalpie T-AS (nur als Wärme umsetzbar); Gleichung AH = AG + T-AS (T = Kelvintemperatur; AS = Reaktionsentropie). Die freie Reaktionsenthalpie ist ein Maß für die Gleichgewichtslage und die chemische Affinität einer isobar, zum Beispiel an offener Atmosphäre, durchgeführten Reaktion; je stärker negativ der Zahlenwert, umso stärker liegt das chemischen Gleichgewicht auf Seiten der Endprodukte.

Reaktionsentropie: die bei einer chemischen Reaktion je Formelumsatz auftretende Entropieänderung. Die Reaktionsentropie AS kann aus den Bildungsentropien berechnet werden. Sie ist positiv bei Zunahme des Unordnungsgrades (zum Beispiel bei Vergrößerung der Anzahl

Gasmoleküle, bei elektrolytischer Dissoziation und anderen Spaltungsvorgängen) und negativ bei dessen Abnahme (Verringerung der Gasmolekülanzahl, Kondensations-, Polymerisations- und sonstige Synthesereaktionen).

Reaktionsgeschwindigkeit: die bei einer chemischen Reaktion je Zeit- und Raumeinheit umgesetzte Stoffmenge (zeitliche Konzentrationsänderung); Maßeinheit mol/(l • s).

Reaktionsgrundierung, Reaktionsprimer: haftungsvermittelnder und passivierender Anstrichstoff zur Vorbehandlung metallischer Oberflächen für nachfolgende Anstriche. Die meist angewandte Reaktionsgrundierung (Washprimer) ist ein Gemisch aus Zink-chromat und Polyvinylbutyral sowie Phosphorsäure als Härterkomponente; die Säure reagiert sowohl mit dem Grundmetall als auch mit dem Bindemittel.

Reaktionskinetik: Teilgebiet der physikalischen Chemie, das im engeren Sinne die Abhängigkeit der Reaktionsgeschwindigkeit von den Konzentrationen beziehungsweise Partialdrücken der beteiligten Stoffe untersucht. Im weiteren Sinne hat die Reaktionskinetik auch die Aufklärung von Reaktionsmechanismen zum Inhalt.

Reaktionsklebstoffe: Ein- oder Zweikomponentenklebstoffe, die, bei manchen Typen angeregt durch Wärme oder Katalysatoren, in der Regel ohne Abgabe von Lösungsmitteldämpfen durch eine Polyreaktion abbinden. Reaktionsklebstoffe, zum Beispiel Epoxidharz oder ungesättigte Polyester, eignen sich für dichte, undurchlässige Materialien und ergeben besonders feste Klebverbindungen.

Reaktionslacke: Anstrichstoffe aus zwei unmittelbar vor der Anwendung zu mischenden Komponenten (häufig Harzkomponente und Härter genannt), die nach dem Aufträgen durch chemische Reaktion erhärten; zum Beispiel Epoxidharz- und Polyurethanlacke.

Reaktionsquerschnitt: Maß für die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Kernreaktion stattfindet; siehe auch Wirkungsquerschnitt.

Reaktionszeit: Physiologie Zeit, die zwischen dem Auftreten eines Reizes bis zu dessen Beantwortung verstreicht.

reaktive Waffe: Feuerwaffe, bei der im Moment des Schusses ein Teil der Pulvergase der Treibladung nach hinten durch den düsenförmigen Verschluss entweicht und damit die Rückstoßenergie kompensiert. Ihre Vorteile sind geringe Masse und einfache Konstruktion, ihre Nachteile die demaskierende Wirkung des Feuerstrahls, die Gefahrenzone hinter der Waffe und der hohe Pulververbrauch.

Reaktivfarbstoffe: synthetische Farbstoffe, deren Moleküle mit dem Faserstoff (Baumwolle, Wolle, Polyamid unter anderem) unter Ausbildung sehr fester homöopolarer Bindungen reagieren, so dass sich hohe Echtheiten ergeben.

Reaktor:

1. Physik: Kernreaktor.

2. Verfahrenstechnik: Apparat zur Durchführung chemisch-technischer Reaktionen. Die Gestaltung der Reaktoren hängt vom Aggregatzustand der reagierenden Substanzen, von den Reaktionsbedingungen (Temperatur, Druck, Katalysatoren), vom Verfahrenstyp (kontinuierlich oder diskontinuierlich) sowie von Menge und Eigenschaften der beteiligten Stoffe ab; zentral wichtig sind Fragen der Wärmeführung und Korrosion. Man unterscheidet Blasen-, Druck-, Dünnschicht-, Glockenboden-, Rohr-, Rühr-, Wanderbett-, Wirbelbett- und andere Reaktor, jedoch zählen hierzu auch Gasgeneratoren, Hoch- und andere Schachtöfen sowie Elektrolysezellen.

Reaktorabschirmung: aus Schutzmaterial bestehendes konstruktives oder bauliches Element eines Kernreaktors, das die Intensität der aus der Spaltzone austretenden Neutronen- und Gammastrahlung auf ein für Anlage und Mensch ungefährliches Niveau senkt. entsprechend gliedert sich die Reaktorabschirmung in einen thermischen und einen biologischen Schild.

Reaktorpumpe: Spezialpumpe zur Förderung von Flüssigkeit im Kreislauf des durch Neutronenbeschuss radioaktiv gewordenen Teils einer Kernreaktoranlage. Die Reaktorpumpe kann als Kolben- oder Kreiselpumpe ausgeführt werden.

Reaktorsicherheit: System von Maßnahmen und Einrichtungen zur Gewährleistung des sicheren und zuverlässigen Betriebes eines Kernreaktors. Die aktive Reaktorsicherheit hat Stör- oder Unfälle und Strahlenschäden weitestgehend zu verhindern, die passive Reaktorsicherheit. Folgeschäden bei aufgetretenen Unfällen möglichst gering zu halten. Zur aktiven Reaktorsicherheit gehören unter anderem Systeme der Qualitätskontrolle und der technischen Diagnostik, das Steuer- und Schutzsystem (Reaktorsteuerung) sowie Einrichtungen des Strahlenschutzes (Reaktorabschirmung), zur passiven Reaktorsicherheit das Notkühlsystem und der Sicherheitseinschluss.

Reaktorsteuerung: Teil des Steuer- und Schutzsystems beziehungsweise des Regelsystems eines Kernreaktors, das die Reaktorleistung steuert, die Aufrechterhaltung des kritischen Zustandes im Verlaufe des Spaltstoffabbrandes gewährleistet und eine Gefährdung von Anlage und Umwelt verhindert. Seine Hauptkomponenten sind Regel- und Abschaltstäbe aus neutronenabsorbierendem Material, die unterschiedlich tief in die Spaltzone eingefahren werden. Die Abbrandregelung kann auch durch Zusätze von abbrennbaren Neutronengiften zum Kühlmittel erfolgen.

real: wirklich, tatsächlich; sachlich.

Real: seit 1350 spanische und portugiesische Silber-, später Kupfermünze sowie spanische Rechnungseinheit; im 15./16. Jahrhundert als Silber- und Gold-Real auch in den Niederlanden und spanische Kolonien in Afrika.

Realeinkommen: Gesamtheit des in einem bestimmten Zeitraum (Jahr, Monat) empfangenen Einkommens, unabhängig davon, ob es sich um Einkommen in Geldform oder um unentgeltliche Einkommen (Naturaleinkommen, indirektes Einkommen) handelt, das real für den Verbrauch von Waren, Produkten und Leistungen sowie für die Bildung finanzieller und materieller Fonds zur Verfügung steht. Hauptquelle für die Realeinkommenserhöhung ist die Entwicklung des Arbeitseinkommens der Werktätigen gemäß ihrer Leistung. Zunehmende Bedeutung bei der Erhöhung des Realeinkommens erhalten die gesellschaftlichen Fonds, die schneller als die Lohn- und Prämienfonds wachsen. Die Erhöhung des Realeinkommens ist Bestandteil des sozialpolitischen Programms.

Realien: wirkliche Dinge, Tatsachen; Sachwissen; Bezeichnung für jene Unterrichtsfächer, die, vor allem seit dem 17. Jahrhundert, für das aufstrebende Bürgertum wachsende Bedeutung erlangten (Mathematik, Naturwissenschaften, Geographie, Geschichte, neuere Sprachen unter anderem).

Realisierung: Verkauf der Ware gegen Geld (Wertersatz) und Nutzung ihres Gebrauchswertes in der Konsumtion (Stoffersatz). Im Kapitalismus wird im Prozess der Realisierung gleichzeitig der Mehrwert realisiert.

Realismus: 1. allgemein Wirklichkeitssinn; Sachlichkeit; sich auf das wirklich Gegebene stützende Denkweise.

2. Ästhetik: historisch sich entwickelnde künstlerische Methode des aktiven, schöpferisch aneignenden Verhaltens zur objektiven Realität, die darauf abzielt, das gesellschaftliche Wesen der Wirklichkeit zu erfassen, den Reichtum konkreter Erscheinungen und ihrer menschlichen Bezüge wahrheitsgemäß widerzuspiegeln; beinhaltet die Fähigkeit des Künstlers zum Erkennen und Darstellen der gesellschaftlichen Wahrheit, das tiefe künstlerische Eindringen in das gesellschaftliche Wesen des Menschen zum Zweck seiner realen Selbstbefreiung. Realistische Kunst ist immer Bestandteil humanistischer Konzeptionen, parteilich im Sinne des historischen Fortschritts und steht im unversöhnlichen Gegensatz zu allen inhumanen und wirklichkeitsabgewandten Kunstäußerungen. Realismus entstand erst auf einer relativ hohen Stufe der Menschheitsentwicklung (Sklaverei Gesellschaft), als Kunst zu einer eigenständigen Form des gesellschaftlichen Bewusstseins wurde und nicht mehr ausschließlich kultischen Zwecken diente. Seit der Renaissance vermochte sich die realistische Schaffensmethode als bestimmende durchzusetzen. Abhängig vom jeweiligen Stand der gesellschaftlichen Gesamtentwicklung entstehen historisch konkrete Erscheinungsformen des Realismus, zum Beispiel im 19. Jahrhundert der bürgerlichen kritischen Realismus, der die Inhumanität der sich stabilisierenden und entwickelnden kapitalistische Verhältnisse enthüllte. Seit dem Übergang zum Imperialismus ist die Bourgeoisie an einer Kunst, die produktive Kräfte im Sinne des sozialen Fortschritts freisetzt, nicht mehr interessiert, so dass das Schicksal der realistischen Kunst im 20. Jahrhundert zunehmend durch das Maß ihrer Beziehungen zur Arbeiterklasse bestimmt wird. Siehe auch sozialistischer Realismus.

3. Philosophie: a) objektiv idealistische Richtung der Scholastik (Universalienstreit);

b) die Erkenntnistheorie des Neuthomismus, nach dem die Außenwelt zwar als unabhängig vom Bewusstsein und durch das Erkenntnisvermögen des Menschen erfassbar anerkannt, diese Realität jedoch letztlich als ein Produkt von Ideen, von Gott oder geistigen Seins-Prinzipien angesehen wird;

c) Name für erkenntnistheoretische Richtungen, die zwar von der objektiv realen Existenz einer Außenwelt ausgehen, die eindeutige Beantwortung der Grundfrage der Philosophie aber umgehen wollen.

Realistik: (lateinisch) Wirklichkeitstreue.

realiter: (dat.) in Wirklichkeit, tatsächlich.

Reallohn: der Geldlohn in seiner tatsächlichen Kaufkraft.

Realschule: frühere sechsklassige, zur mittleren Reife führende Schule, in der (statt Latein) besonders neuere Sprachen und mathematischen-naturwissenschaftlichen Fächer gelehrt wurden.

Realteilung: im Erbgang erfolgende Teilung von land- und forstwirtschaftlichen Bodeneigentum eines Erblassers (Bauern) unter alle Erbberechtigten. Die Realteilung führt im Kapitalismus zu zunehmender Bodenzersplitterung. In der DDR wurden durch Einbringen des land- und forstwirtschaftlichen Bodens beim Eintritt in die LPG zur genossenschaftlichen Nutzung die ökonomischen Auswirkungen jedweder Bodenzersplitterung überwunden, wobei der Eigentumstitel am Boden nach dem Bodenrecht in der DDR auch vererbt werden kann.

Reanimation, Wiederbelebung: Maßnahmen zur Abwendung akuter Lebensgefahr bei Bewusstlosigkeit, Atem- und Herzstillstand nach Unfällen, Vergiftungen, Narkose- und Operationszwischenfällen und im krankheitsbedingten Schock. In der Klinik oder nach Einlieferung in speziell ausgerüstete Reanimationszentren (Beatmungszentren) wird die Beatmung nach Einfuhren eines Rohres in Kehlkopf und Luftröhre (Intubation) mit sauerstoffangereicherter Luft fortgesetzt; ferner werden Herz- und Kreislauffunktionen wieder normalisiert.

Rea Silvia, Rhea Silvia, Tochter des mythischen Königs Numitor von Alba Longa; von ihrem Onkel Amulius zur Vestalin gemacht, durch Mars Mutter von Romulus und Remus; Amulius ließ sie deshalb in den Tiber werfen.

Reaumur, Rene Antoine Ferchault de, 28.2.1683-18.10.1757, französischer Naturforscher, beschrieb und verbesserte technologische Prozesse, arbeitete über Insekten (insbesondere Bienen), führte 1730 die nach ihm benannte Temperaturskale ein.

Rebbach, Reibach: Nutzen, großer Gewinn, Vorteil.

Rebec, Rabab, Rebab: mittelalterliches Streichinstrument mit birnenförmigem Schallkörper und 2 bis 3 Saiten; kam wohl im 10./11. Jahrhundert über Spanien oder Byzanz nach Mitteleuropa. Bis ins 18. Jahrhundert hinein gab es den kleinen Rebectyp als Pochette.

Rebekka, im Alten Testament die Frau des Isaak.

Rebellion: (lateinisch) Empörung, Aufruhr, Widerstand; häufig spontane Kampfaktion progressiven Charakters.

Rebhuhn, Perdix perdix: bis 29 cm langes, kurzschwänziges Feldhuhn Nordasiens und Europas; außerhalb der Brutzeit gesellig lebendes Jagdwild.

Reblaus, Viteus vitifoliae: aus Amerika eingeschleppte Zwerglaus, mit kompliziertem Entwicklungszyklus; Gallenläuse schlüpfen aus den befruchteten Wintereiern, sind Blattsauger und Gallenerzeuger, Wurzelläuse saugen im Sommer an den Wurzeln des Weinstocks, vermehren sich parthenogenetisch; die geflügelte Form verbreitet die Art im Herbst auf andere Stöcke, legt dort Eier, die Männchen und Weibchen ergeben; die zweigeschlechtliche Generation nimmt keine Nahrung auf; das befruchtete Weibchen legt nur ein Winterei, aus dem im nächsten Frühjahr eine Gallenlaus schlüpft. In Mitteleuropa entstehen nur durch Wurzelläuse Schäden.

Rebmann, Georg Friedrich, 23.11.1768 bis 16.9.1824, Publizist und Schriftsteller; trat als Anhänger der Französischen Revolution hervor, wurde mehrfach verfolgt. Radikaldemokratische Haltung beherrscht seine literarischen Arbeiten (zum Beispiel den Roman «Hans Kiekindiewelts Reisen in alle vier Weltteile», 1795) sowie die Zeitschriften «Das neue graue Ungeheuer» (1795/96), «Die Schildwache» (1796/97), «Die Geißel» (1797/99) und den «Obskuranten Almanach» (1798/1801).

Rebound: Basketball vom Brett des Basketballgerätes oder vom Korbring abprallender Ball.

Rebreanu, Liviu, 27.11.1885-1.9.1944 (Selbsttötung), rumänischer Schriftsteller; begann mit psychologischen analysierenden Skizzen und Novellen; gestaltete in seinen Romanen das gesellschaftliche Leben in Rumänien, naturalistisch gefärbt in «Die Erde, die trunken macht» (1920, deutsch auch «Mitgift»), sozialkritisch in «Der Wald der Gehenkten» (1922, deutsch) bis zur kritische Gesellschaftsanalyse in «Der Aufstand» (1932, deutsch).

Rebstecher, Byctiscus betulae: bis 8 mm langer, grüner bis blauer Rüsselkäfer, der zigarrenförmige Blattwickel zur Eiablage und als Larvennahrung anfertigt; an verschiedenen Laubbäumen, mitunter an Wein schädlich. Siehe auch Käfer.

Rebus: Rätsel aus Bildern (Bilderrätsel) oder Zeichen, besonders Buchstaben (Buchstabenrätsel), mit denen ein Wort, Sinnspruch o. ä. ausgedrückt wird.

Recabarren, Luis Emilio, 6.7.1876-19.12.1924, chilenischer Arbeiterführer, seit 1906 Abgeordneter, Führer der 1912 gegründeten sozialistischen Arbeiterpartei; 1918 Mitbegründer der KP Argentiniens, 1922 der KP Chiles; bedeutender Vorkämpfer des Marxismus-Leninismus in Lateinamerika.

Receiver: (englisch - französisch) dampfaufnehmender Speicher zwischen Hochdruck- und Niederdruckzylinder einer Dampfmaschine.

Recessus: (lateinisch) Anatomie Aushöhlung, Grube, Bucht.

Rechaud: (französisch) elektrisch oder mit Gas beheizte Platte zum Erwärmen beziehungsweise Warmhalten von Speisen.

Rechenarten: a) Grundrechenarten;

b) höhere Rechenarten (Potenzieren, Radizieren, Logarithmieren).

Rechenautomat, Rechner, Computer, Elektronenrechner: elektronische Rechenmaschine zur schnellen, sicheren, programmgesteuerten Verarbeitung von Daten (Informationen) sowie zum Steuern von Geräten, Anlagen und Prozessen; größere Anlagen heißen auch elektronische Datenverarbeitungsanlagen (Abkürzung EDVA). Die meisten Rechenautomaten sind Digitalrechner, daneben gibt es für spezielle Aufgaben Analogrechner und Hybridrechner. Ein digitaler Rechenautomat besteht aus 3 Teilen, der Zentraleinheit (Hauptspeicher und zentrale Verarbeitungseinheit), den Kanälen (Steuerlogik für Eingabe- und Ausgabeoperationen) und den peripheren Geräten (Eingabe, Ausgabe, Massenspeicher). Nach der Speicheradressierung unterscheidet man Byte- und Wortmaschinen mit dem Byte beziehungsweise Wort (Bit 1) als kleinste adressierbare Einheit. Rechenautomat des ESER und die meisten Mikrorechner sind Bytemaschinen, während Kleinrechner (zum Beispiel Anlagen des SKR) Wortmaschinen mit 16 Bit Wortlänge sind. Die Gerätetechnik von Rechenautomat bezeichnet man auch als Hardware, während die Programmtechnik Software genannt wird. Arbeitsweise. Die zu verarbeitenden Daten und Programme gelangen mittels Datenträgern (Lochband, Lochkarte, Diskette unter anderem) über Eingabegeräte in den Hauptspeicher (siehe auch Speicher). Von hier werden die Daten, logisch gesteuert durch das Programm, vom Steuerwerk abgerufen und dem Rechenwerk zugeführt. Zwischen- und Endresultate gelangen wiederum in den Hauptspeicher. Die Datenausgabe erfolgt über Ausgabegeräte. Im Multiprogramming werden mehrere Anwenderprogramme gleichzeitig vom Betriebssystem behandelt. Während ein Anwenderprogramm in der zentralen Verarbeitungseinheit abgearbeitet wird, warten die übrigen auf die Bereitschaft der langsameren peripheren Geräte, die von den Kanälen selbständig gesteuert werden. Das Multiprogramming gestattet eine effektive Nutzung der Zentraleinheit bei entsprechend vielfältiger Peripherie; siehe auch Dialogcomputer, Musikcomputer, Numerik-Rechner, Personalcomputer, Prozessrechner, rechnergestützte Konstruktion/rechnergestützte Fertigung, Spielcomputer, Taschenrechner, Textcomputer, Tischrechner, Wirtsrechner.

Geschichtliches: Die 1. Generation von Rechenautomat (ab etwa 1951) war durch den Einsatz von Elektronenröhren als Schaltelement, von Trommelspeichern als Hauptspeicher und durch sehr leistungsschwache Betriebssysteme charakterisiert, arbeitete aber schon mit Ferritkernen). Die 2. Generation (ab etwa 1959) wurde mit Transistoren und Ferritkernspeichern aufgebaut und mit Betriebssystemen zur Anwendung höherer Programmiersprachen ausgestattet. Rechenautomat der 3.Generation (seit 1964) enthalten integrierte Schaltkreise und zum Teil bereits Halbleiterspeicher, die zugehörigen Betriebssysteme sind komfortabel (höhere Programmiersprachen) und effektiv (Multiprogramming). Durch die rasche Entwicklung der Kleinrechner wurden die Leistungen der Rechenautomat der 3. Generation zunehmend durch Anlagen mit viel geringerem Volumen erreicht. Gleichzeitig entwickelte sich die Mikrorechentechnik (siehe auch Mikrorechner) zum Schlüssel für die Einführung von Rechenautomat in breite Bereiche der Volkswirtschaft.

Rechenbrett, Abakus: Brett mit Linien, die verschiedene Größenordnungen repräsentieren und auf denen man mit Rechensteinen rechnete; auch als Rechenbank bezeichnet. Das Rechenbrett wurde in Europa hauptsächlich vom 10. bis 14. Jahrhundert verwendet und dann durch das schriftliche Rechnen abgelöst.

Rechenelement: in Analogrechnern und digitalen Differentialanalysatoren ein Baustein, dessen Ausgangsgröße durch einfache mathematische Verknüpfung der Eingangsgrößen entsteht. Analoge Rechenelemente basieren auf den mathematischen Zusammenhängen in elektrischen Stromkreisen. Koeffizienten-Potentiometer (Konstanten-Multiplizierer) nutzen die Spannungsteilerregel, Summierer die Knotenregel, Integrierglieder und Differenzierglieder den zeitabhängigen Zusammenhang von Stromstärke und Spannung am Kondensator. Nichtlineare Rechenelemente (Funktionsgeneratoren; Komparatoren, Multiplizierer) benutzen Schwellwertelemente. Der Anpassung des Ausgangspegels an den Eingangspegel und der Vorzeichenumkehr (Inverter) dienen Operationsverstärker. Digitale Rechenelement sind speziell ausgelegte Rechenschaltungen, wie Adder (Summierer), Frequenzteiler (Multiplizierer) und j1 Zähler (Integrierer).

Rechenmaschine: Gerät zur Ausführung von Rechenoperationen. Rechenmaschine werden in tastatur- und programmgesteuerte eingeteilt. Tastaturgesteuerte Rechenmaschine arbeiten mechanisch, elektromechanisch und derzeit fast ausschließlich elektronisch. Die einfachsten Rechenmaschine beherrschen nur 2 (Addiermaschinen) oder 4 Grundrechenarten, modernere viele weitere Funktionen. Programmgesteuerte Rechenmaschine zählen zu den Rechenautomaten.

Rechenschaftslegung: Form der Berichterstattung und Kontrolle über die Tätigkeit der staatlichen und gesellschaftlichen Organe, der VEB, Kombinate unter anderem vor den übergeordneten Organen und den Werktätigen. Die staatlichen Leiter der VEB, Kombinate unter anderem sind verpflichtet, vor den örtlichen Volksvertretungen, Vertrauensleutevollversammlungen unter anderem Rechenschaft zu legen. Die Rechenschaftslegung gehört als wichtiger Bestandteil sozialistischer Leitungstätigkeit zur Verwirklichung der sozialistischen Demokratie.

Rechenschaftspflicht: rechtlich geregelte grundlegende Pflicht jedes staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Organs, jedes Abgeordneten und Leiters im sozialistischen Staat, vor den Werktätigen oder vor den Volksvertretungen beziehungsweise vor bestimmten anderen Organen Rechenschaft über die Erfüllung der gestellten Aufgaben abzulegen. Die Rechenschaftspflicht ist ein wichtiger Bestandteil der sozialistischen Demokratie.

Rechenschieber, Rechenstab: mechanische Rechenhilfsmittel, das durch Streckenaddition von logarithmisch geteilten Skalen die Berechnung von Produkten und Quotienten ermöglicht. Der Rechenschieber besteht in der Regel aus einem Stabkörper, der auf der Vorderseite die Grundskale D, die lineare Skale L, eine Skale A für Quadrat- und eine Skale K für Kubikzahlen trägt, der beweglichen Zunge mit einer Grundskale C, der Skale B für Quadrate und der Skale R für Reziproke sowie dem Läufer zur genauen Ablesung auch auseinanderliegender Skalen. Bei den Rechenscheiben sind die Skalen auf gegeneinander drehbaren Kreisringen angeordnet. Rechenschieber werden zunehmend durch Taschen- und Tischrechner abgelöst.

Rechenvorteile: Vereinfachung von Zahlenrechnungen durch Anwendung allgemeiner Rechengesetze, erhöht die Sicherheit und Schnelligkeit des Rechnens und ermöglicht das Kopfrechnen. Statt zum Beispiel mit 5 zu multiplizieren, nimmt man die Hälfte des Zehnfachen oder das Zehnfache der Hälfte, zum Beispiel 28 • 5 = 280:2 = 140. Statt durch 5 zu dividieren, nimmt man das Doppelte vom zehnten Teil, zum Beispiel 143:5 = 2 14,3 = 28,6. Durch 25 dividiert man, indem man das Vierfache des hundertsten Teiles nimmt, zum Beispiel 160:25 = 1,6 • 4 = 6,4.

Recherche: (französisch, «Suche») 1. allgemein Nachforschung, Ermittlung, Erkundigung, Untersuchung.

2. Information und Dokumentation organisiert betriebene Nachforschungstätigkeit mit dem Ziel der Deckung eines erfragten oder bekannt gegebenen Informationsbedarfs durch eine Folge logischer Operationen zur Ermittlung von Informationsquellen, Informationsquellennachweisen und beziehungsweise oder Sachverhaltsaussagen.

rechnergestutzte Fertigung: Konstruktion, Technologie und Fertigung mit Hilfe leistungsfähiger Computersysteme. Die Hardware für rechnergestützte Konstruktion (englisch Abkürzung CAD) besteht aus dem Computer mit seinen Speichern, alphanumerischen Bildschirmen und Tastaturen für den Dialog mit dem Computer, Graphik-Bildschirmen, Lichtstiften zum direkten Zeichnen auf dem Bildschirm, Digitalisiergeräten (zum Beispiel zur Eingabe von Zeichnungsvorlagen in den Computer) sowie Plottern und Druckern. Zur Software gehören Programme und spezielle Anweisungen. Die Verbindung mit rechnergestützter Fertigung (englisch Abkürzung CAM) führt zu CAD/CAM-Systemen, wobei in einem Arbeitsgang Zeichnungen, technologische Arbeitsunterweisungen, Arbeitsunterlagen und Steuerprogramme für die automatische Fertigung entstehen. In der Entwicklung ist die Integration von Fertigungsvorbereitung, Fertigung und Betriebsleitung in einem rechnergestützten System (C/Af, Abkürzung für Englisch computer integrated manufacturing).

Rechnersteuerung: Betriebsart von NC-Werkzeugmaschinen, bei der die Versorgung mit Steuerdaten oder die Verarbeitung von Daten in der Maschinensteuerung durch Digitalrechner beziehungsweise Mikroprozessoren erfolgt. Bei der Rechnerdirektsteuerung (englisch direct numerical control, Abkürzung DNC) werden meist mehrere NC-Maschinen über eine Kabelverbindung an einen größeren Rechner angeschlossen, der die Steuerprogramme verwaltet und liefert. Bei der freiprogrammierbaren numerischen Steuerung (englisch computerized numerical control, Abkürzung CNC) übernimmt ein Rechner Teile der NC-Funktion, das heißt, in diesem Fall erhält jede Maschine einen speziellen Rechner kleinerer Ausführung. Infolge der rapiden Entwicklung der Mikroprozessoren und wegen ihrer Vorteile wird die künftige NC-Maschine vorrangig mit CNC ausgerüstet werden.

Rechnung, Faktur, Faktura: spezifizierte Aufstellung über eine Geldforderung auf Grund einer Warenlieferung oder erbrachter Leistungen.

Rechnungsabgrenzung: in der Finanzrechnung zeitliche Abgrenzung von Kosten und Erlösen, die abweichend vom Entstehungszeitpunkt in einem anderen Abrechnungszeitraum ergebniswirksam werden (zum Beispiel vorausgezahlte Miete); ermöglicht, das Betriebsergebnis periodengetreu richtig zu ermitteln.

Rechnungserteilung: Mitteilung des Gläubigers an den Schuldner über Höhe, Grund und Zusammensetzung einer Geldforderung als Voraussetzung der Zahlungspflicht.

Rechnungsführung und Statistik: einheitliche System der Erfassung, Verarbeitung, Speicherung, Berichterstattung und Auswertung der für die Leitung, Planung, wirtschaftliche Rechnungsführung und Kontrolle notwendigen zahlenmäßigen Informationen der Volkswirtschaft entsprechend der beschlossenen Hauptaufgabe in ihrer Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik. Rechnungsführung und Statistik wurde entwickelt, um auf der Basis einer staatlichen Ordnung einheitlich für die gesamte Volkswirtschaft den Bedarf an zahlenmäßigen Informationen über den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess für die Leitungs- und Planungstätigkeit auf allen Ebenen des sozialistischen Staates und der Wirtschaft mit moderner Datenverarbeitungstechnik rationell zu befriedigen. Die betriebliche Rechnungsführung und Statistik ist nach Rechnungen (gegliedert nach Sachgebieten) mit den dazugehörigen Belegen und Aufbereitungsnachweisen systematisiert; sie ist Basis für die zahlenmäßige Information aller Leitungsbereiche und Kollektive der Betriebe und Kombinate sowie für die Berichterstattung. Die Volkswirtschaftliche Rechnungsführung und Statistik umfasst vor allem die Berichterstattungen der Betriebe, Kombinate und Einrichtungen, ihre Aufbereitung und Analyse entsprechend dem Informationsbedarf der wirtschaftsleitenden und Staatsorgane sowie zusätzliche Erhebungen, und Zählungen.

Rechnungsmünze: ein nicht gemünzter Geldwert; so galt im Mittelalter unter anderem 1 Schilling 12 Denare, ohne als Münze zu existieren.

Rechnungswesen: 1. soviel wie betriebliche Rechnungsführung und Statistik.

2. Struktureinheit, in der die Abrechnung erfolgt.

Recht: System der vom Staat festgesetzten Normen des menschlichen Verhaltens, in dem die bestehenden Eigentumsverhältnisse und die Interessen der ökonomisch und politisch herrschenden Klasse verbindlich fixiert werden. Die Besonderheit rechtliche Normen gegenüber anderen Normen (zum Beispiel der Moral) besteht darin, dass ihre Befolgung durch die Machtmittel des Staates gewährleistet werden kann. Inhalt und Funktion des Rechts werden durch die Produktionsverhältnisse und deren Schutz bestimmt. Damit hat das Recht immer Klassencharakter. Jede ökonomische Gesellschaftsformation hat einen entsprechenden Rechtstyp. Das Recht entstand mit dem Staat. Das Recht jeder der 3 Formationen der Ausbeutergesellschaft, das Recht der Sklaverei Gesellschaft, das Feudalrecht und das bürgerliche Recht, ist Willensausdruck der Ausbeuterklassen und dient dem Ziel, die Ausbeutung und Unterdrückung der werktätigen Volksmassen zu erhalten und zu festigen. Demgegenüber ist das sozialistische Recht ein qualitativ neuer Rechtstyp, weil es den Willen des werktätigen Volkes unter der Führung der Arbeiterklasse und ihrer Partei zum Ausdruck bringt, die Arbeiter- und -Bauern-Macht und alle sozialistischen Errungenschaften der Werktätigen, insbesondere das sozialistischen Eigentum an den Produktionsmitteln, schützt und festigt und den Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung dient. Das Sozialist Recht ist ein wichtiges Instrument des sozialistischen Staates, um die gesellschaftliche Entwicklung zu organisieren und das sozialistischen Zusammenleben der Bürger miteinander und das Verhältnis zu ihrem Staat zu regeln sowie den Schutz der Bürger zu gewährleisten. Siehe auch dispositives Recht, Gewohnheitsrecht, positives Recht, subsidiäres Recht, zwingendes Recht.

Recht auf Arbeit: verfassungsmäßig garantiertes sozialistisches Grundrecht. Es umfasst das Recht auf einen Arbeitsplatz und dessen freie Wahl entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen und der persönlichen Qualifikation; es ist eng mit dem Recht auf Lohn nach Qualität und Quantität der Arbeit verbunden. Für den Bürger bildet das Recht auf Arbeit mit der ehrenvollen Pflicht zu gesellschaftlich nützliche Tätigkeit eine Einheit. Die Verwirklichung des Recht auf Arbeit spiegelt den neuen, ausbeutungsfreien Charakter der Arbeit in der entwickelten sozialistischen Gesellschaft wider, während in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht einmal die Forderung der Arbeiterklasse nach rechtlicher Garantie eines Arbeitsplatzes erfüllt werden kann. Die Verwirklichung dieses grundlegenden Menschenrechts ist im Kapitalismus auf Grund des Privateigentums an den Produktionsmitteln, der Ausbeutung und Wirtschaftskrisen unmöglich.

Recht auf Bildung: verfassungsmäßig garantiertes sozialistischen Grundrecht, das das Recht auf wissenschaftlich fundierte Bildung, das gleiche Recht auf Bildung für alle Bürger und das Recht auf allseitige Bildung umfasst. Das Recht auf Bildung ist unter anderem eng mit dem Recht auf Teilnahme am kulturellen Leben verbunden. Für die Verwirklichung des Recht auf Bildung gibt es auf der Grundlage der sozialistischen Gesellschaftsordnung beruhende umfassende politische, ökonomische und soziale Sicherungen, so zum Beispiel die besondere Förderung der Angehörigen der Arbeiterklasse, die Durchsetzung der Gleichberechtigung von Mann und Frau, Schulgeldfreiheit, Gebührenfreiheit für das Direktstudium, Stipendien, soziale Maßnahmen.

Recht auf Individuelle und kollektive Selbstverteidigung: souveränes Recht jedes Staates, allein oder gemeinsam mit anderen, jederzeit und unabhängig von Verträgen einen bewaffneten Angriff von außen mit militärischer Gewalt abzuwehren. Als allgemein anerkanntes, zwingendes Prinzip des Völkerrechts ist es im Artikel 51 der UNO-Charta verankert.

Rechteck: Parallelogramm, bei dem je zwei benachbarte Seiten senkrecht aufeinander stehen; die Diagonalen schneiden sich im Mittelpunkt und sind gleichlang.

Rechteckferrit: besondere Art der weichmagnetischen Ferrite, deren Materialeigenschaften durch Beimengungen von Oxiden so gezüchtet sind, dass die magnetische Hysteresekurve, die den magnetischen Fluss in Abhängigkeit von der Durchflutung darstellt, nahezu rechteckförmigen Verlauf zeigt. Rechteckferrite werden meist als Ringkerne ausgeführt und dienen der Informationsspeicherung in Ferritkernspeichern. Jeder Kern kann 1 bit (je nach Magnetisierungslage den Binärwert «0» oder «1») speichern.

Rechte-Hand-Regel: 1. Regel zur Richtungsbestimmung der magnetischen Feldlinien um einen stromdurchflossenen geraden Leiter. Legt man die rechte Hand so um den Leiter, dass der abgespreizte Daumen in Stromrichtung zeigt, so umlaufen die Feldlinien den Leiter wie die gekrümmten Finger.

2. Rechte-Hand-Regel, Dreifingerregel, UVW-Regel: Regel für die Richtungsbeziehungen bei der elektromechanischen Energiewandlung im Elektromotor beziehungsweise Generator. Zeigt der Daumen der rechten Hand in Richtung des elektrischen Stromes beziehungsweise in die Bewegungsrichtung eines Leiters (Ursache) und der Zeigefinger in die des magnetischen Feldes (Vermittlung), so gibt der Mittelfinger die Richtung der Kraft auf den Leiter beziehungsweise die induzierte Spannung (Wirkung) an, wenn man die 3 Finger senkrecht zueinander stellt.

rechter Winkel: Winkel, der seinen Nebenwinkeln kongruent ist; Größe 90°. Siehe auch Winkelmaß.

Rechtfertigungsgründe: Gründe, deren Vorliegen die Rechtswidrigkeit einer sonst rechtliche Verantwortlichkeit begründenden Handlung aufheben, weil besondere Gefahren-, Risiko- oder Konfliktsituationen bewältigt und wichtige gesellschaftliche Interessen gewahrt werden; zum Beispiel Notwehr, Notstand, Nötigungsstand, Handeln auf Befehl.

rechtläufig: Bezeichnung für den vorherrschenden Richtungssinn der Bahnbewegungen im Sonnensystem, nämlich entgegen dem Uhrzeigersinn (von Norden auf die Ekliptik gesehen); entspricht am Himmel einer Bewegung der Planeten von Westen nach O. Rückläufig heißt eine Bewegung im Uhrzeigersinn.

Rechtsantragsstelle: von einem Sekretär geleitete Geschäftsstelle eines Kreisgerichts zur Unterstützung der Bürger bei der Aufnahme von prozessualen Anträgen, zum Beispiel Klagen, Vollstreckungsanträgen, Einsprüchen, Beschwerden und Berufungen.

Rechtsanwalt, Anwalt: Berater und Vertreter in Rechtsangelegenheiten. Die Berufsausübung des Rechtsanwalts ist Bestandteil der Rechtspflege. Er ist besonders dazu berufen, Bürger und andere Auftraggeber juristisch zu beraten, sie vor Gericht in Zivil-, Familien- und Arbeitsrechtsstreitigkeiten sowie vor Staatlichen Notariaten und in anderen Rechtsangelegenheiten zu vertreten und Angeklagte in Strafverfahren zu verteidigen.

Rechtsauskunftsstelle: Einrichtung der Kreisgerichte, in der ein Richter Bürgern unentgeltlich Auskünfte über das sozialistische Recht und über die Möglichkeiten zur Wahrnehmung ihrer gesetzlich geschützten Rechte und Interessen erteilt.

Rechtsausübung: Ausübung (Wahrnehmung) von in Rechtsvorschriften enthaltenen Rechten entsprechend ihrem gesellschaftlichen Inhalt und ihrer Zweckbestimmung.

Rechtsbehelf: im engeren Sinne prozessuales Mittel zur Anfechtung einer noch nicht rechtskräftigen gerichtlichen Entscheidung, über das nicht wie beim Rechtsmittel die übergeordnete Instanz entscheidet, sondern das Gericht, das die angefochtene Entscheidung erlassen hat (zum Beispiel Einspruch gegen gerichtliche Zahlungsaufforderung); auch prozessuales Mittel zur Aufhebung bereits rechtskräftiger gerichtlicher Entscheidungen (zum Beispiel Kassation); im weiteren Sinne jedes Mittel, mit dem die Änderung oder Aufhebung von Entscheidungen staatlicher Organe erstrebt wird (zum Beispiel Eingabe, Beschwerde).

Rechtsbeistand: nach früherem Recht rechtskundige Person, die mit staatlicher Erlaubnis wie ein Rechtsanwalt in gerichtlichen Verfahren tätig wurde.

Rechtsbewusstsein: vom Klassenstandpunkt geprägte politisch-moralische Erkenntnis darüber, was Recht oder Unrecht unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen ist, beziehungsweise Gesamtheit der Ideen, Vorstellungen, Begriffe unter anderem hinsichtlich des geltenden und künftig notwendigen Rechts. Das Rechtsbewusstsein findet Ausdruck im sozialistischen Recht und wird durch dieses Recht und dessen bewusste Verwirklichung gefestigt und weiterentwickelt.

rechtserhebliche Tatsachen: rechtmäßige Handlungen, Pflichtverletzungen, Ereignisse, Zeitablauf oder sonstige Umstände, die bestimmte Rechtsfolgen auslösen.

Rechtsetzung: im Allgemeinen das Verfahren, in dem Rechtsvorschriften erlassen werden; im engeren Sinne das Verfahren der Gesetzgebung.

Rechtsextremismus, Rechtsradikalismus: besonders reaktionäre, gegen Arbeiterbewegung und demokratische Bestrebungen gerichtete Bewegungen, insbesondere Faschismus, Rassismus, Zionismus, Klerikalfaschismus, ultrareaktionärer Konservatismus, Staatsterrorismus. Alle Formen des Rechtsextremismus sind durch Menschenfeindlichkeit, Antikommunismus und Friedensgefährdung charakterisiert; sie sind die brutalsten Waffen der reaktionärsten Schichten des Monopolkapitals gegen jegliche fortschrittliche Bestrebungen.

Rechtsfähigkeit: Fähigkeit, Träger von Rechten und Pflichten zu sein. Rechtsfähigkeit erlangt jeder Bürger mit der Vollendung der Geburt, jede juristische Person mit Gründung, Verleihung oder staatlicher Registrierung.

Rechtsfolge: in der Rechtsordnung an bestimmte Handlungen und Ereignisse zwingend oder dispositiv geknüpfte Folge (insbesondere die Entstehung, Veränderung oder Beendigung von Rechtsverhältnissen).

Rechtsgeschäft: Rechtshandlung, die die Begründung, Änderung oder Aufhebung von Rechtsbeziehungen bewirkt und die stets eine oder mehrere Willenserklärungen umfasst. Die meisten Rechtsgeschäfte sind Vertragsabschlüsse, bei denen die Erklärungen der Partner übereinstimmen müssen. Davon unterschieden werden einseitige Rechtsgeschäft die nur eine Willenserklärung enthalten, zum Beispiel Kündigung, Testament.

Rechtsgeschichte: Teilgebiet der Rechts- und der Geschichtswissenschaft. Die marxistisch-leninistische Rechtsgeschichte erforscht die politische und juristische Institutionen und Ideologien sowie den Gang der Gesetzgebung einheitlich mit der geschichtlichen Gesamtentwicklung auf der Grundlage der Produktions-, Eigentums- und Klassenbeziehungen.

Rechtshilfe: Vornahme gerichtlicher Handlungen durch ein anderes als das Prozessgericht, zum Beispiel die Vernehmung eines Zeugen durch das Gericht seines Wohnortes. Rechtshilfe wird, meist auf der Grundlage völkerrechtlicher Verträge, auch international geleistet.

Rechtshilfeabkommen: völkerrechtliche Verträge zwischen Staaten über die Durchführung des zwischenstaatlichen Rechtshilfeverkehrs in Zivilrechts-, Familienrechts- und Strafsachen. Sie dienen der Gleichstellung der Staatsbürger beider Vertragspartner auf dem jeweiligen Hoheitsgebiet hinsichtlich des Rechtsschutzes ihrer Person und ihres Eigentums, der gegenseitigen staatlichen Hilfe bei Zeugenvernehmung, Urkundenbeschaffung, Vollstreckung von Urteilen, Auslieferung unter anderem

Rechtskraft: Endgültigkeit einer gerichtlichen Entscheidung, die (zum Beispiel wegen Fristablaufs) nicht mehr mit einem Rechtsmittel angefochten werden kann (formelle Rechtskraft) und unabänderlich geworden ist, so dass in der gleichen Sache nicht mehr anderweitig entschieden werden darf (materielle Rechtskraft). Änderungen rechtskräftiger Entscheidungen sind ausnahmsweise möglich im Kassations- und Wiederaufnahmeverfahren sowie bei wesentlicher Änderung der für wiederkehrende Leistungen maßgebenden Verhältnisse.

Rechtsmängel: Verletzung der Pflicht des Schuldners, dem Gläubiger die Leistung frei von Rechten zu verschaffen, die Dritte gegen den Gläubiger geltend machen können (insbesondere Schutzrechte aus Patenten und Warenkennzeichen). Siehe auch Mängel.

Rechtsmittel: prozessuales Mittel der Verfahrensbeteiligten, eine noch nicht rechtskräftige Entscheidung durch ein übergeordnetes Organ überprüfen zu lassen. Rechtsmittel sind in den einschlägigen Verfahrensordnungen geregelt: im Zivil- und Strafprozess der Protest des Staatsanwalts und die Berufung der Prozessparteien beziehungsweise des Angeklagten gegen Urteile sowie die Beschwerde gegen sonstige Entscheidungen. Rechtsmittel sind in bestimmter Form und Frist einzulegen. Das durchzuführende gerichtliche Verfahren wird als Rechtsmittelverfahren bezeichnet.

Rechtsnachfolge, Sukzession: Übergang eines Rechts (Einzelrechtsnachfolge, Singularsukzession, zum Beispiel Übereignung) oder einer Gesamtheit von Rechten (Gesamtrechtsnachfolge, Universalsukzession) auf ein anderes Rechtssubjekt. Gesamt-R kann auch den Übergang von Pflichten umfassen, zum Beispiel bei Erbfolge.

Rechtsnormen: vom Staat in bestimmter Form erlassene oder sanktionierte verbindliche Regeln, in denen sich der Wille der herrschenden Klasse verkörpert. Die Rechtsnormen sollen bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse regeln, gestalten oder schützen. Ihre Einhaltung wird durch die staatliche Autorität gesichert. Die Rechtsnormen gebieten, verbieten oder erlauben ein bestimmtes Verhalten.

Rechtsordnung: vom Staat mittels des Rechts geregelte und im Prozess der Rechtsverwirklichung entstehende Ordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die vom jeweiligen Staatstyp abhängig ist. Die sozialistische Rechtsordnung ist auf der Grundlage des sozialistischen Eigentums an den Produktionsmitteln und des sozialistischen Wirtschaftssystems als wichtiges Instrument der Arbeiter- und-Bauern-Macht durch Gerechtigkeit, Rechtssicherheit, Gesetzlichkeit sowie den Schutz der Würde und der Rechte der Bürger gekennzeichnet. Die Rechtsordnung kapitalistischer Staaten dient der politischen Unterdrückung und ökonomische Ausbeutung der Werktätigen.

Rechtspflege: die klassenmäßig bestimmte systematische Tätigkeit eines Staates zur Anwendung, Durchführung und Sicherung der Einhaltung seines Rechts.

Rechtsphilosophie: bürgerliche Lehre über Voraussetzungen, Wesen, Sinn und Zweck des Rechts und der bürgerlichen Rechtswissenschaft. Die Rechtsphilosophie der Ausbeuterklassen verschleiert den Klassencharakter des Rechts, trennt in der Regel das Recht von der geschieht! Entwicklung, der sozialökonomischen Basis und vom Staat; es wird damit ein Allgemeingültigkeitsanspruch des bürgerlichen Rechts abgeleitet. Die marxistisch-leninistischen Staats- und Rechtstheorie begründet dagegen das gesellschaftliche Wesen von Staat und Recht.

Rechtspositivismus: 1. bürgerliche Rechtsschule, die das Recht von der geschichtlichen, ökonomischen, und politische Entwicklung abzutrennen und das positive Recht aus sich selbst erklärbar zu machen versucht.

2. formale Rechtsanwendung unter einseitiger Betonung des Gesetzeswortlauts.

Rechtsprechung: Rechtsverwirklichung in Form der Entscheidung von Rechtsfällen durch staatliche und gesellschaftliche Gerichte; wichtige Tätigkeit zur Gewährleistung der sozialistischen Gesetzlichkeit. Verfassung und Gesetze legen als Ziel der Rechtsprechung insbesondere fest, Rechtsverletzungen vorzubeugen, die juristische Verantwortlichkeit für Rechtsverletzungen festzustellen und durchzusetzen, erzieherisch auf Rechtsverletzer einzuwirken, Rechtsverhältnisse verbindlich zu klären, die Rechte der Bürger zu wahren. An der Rechtsprechung nehmen die Werktätigen vielfältig teil, zum Beispiel als Schöffen, in den Konflikt- und Schiedskommissionen, als gesellschaftliche Ankläger beziehungsweise Verteidiger. In kapitalistischen Ländern dient die Rechtsprechung der Sicherung der kapitalistischen Produktionsweise und des Staatswesens mit repressiven Mitteln.

Rechtsquelle: im materiellen Sinne die politische und ökonomische Verhältnisse in einem bestimmten Staat, die den Willen der herrschenden Klassenkräfte und deren Recht als Ausdruck dieses Willens maßgeblich prägen; im formellen Sinne die konkrete Form, in der die Rechtsnormen gefasst sind (zum Beispiel Verfassung, Gesetz, Verordnung).

Rechts-Rechts-Gestrick: Grundbindung für Gestrick; beide Gestrick Seiten zeigen im Maschenstäbchen rechte Maschenseiten.

Rechtsstaat: ursprünglich Forderung des Bürgertums nach einem Staat, der gegen Eingriffe in die sogenannte individuelle Freiheitssphäre zur Sicherung der kapitalistischen Entwicklung und insbesondere des kapitalistischen Eigentums und Eigentümers Rechtsschutz gewährt. Der Begriff Rechtsstaat, auch «sozialer R», wird jetzt von der bürgerlichen Staatslehre mit der imperialistisch-militaristischen Staatsordnung gleichgesetzt. Da die Rechte der Bürger erst im Sozialismus real gesichert sind, ist erst der sozialistische Staat ein wirklicher Rechtsstaat.

Rechtssystem:

1. Geometrie: Dreibein.

2. Staat und Recht: durch die Gesellschaftsverhältnisse, insbesondere die Produktionsverhältnisse, objektiv bedingte Gliederung des Rechts. Jeder geschichtlichen Gesellschaftsformation entspricht ein bestimmter Staats- und Rechtstyp mit dem nur ihr eigenen Rechtssystem.

Rechtstitel: 1. rechtliche Grundlage, auf die ein Anspruch gestützt wird, zum Beispiel Vertrag, Eigentum.

2. vollstreckbare Urkunde über einen Anspruch, zum Beispiel Urteil, notarielle Urkunde.

Rechtsverhältnisse: durch Rechtsnormen organisierte, geregelte und geschützte gesellschaftliche Verhältnisse.

Rechtsvorschriften: im Allgemeinen Ausdrucksform des von der herrschenden Staatsmacht gesetzten und für verbindlich erklärten Rechts; ein Sammel- und Oberbegriff für verschiedene Rechtsquellen (zum Beispiel Gesetz, Verfassung, Verordnung). Rechtsweg gleich Gerichtsweg.

Rechtszweig: grundlegende strukturelle Einheit des Rechtssystems. Im Rechtszweig ist ein Komplex organisch miteinander verbundener Rechtsnormen zusammengefasst, der qualitativ gleichartige gesellschaftliche Verhältnisse regelt. Die Gliederung des Rechtssystems in Rechtszweig ist eine Voraussetzung für effektive Gesetzgebung und Rechtsverwirklichung sowie rechtswissenschaftlichen Forschungsarbeit. Rechtszweig des sozialistischen Rechtssystems sind unter anderem Staats-, Zivil-, Straf- und Arbeitsrecht.

Recife: Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco (Brasilien), am Atlantischen Ozean; 1,2 Millionen Einwohner; bedeutendes Handels- und Industriezentrum Nordostbrasiliens mit vielseitiger Industrie, unter anderem Erdölraffinerie, chemische, Zement-, Textil-, Nahrungsmittel-, Leder-, Papier-, Möbelindustrie; wichtiger Ausfuhrhafen, Flughafen; 2 Universitäten, Hochschule, Institute, Bibliotheken; Theater, Museen; Kirchen (17./18. Jahrhundert), spanische und holländische Bauwerke.

Reck: im Wettkampf 2,50 m hohes (Männer-) Turngerät zum Turnen von Schwungübungen; die Reckstange ist 2,40 m lang und hat 28 mm Durchmesser.

Recklinghausen: Kreisstadt in Nordrhein-Westfalen, am Rhein-Herne-Kanal; 120000 Einwohner; bedeutender Industriestandort im nördlichen Ruhrgebiet; Steinkohlebergbau, Kohleveredlung, Bau- und Metallindustrie; Hafen; Ikonenmuseum; Ruhrfestspiele.

Recklinghausensche Krankheit: nach dem Pathologen Friedrich Daniel von Recklinghausen (1833-1910) benannte Erkrankungen:

1. Recklinghausensche Krankheit, Osteodystrophia fibrosa generalisata (griechisch + lateinisch): Erkrankung des Knochensystems, die infolge Überfunktion der Nebenschilddrüsen (Adenom) zur Störung des Mineralstoffwechsels, zur Bildung von zahlreichen Knochenzysten und gesteigerter Knochenbrüchigkeit führt.

2. Recklinghausensche Krankheit, Neurofibromatose: erbliche Krankheit mit zahlreichen, aus Nervenbindegewebe bestehenden schmerzhaften Knoten an den Nervenzweigen der Haut und braunen Hautflecken.

Recknagel: 1. Alfred Fritz Max Recknagel, geboren 22.11.1910, Physiker, 1948/75 Professor an der TU Dresden; Arbeiten über angewandte Physik, Elektronengeräte unter anderem; mehrbändiges Lehrbuch «Physik» (1955/62).

2. Helmut Recknagel, geboren 20. 3. 1937, Olympiasieger und Weltmeister 1960, Weltmeister (Großschanze) 1962 im Spezialsprunglauf.

Reclam, Anton Philipp, 28.6.1807-5.1.1896, Verleger, veröffentlichte in seinem 1828 in Leipzig gegründeten Verlag griechische und lateinische Klassiker, Wörterbücher, wissenschaftliche Werke unter anderem Weltgeltung erlangte die 1867 begonnene «Universal-Bibliothek» (sogenannt Reclamhefte).

Reconquista: («Wiedereroberung») feudale Expansions- und Siedlungsbewegung der Völker der Pyrenäenhalbinsel im Kampf gegen die Mauren, welche die Halbinsel 711/18 erobert hatten. Ausgangspunkt war Asturien, doch gewann Kastilien im Verlauf der Reconquista die größere politische Bedeutung. Die sozialen Triebkräfte waren der hohe und niedere Adel, die Bauern, die dabei ihre persönliche Freiheit errangen, die Städte und seit Mitte des 12. Jahrhundert die geistlichen Ritterorden. Die Reconquista begünstigte die Herausbildung einer königlichen Zentralgewalt und endete 1492 mit der Eroberung Granadas.

Recorder: volkstümlicher Begriff für Kassettenrecorder, Radiorecorder und Videorecorder. Siehe auch Magnetbildaufzeichnung, Magnettongerät.

Recycling: Wieder-in-den Kreislauf-Bringen, zum Beispiel Abfälle als Sekundärrohstoffe dem Wirtschaftskreislauf wieder zuführen oder die den erdölexportierenden Ländern zufließenden Geldbeträge zum Abbau der dabei entstehenden Zahlungsbilanzdefizite der Importländer den Wirtschaften dieser Staaten wieder zufließen lassen, zum Beispiel durch Kreditaufnahme, Kapitalbeteiligung an Monopolunternehmen.

Redakteur: Fachkraft eines Zeitungs- oder Buchverlages, bei Rundfunk, Fernsehen oder in einer Nachrichtenagentur, gewinnt Autoren, bearbeitet Manuskripte, wählt Themen aus, verfasst Artikel und pflegt die Verbindung zu Lesern, Hörern, Zuschauern, den Rezipienten.

Redaktion: Gesamtheit der Redakteure eines Presse- oder Buchverlages, Rundfunksenders, Fernsehstudios, einer Nachrichtenagentur, Arbeitsstätte der Redakteure; auch Bearbeitung eines Textes für die Veröffentlichung.

Reddy, Neelam Sanjiva, geboren 19.5.1913, indischer Politiker, beteiligte sich als Mitglied der Kongresspartei aktiv an der nationalen Bewegung und war mehrfach Minister, 1977/82 Staatspräsident.

Rederijkers: aus dem städtlichen Bürgertum stammende Mitglieder der ab 1400 entstehenden niederländischen Rhetoriker Kammern, in denen Theaterstücke verfasst und aufgeführt wurden und man sich im Dichten nach Regeln übte; Blütezeit im 16. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert wurden die Rederijkers zum Inbegriff der literarischen Stagnation.

Redford, Robert, geboren 18.8.1937, US-amerikanischer Schauspieler und Filmproduzent; profilierte sich vor allem in realistischen kritischen Gegenwartsfilmen («Ein Mann wird gejagt», «Jene Jahre in Hollywood», «Alle Männer des Präsidenten», «Der elektrische Reiter»); schuf als Regisseur den Film «Eine ganz normale Familie».

Redl, Francesco, 18.2.1626-1.3.1698, italienischer Arzt, Natur- und Sprachforscher, Forschungen besonders über Insekten; widerlegte experimentell die sogenannte Urzeugung von Fliegen unter anderem

Redie: Individuum der zweiten ungeschlechtlichen Generation der Leberegel und anderer Saugwürmer, entsteht in einem Weichtier aus Keimballen der Sporozyste; erzeugt Zerkarien.

Redingote: figurbetonender (taillierter), durchgehend geschnittener Damenmantel mit Reverskragen, hervorgegangen aus dem englischer Männerreitrock des 18. Jahrhundert.

Rediskontierung: Rückdiskontierung; Weitergabe eines von einer kapitalistischen Bank im Diskontgeschäft erworbenen Wechsels an eine andere Bank (vor allem Zentralnotenbank) zur Geld- und Kreditbeschaffung.

redivivus: wiedererstanden, erneuert.

Redol, António Alves, 29.12.1911 bis 29.11.1969, portugiesischer Romancier; begründete den portugiesischen Neorealismus (Roman «Gaibéus», 1940); gestaltete zunächst das Leben und den Kampf landloser Bauern gegen die Großgrundbesitzer im Alentejo und in Nordportugal («Portweinzyklus», 1949/53); verband später gesellschaftskritische Darstellung mit psychologisch vertiefter Gestaltung persönlicher Konflikte («Ein Spalt in der Mauer», 1960).

Redoute: 1. Maskenball.

2. geschlossene Schanze, Befestigung.

Redoxin: (Kunstwort) elektronenübertragendes Protein, das entweder Eisen enthält (Ferredoxin) oder metallfrei ist (Thioredoxin).

Red River: rechter Nebenfluss des Mississippi, im Süden der USA; 1996 km; entspringt im Llano Estacado (Texas), am Oberlauf zur Bewässerung und Elektroenergiegewinnung aufgestaut (Lake Texoma mit 583 km2), mündet nördlich von Baton Rouge.

Redstone: Bezeichnung für eine aus einer militärischen Kurzstreckenrakete abgeleitete US-amerikanische Rakete, die 1960/61 zum Start der ersten Mercury-Raumflugkörper auf ballistischen Bahnen eingesetzt wurde. Siehe auch Mercury.

Réduit: letzter Verteidigungsring in einer Festung. Während des 2. Weltkrieges bezeichnete das «R. national» in der Schweiz ein unter Leitung des Generals Guisan errichtetes Verteidigungssystem an den Alpenpässen gegen einen möglichen faschistischen Angriff.

Reduktion: 1. allgemein Zurückführung; Herabsetzung, Einschränkung; Minderung.

2. Chemie: im engeren Sinne chemische Reaktion, in deren Verlauf einem Stoff Sauerstoff entzogen wird. Im weiteren Sinne bedeutet Reduktion eine Aufnahme von Elektronen durch Atome, Moleküle oder Ionen, so dass sich deren Oxydationszahl in negativem Sinne ändert. Eine Reduktion im weiteren Sinne wird durch elektronenabgebende Stoffe (Reduktionsmittel im weiteren Sinne) oder durch kathodische elektrochemische Vorgänge verursacht. Eine Reduktion im weiteren Sinne ist stets mit einer Oxydation gekoppelt. Siehe auch Reduktions-Oxydations-Reaktion.

3. Geschichte: Einziehung von Ländereien des schwedischen Adels zugunsten der Krone in der 2. Hälfte des 17. Jahrhundert; diese Ländereien waren im 16. und 17. Jahrhundert dem Adel für finanzielle Hilfe und Staatsdienste übereignet oder verpfändet worden.

4. Logik: im Unterschied zur Deduktion eine Methode des Schlussfolgerns, bei der nicht mit Sicherheit auf das Zutreffen einer Aussage geschlossen werden kann. Wichtige Arten der Reduktion sind Induktion und Analogieschluss; auch die Suche von möglichen Prämissen zu einer gegebenen Aussage, aus denen jene Aussage deduktiv ableitbar ist.

5. Phonetik: Abschwächung der Artikulation eines Vokals.

Reduktionen, Reducciones: Zwangsansiedlungen der Indianer durch die spanische Kolonialverwaltung in Lateinamerika, um sie der feudalen Ausbeutung und Christianisierung zu unterwerfen. Reduktionen hießen auch die Jesuitenmissionen in Paraguay.

Reduktionsmittel: Stoff zur Reduktion von Metallen aus Erzen u. ä. Reduktionsmittel sind meist kohlenstoffhaltige Stoffe, wie Kohlenmonoxid, Koks, aber auch Metalle, wie Aluminium, Silizium.

Reduktions-Oxydations-Reaktion, Kurzwort Redox-reaktion: chemische Umsetzung, bei der ein Reaktionspartner reduziert und der andere oxydiert wird. Bei einer Reduktions-Oxydations-Reaktion gibt das Oxydationsmittel Sauerstoffatome an das Reduktionsmittel ab; bei einer Reduktions-Oxydations-Reaktion nimmt das Oxydationsmittel Elektronen vom Reduktionsmittel auf. Jede Reduktions-Oxydations-Reaktion im weiteren Sinne ist eine Kombination zweier Reduktions-Oxydations-Systeme, zum Beispiel ergibt die Kombination der Systeme Zn/Zn2+ und H2/2H+ die bei der Umsetzung zwischen Zink und Salzsäure ablaufende Gesamtreaktion Zn + 2H+ —» Zn2+ + H2; hierbei ist Zn-» Zn2+ + 2e die Oxydation und 2e + 2H+—»H2 die Reduktion. In welcher Richtung eine beliebige Kombination zweier Reduktions-Oxydations-Systeme abläuft, hängt von deren Standardpotentialen ab. Das stärkere Reduktionsmittel (negativeres Potential, zum Beispiel Zn im System Zn/Zn2+ mit -0,76 V) reagiert mit dem stärkeren Oxydationsmittel (positiveres Potential, zum Beispiel H+ im System H2/2H+ mit 0 V) unter Bildung der weniger starken Partner (in2 beziehungsweise H2).

Reduktions-Oxydations-System, Kurzwort Redoxsystem-. aus einem Reduktionsmittel (Red) und dem zugehörigen («korrespondierenden») Oxydationsmittel (Ox) bestehendes Stoffsystem Red/Ox. Beide unterscheiden sich durch die Anzahl (n) der Elektronen e (und damit in der Oxydationszahl), so dass ein Reduktions-Oxydations-System durch die Beziehung Red Ox + n e dargestellt werden kann. Die von links nach rechts verlaufende (elektronenliefernde) Reaktion heißt Oxydation, die gegenläufige Reduktion. Beispiele für Reduktions-Oxydations-System das zuletzt angeführte System entspricht der Gleichung. Die Reduktions- beziehungsweise Oxydationsfähigkeit eines Reduktions-Oxydations-System, das heißt die Stärke seines Bestrebens, Elektronen abzugeben oder aufzunehmen, wird durch dessen Standardpotential zahlenmäßig erfasst. Durch Kombination zweier Reduktions-Oxydations-System ergibt sich eine Reduktions-Oxydations-Reaktion.

Redundanz: (lateinisch, «Weitschweifigkeit»)

1. Informationstheorie: ein Maß für die bei der Informationsübertragung überflüssige Anzahl von Zeichen (zum Beispiel beträgt die Redundanz der englischen Sprache 88 %). Für eine sichere Übertragung ist Redundanz unerlässlich, ebenso für das Lernen und Verstehen von Sprachen.

2. Zuverlässigkeitstheorie: Einsatz von Reserveelementen zur Erhöhung der Zuverlässigkeit technische Geräte.

Reduzate: Geochemie Sedimente, die bei hohem Reduktionspotential abgelagert wurden, zum Beispiel Kohlen mit Faulschlamm (Sapropelit, Gyttja).

Reed: 1. Dean Reed, 22.9.1938-13.6.1986 (Unfall), US-amerikanischer Volkssänger und Filmschauspieler; Mitglied des Weltfriedensrates; spielte zunächst in Westernfilmen Hollywoods; wurde wegen seines Kampfes gegen den Vietnamkrieg und Rassismus eingekerkert; lebte seit 1972 in der DDR und wirkte immer wieder an Brennpunkten des Friedenskampfes; Mitarbeit an verschiedenen Filmen, in der DDR besonders an «El Cantor» (1977; über V. Jara).

2. John Reed, 20.10.1887-17.10.1920, US-amerikanischer Publizist; Mitbegründer der KP; schrieb als Augenzeuge über die Oktoberrevolution «Zehn Tage, die die Welt erschütterten» (1919, deutsch); schuf die realistische Kunstreportage.

Reede: Warte- beziehungsweise Liegeplatz für Schiffe auf gekennzeichneten Wasserflächen vor der Küste (Außenreede) oder im Fluss beziehungsweise vor Hafenbecken (Innenreede), der ein sicheres Ankern gestattet.

Reeder: derjenige, der ein Seeschiff für Personen- oder Gütertransporte in seinem Namen betreibt. Der Reeder ist in der Regel nicht der Eigentümer.

Reel: alter nordischer Mehrpaartanz im 4/4-Takt mit schnellem Tempo in zahlreichen Varianten; in England, Irland, Schottland, Dänemark überliefert; ursprünglich mit Dudelsackbegleitung.

Reep: seemännische Bezeichnung für ein dickes Hanf- oder Drahttau (teils auch Kette), oft von bestimmter Länge für einen bestimmten Zweck (zum Beispiel Bojereep).

Reetdach: mit Schilf oder Stroh gedecktes Dach mit gutem Kälte- und Wärmeschutz.

Reexport, Wiederausfuhr: Weiterverkauf einer importierten Ware in unverändertem Zustand (außer Verpacken oder Sortieren). Der Reexport ist eine Form des Zwischen- beziehungsweise Transithandels.

Refektorium: gemeinschaftlicher Speisesaal eines Klosters (in Ordensburgen Remter, Rempter).

Referat: 1. Vortrag, gutachtlicher Bericht; Besprechung eines Buches.

2. selbständig geleitetes Sachgebiet, Abteilung, Fachbereich einer Behörde.

3. Information und Dokumentation schriftlicher, kurzgefasster Bericht über den erfassungs- und wiedergabewürdigen Inhalt von Informationsquellen, der zugleich informationsgerecht und speicherfähig sein soll.

Referent: 1. Berichterstatter, Vortragender.

2. Bearbeiter eines Sachgebiets bei staatlichen Organen.

Referenz: glaubwürdige Auskunft; Empfehlung; auch die Referenzen erteilende Person.

Referenzdiode, Referenzelement: Halbleiterbauelement mit sehr hoher Spannungskonstanz und sehr kleinem Temperaturkoeffizienten; Reihenschaltung von Z-Dioden und normalen Halbleiterdioden in Flussrichtung zwecks Kompensation des Temperaturkoeffizienten; Anwendung als hochpräziser Sollwertgeber für elektronisch stabilisierte Stromversorgungen und als Sollwertquelle in verschiedenen analogen Schaltungen (zum Beispiel Präzisionsstromquellen).

Reffen: zeitweiliges Verkleinern der Fläche eines Segels bei Sturm durch Raffen (Bindereff) oder Aufrollen auf den Segelbaum (Patentreff).

Refinanzierung: Aufnahme von Krediten (Refinanzierungskredite) durch Kreditinstitute zur Beschaffung von Mitteln für die eigene Kreditgewährung. Im Sozialismus gewährt die Staatsbank Refinanzierungskredite an die Kreditinstitute im Rahmen der Kreditplanung, im Kapitalismus erfolgt sie vor allem in Form der Rediskontierung von Wechseln bei der Zentralbank.

Refiner: Papierherstellung Maschine zur Aufbereitung (Mahlung) von Faserstoffen; unterschieden werden Kegelrefiner und Scheibenrefiner. Kegelrefiner (Firmenbezeichnung zum Beispiel Hydromühle) bestehen aus konischen, messerbesetztem Stator und messerbesetztem, zur Veränderung des Mahlspalts axial verschiebbarem Rotor; bei Scheibenrefiner gibt es 3 Haupttypen:

a) mit 1 feststehenden und 1 rotierenden Scheibe;

b) mit 2 gegenläufig rotierenden Scheiben;

c) mit 2 feststehenden und 1 (mittleren) rotierenden Scheibe. Bei entsprechender Anordnung gewährleisten Refiner stetigen Durchfluss und gute Regelbarkeit des Mahlprozesses, so dass sie den Holländer weitestgehend verdrängt haben.

Reflektant: Bewerber, Bieter.

reflektieren: zurückstrahlen, spiegeln; nachdenken; etwas erstreben; sich um etwas bemühen.

Reflektor: 1. Spiegelteleskop.

2. Antenne.

3. Spiegel zur Reflexion der von einer Lichtquelle nach hinten abgegebenen Strahlung, die damit zur Beleuchtung des Objekts beiträgt.

Reflex: 1. allgemein Widerschein, Rückstrahlung.

2. Physiologie: gesetzmäßig wiederkehrende Reaktion des Organismus auf eine Reizung seiner Rezeptoren durch die Tätigkeit des Zentralnervensystems. Unterschieden werden einfache Reflex und erworbene. Einfache (unbedingte) Reflex sind angeborene Mechanismen, mit denen bestimmte Reizsituationen beantwortet werden. Kennzeichen solcher Reflex sind unter anderem der starre Ablauf, das heißt, unter gleichen Bedingungen erfolgt die Reaktion stets in gleicher Weise (beim Menschen ohne Beteiligung des Bewusstseins), und das Vorhandensein einer Reflexbahn oder eines Reflexbogens, der im allgemeinen aus Rezeptor (Sinnesorgan), afferenter Bahn, Reflexzentrum (Umschaltstelle im Gehirn), efferenter Bahn und Effektor (Erfolgsorgan) besteht. Beispiele für solche Reflexe sind zahlreiche Schutzreflex, wie Lidschlussreflex, Niesreflex, Wischreflex und Kratzreflex. Erworbene (bedingte) Reflex unterscheiden sich von den einfachen grundlegend darin, dass sie im Individualleben erworben worden sind. Wird zum Beispiel mit einem natürlichem Reiz (Futterangebot bei Tieren) ein neutraler Reiz geboten (Licht- oder Tonsignal), löst dieser nach mehrfacher Wiederholung den Reflex (Speichelsekretion) auch allein aus.

Reflexion: 1. Vertiefung in einen Gedankengang, konzentriertes Nachdenken; Betrachtung; Selbstbeobachtung.

2. Richtungsänderung einer Welle (elektromagnetischen oder elastische Welle, wie Schall- oder Erdbebenwelle) an der Grenzfläche zweier Stoffe unterschiedliche Dichte, insbesondere Richtungsänderung einer Lichtwelle an der Oberfläche von Stoffen. Reguläre Reflexion (Spiegelung) tritt dabei an polierten Oberflächen auf. Es gilt das Reflexionsgesetz: Der einfallende und der reflektierte Lichtstrahl liegen mit der Flächennormalen (Einfallslot) in einer Ebene (Einfallsebene) und bilden mit dem Einfallslot Winkel gleicher Größe. Das Verhältnis aus reflektiertem und einfallendem Lichtstrom ist der Reflexionsgrad g. Dieser liegt bei metallischen Oberflächen oft nahe bei eins, ist aber wellenlängenabhängig (selektive Reflexion). An transparenten Oberflächen hängt q vom Einfallswinkel und den Brechzahlen n und H beiderseits der Grenzfläche ab. Bei senkrechtem Lichteinfall beträgt e = (rt n)2/(rt + n)1. An rauen Oberflächen tritt diffuse Reflexion (Remission) auf, bei der das Licht in den gesamten Halbraum gestreut wird. Siehe auch Totalreflexion.

Reflexionshorizont: physikalische Grenzfläche im geologischen Schichtenaufbau, die von der Erdoberfläche ausgesandte seismische Wellen reflektiert.

Reflexionsnebel: Ansammlung interstellarer Materie, in der der Staub das Licht benachbarter Sterne reflektiert.

Reflexionsseismik: Hauptverfahren der Seismik; registriert und ausgewertet werden dabei künstlich erzeugte, an Reflexionshorizonten reflektierte seismische Wellen. Die von der Reflexionsseismik erstellten Darstellungen dieser Horizonte bilden eine wichtige Voraussetzung für die Lagerstättenerkundung.

Reflexivpronomen, rückbezügliches Fürwort-. Pronomen, das sich als Objekt auf das Subjekt des Satzes bezieht, zum Beispiel er wäscht «sich».

Reflexkopie, Reflektographie: Kontaktkopierverfahren, bei dem durch den Schichtträger eines im Kontakt mit der Vorlage befindlichen Spezialpapiers belichtet wird. Ergebnis ist ein Negativ, von dem in gleicher Weise beliebig viele Positive angefertigt werden können. Siehe auch Fotokopie.

Reflexmaterial: für die Beschichtung vorwiegend von Verkehrsschildern entwickelter Belag, der während der Dunkelstunden Scheinwerferlicht von Kfz blendfrei reflektiert und dadurch eine große Sicht- (Trag-) Weite des Schilderinhalts garantiert.

Reflextod: Herzstillstand durch plötzliche sehr starke Reizung bestimmter Teile des vegetativen Nervensystems, zum Beispiel beim Badetod, beim «Verschlucken» eines sehr großen Bissens (Bolustod), bei einem kräftigen Schlag oder Griff an den Hals.

Reform: 1. allgemein Erneuerung oder Umgestaltung eines Zustandes oder einer Lehre ohne grundsätzlichen Bruch mit der Überlieferung.

2. Philosophie: gesellschaftliche Veränderung im Rahmen der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Im Kampf der Arbeiterklasse bilden Reform und Revolution eine dialektische Einheit; die Arbeiterklasse kämpft für Reform, die ihre Existenz- und Kampfbedingungen verbessern und die Mobilisierung der werktätigen Massen für den revolutionären Kampf fördern. Die Beschränkung des Kampfes auf Reform ist Reformismus und bedeutet Verzicht auf die historische Mission der Arbeiterklasse. Reformen in der sozialistischen Gesellschaft dienen der Durchführung herangereifter Aufgaben bei der Entwicklung des Sozialismus (Hochschulreflex, Wirtschaftsreflex). Bodenreflex und Schulreflex sind revolutionäre Umwälzungen.

Reformatio In peius: (lateinisch, «Veränderung zum Schlechteren») Abänderung eines Urteils im Rechtsmittelverfahren zum Nachteil des Betroffenen.

Reformation: 1. allgemein Erneuerung; innere Umgestaltung; Verbesserung.

2. Geschichte: auf Reform der Kirche und Veränderungen der Gesellschaft drängende Bewegung im 15./16. Jahrhundert; erfasste fast alle europäischen Länder im Machtbereich der katholischen Kirche. Bereits Ende des 14. Jahrhundert gewannen die Vorstellungen radikaler Reformer wie J. Wyclif und J. Hus größere gesellschaftliche Resonanz. Im 15. Jahrhundert gab es Bemühungen, durch Reformkonzilien und innerkirchliche Reformen (insbesondere in geistlichen Orden) Auswüchse in der katholischen Kirche zu beseitigen. Es wurden auch Reformschriften (Reformation Kaiser Sigismunds) verbreitet; während des Bauernkrieges knüpfte das Heilbronner Programm an eine dieser Schriften an. In Deutschland begann die Reformation mit M. Luthers Thesenanschlag zu Wittenberg (31. 10. 1517), sie bildete die erste Phase der frühbürgerlichen Revolution. Die zunächst gegen Papsttum und katholische Kirche gerichtete Bewegung erfasste große Teile der Gesellschaft. Unterschiedliche soziale Interessen, politische Forderungen und Auffassungen führten 1521 zu einer Differenzierung. Neben dem bürgerlich-gemäßigten Flügel (Luther) entstanden ein radikal-bürgerlicher Flügel (H. Zwingli, A. Karlstadt), der tiefgreifendere Veränderungen in Theologie und Kirche erstrebte, und eine radikale, reformatorische Volksbewegung (T. Müntzer). Nach der Niederlage der Bauern und ihrer Verbündeten 1524/26 nutzten die Protestant, deutschen Fürsten die lutherische gemäßigte Reformation zur Festigung des Territorialstaates aus. Die Reformation Luthers trieb die Lösung grundlegender Widersprüche der Feudalgesellschaft in europäischen Ländern voran und beschleunigte damit den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus.

Reformation Kaiser Sigismunds, Reformatio Sigismundi: anonyme Schrift zur Reichsreform, 1439 abgefasst; forderte unter anderem Stärkung der Zentralgewalt, Trennung von Kirche und Staat, Aufhebung der Zünfte und Handelsgesellschaften sowie einheitliche Münze, wandte sich gegen die Leibeigenschaft; war das radikalste, politisch jedoch nicht umgesetzte deutsche Reformprogramm vor 1523.

Reformationsfest: Gedenktag (31.10.) der evangelischen Kirche zur Erinnerung an den Thesenanschlag von M. Luther 1517; zuerst (seit 1667) in Sachsen begangen. Siehe auch Reformation 2.

Reformieren, Reforming: Verfahren zur Umwandlung von Schwerbenzin mit dem Ziel, den Anteil an verzweigtkettigen, naphthenische und insbesondere aromatische Kohlenwasserstoffen zu erhöhen. Beim katalytischen Reformieren wird ein Benzin-Wasserstoff-Gemisch bei 1 bis 6 MPa und 450 bis 500 °C über einen Katalysator (vorwiegend Platin auf Aluminiumoxid) geleitet. Durch Reformieren wird die Klopffestigkeit des Benzins verbessert; zur Aromaten Gewinnung setzt man besonders naphthenreiche Benzine und spezielle Katalysatoren ein.

Reformierte: Kirchen- und Religionsgemeinschaften, die aus der Schweizer Reformation durch Zwingli und Calvin entstanden sind, beziehungsweise deren Anhänger, breiteten sich besonders in Frankreich (Hugenotten), England (Puritaner) und Holland aus; heute größtenteils im Reformierten Weltbund (gegründet 1875) zusammengeschlossen, der Christen von fast 160 Kirchen aus etwa 75 Ländern vertritt; charakteristisch ist strenge Bindung an die Bibel, die Lehre von der Prädestination, schlichte gottesdienstliche Formen sowie Leitung durch Gemeindeälteste.

Reformismus: Erscheinungsform bürgerlichen Ideologie und Politik in der Arbeiterbewegung, Strömung des Opportunismus. Der Reformismus der behauptet, die Arbeiterklasse könne ohne Revolution zum Sozialismus gelangen, lehnt den revolutionären Klassenkampf und die Diktatur des Proletariats ab (Politik des Revisionismus), begrenzt den Kampf der Arbeiterbewegung auf die Ökonomie (Utopie der «Sozialpartnerschaft») und auf den bürgerlichen Parlamentarismus (Illusion vom Hinüberwachsen des Kapitalismus in den Sozialismus mittels Reformen) und führt zur Unterordnung der Arbeiterklasse unter bürgerlicher Politik und Ideologie. Starke, zum Teil dominierende antikommunistische Vorbehalte verhindern die Überwindung der Spaltung der Arbeiterbewegung, erschweren die Herstellung der Aktionseinheit und tragen damit zur Sicherung der Macht des Monopolkapitals bei. In der nationalen Befreiungsbewegung verbinden sich mit dem Reformismus antikoloniale und antiimperialistische Bestrebungen. Im Kampf um Frieden und sozialen Fortschritt tritt die kommun ist. Weltbewegung für die Aktionseinheit aller Strömlingen der Arbeiterbewegung ein. Unter den heutigen Bedingungen der Bedrohung der Menschheit durch ein atomares Inferno im Gefolge der Politik der aggressivsten imperialistischen Kreise erweist sich eine Koalition des Realismus und der Vernunft im Interesse der Sicherung des Friedens mit reformistischen Kräften als real möglich.

Reformkleid: den natürlichen Körperformen entsprechende Frauenkleidung (ohne Taillenquernaht, durchgehend von den Schultern bis zum Saum) um 1900 im Unterschied zur Korsettmode des 19. Jahrhundert.

Reformpädagogik: Sammelbegriff für verschiedene bürgerliche pädagogische Theorien, die auf die Herausbildung des Imperialismus mit einer auf die Erhaltung der Ausbeuterordnung gerichteten Reform von Bildung und Erziehung reagierten und die Notwendigkeit einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft leugneten. Kennzeichnend sind reaktionäre ideologische Positionen, individualistische Tendenzen, die Auflösung des Klassen- und Fachunterrichts und in deren Folge die Senkung des Bildungsniveaus. Daneben finden sich Gedanken zur Überwindung schematischen Lehr- und Lernmethoden, zur Verbesserung des Elementarunterrichts sowie die Betonung der Selbsttätigkeit und der manuellen Tätigkeit.

refraktär: unempfindlich, unempfänglich.

Refraktärzeit: Periode der Unerregbarkeit nach Ablauf einer Erregung, zum Beispiel in einer Nervenfaser nach Ablauf eines Aktionspotentials. Bei Nerven und Muskeln beträgt die Refraktärzeit 1 bis 4 ms als absolute Refraktärzeit (absolute Unerregbarkeit) beziehungsweise 1,3 bis 6 ms als relative Refraktärzeit, das heißt starke Reize sind bereits wieder wirksam, um eine neue Erregung auszulösen.

Refraktion:

1. Astronomie: Ablenkung des Lichts eines Gestirns durch Brechung auf seinem Weg durch die Erdatmosphäre.

2. Augenheilkunde: Gesamtbrechkraft des optischen Systems des Auges im Verhältnis zur Netzhaut.

3. Optik: Brechung.

Refraktionsseismik: Verfahren der Seismik; untersucht werden Tiefenlage und Verbreitung einzelner Horizonte beziehungsweise bestimmter physikalischer Inhomogenitäten in der Erdkruste anhand künstlich angeregter Erschütterungswellen, die an Gesteinsgrenzen im Untergrund gebrochen und an der Erdoberfläche registriert wurden.

Refraktometer: optisches Gerät zur Messung der Brechzahl von festen und flüssigen Stoffen. Beim Pulfrich-Refraktometer trifft ein Lichtbündel streifend auf die Grenzfläche zwischen der Probe und einem Prisma bekannter Brechzahl rl auf. Diese muss größer sein als die zu bestimmende Brechzahl n der Probe. Der Grenzwinkel der Totalreflexion «b wird gemessen und daraus n = rl sin «o berechnet.

Refraktometrie: Verfahren zur Identifizierung und Analyse von Flüssigkeiten und Feststoffen, dem die Bestimmung der Brechzahl zugrunde liegt.

Refraktor, Linsenfernrohr: astronomisches Fernrohr mit einer Sammellinse als Objektiv. Visuelle Refraktor sind für Beobachtungen mit dem Auge bestimmt und dienen heute nur noch Sonderaufgaben, zum Beispiel in der Doppelsternforschung. Refraktor für fotografische Himmelsaufnahmen heißen Astrographen. Bei ihnen wird das vom Objektiv erzeugte Bild auf einer Fotoplatte in der Brennebene registriert. Ihr Objektiv besteht aus mehreren Linsen, und sie können ein großes Himmelsgebiet abbilden.

Refugialgebiet: Rückzugs- oder Erhaltungsgebiet von Lebewesen während ungünstiger Klimaperioden, wie zum Beispiel den Eiszeiten.

Réfugiés: (französisch, «Flüchtlinge») die während der Religionskriege und -Verfolgungen, besonders nach Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) aus Frankreich vertriebenen über 50000 hugenottische Familien. Die Réfugiés gewannen als Handwerker, Kaufleute und Intellektuelle für ihre neue Heimat (unter anderem England, Niederlande, Brandenburg) große wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung.

Refugium: Zufluchtsort.

Regal: 1. Regal (deutsch germanisch): Traggestell zur zweckmäßigen und übersichtlichen Aufbewahrung von Stückgut; zum Beispiel Fachbodenregal, Durchlaufregal, Paletten Regal.

2. Regal (französisch): kleine, tragbare Orgel mit meist nur einem Zungenregister; im 15./17. Jahrhundert besonders als Begleitinstrument gebräuchlich.

Regalförderer, Spezialmaschine für Umschlagarbeiten an Regalen, insbesondere in mit Regalen ausgerüsteten Lagern zum Ein- und Auslagern von kompletten Ladeeinheiten (unter anderem Flach- und Langgutpaletten) sowie Einzelteilen von Ladeeinheiten zur Kommissionierung.

Regalien: im Feudalismus zunächst vom König, später auch von anderen territorialen Herrschern ausgeübte und verliehene wirtschaftlich nutzbare Hoheitsrechte (Zoll-, Münz-, Post-, Salz-, Bergregal u. ä.); zum Teil noch heute in bürgerlichen Staaten gebräuchliche Bezeichnung, zum Beispiel Postregal.

Regatta: Veranstaltung von Wettkämpfen im Kanu-, Ruder-, Segel- und Motorbootsport. Vorschriften für Regattastrecken werden für internationale Meisterschaften von den jeweiligen internationalen Föderationen erlassen.

Regel:

1. Medizin: Menstruation.

2. Methodologie: Aufforderung, Anleitung, Anweisung zur Ausführung oder Unterlassung praktisch-gegenständlicher Handlungen oder gedanklicher Operationen zur Erreichung bestimmter Ziele.

Regelabweichung: Abweichung zwischen Regel- und Führungsgröße beziehungsweise zwischen Ist- und Sollwert bei konstanten Führungsgrößen.

Regelation: (dat., «Wiedergefrieren») Eigenschaft des Eises, ohne Erwärmung auf Temperaturen über 0 °C unter Druckeinwirkung zu schmelzen und bei Druckerniedrigung wieder zu erstarren; beruht darauf, dass der Schmelzpunkt des Eises mit steigendem Druck sinkt. Die Regelation erklärt zum Beispiel das Fließen der Gletscher.

Regeleinrichtung: Gesamtheit der Glieder, die der Beeinflussung einer Regelstrecke beziehungsweise einer Regelgröße durch ein Stellglied dienen; umfasst Messglieder, Messumformer, den Regler im eigentlichen Sinn (zur Realisierung eines gewünschten Regelalgorithmus) sowie Stellantriebe. Zunehmend werden Mikrorechner als digitale Regler eingesetzt (siehe auch direkte digitale Regelung). Zwei- beziehungsweise Dreipunktregler sind Regler, deren Ausgangsgröße nur 2 beziehungsweise 3 diskrete Werte annehmen kann (Zwei- beziehungsweise Dreipunktsignal).

Regelfläche: durch stetige Bewegung einer Geraden im Raum erzeugte Fläche; zum Beispiel Zylinderfläche, Kegelfläche.

Regelgröße: Größe, die mittels Regelung einer gewünschten Führungsgröße angeglichen werden soll; bildet die Ausgangsgröße einer Regelstrecke.

Regelkreis:

1. Physiologie: Verschaltung von Rezeptoren, nervalen oder hormonellen Zentren mit bestimmten Effektoren, zum Beispiel Muskeln oder Drüsen, zur Konstanthaltung der Funktionsgrößen des Organismus (Blutdruck, Hormonkonzentrationen unter anderem). In den Regelkreis kommt es zu Rückkopplungen, die positiv oder negativ sein können (Feedback). Analog der technischen Begriffe können die Rezeptoren als Messfühler, die Effektoren als Stellglieder oder -motoren und die zu beeinflussenden Bestimmungsgrößen als Regelgrößen aufgefasst und mathematisch behandelt werden.

2. Technik: Regelung.

Regelröhre, Exponentialröhre: Elektronenröhre mit exponentieller Strom-Spannungs-Kennlinie zur automatischen Verstärkungsregelung in Funkempfängern.

Regelstrecke: Teil einer Anlage, der durch Regelung beeinflusst wird und dessen Änderungen für die Ausführung der Regelungsaufgabe Bedeutung haben (vom Steileingriff bis zum Messort für die Regelgröße).

Regelung: Steuerung eines Systems mit Rückführung der gesteuerten Größe (der Regelgröße), wobei letztere fortlaufend gemessen und mit ihrer Führungsgröße verglichen wird. Tritt eine Regelabweichung zwischen beiden auf, erfolgt ein Eingriff (eine Steuerung) in der Weise, dass die Regel an die Führungsgröße angeglichen wird. Auf diese Weise entsteht ein geschlossener Wirkungskreis, der Regelkreis. Dieser hat die Fähigkeit, eintretende Störungen auszugleichen und die Steuerungsaufgabe auch bei (mäßigen) Änderungen der Systemeigenschaften zu erfüllen. Eine Mehrgrößenregelung ist eine Regelung mit wenigstens 2 Regelgrößen, wobei die zugehörigen Regelkreise miteinander verkoppelt sind, so dass Regelungsvorgänge in einem Kreis solche in allen anderen Kreisen auslösen. Eine vermaschte Regelung verwendet zusätzliche Hilfsregel- oder Hilfsstellgrößen, wodurch aus dem einschleifigen Regelkreis ein mehrschleifiger entsteht. Siehe auch Extremwertregelung, Kaskadenregelung, Steuerung 1.

Regelungstechnik: Teilgebiet der Automatisierungstechnik, das die Methoden und Einrichtungen zur automatischen Einhaltung, programmgemäßen Änderung (Programmregelung) oder Optimierung von physikalisch-technischen Größen, möglichst unabhängig von äußeren ungewollten Einflüssen (Störgrößen), umfasst

Regelungstheorie: Theorie der (Stabilitäts-) Analyse und Synthese von Regelungssystemen. In der klassischen Regelungstheorie erfolgt die Synthese durch Bemessung oder Optimierung der Parameter vorgegebener Regeleinrichtungen zur Rückführung der Regelgrößen besonders mittels Frequenzgang-Methoden. In der modernen Optimal-Steuerungstheorie erfolgt die Synthese von Reglern zur Rückführung des Zustandes des zu regelnden Systems ohne strukturelle Einschränkungen durch Minimierung eines Zielfunktionals (dynamische Optimierung).

Regelwidrigkeit, Regelverletzung, Regelverstoß: Nichtbeachtung der von der zuständigen Internationalen Sportföderation festgelegten Wettkampfbestimmungen. entsprechend der Schwere und Häufigkeit der Regelwidrigkeit erfolgt Ermahnung, Verwarnung, Feldverweis, Disqualifikation, Freistoß, Strafstoß unter anderem

Regen: Niederschlag in flüssiger Form, der sich in Wolken gebildet hat und nach Erreichen einer bestimmten Tropfengröße ausfällt Aus Schichtwolken fällt in der Regel länger anhaltender, kleintropfiger Regen bei relativ gleichbleibender Intensität, aus Quellwolken großtropfiger Regen mit kurzzeitig oft sehr hoher Ergiebigkeit. Gelegentlich führt erodierter Staub zu gefärbten Regentropfen. Siehe auch Nieselregen, Schauer.

Regenbogen: durch Brechung, Reflexion und Beugung des Lichtes entstehende, kreisbogenförmige atmosphärische Erscheinung, die beobachtet wird, wenn die Sonne im Rücken des Beobachters steht und in eine in Blickrichtung liegende Regenwand scheint. Der Regenbogen besteht aus den Spektralfarben, wobei Rot außen liegt. Es kann noch ein dazu konzentrischer, darüber liegender Nebenregenbogen mit umgekehrter Farbfolge auftreten.

Regenbogenfische, Melanotaeniidae: prachtvoll schillernde kleine Süßwasserfische Australiens und Neuguineas; beliebte Aquarienfische.

Regenbogenhautentzündung, Iritis: Entzündung der Regenbogenhaut des Auges durch Entzündungen der übrigen Augenabschnitte (Hornhaut) oder im Körper (Rheuma), Eiterherde (Zahninfekte und chronischen Mandeleiterung) oder nach durchbohrenden Verletzungen; gefährlich durch Verwachsung und Verklebung (Gefahr des Sekundärglaukoms und des Katarakts).

Régence: (französisch, «Regentschaft») Stilrichtung der französischen Kunst im 1. Viertel des 18. Jahrhundert unter der Regentschaft Philipps von Orléans; die steife Pracht der Kunst unter Ludwig XIV. wurde abgelöst von leichteren, beschwingten Formen.

Regenerat: aus Abfall oder Altmaterial gewonnener Stoff (besonders Werkstoff), der möglichst die ursprünglichen Eigenschaften besitzt.

Regeneration: (lateinisch, «Erneuerung») Fähigkeit eines Organismus, verletzte, abgestorbene oder verlorengegangene Körperteile mehr oder weniger vollständig zu ersetzen, im weiteren Sinne auch ihren Verlust zu kompensieren. Regenerationserscheinungen treten bei Pflanzen und Tieren auf.

Regenerativfeuerung: Feuerung mit Wärmeaustausch zwischen den abziehenden heißen Verbrennungsgasen und der zugeführten kalten Verbrennungsluft; angewendet im Siemens-Martin Verfahren, eingeführt 1856 von F. Siemens.

regenerieren: wiederherstellen; erneuern; auffrischen, wieder wirksam machen.

Regenpfeifer, Charadriidae: Familie kräftiger, gedrungener, kurzschnäbliger Vögel aller Erdteile; häufig in Wassernähe lebend; Jungvögel sind Nestflüchter. In Eurasien auf Sandflächen und trockenem Schlamm an Binnengewässern der 17 cm lange Flussregenpfeifer (Charadrius dubius), in Tundren und Hochmooren brütet der 26 cm lange Goldregenpfeifer (Pluvialis apricarius).

Regenpfeifervögel, Charadriiformes: weltweit verbreitete Wasser-, Sumpf- und Strandvögel, deren Geschlechter meist gleich gefärbt sind; ernähren sich fast ausschließlich von niederen Tieren. Siehe auch Austernfischer, Kiebitz 1, Rennvogel, Triel.

Regenschreiber, Pluviograph: Registriergerät für flüssigen Niederschlag, das neben der Regenmenge auch eine Information über die Dauer und die Intensität des Niederschlags liefert.

Regent: regierender Monarch; in Stellvertretung Regierender (zum Beispiel bei Minderjährigkeit des Monarchen).

Regenwald: üppiger, immergrüner Laubwald der feuchten Tropen, zum Beispiel im Amazonasgebiet.

Regenwürmer, Lumbricidae: Familie der Wenigborster; Regenwürmer sind wenige Zentimeter bis 3 m lang; leben in feuchter Erde, Laub, Kompost unter anderem; ernähren sich von organischen Stoffen, die sich in der beim Graben verschluckten Erde befinden, sowie von verwesenden Pflanzenteilen, die direkt in die Wohnröhre hineingezogen werden; Bodenlockerer und Humusbildner.

Regenzeit: 1. Pluvialzeit.

2. durch starke Regenfälle gekennzeichnete Jahreszeit in den Tropen (zwei Regenzeit) und Subtropen.

Regenzeitfeldbau, Regenfeldbau: an die einfache und doppelte Regenzeit in den Tropen gebundene Form des Bodenbaus (vorwiegend Grabstock- oder Hackbau).

Reger, Max, 19.3.1873-11.5.1916, Komponist; war, nach Studienjahren bei H. Riemann, 1907/16 Professor am Leipziger Konservatorium und 1911/14 Leiter der Meininger Hofkapelle. An J. S. Bach geschult schuf Reger monumentale Orgel- und große Chorwerke mit oft überwältigenden, zuweilen auch überladenen Klangstrukturen. In feingliedrigen Kammermusiken, im umfangreichen Klavier- und Liedschaffen sowie in den seit 1904 entstandenen Orchesterwerken (besonders Variationen über Themen von J. A. Hiller, 1907, und W. A. Mozart, 1914) gelangte er zu einem abgeklärteren Reifestil. Sein umfangreiches Lebenswerk umfasst außer Bühnenmusik nahezu alle musikalischen Genres.

Regesten: Sammlung von Urkunden, Aktenschriftstücken und anderen historischen Quellen in Kurzfassung, die Ausstellungsort und -datum, Aussteller, Empfänger und den wesentlichen Inhalt enthält; effektive Editionsform historischer Texte für fachwissenschaftliche Zwecke.

Reggae: Form der populären Musik, die in den frühen 60er Jahren des 20. Jahrhundert als Mischform aus der US-amerikanischen Soulmusik und einheimische Folklore auf Jamaika entstand; gekennzeichnet durch ein markantes Rhythmusmodell aus der jamaikanische Folklore; in der 2. Hälfte der 70er Jahre weltweit verbreitet. Hauptvertreter B. Marley (1945-1980).

Reggio di Calabria: Stadt in Unteritalien, in der Region Kalabrien, Verwaltungszentrum der Provinz Reggio di Calabria an der Straße von Messina; 175000 Einwohner; Textilindustrie, Parfümherstellung; Hafen mit Eisenbahnfähre nach Messina; archäologisches Museum; Kathedrale.

Reggio nell'Emllia: Stadt in Oberitalien, in der Region Emilia-Romagna, Verwaltungszentrum der Provinz Reggio nell'Emllia am Nordhang des Apennin; 130000 Einwohner; Fahrzeug- und Landmaschinenbau, Metall-, Aluminium-, Textil-, Schuh- und chemische Industrie; Theater, Museum, Galerie; romanischer Dom, barocke Kirche Madonna della Ghiara (Ende 16. Jahrhundert).

Regle: Vorbereitung und künstlerische Leitung einer Theaterproduktion, eines Films, Fernseh- oder Hörspiels durch den Regisseur; seit Ende des 18. Jahrhundert gebräuchlich. Früher primär als koordinierende organisatorische Funktion aufgefasst, wurde die Regle seit Ende des 19. Jahrhundert immer mehr die bestimmende schöpferische Leistung einer Inszenierung.

Regieassistent: Mitarbeiter beziehungsweise künstlerischer und organisatorischer Helfer des Regisseurs.

Regiefotografie: Bezeichnung für Arten der Sach-, Mode-, Werbe-, Porträt- und Reportagefotografie, bei denen mittels zum Teil aufwendiger Vorbereitungsarbeiten die abzubildenden Gegenstände im Gegensatz zur Livefotografie inszeniert werden.

Regierungsauftrag: staatliche Entscheidung, durch die Kombinate oder Betriebe ohne Vertragsabschluss zu Leistungen für die Landesverteidigung oder innere Sicherheit verpflichtet werden.

Regime: Element der Staatsform, das die Mittel und Methoden der Ausübung der Staatsgewalt erfasst (politische Regime).

Regiment: 1. allgemein Herrschaft, Regierung, Leitung.

2. Militärwesen: Truppenteil.

Regina: Hauptstadt der Provinz Saskatchewan (Kanada), am Wascana Creek; 160000 Einwohner; Stahl-, Automontagewerk, Holz-, chemische, polygraphische Industrie, 2 Erdölraffinerien (Pipeline von Edmonton); Getreidehandel; Flughafen; Zweig der Universität von Saskatchewan; Kunstgalerie.

Regino von Prüm, gestorben 915, Abt des Klosters Prüm (Rheinland-Pfalz, BRD); verfasste eine von Beginn unserer Zeitrechnung bis 906 reichende Weltchronik, die besonders den Zerfall des fränkischen Großreichs und die Geschichte des Westfrankenreichs berücksichtigt.

Regiomontanus, eigentlich Johannes Müller, 6.6.1436 bis 6.7.1476, Mathematiker und Astronom; schuf die erste Gesamtdarstellung der Trigonometrie in Europa, erarbeitete trigonometrische und astronomische Tafeln; behandelte auch Extremwertaufgaben und zahlentheoretische beziehungsweise algebraische Probleme.

Regionalwissenschaften: Wissenschaften, die sich mit der Geschichte, Ökonomie, Politik, Kultur, Kunst, Sprache und Literatur eines Landes (zum Beispiel Chinawissenschaften, Japanwissenschaften) oder einer Region (zum Beispiel Afrikawissenschaften, Lateinamerikawissenschaften) beschäftigen; in der DDR institutionalisiert in Sektionen an Universitäten. Ausgehend von der Kenntnis und Vermittlung der National- oder Regionalsprache(n) untersuchen Regionalwissenschaften die verschiedenen Bereiche der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung des jeweiligen Landes beziehungsweise der Ländergruppe.

Regis-Breitingen: Stadt im Kreis Boma, Bezirk Leipzig, im Süden des Bomaer Braunkohlenreviers, an der Pleiße; 5000 Einwohner; im Stadtteil Regis Braunkohlenwerk und Instandsetzungswerk für Tagebautechnik.

Regisseur: Spielleiter; verantwortlicher künstlerischer Leiter einer Inszenierung im Theater beziehungsweise eines Films oder anderen Werkes der darstellenden Künste.

Register:

1. Buchwesen: meist alphabetisch geordnetes Verzeichnis der in einem Werk vorkommenden Begriffe (Sachregister, Personenregister, Namenregister, Ortsregister); siehe auch Index.

2. Musik: bei der menschlichen Stimme Tonbereich der gleichen Stimmlippen-Einstellung, zum Beispiel Brustregister oder Kopfregister; bei Orgel und Cembalo Pfeifenreihe beziehungsweise Saitenbezug einheitliche Bauart und damit einheitlichen Klangcharakters.

3. Polygraphie: bei zweiseitig bedruckten Bogen, in Bücherblocks unter anderem der deckungsgleiche Abdruck der Satzspiegel auf beiden Seiten.

4. Register, Puffer: Rechentechnik - Baugruppe in Rechenautomaten zum Aufbewahren eines Dualzahlwortes. Für jede Dualziffer enthält ein Register einen Flipflop. Im Vergleich zu Speichern besitzen Register eine kürzere Zugriffszeit und eine kleinere Kapazität. Siehe auch Schieberegister.

5. Recht: von einer Behörde geführtes Verzeichnis über rechtlich erhebliche Tatsachen, besonders Personen-, Orts- und Sachverzeichnisse.

Register der volkseigenen Wirtschaft: Verzeichnis der volkseigenen Kombinate, Betriebe und wirtschaftsleitenden Organe, das ihren Namen und Sitz, die gesetzlichen Vertreter und andere Angaben für den Rechtsverkehr enthält; wird vom Staatlichen Vertragsgericht geführt.

Registerregelung: elektronisch gesteuerte Vorrichtung an Rollenrotationsdruck- und Papierverarbeitungsmaschinen, die selbständig Pass- und Druckregisterdifferenzen (meist nur in Papierbahnlängsrichtung) ausgleicht. Die Registerregelung dient dem passgerechten Übereinanderdruck der Farben bei Mehrfarbendruck, Deckungsgleichheit von Schön- und Widerdruck unter anderem

Registertonne, Zeichen RT: Raummaß für die Seeschiffsvermessung; 1 RT = 2,83 m3 = 100 englischer Kubikfuß. In Bruttoregistertonne (BRT) wird der Bruttoraumgehalt, das heißt der Rauminhalt des gesamten Schiffes angegeben, in Nettoregistertonne (NRT) der gewinnbringende Nettoraumgehalt, das heißt der Inhalt der Lade- und Fahrgasträume.

Registratur: Informationsspeicher (Raum, Einrichtung) zur geordneten Aufbewahrung von Schriftgut (Schriftgutablage), Filmen unter anderem

Registraturgut: Gesamtheit der Schrift-, Bild-, Ton- beziehungsweise audiovisuellen Dokumente, die aus der Tätigkeit von Staatsorganen, Leitungen von Organisationen, Kombinaten, Betrieben und kulturellen Einrichtungen hervorgeht, auch bei Personen entsteht, in Registraturen konzentriert ist und zur Erfüllung ihrer Aufgaben dient; kann zu Archivgut werden.

registrieren: eintragen; aufzeichnen; einordnen, vermerken.

Registrierkasse: Maschine zur Aufrechnung, Aufzeichnung und Kontrolle von Kassenvorgängen im Bargeldverkehr. Die Bedienung erfolgt über Betrags- und Symboltasten. Die Beträge werden in Addierwerken verrechnet, im Indikator angezeigt und zum Beispiel auf Bons abgedruckt. Durch Einbau von längs- und querzählenden Addierwerken wird die Registrierkasse zur Buchungsmaschine beziehungsweise zum -automaten.

Reglement: Dienstvorschrift; Geschäftsanweisung, Geschäftsordnung.

Regreß: Recht Rückgriff eines zunächst in Anspruch genommenen Haftpflichtigen (zum Beispiel Versicherung) auf einen anderen Verantwortlichen (zum Beispiel den ihr gegenüber zum Schadensausgleich verpflichteten Schadenverursacher) oder Mitverantwortlichen.

Regression:

1. Geologie: Sedimentationszyklus.

2. Psychologie: Wiederauftreten psychischer Merkmale bereits überwundener Entwicklungsstadien bei erhöhter psychischer Belastung (zum Beispiel als Folge starker Frustration).

Regressionsanalyse: mathematische Statistik Verfahren, bei dem der Einfluss einer oder mehrerer Einflussgrößen auf eine Zielgröße an Hand von Stichproben untersucht wird. Dabei sind die Einflussgrößen im Allgemeinen keine Zufallsgrößen. Siehe auch Korrelationsanalyse.

Regressionslinien: mathematische Statistik Kurven, mit denen in der Regressionsanalyse der Zusammenhang zwischen zwei betrachteten Merkmalen beschrieben wird; die Wertepaare der Elemente der Stichprobe, auf deren Grundlage eine Regressionslinien berechnet wird, streuen um diese.

regressiv: rückschreitend, rückwirkend.

regulär: 1. allgemein regelrecht, regelmäßig; ordentlich; gewöhnlich.

2. Geometrie: Funktionentheorie.

reguläre Gestricke und Gewirke: Maschenware mit festen Randmaschen, nach Konfektions- (Körper-) Maßen gearbeitet. Die Einzelteile werden zusammengenäht.

Regulation: Medizin Abstimmung aller Körperfunktionen aufeinander durch die Tätigkeit des nervalen und endokrinen Systems (neurohormonelle Regulation). Die Regulation bewirkt, dass der Organismus trotz zahlreicher Störwirkungen, die sich aus der Umwelt und dem Innern des Organismus entwickeln, seine Funktionsfähigkeit aufrechterhält und sogar optimiert.

Regulativ: Anweisung, Ordnung, Verfügung.

Regulator: Ende des 19. Jahrhundert aufgekommene mechanische Wanduhr mit Pendel als Schwingsystem und einem dem Zeitgeschmack entsprechenden Gehäuse, bei der neben der Zugfeder auch die günstigeren Zuggewichtsstücke als Antrieb angewendet wurden. Bei Freischwingern befindet sich das Pendel außerhalb des Gehäuses.

Regulierungsedikte: Gesetze (1811, 1816, 1850) zur «Regulierung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse» in Preußen. Ausgehend vom Oktoberedikt (1807) hatten die Regulierungsedikte die bürgerliche Umgestaltung der feudalen Ausbeutungs- und Eigentumsverhältnisse in der Landwirtschaft zum Inhalt. Nutznießer waren die Großgrundbesitzer, die sich den Bauern geraubten Boden aneigneten und mit Hilfe der Ablösungsgelder ihre feudalen Gutswirtschaften in kapitalistisch betriebene Junkergüter umgestalteten. Ein Teil der mittleren und kleinen Bauern wurde ruiniert und in freie Lohnarbeiter verwandelt.

Regulus: (lateinisch, «kleiner König»)

1. Astronomie: hellster Stern im Sternbild Löwe; ein Dreifachstern, Helligkeit lf34.

2. Regulus: Metallurgie - Metallklumpen, der sich beim Schmelzen von Metallen unter der Schlacke bildet. Auch das gediegene Metall wird (im Unterschied zum vererzten) als Regulus bezeichnet.

Reh, Capreolus capreolus: nur im Winter gesellig in «Sprüngen» lebender Trughirsch, sonst Einzelgänger; Sommerfell rot-, Winterfell graubraun; in Europa, Südsibirien und in der Mandschurei verbreitet; Nacht- und Tagtier. Das Männchen wird Bock, das Weibchen Ricke, das Junge Kitz genannt; das Geweih (Gehörn) ist geperlt und hat 3 (selten mehr) Enden; die weiße Fläche um den Schwanz heißt Spiegel. Siehe auch Hirsche.

Rehabilitation:

1. Medizin: in der sozialistischen Gesellschaft Komplex staatlicher, sozialökonomischer, medizinischer, beruflicher, pädagogischer, psychologischer und anderer Maßnahmen, der zu einer wirksamen und frühzeitigen Ein- beziehungsweise Wiedereingliederung von Personen mit angeborenen oder erworbenen Schäden in das aktive gesellschaftliche Leben führt.

2. Rehabilitation, Rehabilitierung: Recht Ehrenrettung; Komplex staatliche (insbesondere gerichtliche) und gesellschaftliche Maßnahmen, die zur Wiederherstellung der durch ein Strafverfahren oder eine Straftat berührten Ehre einer Person dienen; in der Verfassung und Straf-prozessordnung der DDR geregelt.

Rehabilitationspädagogik: Zweig der Pädagogik, der sich mit der Entwicklung, Erziehung und Bildung körperlich oder geistig behinderter Kinder und Jugendlicher befasst; untersucht Inhalt und Prozess der Erziehung und Bildung in den Einrichtungen des Sonderschulwesens.

Rehabilitationstraining, Rehabilitationssport: körperliche und sportliche Übungen zur weitgehenden Wiederherstellung der ursprünglichen Leistungsfähigkeit bei planmäßiger und systematischer Belastung nach Leistungseinbuße durch Verletzung, Schädigung oder Erkrankung.

Rehantilope, Rehböckchen, Pelea capreolus: rehgroßer, schlanker Paarhufer mit kleinen Hörnern; lebt gesellig im buschbestandenen Bergland Südafrikas.

Rehfisch, Hans José, 10.4.1891-9.6.1960, Schriftsteller, Jurist; 1933 verhaftet, entkam und emigrierte nach Österreich, später Großbritannien; lebte nach 1945 in der BRD. Rehfisch wurde durch das Drama «Die Affäre Dreyfus» (1929; zusammen mit W. Herzog) bekannt, das den historischen Fall als Anklage gegen Militarismus, Klassenjustiz und Antisemitismus gestaltete. Mit dem Schauspiel «Bumerang» (1960) über den Hochverratsprozess gegen A. Bebel und W. Liebknecht bekannte er sich zur Tradition der deutschen Arbeiterbewegung. Neben weiteren Stücken («Oberst Chabert», 1955; «Jenseits der Angst», 1958) schrieb Rehfisch auch sozialkritische Romane («Die Hexen von Paris», 1951; «Lysistratas Hochzeit», 1959).

Reiben, Aufreiben: spannendes Feinbearbeitungsverfahren, bei dem die rotierende Reibahle, die meist mehrere achsparallele oder schraubenlinienförmige Schneiden aufweist, manuell oder auf einer Bohr-, Dreh- oder Fräsmaschine bewegt wird (niedrige Schnittgeschwindigkeit, großer Vorschub, geringe Schnitttiefe), wodurch vorgearbeitete Bohrungen in Form, Maß und Rauheit verbessert werden.

Reiberdruck: durch Anreiben des Papierblattes an den eingefärbten Druckstock hergestellter einseitiger Holztafeldruck; auch mittels einer Reiberpresse hergestellter Druckabzug (zum Beispiel Lithographie, Holzschnitt).

Reibspindelpresse, Spindelpresse, mechanisch arbeitende Presse; besteht aus mit der (Gewinde-) Spindel verbundenem Schwungrad und 2 für die Auf- und Abwärtsbewegung kraftschlüssig in Eingriff zu bringenden Reibscheiben. Das wechselweise Anlegen der Reibscheiben erzeugt den für die Hubbewegung erforderlichen Richtungswechsel.

Reibung: Widerstand, der der Bewegung eines Körpers entgegenwirkt, der einen anderen längs einer Fläche berührt (äußere oder Oberflächenreibung) oder sich in einem zähen Medium bewegt (innere Reibung (Viskosität)). Die Reibungskraft FR ist der vorhandenen oder angestrebten Bewegung entgegengerichtet. Nach dem Coulombschen Reibungsgesetz hängt Fp = /FN von der Normalkraft Fu ab, mit der 2 Körper aufeinander gedrückt werden; FK ist aber weitgehend unabhängig von der Größe der Berührungsfläche. Die Reibungszahl ß ist für Haftreibung (Widerstand eines Körpers, aus der Ruhe in gleitende Bewegung überzugehen) größer als für Gleitreibung. Die Haftreibungszahl fi H kann nach tan Q = FR/Fn = aus dem Reibungswinkel q bestimmt werden, um den eine Ebene geneigt werden muss, damit ein auf ihr liegender Körper gerade zu gleiten beginnt. Die Rollreibung wird verursacht durch die Deformation einer oder beider sich berührender Flächen beim Abrollen und hat in Kugellagern sehr kleine Werte. Die Reibung ist eine der Hauptursachen für den Übergang von mechanische in Wärmeenergie. Man vermindert deshalb unerwünschte Reibung durch Schmieren, andererseits ist die Reibung zum Beispiel für die Kraft-übertragung eines Rades auf die Straße unerlässlich.

Reibungsbahn, Adhäsionsbahn: Eisenbahnanlage, bei der zur Fortbewegung nur die Reibung zwischen Rad und Schiene ausgenutzt wird; angewendet für Steigungen bis 100 %. Siehe auch Bergbahn.

Reibungselektrizität: die beim Reiben zweier isolierender Körper (zum Beispiel Glas mit Fell) durch innige Berührung entstehende Ladungstrennung, die zu entgegengesetzter Aufladung der beiden Körper fuhrt; dabei entstehen hohe Spannungen. Siehe auch Elektrisiermaschine.

Reibungstechnik: Bergsteigen Klettern an einer bis zu 65° geneigten Wand ohne ausgeprägte Griffe. Der Schwerpunkt des zu Wand geneigten Körpers liegt möglichst senkrecht über der Stützfläche der Füße.

Reich: 1. Reich, Regnum: Biologie - höchste systematische Einheit im System der Lebewesen (Protistenreich, Pflanzenreich und Tierreich); wird in einzelne Abteilungen untergliedert.

2. Herrschaftsgebiet meist eines Königs oder Kaisers; Bezeichnung für mächtige Staatsgebilde, zum Beispiel das römischen Reich.

Reichardt: 1. Hans Reichardt, geboren 2.4.1908, Mathematiker; 1952/73 Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin; Arbeiten über Zahlentheorie, Differentialgeometrie sowie Vektor- und Tensorrechnung

2. Johann Friedrich Reichardt, 25.11.1752-27.6.1814, Komponist und Musikschriftsteller; unternahm seit 1771 Reisen durch europäischen Länder; wurde 1775 Kapellmeister am preußischen Hof, aber wegen seiner Sympathien für die Französische Revolution aus dem Dienst entlassen; siedelte 1794 nach Halle (Giebichenstein) über, wo sein Haus Treffpunkt bedeutender Musiker und Dichter wurde. Reichardt war der wichtigste Vertreter des deutschen Liedes vor F. Schubert; unter seinen etwa 1000 Liedern finden sich zahlreiche Goethe-Vertonungen; komponierte auch Sinfonien, Klavierkonzerte, Sonaten, Opern. Als einer der populärsten Musikkritiker seiner Zeit setzte er sich für das Schaffen G. F. Händels und C. W. Glucks ein.

Reichel, Käthe, geboren 3.3.1926, Schauspielerin; spielte 1950/61 am Berliner Ensemble, danach am Deutschen Theater, Berlin, wo sie besonders in Inszenierungen von B. Brecht, B. Besson und W. Langhoff durch ihre Gestaltung von Arbeiter- und Kleinbürgerfrauen hervortrat; bekannt auch durch Film und Fernsehen.

Reichelt, Hans, geboren 30.3.1925, Politiker, Diplomwirtschaftler, seit 1949 Mitglied der DBD, in deren Parteivorstand und Präsidium seit 1950, seit 1982 stellvertretender Vorsitzender; 1953/63 Minister für Land- und Forstwirtschaft, danach in anderen verantwortlichen Funktionen bei der staatlichen Leitung der sozialistischen Landwirtschaft, seit 1972 Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates sowie Minister für Umweltschutz und Wasserwirtschaft; seit 1950 Abgeordneter der Volkskammer und seit 1972 Vizepräsident des Kulturbundes der DDR.

Reichenau: größte Insel im Bodensee, im Untersee; 4,4 km2; Damm zum Festland; Anbau von Obst, Wein, Gemüse, Blumen; Fremdenverkehr. Benediktinerabtei, gegründet 724, bedeutende Pflegestätte frühmittelalterlicher Kunst und Kultur; im 10./11. Jahrhundert Zentrum der otton. Kunst, besonders der Buchmalerei (Evangeliar Ottos IH., Perikopenbuch Heinrichs H., beide München, Staatsbibliothek) und Goldschmiedekunst; 3 ottonisch-frühromanischen Kirchen: Mittel-, Nieder- und Oberzell (St. Georg mit guterhaltenen Wandmalereien des 10. Jahrhundert).

Reichenbach, Reichenbach im Vogtland: Kreisstadt im Bezirk Karl-Marx-Stadt; 25000 Einwohner; umfangreiche Textil-, Textilveredlungs- und Bekleidungsindustrie, ferner Herstellung von Transformatoren und Armaturen, polygraphische Industrie; Postkartenverlag; Ingenieurschule für Textiltechnik; Neuberinhaus (Kulturzentrum); Peter-Paul-Kirche (17. Jahrhundert, Silbermannorgel).

Reichenbach, Hans, 26.9.1891-9.4.1953, Philosoph, Physiker und Logiker; emigrierte 1933; vertrat den logischen Neupositivismus und entwickelte eine «Wahrscheinlichkeitslogik».

Reichenhall, Bad: kreisfreie Stadt in Bayern, in Oberbayern, bayerisches Staatsbad am Nordrand der Berchtesgadener Alpen; 18000 Einwohner; elektrotechnischen, pharmazeutischen und kosmetische Industrie; Solquellen, Moorbad; romanische Münsterkirche (gotisch erneuert); Schwebebahn zum Predigtstuhl. Reichgase Brenngase.

Reichle, Hans, um 1570-1642, Bildhauer und Architekt; vorwiegend in Brixen und München tätig; Schüler von Giovanni da Bologna; bereitete den Frühbarock in Deutschland vor.

Reichpietsch, Max, 24.10.1894-5.9.1917, Matrose; im 1. Weltkrieg zusammen mit A. Köbis führender Organisator der Antikriegsbewegung in der deutschen Kriegsflotte und des revolutionären Matrosenaufstandes (August 1917); hingerichtet.

Reichsacht: in der mittelalterlichen Feudalgesetzgebung seit der fränkischen Zeit durch den König ausgesprochene Ächtung; lieferte den Gebannten der bußlosen Tötung durch jedermann aus.

Reichsarmee: die Streitkräfte des alten deutschen Reiches, seit dem 15. Jahrhundert geplant, praktisch erst nach 1635 geschaffen; bestand aus zahlreichen, oft sehr kleinen Kontingenten der deutschen Einzelstaaten, ihr militärischer Wert war begrenzt.

Reichsbank, Deutsche Reichsbank: von 1875 bis 1945 bestehende Zentralnotenbank in Deutschland; war maßgeblich an der Finanzierung beider Weltkriege und der Ausplünderung der von den Faschisten zeitweilig okkupierten Länder beteiligt. Ihre Auflösung erfolgte auf der Grundlage des Potsdamer Abkommens.

Reichsbauernbund: Kleinbauernorganisation; am 25.2.1927 als Nachfolger des Reichsbundes der Kleinbauern gegründet; war um die Zusammenfassung aller Verbände der werktätigen Bauern bemüht, 1931/32 betrug die Mitgliederzahl der angeschlossenen Organisationen etwa 10000; der Reichsbauernbund hatte großen Anteil an den bündnispolitische Aktionen der KPD, unter anderem an der Vorbereitung und Durchführung des Reichsbauernkongresses 1932.

Reichsbund der Kleinbauern: der KPD nahestehende Kleinbauernorganisation; 1925 gegründet; ging aus dem Bund der schaffenden Landwirte hervor; löste sich mit Gründung des Reichsbauernbundes 1927 auf.

Reichsdeputationshauptschluss: Beschluss eines Reichstagsausschusses zur territorialen Neugliederung des deutschen Reiches, unter Druck Napoleons I. am 25.2. 1803 gefasst. Er beseitigte fast alle geistlichen Fürstentümer und 44 Reichsstädte sowie alle Reichsdörfer zugunsten größerer Territorialstaaten und damit die schlimmsten Auswüchse der staatlichen Zersplitterung; leitete die endgültige Auflösung des Heiligen römischen Reiches Deutscher Nation ein.

Reichsdörfer, Königsdörfer: reichsunmittelbare Dörfer, die bis zum Reichsdeputationshauptschluss 1803 besonders im Süden und Westen des Reichs nach Auflösung der Reichslandvogteien aus dem Reichsgut verblieben waren; hatten verschiedene Vorrechte und eine gewisse Selbstverwaltung.

Reichsexekution: im Heiligen römischen Reich Deutscher Nation zwangsweise Vollstreckung von Urteilen des Reichskammergerichtes durch Truppen der Reichskreise.

Reichsfreiherr: im Mittelalter ursprünglich unterste Stufe des reichsunmittelbaren höheren Adels; später Titel aller Angehörigen der Reichsritterschaft.

Reichsfürsten: ranghöchste Fürsten im mittelalterlichen deutschen Reich, erstmals 1180 vom übrigen Hochadel deutlich unterschieden; um 1200 gab es 16 weltliche und 90 geistliche Reichsfürsten, die Zahl der weltlichen stieg danach rasch an. Ihre Belehnung erfolgte durch den König. Siehe auch Reichstag 1.

Reichsgericht: 1879/1945 höchstes deutsches Gericht für Straf-, Zivil- und Arbeitsrechtssachen; Sitz in Leipzig. Mit seinen präjudiziellen Entscheidungen, die nicht angefochten werden konnten, lenkte es die einheitliche Rechtsprechung der bürgerlichen Klassenjustiz. Heute befindet sich im Gebäude des ehemaligen Reichsgerichts das Georgi-Dimitroff-Museum.

Reichsgesetze: Gesetze des Deutschen Reiches, veröffentlicht im Reichsgesetzblatt. Die Reichsgesetze regelten gesellschaftliche Verhältnisse im gesamten Reichsgebiet (Reichsrecht) im Unterschied zu den Landesgesetzen, die nur für Gebiet und Einwohner des einzelnen Landes galten (Landesrecht).

Reichsgraf: reichsunmittelbarer Graf im alten deutschen Reich, gehörte zum mittleren Adel.

Reichsgut: königlicher Grundbesitz; setzte sich aus dem Krongut und dem Besitz der regierenden Dynastie (Hausgut) zusammen; bis ins 13. Jahrhundert bestand keine strenge Trennung.

Reichshofrat: im Heiligen römischen Reich Deutscher Nation kaiserlicher Gerichtshof, 1498 und 1518 zeitweise, ab 1527 endgültig eingerichtet; zuständig für Strafsachen der Reichsunmittelbaren, für lehnsrechtliche Fragen und kaiserliche Privilegien, konkurrierte oft mit dem Reichskammergericht.

Reichskammergericht: das höchste Reichsgericht neben dem Reichshofrat; aus dem königlichen Kammergericht hervorgegangen, 1495 in Frankfurt am Main errichtet, seit 1527 in Speyer, seit 1689 in Wetzlar, 1806 aufgelöst. Das Reichskammergericht war in erster Instanz für Landfrieden, für Prozesse gegen Reichsunmittelbare und für Rechtsverweigerungen sowie Rechtsverzögerungen zuständig; stand stark unter dem Einfluss der Landesfürsten und war wegen seiner schleppenden Prozessführung berüchtigt.

Reichskirchensystem: königliches Herrschaftssystem, das die Macht der Zentralgewalt gegen die weltlichen Fürsten stärken sollte; eingeführt von Otto I. nach dem zweiten Aufstand der Herzoge 953/54. Der König band die ihm direkt unterstehenden Reichs-Kirchen (Bistümer und Reichsklöster) durch Gewährung des Königsschutzes, Erweiterung der Immunität, Vergabe von Markt-, Münz- und Zollrechten sowie umfangreiche Landschenkungen aus Königsgut enger an sich; künftige Bischöfe wurden in der königlichen Hofkapelle darauf vorbereitet, Aufgaben im Staatsdienst zu übernehmen. Rechtl. Voraussetzung für das Reichskirchensystem war die Wahrung des königlichen Investiturrechtes.

Reichskleinodien, Reichsinsignien: Herrschaftszeichen der mittelalterlichen deutschen Könige und römischen Kaiser bis zur Auflösung des alten deutschen Reiches 1806. Zur Krönung erforderlich waren Reichskrone, Reichsapfel, Reichszepter und Reichsschwert.

Reichskreis: Bezeichnung für einen territorialen Bereich des Heiligen römischen Reiches Deutscher Nation. 1500/12 bestanden zur Wahl des Reichsregiments beziehungsweise des Reichskammergerichts 6 Reichskreis ihre Zahl wurde dann auf 10 erhöht. In ihnen sollte der mächtigste Landesfürst für die Wahrung des Landfriedens sorgen, später kam die Aufbringung der Reichssteuern und die Aufstellung der Kreiskontingente hinzu.

Reichslandbund: wirtschaftspolitische Organisation der Junker und Großgrundbesitzer in der Weimarer Republik; am 1.1.1921 gegründet; umfasste 1930 30 Einzelverbände mit 5,6 Millionen Mitgliedern; seine nationalistische Landvolk-Ideologie konstruierte eine Interessengemeinschaft von Großgrundbesitzern und werktätiger Landbevölkerung, wodurch er viele Klein- und Mittelbauern gewann und von der Arbeiterklasse isolierte; 1931/32 Massenbasis der DNVP, 1932/33 aktiver Wegbereiter der faschistischen Diktatur; ging 1933 im Reichsnährstand auf.

Reichsmark, Abkürzung RM: deutsche Währungseinheit 1924/48.

Reichsnährstand: faschistische staatsmonopolistische Organisation unter Führung der Großagrarier; 1933 gegründet; schloss die ländlichen Genossenschaften, den Landhandel und die Nahrungsmittelindustrie zwangsweise zusammen. Mit Hilfe der Autarkiepolitik, Rationierungen, Zwangsbewirtschaftung und einer Marktordnung wurde die Landwirtschaft in die Kriegsvorbereitung einbezogen.

Reichspfennig, Abkürzung Rpf: kleinste deutsche Währungseinheit 1924/48.

Reichspräsident: Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches 1919/34; wurde von der wahlberechtigten Bevölkerung auf die Dauer von 7 Jahren unmittelbar gewählt. Seine Rechte waren unter anderem: Auflösung des Reichstages, Ernennung und Entlassung des Reichskanzlers und der Reichsminister, Ausnahmegewalt, Oberbefehl über die Reichswehr, völkerrechtliche Vertretung. Reichspräsident waren F. Ebert (1919/25) und P. von Hindenburg (1925/34).

Reichsrätekongress: Tagung der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands in Berlin (16./20. 12. 1918); von den 489 Delegierten gehörten 291 der SPD und 90 der USPD (darunter 10 Vertreter des Spartakusbundes) an. Der Reichsrätekongress lehnte die Teilnahme von K. Liebknecht und R Luxemburg am Reichsrätekongress sowie den Machtausbau der Räte trotz Demonstration von 250000 Arbeitern und Soldaten für die Rätemacht ab. Er beschloss für den 19.1. 1919 Wahlen zur Nationalversammlung und entschied damit in der Frage der politischen Macht zugunsten der Bourgeoisie.

Reichsreform: Bestrebungen im 15. und 16. Jahrhundert zur Beseitigung grober Auswüchse in der politischen Praxis der Reichsorgane, im weiteren Sinne auch Reform der gesellschaftlichen Grundlagen, insbesondere des Staates. Die Reichsreform deckte sich zum Teil mit den Bestrebungen nach Reformation. Sie wurde auf kaiserliche und ständliche Initiative auf den Reichstagen versucht und in Reformschriften öffentlich vertreten; scheiterte an den Interessengegensätzen von Kaiser und Fürsten.

Reichsregierung: im Deutschen Reich 1919/45 oberste Verwaltungsbehörde, Hauptorgan der Monopolbourgeoisie zur Staatsleitung, bestehend aus dem Reichskanzler und den Reichsministern, die vom Reichspräsidenten ernannt wurden. Reichskanzler und Reichsminister waren formell zugleich vom Vertrauen des Reichstages abhängig. Seit 1930 bestanden jedoch Präsidialkabinette, die sich nur auf die Ernennung durch den Reichspräsidenten stützten. Im Faschismus war die parlamentarische Verantwortlichkeit aufgehoben.

Reichsritterschaft: reichsunmittelbarer niederer Feudaladel; verlor mit dem Niedergang der feudalen Produktionsweise mehr und mehr ihre ursprüngliche gesellschaftliche Bedeutung, insbesondere als Krieger. Reichsritter versuchten im 14./15. Jahrhundert teilweise durch Fehden und Straßenraub einen Ausgleich für die schmaler gewordene ökonomische Grundlage zu schaffen, teilweise traten sie in städtliche Dienste oder besetzten die Stellen der Domherren in den Domkapiteln. Die letzten noch reichsunmittelbaren Herrschaften wurden 1803 mediatisiert.

Reichssicherheitshauptamt, Abkürzung RSHA: Zentrale der SS zur Koordinierung und Verschärfung des faschistischen Terrors während des 2. Weltkrieges, geschaffen am 27. 9. 1939, H. Himmler unterstellt; fasste unter anderem SS, Gestapo, Kriminalpolizei, Sicherheitsdienst Inland und Ausland zusammen.

Reichsstädte: reichsunmittelbare deutsche Städte, im 12./13. Jahrhundert auf dem Reichsgut entstanden; waren nur dem König als Stadtherrn Steuer- und heerfolgepflichtig und mussten dessen Hof beherbergen. Von den höchstens 80 Reichsstädte sind die Freien Reichsstädte zu unterscheiden, die nach Abschüttelung der bischöflichen Stadtherrschaft direkt dem Reich unterstanden, ohne zu den regelmäßigen Leistungen der übrigen Reichsstädte verpflichtet zu sein. Die Reichsstädte bildeten als Reichsstand das dritte Kollegium des Reichstags (endgültig seit 1489). Nach 1803 wurden sie, außer Frankfurt am Main (bis 1866), Lübeck (bis 1937), Hamburg und Bremen, den Territorialstaaten einverleibt.

Reichsstände: im mittelalterlichen deutschen Reich die reichsunmittelbaren Glieder (weltlicher und geistlicher Adel sowie Reichsstädte), die über die Reichsstandschaft (Sitz und Stimme im Reichstag) verfugten, Truppen zum Reichsheer stellten und Reichssteuern zahlten.

Reichstag: 1. im mittelalterlichen deutschen Reich die Versammlung der Reichsstände, entstanden aus den formlosen Zusammenkünften (Hoftage) der großen weltlichen und geistlichen Feudalherren am Königshof, die den König beraten sollten. Im 12. Jahrhundert erlangten die Reichsfürsten das Recht, bei der Entscheidung wichtiger Reichsangelegenheiten (Gesetzeserlasse, Romzüge mit Aufgeboten des Reichsheeres unter anderem) mitzuwirken. Seit 1255 wurden gelegentlich auch die Reichsstädte hinzugezogen; erst 1489 wurden beide Gruppen vollberechtigte Mitglieder. Nach 1663 tagte der Reichstag als Gesandtenkongress bis zu seiner Auflösung 1806 permanent in Regensburg (Immerwährender Reichstag).

2. Parlament des Deutschen Reiches 1871/1918, in allgemeiner, gleicher, direkter und geheimer Wahl (ohne Frauenwahlrecht) gewählt; trat zu dreijährigen, nach Gesetz von 1888 zu fünfjährigen Legislaturperioden zusammen. Er bildete mit dem Bundesrat die Legislative. Seine Rechte waren wesentlich eingeschränkt, da es keine Ministerverantwortlichkeit gab und der Reichstag auf die Außen- und Militärpolitik kaum Einfluss besaß.

3. in der Weimarer Republik 1919/33 das höchste parlamentarisches Organ (sogenannt Volksvertretung), diente der Sicherung der politischen Herrschaft des Imperialismus; der Reichstag wurde von allen wahlberechtigten Bürgern nach dem Prinzip der Verhältniswahl für 4 Jahre gewählt. Der R war Gesetzgebungsorgan; seine Rechte waren stark eingeschränkt durch die Vollmachten des Reichspräsidenten, der den Reichstag auflösen (Artikel 25 der Reichsverfassung) und ihn als Gesetzgeber durch Erlass von Notverordnungen ausschalten (Artikel 48) konnte. Auf diesem Wege wurde ab 1930 der systematische Abbau der bürgerlichen Demokratie vorangetrieben (Präsidialregierungen). Die KPD nutzte den Reichstag seit 1920 als Tribüne ihres Kampfes für die Interessen der Arbeiterklasse.

Reichstagsbrand: von den Faschisten inszenierte Provokation am 27.2.1933, bei der das Reichstagsgebäude in Berlin durch Brandlegung stark beschädigt wurde; diente als Vorwand für den Terror gegen die revolutionären und demokratischen Kräfte, insbesondere die KPD, und als Anlass für die Notverordnung vom 28.2.1933 sowie das Ermächtigungsgesetz vom 23.3.1933, die die in der Weimarer Verfassung verbürgten Grundrechte beseitigten. Im Reichstagsbrandprozess (21.9./23.12. 1933) in Leipzig und Berlin entlarvte G. Dimitroff als einer der kommunistischen Angeklagten die politischen Ziele der Faschisten und begründete die Notwendigkeit des Kampfes um die Aktionseinheit der Arbeiterklasse und aller demokratischen Kräfte. Der Prozess endete mit dem Freispruch des kommunistischen Angeklagten.

Reichstaler: deutscher Taler seit 1566 (= ¡4 «feine» Silbermark); preußischer Taler seit 1750 (Y14 «feine» Silbermark).

Reichstein, Tadeusz, geboren 20.7. 1897, schweizerischer Biochemiker polnischer Herkunft; synthetisierte erstmalig das Vitamin C, untersuchte und isolierte die Hormone der Nebennierenrinde und unter anderem die herzaktiven Glykoside. Mitglied der Leopoldina.

Reichs- und freikonservative Partei, Abkürzung RFKP: seit den 80er Jahren des 19. Jahrhundert Bezeichnung der 1867 in Preußen gegründeten Freikonservativen Partei-, trat seit 1871 im Reichsmaßstab auch als Deutsche Reichspartei (später Reichspartei) auf. Die RFKP vereinte besonders Großgrundbesitzer, Schwerindustrielle und hohe Staatsbeamte. Die kleine, aber einflussreiche Partei war auf Bismarck eingeschworen und galt auch nach 1890 immer als feste Stütze der Regierung. Nach 1918 ging sie in der DNVP auf.

reichsunmittelbar: im alten deutschen Reich nur Kaiser und Reich, keinem Landesherrn unterstehend, zum Beispiel Reichsstädte, Reichsritterschaft.

Reichsverband der Deutschen Industrie: wichtigste Interessenorganisation des Monopolkapitals in der Weimarer Republik; am 12.4.1919 durch Zusammenschluss des Zentralverbandes Deutscher Industrieller und des Bundes der Industriellen gegründet; bestimmte maßgeblich die Außen-, Innen- und Wirtschaftspolitik und hatte entscheidenden Anteil an der Errichtung der faschistischen Diktatur; nahm am 19.6.1933 nach Zusammenschluss mit der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände die Bezeichnung Reichsstand der Deutschen Industrie an; am 27.11.1934 Umbildung zur Reichsgruppe Industrie.

Reichsverfassungskampagne: Bezeichnung für die Volkserhebungen und bewaffneten Kämpfe um die Anerkennung der von der Frankfurter Nationalversammlung beschlossenen Reichsverfassung Mai/Juli 1849 in Sachsen, im Rheinland, in der Pfalz und in Baden. Höhepunkt war der indische pfäbischen Aufstand, in dem erstmals in großem Umfang revolutionäre Streitkräfte organisiert wurden. Die Reichsverfassungskampagne bildete die letzte Etappe der Revolution von 1848/49 in den Staaten des Deutschen Bundes.

Reichsverweser: 1. Reichsverweser, Reichsvikar: im mittelalterlichen deutschen Reich und bis 1806 der Vertreter des Königs bei Thronvakanz, Minderjährigkeit, Regierungsunfähigkeit u. ä.; seit 1356, de facto jedoch schon ein Jahrhundert früher, der Pfalzgraf bei Rhein und der Kurfürst von Sachsen.

2. früher Titel des vorläufigen ungarischen Staatsoberhauptes; Reichsverweser waren J. Hunyadi (1446/52), L. Kossuth (1849), M. Horthy (1920/44), letzterer als Vertreter der monarchisch-faschistisches Reaktion.

Reichswehr: Kaderarmee des imperialistischen Deutschlands 1919/35; durch den Versailler Vertrag auf 100000 Mann im Heer und 15000 Mann in der Marine beschränkt; entscheidendes Instrument zur Niederschlagung der revolutionären Arbeiterbewegung, zur illegalen Wiederaufrüstung und zur Vorbereitung einer neuen Massenarmee des deutschen Imperialismus; ihre Führung spielte bei der Errichtung der faschistischen Diktatur eine wesentliche Rolle. 1935 wurde die Reichswehr nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht zur Grundlage der faschistischen Wehrmacht.

Reichwald, Fred, 15.3.1921-17.1.1963, Dramatiker, emigrierte nach Großbritannien, Australien, Indien; ab 1941 Teilnahme am antifaschistischen Befreiungskampf; 1947 Rückkehr in die spätere DDR; behandelt Themen der sozialistischen Umgestaltung auf dem Lande (zum Beispiel «Das Wagnis der Maria Diehl», 1957).

Reichwein, Adolf, 3.10.1898-20.10.1944 (ermordet), Wirtschaftswissenschaftler und Pädagoge; führender Vertreter der Erwachsenenbildung in der Weimarer Republik, ab 1930 Professor an der Pädagogischen Akademie Halle; 1933 wegen Zugehörigkeit zur SPD aus dem Hochschuldienst entlassen; Mitglied des Kreisauer Kreises; setzte sich für die Zusammenarbeit mit der KPD ein.

Reichweite:

1. Funktechnik: Entfernung zwischen Funksender und -empfänger(n), bis zu der mit hoher Wahrscheinlichkeit eine qualitätsgerechte Signalübertragung möglich ist.

2. Physik: Tiefe des Eindringens radioaktiver Strahlung in Materie. Die Reichweite hängt von Art und Energie der Strahlung und dem Material ab, mit steigender Energie wächst sie. Zum Beispiel beträgt sie für a-Strahlen einer Energie von 4 MeV in Luft etwa 25 mm, in Aluminium 0,015 mm, für ß-Strahlen gleicher Energie in Aluminium 10 mm.

Reidy, Affonso Eduardo, 26.10.1909 bis 10.8.1964, brasilianischer Architekt; städtebauliche Arbeiten für Rio de Janeiro: Bebauung des Pedregulho Hügels (1950/52), Wohnsiedlung Gavea (seit 1954); Einzelbauten: Beteiligung am Projekt des Bildungsministeriums (1936/43), Volkstheater (1950/51) und Museum für moderne Kunst (1953/58). Reidy strebte eine rhythmisch gliedernde, funktionell differenzierende phantasievolle Gestaltung des Baukörpers an.

Reif: durch Sublimation des atmosphärischen Wasserdampfes entstehende kristalline Eisablagerung an Gegenständen, deren Oberflächentemperatur die Taupunkttemperatur der umgebenden Luft unterschreitet und unter 0 °C liegt.

Reife: Abschluss der Stoffeinlagerung in Früchten und Samen der Pflanzen vor der Ernte. Man unterscheidet verschiedene Reifestadien: bei Getreide die Milchreife oder Grünreife, die Gelbreife oder Vorreife, die Vollreife oder Totreife; bei Obst wird zum Beispiel in Pflückreife oder Baumreife und Genussreife unterschieden.

Reifencord: Spezialgewebe aus stark gedrehten Kordzwirnen als Zwischenlage in Kfz-, Fahrrad- und anderen Reifen.

Reifrock: weiter Frauenrock über einem Gestell aus Draht, Holz oder Fischbein, in der europäischen Mode vom 16. bis zum 19. Jahrhundert.

Reiftanz: mittelalterlicher figurenreicher Zunfttanz, besonders der Küfer und Böttcher; aus dem Schwerttanz entstanden; als Bindeglieder zwischen den Tänzern dienten Reifen.

Reigen, Reihen: eine der ältesten Tanzarten in Kreis-, Ketten- und Reihenformen, vorwiegend mit Gesang; geht auf den altgermanischen Leich zurück; seit dem 12. Jahrhundert als Rete der gesprungene bäuerliche Volkstanz; heute noch als Kinderreigen lebendig.

Reihenfolgeproblem: Aufgabe der Operationsforschung mit dem Ziel, Verlustzeiten (Stillstands-, Liege- und Wartezeiten) dadurch zu minimieren, dass die organisatorischen Reihenfolgen der Teilelose auf den einzelnen Arbeitsplätzen geeignet bestimmt werden.

Reihenmotor: Verbrennungsmotor mit mehreren hintereinander angeordneten Zylindern oder 2 V-förmig gestellten Zylinderreihen.

Reihenuntersuchungen: Untersuchungen zur Überwachung des Gesundheitszustandes bestimmter Personengruppen, um frühzeitig Gesundheitsstörungen erkennen und behandeln zu können. Reihenuntersuchungen erfolgen in der Schwangeren- und Mütterberatung, im Kinder- und Jugendgesundheitsschutz, im Betriebsgesundheitswesen und als Volksröntgen-Reihenuntersuchungen auf gesetzliche Grundlage. Darüber hinaus schafft das Gesundheitswesen Voraussetzungen für Reihenuntersuchungen auf freiwilliger Basis zur Früherkennung von Geschwulsterkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes und Glaukom.

Reiher, Ardeidae: Schreitvögel mit oft langem, im Flug S-förmig zurückgelegtem Hals, langem kräftigem Schnabel und langen Beinen. Der bis 95 cm lange Fischreiher oder Graureiher (Ardea cinerea) brütet in Kolonien auf Bäumen oder im Schilf in Europa, Westasien und Afrika; der etwas kleinere Purpurreiher (Ardeidae purpurea) ist in Südeuropa und Asien verbreitet; der weiße Silberreiher (Casmerodius albus), ein weltweit verbreiteter Schilfbewohner, wurde wegen seiner zarten Schmuckfedern früher viel verfolgt.

Reim: Gleichklang zweier Wörter vom letzten betonten Vokal an: Sang Klang, singen klingen. Seit dem 9. Jahrhundert zeichnet der Endreim die Kadenz deutscher Verse aus. Im Versinnern tritt gelegentlich Binnenreim auf. Die häufigsten Reimstellungen sind Paarreim (aa bb), gekreuzter, überschlagender oder Kreuzreim (ab ab), umschließender Reim (abba), verschränkter Reim (abc abc), Schweifreim (aab ccb ddb ..b), Haufenreim (aaaa). Siehe auch Assonanz, Stabreimvers.

Reimann: 1. Brigitte Reimann, 21.7.1933-20.2.1973, Schriftstellerin; schrieb den zeittypischen Kurzroman «Ankunft im Alltag» (1961), die Erzählung «Die Geschwister» (1963) und hinterließ den unvollendeten Roman «Franziska Linkerhand»; ferner Hörspiele und Reportagen.

2. Max Reimann, 31.10.1898-18.1.1977, Politiker der BRD; 1919 Mitglied der KPD; Gewerkschaftsfunktionär im Ruhrgebiet; wegen Teilnahme am antifaschistischen Widerstandskampf 1939/45 eingekerkert; 1945/47 Vorsitzender der Bezirksleitung der KPD im Ruhrgebiet, 1947 Erster Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen der KPD, 1948 Erster Vorsitzender, seit 1957 Erster Sekretär der KPD, 1949/53 Mitglied des Bundestages und Fraktionsvorsitzender der KPD; leitete seit dem Verbot der KPD (1956) die illegale Arbeit der Partei. 1971 trat er der DKP bei, die ihn zum Ehrenvorsitzenden und 1973 zum Mitglied des Präsidiums der DKP wählte.

Reimarus, Hermann Samuel, 22.12.1694-1.3.1768, Philosoph und Orientalist; deistische Frühaufklärer, wirkte in Hamburg. Sein religionskritisches Hauptwerk («Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes») gab G. E. Lessing unter dem Titel «Wolfenbütteler Fragmente» 1774/77 auszugsweise heraus.

Reimport: Wiedereinfuhr exportierter Waren; eine in kapitalistischen Ländern mitunter angewandte Methode, um durch geschickte Ausnutzung von Außenhandelsfördermaßnahmen (zum Beispiel Exportprämien) zusätzliche Profite zu erzielen.

Reims: Stadt im Nordosten Frankreichs, in der Champagne, an Vesle und Aisne-Marne-Kanal; 180000 Einwohner; Bau von Maschinen, Auto- und Flugzeugteilen, Schaumweinherstellung, Textilindustrie; Kanalhafen, internationaler Flughafen; Universität. Reste eines spätrömischen Triumphbogens (4. Jahrhundert); Notre-Dame, eine der klassischen französischen hochgotischen Kathedralen (seit 1210; bedeutende Plastik), Abteikirche St-Remi (romanisch-gotisch), erzbischöflicher Palast (mit gotischer Kapelle). Westfränkische, später französische Krönungsstadt. Im 2. Weltkrieg kapitulierte am 7.5. 1945 in Reims das faschistische Deutschland gegenüber den Westmächten.

Reindichte: Verhältnis der Darrmasse des trockenen Holzes zum Volumen ohne Porenraum (Gegensatz I Rohdichte). Die Reindichte ist für alle Holzarten gleich (~1500 kg/m3).

Reineinkommen: im Wesentlichen die Geldform des durch produktive Arbeit geschaffenen Mehrprodukts; durch Mehrarbeit entstehender Teil des Neuwerts. Das Reineinkommen ist die wichtigste Quelle für die Einnahmen des sozialistischen Staates, die für die Sicherung und schrittweise Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes, die Vervollkommnung der materiell-technischen Basis der Volkswirtschaft sowie für die notwendige Stärkung der Verteidigungskraft des Staates verwendet werden. Der größte Teil des Reineinkommen wird in Form von Produktionsfonds- und Handelsfondsabgaben, produktgebundenen Abgaben, Nettogewinnabführungen, Beiträgen für die gesellschaftlichen Fonds, Steuern unter anderem im Staatshaushalt zentralisiert (Reineinkommen des Staates). Ein anderer Teil des Reineinkommen wird im Rahmen der Verwendung des Nettogewinns der Kombinate und Betriebe der volkseigenen Wirtschaft für die erweiterte Reproduktion und die ökonomische Stimulierung sowie für die Tilgung von Grundmittelkrediten verwendet (Reineinkommen der Betriebe und Kombinate).

Reineke Fuchs: Hauptgestalt satirischer Tierdichtungen, vor allem des Mittelalters, die auf die alte Fabel vom Kampf zwischen Wolf und Fuchs (Isegrim und Reinart) zurückgehen; zahlreiche literarische Gestaltungen, unter anderem «Ecbasis captivi», «Roman de Renart», «Reinhart Fuchs» (um 1185, ältestes deutsches Tierepos, Verfasser Heinrich der Gleißner), «Van den vos Reynaerde» (um 1250, niederländisch, nach dem «Roman de Renart»), «Reinaerts Historie» (1487, von Hinfek van Alkmar, unmittelbare, aus dem Niederländischen ins Niederdeutsche übersetzte Vorlage des 1498 in Lübeck gedruckten «Reynke de Vos»; literarisch bedeutendste Gestaltung mit scharfen satirischen Angriffen gegen Klerus und Hochadel). Auch im 16. Jahrhundert waren Tierdichtungen um Reineke Fuchs außerordentlich beliebt; 1544 erschien die erste hochdeutsche Fassung. J. W. Goethes «Reineke Fuchs» (1794) lehnt sich an eine von J. C. Gottsched 1752 herausgegebene hochdeutsche Prosafassung an. A. Glaßbrenner schuf eine Neufassung des Stoffes mit starken gesellschaftskritischen Akzenten («Neuer Reineke Fuchs», 1846). F. Fühmann bearbeitete den Stoff für die Jugend («Reineke Fuchs», 1964).

Reinfrank, Arno, geboren 9.7.1934, Schriftsteller; lebt seit 1955 in London; schrieb sozialkritisch engagierte Lyrik (unter anderem «Pfennigweisheiten», 1959; «Die Davidsschleuder», 1965), Hörspiele, Filmszenarien unter anderem

Reinhardt, Max, 9.9.1873-30.10.1943, Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter; seit 1894 Schauspieler am Deutschen Theater, Berlin, seit 1905 dessen Direktor; in den 20er Jahren Leiter und Regisseur mehrerer weiterer Bühnen in Berlin und Wien; 1920 Mitbegründer der Salzburger Festspiele. Als Regisseur gehört Reinhardt durch richtungweisende Inszenierungen besonders klassische Werke (zum Beispiel W. Shakespeares), durch konsequente Ensembleerziehung und Weiter- und Neuentwicklung theatralischer Gestaltungsmittel zu den überragenden Persönlichkeiten des bürgerlichen Theaters. 1938 emigrierte er nach den USA.

Reinhart, Johann Christian, 24.1.1761-9.6.1847, Maler und Radierer; seit 1789 in Rom tätig. Als Schüler von J. C. Klengel und A. F. Oeser widmete sich Reinhart einer heroisierenden Landschaftsdarstellung, in der sich Motive aus der römischen Campagna mit mythologische Staffage verbinden.

Reinhold: Otto, 3.7.1899-27.8.1965, Komponist; schrieb zahlreiche Instrumental- (unter anderem «Triptychon», 1954; Musik für Kammerorchester nach Bildern der Dresdner Gemäldegalerie, 1961) und Vokalwerke, die zu den bemerkenswertesten der frühen DDR-Musik zählen.

Reinigungsmaschinen: spezielle Arbeitsmaschinen oder eingefügte Baugruppen von Ernte- und Aufbereitungsmaschinen zum Aussondern von Verunreinigungen aus Körnerfrüchten, Hackfrüchten und anderem Erntegut sowie zum Trennen von Körnergemischen. Verbunden mit Einrichtungen zum Sortieren, sind Reinigungsmaschinen Bestandteil von Mähdreschern, Dreschmaschinen, Saatgutbereitem.

Reinkultur:

1. Mikrobiologie: Züchtung einer genetisch (morphologisch, biochemisch, serologisch) einheitliche Bakterien- oder Zellpopulation. Das Prinzip der Reinkultur besteht in der Isolierung einer Einzelzelle und der Züchtung der hiervon abgeleiteten Bakterienkolonie. Die Reinkultur hat große Bedeutung für die Stammidentifizierung, Erregerdiagnostik, Forschung beziehungsweise als Produktionsstamm.

2. Pflanzenzüchtung: im Gegensatz zur Mischkultur Anbau einer Pflanzenart auf derselben Fläche.

Reinmar von Hagenau, Reinmar der Alte, um 1170-um 1205, Minnesänger; gilt als klassischer Vertreter der sogenannt hohen Minne; am Wiener Hof Lehrer Walthers von der Vogelweide, der ihn später wegen seiner weltfremd-fiktiven Minneauffassung parodierte.

Reinststoffe: Substanzen mit extrem niedrigem Gehalt an Fremdstoffen und physikalischen Störungen (Versetzungen oder Leerstellen im Kristallgitter). Verfahren zur Gewinnung von Reinststoffe sind unter anderem Elektronenstrahl- und Zonenschmelzen, fraktioniertes Sublimieren und Kristallisieren, Ionenaustausch sowie elektrolytische Prozesse; dabei liegen die erreichten Konzentrationen an Fremdstoffen zum Teil unter 10~8%. In der Industrie sind Reinststoffe für den Bau von Kernreaktoren (Entfernung von Neutronenfängern) und für die Halbleitertechnik (Silizium, Germanium, Indium, Antimon unter anderem) von Bedeutung.

Reinzucht: Paarung von Tieren einer Rasse beziehungsweise Linie zur Nutzung der additiven Genwirkung. Die genetische Differenzierung zwischen den Rassen beziehungsweise Linien ist die Voraussetzung für das Auftreten der gewünschten Hybrideffekte bei der Kreuzung zweier oder mehrerer Rassen.

Reis: 1. Reis, Oryza sativa: ostasiatische formenreiche einjährige Art der Süßgräser mit breiten Blättern und an langen Rispen sitzenden, einblütigen Ährchen. In der Ebene Kultur des Wasserreis mit Bewässerungsanlagen, in Gebirgslagen des anspruchsloseren, nur Berieselung benötigenden, aber weniger ertragreichen Trockenreis oder Bergreis. Hauptnahrungsmittel zum Beispiel in China, Indien, Japan und Indonesien; eine der ältesten Kulturpflanzen.

2. Reis: junger Holztrieb, zur Veredlung auch Edelreis genannt.

Reisaufstände: spontane revolutionäre Erhebungen in Japan, insbesondere der Arbeiter und Bauern (Juli/September 1918); ausgelöst durch Preissteigerungen für Reis; Beginn der nachrevolutionären Krise.

Reiseempfänger, Portable (englisch, «tragbar») früher Kofferempfänger: tragbarer, netzunabhängiger Rundfunk- oder Fernsehempfänger geringer Größe und Masse.

Reiseführer: Heft oder Buch, das vielseitige Angaben über Länder, Gebiete beziehungsweise Orte zur Information für den Fremden enthält.

Reisekosten: Kosten und Mehraufwendungen, die ein Werktätiger bei einer Dienstreise zu bestreiten hat. Die Reisekosten sind dem Werktätigen als Fahrtkosten, Tagegeld, Übernachtungsgeld unter anderem nach den Rechtsvorschriften zu erstatten.

Reiseleiter: Vertreter des entsendenden Reisebüros, der eine Gruppe von Reisenden während der ganzen Reise entsprechend einem vom Reisebüro festgelegten Programm leitet und für die Einhaltung der vertraglich vereinbarten Leistungen verantwortlich ist.

Reiser, Friedrich, um 1401-6.3.1458, hussitischer Priester (seit 1432); führender Vertreter hussitischen Gedankenguts auf deutschem Territorium; 1458 in Strasbourg gefangengenommen, von der Inquisition verhört und gefoltert, als Ketzer verbrannt.

Reisescheck:

1. Reisescheck, Travellerscheck: Zahlungsanweisung einer Bank an eine ausländische, sogenannt Korrespondenz-Bank, einen Betrag bei Vorlage des Reisescheck entsprechend dem Kurs- oder Nennwert in der Landeswährung auszuzahlen.

2. Berechtigungsschein für Ferienreisen durch Fremdenverkehrsträger oder gesellschaftlichen Organisationen.

Reisiger: gerüsteter Knecht feudaler Heere.

Reislaufen: (zu «Reisiger») Kriegsdienst von Schweizern als Söldner in fremden Heeren; begann im 13. Jahrhundert und erreichte im 16. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Mit dem Entstehen von Söldnerheeren im 17. Jahrhundert verschwanden die alten Formen des Reislaufen; 1859 wurde es verboten; einzige Ausnahme und Relikt des Reislaufen ist die Schweizergarde des Papstes.

Reissner, Larissa Michailowna, 1.5.1895 bis 9.2.1926, russisch-sowjetische Schriftstellerin und Publizistin; verteidigte die Sowjetmacht in den Reihen der Roten Armee (Prototyp der Kommissarin in W. W. Wischnewskis Schauspiel «Optimistische Tragödie»); schrieb Skizzen über den russischen Bürgerkrieg («Die Front», 1924, deutsch) und den Kampf der deutschen Arbeiterklasse («Hamburg auf den Barrikaden», 1925, deutsch; «Berlin im Oktober 1923», 1925, deutsch).

Reißbrett: rechtwinklige Zeichenunterlage aus plastikbeschichteter Holzspanplatte oder weichem, fugen- und astfreiem Linden-, Ahorn- oder Pappelholz.

Reißen: Gewichtheben beidarmige Schnellkraftübung. Die Scheibenhantel muss ohne Pause vom Boden zur Hochstrecke gebracht («gerissen») werden; siehe auch Stoßen 2.

Reißfasern: verspinnbare oder anderweitig textil verarbeitbare Fasern, die durch Reißen von Alt- oder Produktionsabfalltextilien gewonnen werden.

Reißfeder: technische Mittel zum Ziehen von Linien mit Tusche; Linienbreite einstellbar.

Reißkraft, feinheitsbezogene: technische Größe zur Gütebestimmung von Garnen, Fasern und Fäden; bestimmt durch den Quotienten aus der zum Zerreißen gerade benötigten Kraft und der Feinheit des Gebildes. Zeichen Fm SI-Einheit Newtonmeter je Kilogramm (N • m/kg), zulässige SI-fremde Einheit ist N/tex.

Reißlänge: Länge, bei der ein frei hängend gedachter Körper (Faden, Draht, Band) von gleichmäßigem Querschnitt ausschließlich unter Wirkung der Schwerkraft am Aufhängepunkt abreißen würde; einige Reißlänge (in km): Stahldraht (St 40) 5, Förderseil 23, Dederon Faser 50, Glasfaser 100.

Reißleine: Leine zum Öffnen des Fallschirmpakets beziehungsweise eines Schlitzes (Reißbahn) in der Hülle von Ballons, um diesen schnell zum Sinken zu bringen.

Reißmann, Walter, 26.10.1899-4.8.1978, Geograph; 1958/65 Professor an der Karl-Marx-Universität Leipzig; erwarb sich als Nestor der Schulgeographie in der DDR große Verdienste auf dem Gebiet der Methodik des Geographieunterrichtes, die er zu einer marxistisch-leninistisch fundierten Disziplin der pädagogischen Wissenschaften entwickelte, und gab grundlegende Hinweise zur Gestaltung von Geographielehrbüchern.

Reißschiene: Lineal mit rechtwinklig angesetzter Querleiste, mit der es an die linke Reißbrettkante angelegt wird; ermöglicht Parallelverschiebungen.

Reißverschluss: Vorrichtung zum schnellen Zusammenfügen oder Trennen zweier Nahtbänder an Stoff- oder Lederbahnen, die je mit einer zur Gegenseite versetzten Krampenreihe besetzt sind. Die Krampen sind so geformt, dass sie der mit einem keilförmigen Herzstück versehene, beide Seiten umfassende Schieber im darüber gleiten zusammenfügt, in der Gegenbewegung wieder trennt.

Reißwolf: Maschine zum Auflockern und Mischen von Wolle, zum Zerfasern wiederverwendbarer Alt- und Produktionsabfalltextilien für die Verarbeitung in der Streichgarnspinnerei, Vliesstoffindustrie o. ä.

Reißwolle: auf dem Reißwolf zurückgewonnene Wolle aus Alt- oder Produktionsabfalltextilien. Arten der Reißwolle sind zum Beispiel Mungo (stark gewalkte Gewebe und verfilzte Stoffe), Shoddy (reinwollene Gewirke und Gestricke) sowie Tibet (Kammgarngewebe).

Reißzahn: mit scharfkantigen Höckern versehener Zahn der Raubtiere; dient dem Zertrümmern von Knochen.

Reißzeug: Zusammenstellung von technischen Mitteln zum Anfertigen von technischen oder geometrischen Zeichnungen (zum Beispiel Reißfedern, Stech-, Nullenzirkel).

Reiter:

1. Bautechnik: Stahlträger oder Kanthölzer, die bei Umbauarbeiten quer zur Mauer auf Absteifungsrahmen liegen und darüberstehende Mauerteile abfangen.

2. Bürotechnik: aufsteckbare farbige Markierungszeichen für Karteikarten u. ä.

Reiterscheiben: bronzene, durchbrochen gearbeitete Schmuckscheiben mit figürlicher Reiterdarstellung, als weiblicher Trachtbestandteil vorwiegend bei Alemannen im 6./7. Jahrhundertnach Christus vorkommend.

Reiter-Syndrom: allergische Erkrankung nach bakteriellen Infektionen mit Entzündungen der Gelenke, der Bindehaut des Auges und der Harnröhre (Reitersche Trias). benannt nach dem Bakteriologen Hans Reiter (1881-1969).

Reitgras, Calamagrostis: Gattung meist hochwüchsiger Rispengräser, zum Beispiel das Waidreitgras (Calamagrostis arundinacea) in lichten Laubwäldern und das wurzelreiche, Trockenheit vertragende Landreitgras (Calamagrostis epigejos) als Forstungsgras.

Reit im Winkl: Gemeinde in Bayern, in den Berchtesgadener Alpen; 2600 Einwohner; Pfarrkirche (14. Jahrhundert); Wintersportzentrum.

Reitstock: auf Werkzeugmaschinen zur Herstellung rotationssymmetrische Teile (Dreh-, Schleifmaschine) verschieb- und klemmbarer Werkstückhalter mit axial verschieb- und klemmbarer Pinole, die eine Spitze zur Stützung des Werkstückes oder Werkzeuge aufnehmen kann.

Reiz: messbare physikalische oder chemische Einwirkung aus der Umwelt oder dem Inneren des Organismus, die bei Erreichen einer Mindeststärke (Reizschwelle) eine Erregung von Zellen beziehungsweise eine Reaktion des Organismus auslöst (unterschwelliger Reiz, überschwelliger R). Die Reizwirksamkeit wird durch Intensität, Dauer und Geschwindigkeit der Zustandsänderung (Anstiegssteilheit des R) bestimmt. Reize können nach ihrer Qualität klassifiziert werden (zum Beispiel mechanische und chemische R). Reiz, die aus der Umwelt einwirken, heißen exterozeptive Reiz, solche, die im Inneren des Organismus wirken interozeptive Reiz. Für die Raufnahme existieren spezielle Strukturen, die Rezeptoren. Sie haben jeweils für eine bestimmte Reizqualität höchste Empfindlichkeit. Danach werden adäquate und inadäquate Reiz unterschieden. So ist zum Beispiel Licht bestimmter Wellenlänge der adäquate Reiz für Fotorezeptoren in der Netzhaut des Auges.

Reizbarkeit:

1. Medizin: ungewöhnlich starke Reaktion des Zentralnervensystems auf äußere Reize bei mangelhafter Hemmungsfähigkeit. In der Psychiatrie spricht man von abnormer Reizbarkeit bei Menschen bestimmter Konstitution, zum Beispiel bei cholerischer Fehlentwicklung oder bei organischen Erkrankungen des Gehirns, vor allem bei Epilepsie.

2. Physiologie: Fähigkeit lebender Materie, durch physikalische und chemische Einwirkungen in Erregung zu geraten.

Reizblase: Überempfindlichkeit der Blase; äußert sich im gehäuften Harndrang, besonders bei jüngeren Frauen mit ausgeprägten hormonellen und neurovegetativen Störungen sowie nicht selten nach Unterkühlung.

Reizkampfstoffe: Nasen-, Rachen-, Augen- und sonstige Reizstoffe, die eine zeitweilige Kampfunfähigkeit herbeiführen, zum Beispiel Adamsit, Clarkii. Die in der chemischen Keule angewandten modernen Reizkampfstoffe zum Beispiel Ortho-Chlorbenzylidenmalodinitril wirken zusätzlich psychotoxisch.

Reizker: (slawisch, «der Rötliche») Bezeichnung für mehrere Milchlinge, essbar ist der Edel- oder Kiefern-Blut-Reizker (Lactarius deliciosus) mit orangerotem, mildem Milchsaft und ziegelrotem, dunkel gezontem Hut; unter Kiefern.

Reizklima: meteorologische Umweltbedingungen, bei denen Reizgrößen, wie Luftkälte, UV-Strahlung und Luftfeuchtigkeit, häufig verbunden mit raschem Wechsel gegenüber Schonungsgrößen, wie Trockenheit und Wärme, überwiegen. Diese allgemeine Reizung wird als Klimakur genutzt. Reizklima findet sich an der See und im Hochgebirge.

Reizkörpertherapie: Behandlung von Kranken mit Substanzen, die den Organismus zur verstärkten Mobilisierung seiner Abwehrfähigkeit anregen; sie wird vor allem bei verzögerten Heilungsprozessen angewendet, zum Beispiel durch Injektionen von Bakterienaufschwemmungen (Pyrogene) oder durch Aufträgen entzündungsauslösender Mittel (Senföl, Kantharidin) auf die Haut.

reizlindernde Mittel: Mittel gegen Haut- und Schleimhautreizungen, zum Beispiel Kräuterauszüge von Kamille, Hamamelis, Birke oder Lösungen von Benzoe-, Milch- oder Borsäure; häufig in Kosmetika enthalten.

Reizstoffe: gas- oder staubförmige Substanzen, die durch ihre chemische beziehungsweise physikalische Eigenschaften bei kurzzeitigem Haut- oder Schleimhautkontakt zu leichten Reizerscheinungen, zum Beispiel Hautrötungen, Reizhusten, in höheren Konzentrationen zu Vergiftungen, schweren Entzündungen, zum Lungen ödem (bei Einatmung von Reizgasen) und Gewebezerstörungen fuhren können. Chronische Schäden sind besonders bei beruflichem Kontakt mit Reizstoffe, die den Atemtrakt beeinträchtigen, möglich.

Reizstrom: elektrischer Gleich-, Wechsel- oder Impulsstrom zur diagnostischen und therapeutischen Anwendung am Nerv-Muskel-System. In der Diagnostik werden Gleichstrom und niederfrequente Impulsströme (Rechteck- oder Dreieckform) zur Erregbarkeitsprüfung verwendet, in der Therapie Gleichstrom, niederfrequente Impuls- und Wechselströme bis 100 kHz zur Behandlung von Lähmungserscheinungen und bei Schmerzzuständen.

Rej, Mikolaj, 4.2.1505-zwischen 8.9. und 4.10.1569, polnischer Dichter und Prosaschriftsteller, einer der bedeutendsten Vertreter der polnischen Renaissance, schrieb als erster ausschließlich in polnischer Sprache, daher «Vater der polnischen Literatur» genannt; trat für eine nationale und weltliche Literatur ein. Sein didaktisch-moralisierendes Schaffen, das die Leitbilder und Forderungen des mittleren Adels widerspiegelt, bietet ein unübertroffenes Bild des zeitgenössischen polnischen Lebens. Sein populärstes Werk ist die Dichtung «Der Spiegel» (1568).

Anton Reicha, Rejcha, Antonin, 26.2.1770—28.5.1836, tschechischer Komponist; kam um 1790 nach Bonn, wo er mit dem jungen Beethoven zusammentraf; lebte seit 1808 endgültig in Paris und unterrichtete dort am Konservatorium (unter anderem F. Liszt, H. Berlioz, C. Gounod, C. Franck). Reicha schuf 10 Opern, zahlreiche Instrumentalwerke, besonders Bläsermusik (u. a. 24 Bläserquintette), ferner 36 Fugen «nach einem neuen System» und wirkte auch auf musikpädagogischen und -theoretischen Gebiet als Neuerer.

rekapitulieren: zusammenfassend wiederholen.

Reklamanten: in mittelalterlichen Handschriften und Frühdrucken Vermerke zur Sicherung der Reihenfolge der Lagen.

Reklamation: Beanstandung, Beschwerde, insbesondere über Qualitätsmängel; siehe auch Garantie 3 und 4.

rekognoszieren: aufklären, erkunden; für echt erklären.

rekombinante DNS: Bezeichnung für eine meist außerhalb einer lebenden Zelle künstlich hergestellte genetische Struktur aus DNS unterschiedlichen Ursprungs; für die molekularbiologische Forschung und für die mikrobiologische und pharmazeutische Industrie von Bedeutung. Z. B. werden mit Hilfe von DNS, auf der die Information für ein menschliche, zur Therapie zu nutzendes Hormon liegt, Bakterien zur Produktion dieses Hormons befähigt.

Rekombination:

1. Genetik: Prozesse, die zur Umgruppierung des genetischen Informationsbestandes der Eltern in der Nachkommenschaft fuhren. Rekombination erfolgt bei Eukaryoten während der Meiose entweder durch Neukombination der ehemaligen mütterlichen und väterlichen Chromosomen oder bei der Paarung dieser Chromosomen durch Austausch homologer Abschnitte (Crossing-over). Bei Prokaryonten ist Rekombination nach I Transformation, Transduktion oder Konjugation durch Austausch homologer DNS-Bereiche möglich.

2. Physik: Vereinigung von Ladungsträgern entgegengesetzter Ladung unter Energieabgabe; in Gasen als Rekombination von Ionen und Elektronen, in Halbleitern als Rekombination von Leitungselektronen und Löchern, in Elektrolyten als Rekombination von Ionen entgegengesetzter Ladung.

Rekombinationsstrahlung, Rekombinationsleuchten: elektromagnetische Strahlung, die bei der Rekombination von Teilchen entgegengesetzter Ladung entsteht; Wellenlänge und Intensität der Rekombinationsstrahlung sind stark abhängig vom betreffenden Rekombinationsprozess und den vorherrschenden Wechselwirkungen; sie reicht von der y-Strahlung bis in den infraroten Bereich. Von besonderer technischer Bedeutung ist die Rekombinationsstrahlung in Leuchtstofflampen sowie in Leuchtdioden.

Rekonstruktion: 1. allgemein Wiederherstellung oder Nachbildung (des ursprünglichen Zustands); Wiederaufbau und dessen Ergebnis; Wiedergabe eines Geschehens aus der Erinnerung.

2. politische Ökonomie: wichtige Form der Reproduktion der Grundfonds. Die Rekonstruktion dient der Modernisierung und Erhöhung des Leistungsvermögens vorhandener Arbeitsmittel (Maschinen, Gebäude, Anlagen) und Technologien und ist ein Hauptprozess zur Durchsetzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Die sozialistische Rekonstruktion ist in den Prozess der sozialistischen Intensivierung und Rationalisierung eingeordnet; sie ist auf den ressourcen- und fondssparenden Reproduktionstyp, auf die Schaffung von rohstoff-, material- und energiesparenden Erzeugnissen, Verfahren und Technologien und die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen gerichtet. Durch Einsparung von Investitionen (insbesondere der Bauleistungen) steigt die Grundfondseffektivität.

Rekonstruktionsverfahren: Methode, aus fossilen beziehungsweise unvollständigen Resten (zum Beispiel Knochen) den körperlichen Zustand eines (ausgestorbenen) Lebewesens nachzubilden.

Rekord: sportliche Höchstleistung entsprechend den Wettkampfbestimmungen. Der Rekord muss durch die zuständige Sportföderation bestätigt werden (Rekordanerkennung). Siehe auch Bestleistung.

Rekristallisation: Neubildung des Kristallgefüges von Metallen nach der Kaltverformung. Die durch die Verformung zerstörte Kornstruktur wird oberhalb der vom Werkstoff abhängigen Rekristallisationstemperatur durch das Wachsen neuer Körner zurückgebildet, wobei auch die Kaltverfestigung verschwindet (zum Beispiel für Blei bereits bei Raumtemperatur).

Rekrut: erstmals eingezogener Soldat in der ersten Ausbildungszeit; siehe auch Wehrpflicht.

rektal: den Mastdarm (Rektum) betreffend, zum Mastdarm gehörig, mastdarmwärts liegend, durch den Mastdarm.

Rektifikation: 1. allgemein Berichtigung, Zurechtweisung.

2. Analysis: Bestimmung der Länge eines Kurvenstückes. Ist eine ebene Kurve durch die differenzierbare Funktion y=f(x) gegeben, so wird die Länge des Kurvenbogens, dessen Punkte den Werten der Variablen x aus dem Intervall asxsi entsprechen, durch das Integral bestimmt.

3. Chemie: Destillieren.

4. Lebensmitteltechnologie: fraktionierende Gegenstromdestillation, zum Beispiel von ethanolische Lösungen, um unter anderem die bei der Gärung entstandenen anderen Alkohole (sogenannt Fuselöle) abzutrennen. Großtechnisch findet die Rektifikation zur Herstellung von Primasprit aus Rauhbrand (Lutter) in speziellen Rektifikationskolonnen Anwendung.

Rektion: Fähigkeit bestimmter Wortarten (Verb, Adjektiv unter anderem), den Kasus des von ihnen abhängigen Wortes zu bestimmen, zum Beispiel «lieben» + Akkusativ: ich «liebe dich»; «fremd» + Dativ: sie «ist mir fremd».

Rektor: Leiter einer Universität oder Hochschule.

Rektozele: selten angeborener, meist bei allgemeiner Bindegewebeschwäche erworbener Vorfall des Mastdarms (Rektum). Als Rektozele bezeichnet man auch eine Senkung der vorderen Mastdarmwand und der hinteren Scheidenwand durch die Scheide.

Rekultivierung: acker- und pflanzenbauliche, waldbauliche und meliorative Maßnahmen auf ehemaligen Kippen und Halden, dient zur Entwicklung der Bodenfruchtbarkeit als Grundlage höherer und stabilerer Erträge in der land- und forstwirtschaftlichen Produktion; ist Teil der Gestaltung von Bergbaufolgelandschaften.

Rekurrensfieber, Rückfallfieber: durch Rekurrenz Borrelien (Schraubenbakterien) hervorgerufene und durch Zecken, Kleider- und Kopfläuse übertragene, weltweit verbreitete Infektionskrankheit mit periodischen mehrtägigen Fieberanfällen, Nasenbluten, Leber- und Milzschwellung.

Rekurrenslähmung, Kehlkopflähmung, Stimmbandlähmung: Funktionsausfall der durch den Nervus recurrens versorgten Kehlkopfmuskeln. Doppelseitige partielle Schädigungen verursachen eine hochgradige Behinderung der Atmung bei guter Stimme. Bei doppelseitiger totaler Schädigung ist die Stimme bei fast unbehinderter Atmung sehr heiser.

Rekursionsformel: Formel, nach der die Werte einer Zahlenfolge oder Funktion aus ihren Werten an vorhergehenden Stellen berechnet werden können. Auf Rekursionsformel beruhende mathematische Verfahren heißen Rekursionsverfahren.

Relais: elektromagnetischer Schalter zur Steuerung eines Stromkreises durch einen zweiten, unabhängigen Stromkreis. Ein Relais besteht aus Magnet- und Kontaktteil. Wird der steuernde Stromkreis von elektrischem Strom durchflossen, bewegt sich der Anker des Elektromagneten, und im gesteuerten Kreis werden elektrische Kontakte geschlossen oder geöffnet. Das Relais ist ein wichtiges Bauelement der Fernmelde- und Steuerungstechnik sowie der Leistungselektronik. im weiteren Sinne jede Einrichtung, bei der die gesteuerte Leistung größer als die steuernde ist

Relation: 1. allgemein Beziehung, Verhältnis.

2. Logik: Prädikat mit wenigstens 2 Leerstellen.

3. Mengenlehre: Korrespondenz.

4. Schifffahrt: Fahrtgebiet.

Relation, binäre: eine Beziehung Relation, die für jedes geordnete Paar von Elementen einer gegebenen Menge M entweder besteht oder nicht besteht; formal definierbar als Teilmenge der Produktmenge von M und M. Trifft die binäre Relation i auf (x, y) zu, so sagt man, dass x und y in der Relation R stehen, und schreibt xRy; zum Beispiel bedeutet 2 < 5, dass die Kleiner Relation für natürliche Zahlen auf das geordnete Paar (2, 5) zutrifft. Ist R binär Relation in M und trifft die binäre Relation S auf (x, j>) genau dann zu, wenn R auf (y, x) zutrifft, so heißt S die zu R inverse Relation, bezeichnet durch R"1. Die Menge aller xeM, für die es ein ye M gibt, so dass xRy gilt, ist der Vorbereich, die aller ye M, za denen es ein x e M gibt, für das xRy gilt, der Nachbereich von Relation. Eine binäre Relation heißt eindeutig, wenn jedes x höchstens mit einem y in der Relation R steht. Eine binäre Relation R in M ist reflexiv, falls xRxgilt für alle xeM; R ist irreflexiv, falls xRx für kein xeM gilt; R ist symmetrisch, falls aus xRy stets yRx folgt; R ist antisymmetrisch, falls aus xRy und yRx stets x = y folgt; R ist asymmetrisch, falls aus xRy nie yRx folgt für alle x, y e M; R ist transitiv, falls aus xRy und yRz stets xRz folgt. Siehe auch Abbildung, Halbordnungsrelation, Ordnungsrelation.

Relation, zistellige: eine Beziehung, die für jedes n-Tupel von Elementen einer gegebenen Menge M entweder besteht oder nicht besteht; formal definierbar als Teilmenge der n-fachen Produktmenge von M.

Relationenlogik, Relationenalgebra: Teilgebiet der Prädikatenlogik, in dem die Eigenschaften von und die Beziehungen zwischen Relationen untersucht werden; früher Relationslogik genannt.

relativ: verhältnismäßig, bedingt; sich auf etwas beziehend. Siehe auch absolut.

relative Häufigkeit: der Quotient min, wenn bei n unabhängigen Wiederholungen eines Versuchs ein Ereignis Einmal eingetreten ist; nach dem Gesetz der großen Zahlen ist die relative Häufigkeit für große n ein guter Schätzwert der Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von E im Ergebnis eines Versuchs.

relative Stabilisierung des Kapitalismus: auf die revolutionäre Nachkriegskrise folgende zeitweilige und begrenzte ökonomische und politische Stabilisierung des Kapitalismus 1924/29; führte in Deutschland zur sprunghaften Konzentration und Zentralisation des Kapitals und zum raschen Wiedererstarken des Imperialismus und Militarismus. Verbesserungen in der Lebenslage der Werktätigen waren verbunden mit verschärfter Ausbeutung mittels kapitalistischer Rationalisierung. Die relative Stabilisierung wurde durch den Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 beendet.

relative Überproduktion: typische Erscheinung der kapitalistischen Produktionsweise, dass mehr Waren erzeugt werden, als der zahlungsfähigen Nachfrage (nicht aber den wirklichen Bedürfnissen der Gesellschaft) entspricht. Relative Überproduktion bedeutet zum Beispiel Unverkäuflichkeit von Nahrungsmitteln und Konsumgütern trotz Hunger und Not von Teilen der werktätigen Bevölkerung. Die Ursachen der relativen Überproduktion wurzeln im Grundwiderspruch der kapitalistischen Gesellschaft, darin, dass nicht die Bedürfnisse der Werktätigen, sondern der Profit der Kapitalisten das Ziel der Produktion ist.

relative Übervölkerung: der Teil der Gesamtbevölkerung, der im Verhältnis zur Kapitalverwertung überflüssig ist und deshalb seine Arbeitskraft gar nicht oder nur in eingeschränktem Maße verkaufen kann. Die relative Übervölkerung ist das gesetzmäßige Ergebnis der kapitalistischen Anwendung des technischen Fortschritts, weil die dadurch freigesetzten Arbeitskräfte nur bei rascher Erweiterung des Wirtschaftswachstums vom Kapital beschäftigt werden. Sie ist Ergebnis und Existenzbedingung des Kapitalismus; ermöglicht dem Kapital, die Löhne zu drücken, die Ausbeutung zu steigern und in der Konjunktur ausreichend Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben. Fehlt den Kapitalisten in Zeiten der Konjunktur eine inländische relative Übervölkerung, nutzen sie mittels Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte die relative Übervölkerung. anderer Länder. Die relative Übervölkerung. tritt als industrielle Reservearmee und als Massenelend degradierter Schichten (Pauperismus) im Imperialismus in Erscheinung.

Relativfehler: neben dem absoluten Fehler gebräuchlichste Angabe der Genauigkeitsgrenzen eines Näherungswertes ä für eine Größe a, deren genauer Wert nicht bekannt ist. Der Relativfehler ist das Verhältnis des absoluten Fehlers zum wahren Wert und wird oft angenähert. Das Intervall wird oft auch in der Form ä± g(a)-100 % geschrieben. Der Relativfehler eines Produktes (Quotienten) zweier Zahlen ist gleich der Summe (Differenz) der Relativfehler der Faktoren (von Dividend und Divisor).

Relativismus: erkenntnistheoretischer Standpunkt, nach dem es keine vom Subjekt unabhängige (objektive) Wahrheit gibt; beruht meist auf subjektiv-idealistischer Grundhaltung. Konsequenzen sind Agnostizismus und Leugnung des Fortschritts in Wissenschaft und Philosophie. Die Dialektik erkennt die Relativität der menschlichen Erkenntnis im Sinne ihrer historischen Bedingtheit und Annäherung an die absolute Wahrheit an, reduziert sich aber nicht auf Relativismus

Relativität der Gleichzeitigkeit: die Abhängigkeit des Begriffs der Gleichzeitigkeit vom Bewegungszustand eines Beobachters; tritt als Folge der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit als Grenzgeschwindigkeit zur Übertragung von Informationen auf; alle Ereignisse, die im Raum-Zeit-Kontinuum raumartig zueinander liegen, können prinzipiell auch gleichzeitig eintreten. Die Relativität der Gleichzeitigkeit hat zahlreiche kinematische Besonderheiten der Speziellen Relativitätstheorie zur Folge.

Relativitätsprinzip: Aussage über die Gleichwertigkeit der Bezugssysteme zur Beschreibung physikalischer Gesetze. Das spezielle Relativitätsprinzip besagt, dass alle Inertialsysteme physikalisch äquivalent sind und daher die Naturgesetze gegenüber Lorentz Transformationen forminvariant sein müssen. Das allgemeine Relativitätsprinzip besagt, dass die Naturgesetze gegenüber beliebigen Koordinatentransformationen des Raum-Zeit-Kontinuums forminvariant sein müssen. Siehe auch Relativitätstheorie.

Relativitätstheorie: physikalische Theorie der Struktur von Raum und Zeit. Die 1905 von A. Einstein (daneben von H. A. Lorentz, H. Poincare) begründete Spezielle Relativitätstheorie geht davon aus, dass die Vakuumlichtgeschwindigkeit in allen Inertialsystemen den gleichen konstanten Wert % hat, wie der Michelson-Versuch zeigt. Nach der Relativitätstheorie sind Raum und Zeit nicht unabhängig voneinander, sondern bilden ein vierdimensionales Raum-Zeit-Kontinuum; Raum und Zeit haben nur relativ zu einem bestimmten Bezugssystem unabhängige Bedeutung. Folgerungen der Speziellen Relativitätstheorie sind die Relativität der Gleichzeitigkeit, die I Längenkontraktion und die Zeitdilatation. Die Masse m eines mit der Geschwindigkeit v bewegten Körpers wächst gegenüber seiner Ruhmasse; die Vakuumlichtgeschwindigkeit Co kann nur von Teilchen der Ruhmasse mo = 0 (zum Beispiel Photonen) erreicht werden. Die Gesamtenergie E und die Masse m eines Körpers sind über die Einsteinsche Gleichung E=mca verknüpft (Energie-Masse-Äquivalenz); die Ruhenergie eines Körpers. Die 1915 von Einstein begründete Allgemeine Relativitätstheorie erhebt die Gleichheit von schwerer und träger Masse zum Prinzip (siehe auch Äquivalenzprinzip) und fordert die Gleichwertigkeit beliebig bewegter Bezugssysteme (allgemeines Relativitätsprinzip). Nach der Allgemeinen Relativitätstheorie bedingen sich die Geometrie des Raum-Zeit-Kontinuums und die Verteilung gravitierender Massen im Kosmos wechselseitig über die Einsteinschen Feldgleichungen, die den metrischen Tensor und dessen Ableitungen mit dem Energie-Impuls-Tensor verknüpfen. Die wichtigsten experimentell geprüften Effekte der Allgemeinen Relativitätstheorie sind die Lichtablenkung, das heißt die Ablenkung des Sternenlichts an großen Massen, zum Beispiel der Sonne; die Drehung der Ellipsenbahnen (Periheldrehung) der Planeten, insbesondere des Merkurs; die relativistische Rotverschiebung der Spektrallinien, wenn Photonen gegen ein Gravitationsfeld anlaufen.

Relativlohn: das Verhältnis des Lohnes der Arbeiter (des variablen Kapitals) zur Masse des Mehrwertes der Kapitalisten.

Relativpronomen, bezügliches Fürwort: Pronomen, das im Nebensatz auf ein vor ihm stehendes Satzglied im Hauptsatz verweist, zum Beispiel das Mädchen, «welches» mir gefällt.

Relativsatz: Nebensatz, der durch ein Relativ-pronomen an ein Bezugswort im Hauptsatz oder einem anderen Nebensatz angeschlossen wird, zum Beispiel Gib mir das Buch, «das du liest».

Relaxantia: soviel wie Muskelrelaxantien.

Relaxation: 1. Medizin Entspannung; Selbstentspannung wird erreicht zum Beispiel durch autogenes Training.

2. Relaxation, Nachwirkungserscheinung: Physik zeitliche Zurückbleiben einer Wirkung hinter der Ursache. insbesondere erfolgt der Übergang eines Systems aus einem Gleichgewichtszustand in einen anderen nur allmählich, wenn die äußeren Bedingungen augenblicklich geändert werden; ändern sich diese Bedingungen ständig, also als Funktion der Zeit t, so hinkt das System mit der Einstellung der Gleichgewichtszustände hinter dem zeitlichen Ablauf der Bedingungen her. Relaxationserscheinungen treten zum Beispiel auf bei der Magnetisierung eines Eisenkerns in einer stromdurchflossenen Spule, bei elastischen Deformationen und bei thermodynamischen Prozessen. Ursache der Relaxation sind die inneren Wechselwirkungen des Systems, die zu Relaxationszeiten r, definiert durch-exp für die zeitliche Änderung einer Größe, zwischen 10"16s (Einstellung des Gleichgewichtsdruckes in Gasen) und mehreren Jahren (Konzentrationsausgleich in festen Legierungen) führen.

Relaxin: weibliches Sexualhormon, das während der Schwangerschaft eine Auflockerung von Bindegewebe im Beckenring hervorruft.

Relegation: Verweisung eines Schülers oder Studenten von einer Bildungsstätte.

relevant: erheblich, wichtig, belangvoll.

Relief:

1. Bildhauerkunst: erhaben aus einer Fläche herausgearbeitetes Werk. Je nach dem Grad, in dem sich das Relief plastisch von der Fläche löst, werden Flach- (Bas-), Halb- (Mezzo-Relievo) oder Hoch- (Haut-) Relief unterschieden. Das sogenannt versenkte Relief (relief en creux) der ägyptischen Kunst ist in die Fläche hineingearbeitet. In seiner Gebundenheit an die Fläche vermittelt das Relief zwischen Freiplastik und Malerei. Damit gewinnt es die Möglichkeit, erzählende Motive, figurenreiche Kompositionen, Ornamentik und selbst räumliche Elemente wiederzugeben, ohne den denkmalhaften Charakter der Plastik aufgeben zu müssen. Kunstgewerbliche und kleinplastische Formen der Reliefkunst sind Münzen, Medaillen, Gemmen, Elfenbein- und Treibarbeiten unter anderem. Das Relief kommt zu allen Zeiten und bei allen Völkern vor. Klass. Kunstperioden haben stets am strengen, klar gegliederten Relief festgehalten und auf malerische Wirkungen nach Möglichkeit verzichtet, während es sich zu anderen Zeiten mehr der Malerei näherte.

2. Geographie: Gesamtheit der kontinentalen und submarinen Oberflächenformen der Erde, auch als Georelief bezeichnet. Die Untersuchung der Reliefformen des Festlandes, ihrer aktuellen Prozesse und ihrer Entstehung ist Aufgabe der Geomorphologie.

3. Kartographie: dreidimensionales Modell, das die Oberfläche der Erde oder eines anderen Himmelskörpers beziehungsweise Teile davon mit oft starker Überhöhung zur Steigerung der Anschaulichkeit zeigt.

Reliefdarstellung: Darstellung der Oberflächenformen der Erde oder eines anderen Himmelskörpers (das heißt des geographischen Reliefs) auf Karten mittels graphischer Methoden. Neben der häufig angewandten Kennzeichnung der Höhenlage durch Höhenschichtlinien sind Schraffen (Bergstriche) und Schummerung (Schattierung) weitere Ausdrucksmittel zur Reliefdarstellung Schroffen sind je nach Steilheit der Hänge verschieden breite und verschieden lange Striche, die stets in Richtung des steilsten Gefälles senkrecht auf Höhenschichtlinien stehen. Unter Schummerung versteht man die unterschiedlich starke Flächentönung zur Erzielung von Schatteneffekten (bei der Böschungsschummerung «je steiler, desto dunkler»). Sie wird häufig mit der Höhenschichtendarstellung kombiniert

Reliefenergie: morphematischer Kennwert in der Geomorphologie zur Bestimmung des Reliefs. Die Reliefenergie wird auf topographischen Karten ermittelt, indem man für ein begrenztes Gebiet die relative Höhe, das heißt den Höhenunterschied zwischen dem höchsten und niedrigsten Geländepunkt bestimmt

Reliefinversion, Reliefumkehr: geomorphologischer Begriff für eine durch Abtragung entstandene Umkehr des Reliefs, deren Ursache unterschiedlich widerständige Gesteine in einer Schichtenfolge sind. So kann zum Beispiel eine geologische Mulde bei der Reliefentwicklung in ein Hochgebiet und ein geologischer Sattel in eine Depression umgeformt werden.

Religion: Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, das die objektive Realität in verzerrter und phantastischer Weise widerspiegelt; idealistische Weltanschauung, in der als primäre Ursache des natürlichen und gesellschaftlichen Geschehens ein persönlicher Gott, mehrere Götter, Geister unter anderem beziehungsweise unpersönliche übernatürliche Kräfte und Mächte angesehen werden; charakteristisch ist eine irrationale, gefühlsmäßig betonte Glaubenshaltung, in der sich der religiöse Mensch einerseits von geheimnisvollen übernatürlichen Mächten abhängig fühlt, die er andererseits durch Gebet, Opfer, Riten und Kulthandlungen beeinflussen zu können glaubt. Die Wurzeln der Religion liegen im Bemühen, über die historisch bedingten Erkenntnisschranken, die Unfähigkeit, natürliche und gesellschaftliche Zusammenhänge zu erfassen, hinauszugehen. Religion und Wissenschaft befinden sich in schroffem Gegensatz zueinander. Die sozialen Ursachen der Religion sind vornehmlich im Bestehen der antagonistischen Klassengesellschaft zu suchen. Religion ist in der Regel als Ideologie von Ausbeuterklassen konservatives, reaktionäres Bewusstsein, «Opium des Volkes» (Marx); sie ist aber auch Protestation gegen das Elend in der Ausbeutergesellschaft; dieser widersprüchliche Charakter der Religion kann sie in ihren politischen Interpretationen sowohl reaktionären als auch progressiven Kräften dienstbar machen. Es gibt ethnisch (zum Beispiel germanische Religion) und auf Stämme von Völkern (zum Beispiel Religion verschiedener Ureinwohner) beschränkte Religionen sowie Weltreligionen.

Religionsedikt: staatliche Verordnung über die Religionsausübung, zum Beispiel das Potsdamer Edikt (1685).

Religionsphilosophie: Teildisziplin der bürgerlichen Philosophie, die die Fragen des Ursprungs, des Wesens, der Entwicklung und der Funktion der Religion zum Gegenstand hat.

Religionswissenschaft: die (nicht wie die Theologie vom Glauben bestimmte) historische-kritische Erforschung der Religionen; gliedert sich in Religionsgeschichte, systematischer Religionswissenschaft (vergleichende Religionswissenschaft, Religionsphänomenologie), Religionspsychologie, Religionssoziologie; ist ein Produkt der Aufklärung und von bürgerlichen Denken geprägt, ältere (antike und islamische) Vorläufer sind nachweisbar; Ziele und Methoden werden durch die Weltanschauung des Forschers bestimmt; philosophische Grundlage der marxistisch-leninistischen Religionswissenschaft ist der historischen und dialektischen Materialismus (wissenschaftlicher Atheismus).

religiöser Sozialismus: besonders in der Sozialdemokratie wirksame bürgerliche ideologische und politische Strömung, die sozialreformistischen Vorstellungen vom Sozialismus mit religiösen Auffassungen, besonders mit der christlichen Ethik, verbindet. Vertreter des religiösen Sozialismus nahmen aktiv am Kampf gegen den deutschen Faschismus teil und sind in der Friedensbewegung tätig.

Relikt: 1. allgemeines Überbleibsel.

2. Biologie: Tier- oder Pflanzenart, die früher weit verbreitet war und deren Lebensraum später durch Umweltveränderungen eingeschränkt wurde, so dass sie gegenwärtig nur noch in isolierten Gebieten vorkommt, zum Beispiel Eiszeit-R Schneehase, Zwergbirke.

Reling: (niederdeutsch, zu «Riegel») offenes Geländer um ein freiliegendes Deck an der Bordwand, mitunter umklappbar; siehe auch Schanzkleid.

Reliquiar: Behälter zur Aufbewahrung und Zurschaustellung von Reliquien; meist kostbar gearbeitet als Reliquienschrein oder entsprechend der Art der Reliquie als Kopf-, Arm-, Fuß-R oder Reliquienbüste.

Reliquie: Überbleibsel, Andenken an einen Heiligen; in der römisch-katholischen und orthodoxen Kirche Gegenstand religiöser Verehrung; von den reformierten Kirchen abgelehnt.

Reluktanzmaschine: a) Generator zum Erzeugen höherfrequenter Wechselströme (Mittelfrequenzgenerator);

b) Drehstrom- (Dreiphasen-Reluktanzmotor) beziehungsweise Wechselstrom Kleinstmotor (Einphasen-Reluktanzmotor) mit Synchronverhalten. Der Läufer weist Aussparungen auf, wodurch der magnetische Widerstand am Umfang unterschiedlich ist und ein Reluktanzmoment entsteht.

Remagen: Stadt in Rheinland-Pfalz am Rhein. Im 2. Weltkrieg erfolgte am 7.3.1945 bei Remagen der erste Rheinübergang US-amerikanischer Truppen über die unzerstörte Eisenbahnbrücke.

Remake: Neuverfilmung eines bereits erfolgreichen Drehbuches, meist in einer dem neuesten Stand entsprechenden Technik.

Remaliner Lochung: (Kunstwort, englisch regulär machine line, «reguläre Linienführung») Polygraphie die bei Endlosformularen für die Schnelldrucker von EDVA an einer oder beiden Seiten in bestimmten Abständen eingestanzten Führungslöcher, die zum Transport der Formulare durch den Schnelldrucker dienen.

Remarque, Erich Maria, eigentlich Erich Paul Remark, 22.6.1898—25.9.1970, Schriftsteller, emigrierte 1932 in die Schweiz, 1939 nach New York. Remarques erfolgreichstes Buch war der desillusionierende Antikriegsroman «Im Westen nichts Neues» (1929); er schrieb ferner die antimilitaristische und antifaschistische Romane «Are de Triomphe» (1946), «Der Funke Leben» (1952), «Zeit zu leben und Zeit zu sterben» (1954), das Schauspiel «Die letzte Station» (1956).

Rembrandt, eigentlich Rembrandt Hannensz van Rijn (rein), 15.7.1606-4.10.1669, holländischer Maler und Radierer, genialste und vielseitigste Künstlerpersönlichkeit Hollands. Rembrandt hat, gleichwertig in Malerei und Radierung, sich fast allen Sujets der Zeit gewidmet, mit Vorliebe jedoch Bildnissen («Saskia» sowie die alle Lebensstationen begleitenden Selbstbildnisse) und biblische Themen sowie mythologischen Stoffen. Den kleinformatigen, auf Helldunkelwirkung gestimmten mythologischen und biblischen Szenen der Leidener Frühzeit schließt sich nach der Übersiedlung nach Amsterdam (1631) eine durch die «Anatomie des Dr. Tulp» (1632) und die sogenannte «Nachtwache» (1642) begrenzte Periode an, die durch gesteigerte Leuchtkraft der Farben und Dramatisierung des Geschehens gekennzeichnet ist. In den folgenden Schaffensjahren tritt zunehmende Beruhigung und Verinnerlichung ein, die in den allein aus der Farbe heraus gestalteten Werken der Spätzeit («Jakobssegen», 1656; «Staalmeesters», 1661/62; «Rückkehr des verlorenen Sohnes», 1668/69; «Judenbraut», 1668; zahlreiche Bildnisse) letzte Tiefe und Verklärung erreicht. Sein reiches Œuvre wird ergänzt durch zahlreiche, meist bildmäßig lavierte Federzeichnungen.

Remedium: 1. Heilmittel, zum Beispiel Remedium cardinale (Hauptwirkstoff).

2. bei Münzen gesetzlich zulässige Abweichung von Masse und Feingehalt.

Remek, Vladimir, geboren 26.9.1948, erster tschechoslowakischer Kosmonaut; absolvierte vom 2. bis 10. 3. 1978 als erster Interkosmonaut und Forschungskosmonaut von Sojus 28 zusammen mit A. A. Gubarew einen Raumflug mit siebentägigem Aufenthalt an Bord der sowjetische Raumstation Salut.

Remington, Philo, 31.10.1816-4.4.1889, US-amerikanischer Industrieller; führte zahlreiche Neuerungen bei Handfeuerwaffen ein (zum Beispiel den Rollblockverschluss).

Reminiszenz: 1. allgemein Erinnerung; Anklang.

2. Psychologie: Zunahme der Reproduktionsleistung 2 bis 3 Tage nach der Aneignung des Lernstoffs, ohne dass in der Zwischenzeit Wiederholungen stattfanden; wird mit dem Zeitbedarf der Festigung von Gedächtniseindrücken erklärt.

Remis: (französisch) Unentschieden, besonders im Schach.

Remise:

1. Bautechnik: Wagen-, Geräteschuppen.

2. Fechten: Angriffsfortsetzung zur gleichen Blöße.

3. Jagdwesen: Schutzgehölz für Niederwild.

Remission: 1. allgemein Rücksendung; Erlass; Vermittlung.

2. Buchhandel: Rücksendung eines nicht mit Kaufverpflichtung bezogenen Buches an den Verlag.

3. Medizin: vorübergehende Rückbildung von Krankheitserscheinungen.

4. Optik: Reflexion.

Remissionsgrad: Verhältnis aus dem bei der Remission des Lichtes von der Oberfläche eines Stoffes ausgestrahlten Lichtstrom und dem einfallenden Lichtstrom.

Remittende: an den Verlag (zum Beispiel wegen Herstellungsmängeln) zurückgesandtes Buch.

Remoulade: gewürzte Mayonnaise-Kräuter-Tunke.

Remscheid: kreisfreie Stadt in Nordrhein-Westfalen, im Berg. Land; 125000 Einwohner; Zentrum der Werkzeugindustrie der BRD, vielseitiger Maschinenbau, Herstellung von Metallwaren; Werkzeugmuseum; Geburtshaus von W. C. Röntgen im Stadtteil Lennep.

Remy, Heinrich, 20.9.1890-27.11.1974, Chemiker; seit 1922 Professor an der Universität Hamburg; arbeitete über Adsorptionsvorgänge, Aerosole, Mehrstoffkatalysatoren, Ionenhydratation unter anderem; verfasste ein Lehrbuch der anorganischen Chemie.

Ren:

1. Anatomie: Niere.

2. Ren, Rentier, Rangifer tarandus: Zoologie - in beiden Geschlechtern Geweih tragender Hirsch, der gesellig in Tundren und Wäldern Nordeuropas und -amerikas lebt. Das Hausren ist Zug- und Reittier, Fleisch-, Fell- und Milchlieferant.

Renaissance: (französisch, «Wiedergeburt») Epoche der Entwicklung der materiellen und geistigen Kultur in Europa im 14./16. Jahrhundert, gekennzeichnet durch Blüte der Wissenschaft, der Kunst und Literatur sowie der handwerklichen und frühkapitalistische Produktion und Technik. Die Kultur der Renaissance war vorwiegend städtisch; sie beruhte wirtschaftlich auf der frühkapitalistischen Warenproduktion und brachte die Interessen des neu entstandenen progressiven Bürgertums zum Ausdruck. Geistiger Hauptinhalt der Ideologie der Renaissance war der vorwiegend weltliche, antifeudale und antitheologische Humanismus. Die Renaissance erreichte ihren Höhepunkt in Italien, das im 13./14. Jahrhundert das am weitesten entwickelte europäische Land war, ausgedehnte Handelsbeziehungen besaß und in dem die meisten Kulturdenkmäler der Antike erhalten waren. Das Ende der Renaissance wurde in der 2. Hälfte des 16. Jahrhundert durch das Vordringen der feudal-katholischen Reaktion bestimmt.

Philosophie: Die Philosophie der Renaissance richtete sich gegen Scholastik, Kirche, Klerus und christliche Asketismus und erstrebte die Befreiung aus den Fesseln der Theologie. Es entwickelte sich, meist in pantheistische Verbrämung, die Auffassung vom Weltall als der unendlichen, sich nach eigenen Gesetzen bewegenden Materie (Nikolaus von Kues, B. Telesio, G. Bruno, G. Galilei). In der Gesellschafts- und Staatstheorie unterstrichen die Denker der Renaissance den weltlichen Charakter von Staat und Gesellschaft (N. Machiavelli, J. Bodin). Zugleich entwickelten sich sozialutopische Anschauungen einer idealen, klassenlosen Gesellschaft auf der Grundlage des Gemeineigentums (T. More, G. D. Campanella, T. Müntzer).

Bildung: Fortschrittliche Pädagogen der Renaissance stellten das Ideal des gesunden, lebensfrohen Menschen auf und betonten die Körpererziehung. Größte Bedeutung erlangte die Erweiterung des Inhaltes der Bildung, besonders durch Studium und Pflege der klassischen Sprachen, der griechisch-römische Geschichte, Kultur und Literatur sowie durch naturwissenschaftlichen Fächer wie Arithmetik, Geometrie und Astronomie.

Kunst: Die Renaissancekunst ist gekennzeichnet durch die Befreiung von mittelalterlichen Konventionen, Symbolen und Formen und durch das Erschließen neuer Inhalte, in denen die Hinwendung zum tatkräftigen, selbstbewussten Menschen und seiner natürlichen Umgebung aus Landschaft und Raum dominiert. Die künstlerische Erfassung des Lebens war dabei untrennbar mit der naturwissenschaftlichen Forschung verbunden (Leonardo da Vinci, A. Dürer). Die Kunst basierte auf den neu gefundenen Gesetzen der Perspektive, Anatomie, Optik, Mechanik unter anderem; Grundlage dafür war die Antike, deren originale Kunstwerke wie auch theoretische Schriften man intensiv als bewundertes und nachahmenswertes Vorbild zu studieren und zu sammeln begann. Auftraggeber wurde neben öffentliche Institutionen in zunehmendem Maße die erstarkende Klasse des Bürgertums. Mit monumentalen öffentlichen Bauten (Kirchen, Paläste, Rathäuser) wie auch mit privaten Aufgaben prägte sie das Bild ihrer Zeit, wobei die neuen künstlerischen Ausdrucksformen zu einer Manifestation des Bewusstseins sowohl als Persönlichkeit wie auch als gesellschaftliche Macht wurden. Die Kunst der Renaissance bildete sich zuerst in Italien (und davon abhängig in Spanien) heraus und erlebte hier einen großartigen Aufstieg im 15. und frühen 16. Jahrhundert Wegbereiter dafür waren Ende 13./Anfang 14. Jahrhundert (sogenannt Periode der Protorenaissance) der Bildhauer N. Pisano mit seinen von antiken Vorbildern geprägten Skulpturen und der Maler Giotto mit einer neuartigen Raum- und Menschenauffassung. Der eigentliche Beginn liegt in der Frührenaissance (Quattrocento; 15. Jahrhundert), als die bahnbrechenden Architekten (F. Brunelleschi, L. B. Alberti) mit neuen technischen Mitteln Kirchen- und Profanbauten von zweckvoller harmonischer Gliederung (als neuen Typ den Palazzo, den monumentalen Stadtpalast) schufen. Einen Vorrang unter den Künsten hatte die Bildhauerkunst, da sie in enger Anlehnung an antike Vorlagen ein wirklichkeitsnahes Abbild des Menschen zu schaffen vermochte. Im Rahmen baugebundener traditioneller Aufgaben vollzog sich hier in den beiden ersten Jahrzehnten des Quattrocento die entscheidende Entwicklung zur Frührenaissance, die Lösung der Skulptur von ihrer im Mittelalter üblichen dienenden Funktion als Teil eines Baues oder Gerätes zur frei stehenden, selbständigen Statue. Die religiöse Thematik wurde dabei mit neuem Leben erfüllt; die Gestaltung des nackten Menschen trat in den Vordergrund (Davidstatuette von Donatello), die theoretisch erarbeitete Zentralperspektive wurde in das Relief aufgenommen und damit die größtmögliche Raumillusion erreicht (Paradiestür von L. Ghiberti). Als neue Aufgaben entstanden Reiterstandbilder (Gattamelata von Donatello, Colleoni von Verrocchio) und seit der Jahrhundertmitte auch die Bildnisbüste, die ebenso wie die Profilbildnisse der Malerei eine erste Blüte der Porträtkunst bildeten. Selbst die zahlreichen Madonnenreliefs wurden mit porträthaften Zügen junger Mütter ausgestattet. Auch in der Malerei dominieren (einschließlich bei religiösen Themen) die realistische Darstellung der Kraft und Schönheit des Menschen sowie die Auseinandersetzung mit Raum- und Luftperspektive zur wirklichkeitsgetreuen Wiedergabe der Umwelt. Die Ausgestaltung der Kirchen, Klöster und Paläste bot Raum für Freskenzyklen, in denen die Hauptmeister, wie A. Mantegna, P. della Francesca, D. Ghirlandaio und S. Botticelli, figurenreiche Szenen darstellten. Ende 15./Anfang 16. Jahrhundert entwickelte sich die Hochrenaissance, die mit ihrem Streben nach vollkommener Schönheit, Harmonie und einem idealen Menschenbild den klassischen Stil der Renaissance ausbildete. Bedeutende Werke sind die vom Zentralbau beherrschte Architektur D. Bramantes und A. Palladios, die psychologisch vertiefte Malerei Leonardo da Vincis, die harmonischen Kompositionen Raffaels. Auch in der Farbharmonie der venezianische Maler Giorgione, Tizian und P. Veronese sowie im heroischen Menschenbild Michelangelos widerspiegelt sich die Vollendung der Hochrenaissance Jedoch im Spätwerk Michelangelos wie im Schaffen anderer Florentiner Künstler zeigen sich bereits in den 20er Jahren des 16. Jahrhundert Züge des Manierismus und des Frühbarocks als Zeichen gesellschaftlicher und künstlerischer, teils krisenhafter Umgestaltungen. In den übrigen europäischen Ländern entwickelte sich die Renaissancekunst, beeinflusst von Italien, mit regionalen Unterschieden gemäß den verschiedenen sozialen, nationalen und religiösen Bedingungen. Der Prozess vollzog sich weniger kontinuierlich und konsequent. Obwohl in Deutschland, den Niederlanden und Frankreich frühzeitig selbständige Ansätze zur Gestaltung eines realistischen Menschenbildes vorhanden waren, kann dort erst die Kunst des 16. Jahrhundert als Renaissance bezeichnet werden. Für die Entstehung der französischen und niederländischen Renaissance hatte die burgundische Kunst um 1400 (C. Sluter, Brüder von Limburg) große Bedeutung. Darauf fußend, leisteten in den Niederlanden die Maler J. van Eyck, Renaissance van der Weyden, H. van der Goes, H. Memling und Lucas van-Leyden einen großen Beitrag für die Entwicklung der europäischen realistischen Kunst. In Deutschland war die Renaissance Ausdruck der progressiven Kräfte im Zeitalter der frühbürgerlichen Revolution. Reformation und Bauernkrieg sowie die Entfaltung des Humanismus spiegeln sich im Schaffen der großen Meister wider, wie A. Dürer, L. Cranach der Ältere, H. Holbein der Jüngere, P, Vischer der Ältere und der Jüngere. Die vom Städtebürgertum getragene Baukunst dokumentiert sich in giebelgeschmückten Rathäusern (Leipzig, Altenburg) sowie Bürgerhäusern mit reichem ornamentalem Schmuck, der durch Stichvorlagen aus Italien vermittelt wurde. Auch innerhalb der stark entwickelten Spätgotik zeigen sich Züge der Renaissance, zum Beispiel in den Werken von M. Grünewald, V. Stoß und T. Riemenschneider. In Frankreich fiel die Renaissance mit dem Kampf um die Schaffung eines zentralisierten Staates zusammen (Hauptmeister J. Fouquet, J. und F. Clouet, J. Goujon, P. Lescot, P. Delorme). In Polen, Böhmen, Dalmatien, Russland und Ungarn zeigt sich die Renaissance besonders in der meist von Italienern ausgeführten Architektur. Die formale Nachahmung des italienischen Vorbildes führte zu einem eleganten höflichen Manierismus (zum Beispiel am Prager Hof Rudolfs II.).

Literatur: Die Literatur der Renaissance bildete sich im 14. Jahrhundert zuerst in Italien im Zusammenhang mit der schnellen Entwicklung der bürgerlichen Kultur in den Stadtstaaten heraus und erreichte in der 1. Hälfte des 16. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Vorläufer der neuen, von humanistischen Geist erfüllten Dichtung waren Dante Alighieri, F. Petrarca, der im «Liederbuch» irdisches Lebens- und Naturgefühl zum Ausdruck brachte, und G. Boccaccio, der mit dem das Leben seiner Zeit realistisch zeichnenden «Decamerone» zum Begründer der modernen Novelle wurde. Die Vertreter der Renaissancelyrik, unter anderem Lorenzo de Medici (gen. «der Prächtige»), A. Poliziano, Michelangelo, Vittoria Colonna und Gaspara Stampa, sahen ihr Vorbild in Petrarca. Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhundert entwickelte sich das romantische Ritterepos (L. Pulci, M. Boiardo), in dem die Stoffe der Karlssage frei verarbeitet wurden und das in L. Ariostos «Rasendem Roland», der kunstvollsten Dichtung der italienischen Renaissance, seinen Höhepunkt fand. N. Machiavelli, der vor allem durch seine politische Schrift «Der Fürst» Weltgeltung erlangte, verfasste mit «Mandragola» die beste Renaissancekomödie. Gegen Ende des 15. Jahrhundert entstand unter antikem Einfluss die galante Schäferpoesie, deren Hauptvertreter J. Sannazaro (Roman «Arcadia») und G. B. Guarini (Drama «Der treue Hirt») waren. Das Ideal des körperlich, geistig und musisch gebildeten Renaissancemenschen gestaltete B. Castiglione in seinem Buch «Der Höfling». In Deutschland bedingte der scharfe Kampf des progressiven Bürgertums gegen Reaktion und für geistigen und gesellschaftlichen Fortschritt, dass sich die Literatur vor allem auf dem Gebiet der Satire weiterentwickelte; am meisten verbreitet waren Dialoge, Pamphlete und Parodien, die sich gegen den Obskurantismus und Parasitismus der katholischen Geistlichkeit, die Habgier der Reichen und die Willkür der Fürsten richteten (im 16. Jahrhundert «Narrenschiff» von S. Brant, Dunkelmännerbriefe unter anderem); ebenso waren Predigten verbreitet, die nicht nur antipäpstlichen, sondern mitunter auch revolutionären Charakter besaßen (T. Müntzer). Eine deutsche Sonderform der Renaissanceliteratur waren frühbürgerlich-revolutionäre operative Streitschriften (M. Luther). In England waren die 1387/1400 erscheinenden «Canterbury Geschichten» von G. Chaucer erster Ausdruck der

Literatur der Renaissance die dann um 1600 in den Dramen C. Marlowes, W. Shakespeares und B. Jonsons sowie in den Dichtungen P. Sidneys und E. Spensers ihren Höhepunkt und Abschluss erreichte. In Frankreich verlief die Entwicklung der Renaissanceliteratur in 2 Etappen. Die erste stand im Zeichen einer Synthese von nationalen Kulturtraditionen und modernem humanistischen Gedankengut (vor allem bei F. Rabelais und C. Marot). Die durch die Pléiade eingeleitete 2. Etappe wurde, auch thematisch, völlig von antiken beziehungsweise italienischen Vorbildern bestimmt, wodurch die Literatur zunehmend zur Sache der Gebildeten wurde. Ihre reifsten Leistungen erreichte sie durch P. de Ronsard und J. Du Bellay in der Lyrik. Ihre Endphase spiegelt sich im skeptischen Relativismus M. de Montaignes wieder. In Spanien vermochten auch innere Unruhen und Kriege nicht die Impulse der Renaissance zu lähmen, vor allem nachdem Alfons V. von Aragonien 1443 das Königreich Neapel erobert und als kulturelles Zentrum entwickelt hatte, das die Vermittlung der italienischen Literatur, deren Übersetzung und Nachahmungen begünstigte. «Cancioneros» zeigten die italienischen Elemente der höflichen Kunstdichtung und deren humanistischen Tendenzen. Neben Terzine und Sonett wurden die «Romances» kunstvoll ausgebaut. Die unter den katholischen Königen realisierte nationale Einheit beförderte Wissenschaften und Künste, der Buchdruck breitete sich aus, die erste wissenschaftliche Grammatik des Spanischen (Nebrija) entstand. Ritterromane («Amadis de Gaula») und Schelmenromane («Lazarillo de Tormes») wurden verfasst, der Schäferroman fand im Anschluss an J. Sannazaro in der Prosaform (J. de Montemayor) vollkommene Ausbildung (Überleitung zur Literatur des «Siglo de Oro» (Goldenes Zeitalter)).

Musik: In der europäischen Musik des 14./16. Jahrhundert führte das neue Lebensgefühl des frühen Bürgertums zu einer bedeutsamen Ausdrucksbereicherung in neuen Formen sowie zu zunehmender Individualisierung des Kunstwerkes, einsetzend etwa mit P. de Vitry beziehungsweise G. Dufay. Einen Höhepunkt bildet die Verschmelzung der niederländischen Chorpolyphonie (Niederländische Schule) mit der italienischen Musiktradition (unter anderem des Madrigalstils) und der Terzen freudige volkstümliche Mehrstimmigkeit in England; als Endpunkt gilt die Entstehung der Oper um 1600. Verbunden ist diese Entwicklung auch mit neuen Notationsweisen, der Herausbildung tonaler Beziehungen, der Verselbständigung der Instrumentalmusik unter anderem

Theater: Das humanistische Menschenbild der Renaissance wurde Grundlage der europäischen realistischen Theaterentwicklung. Mit der Aneignung des Erbes des antiken Theaters und der Zurückdrängung von mittelalterlichen Weltbild und religiöser Thematik entstanden seit dem 15. Jahrhundert in Italien und dem 16. Jahrhundert in anderen europäischen Ländern nationale Theaterkulturen; besonders in England (Elisabethanischen Theater) und Spanien führte die Synthese mit Volkstheatertraditionen zu einzigartigen Höhepunkten volkstümliche Bühnenkunst. Ausgehend von Italien, entstanden richtungweisende Neuerungen der Theaterarchitektur, Bühnengestaltung und -technik (Rang- und Logentheater, Guckkastenbühne, bewegliche Kulissenbühne unter anderem). Das Renaissancetheater begründete das moderne Berufstheater.

Naturwissenschaften: Die Renaissance war gekennzeichnet durch neue, über die unmittelbare Erfahrung hinausgehende und auf Experimenten beruhende Methoden der Naturforschung. Zu den wichtigsten Errungenschaften zählt die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch N. Kopernikus. In der Mathematik wurden die imaginären Größen eingeführt, in der Algebra die Symbol. Bezeichnungen vervollständigt. Umfassende Entwicklung erfuhr die Mechanik (Theorie der einfachen Maschinen, Fallgesetze, Schwerpunktbestimmung, Hydrostatik und -mechanik). Zu Beginn des 17. Jahrhundert begründete G. Galilei die Dynamik und erweiterte den Horizont der Astronomie durch neue Entdeckungen mit Hilfe des Fernrohrs. Die Suche nach neuen Handelswegen führte zu wichtigen geographischen Entdeckungen (Kolumbus Entdeckung Amerikas, Vasco da Gamas Entdeckung des Seeweges nach Indien, Magalhäes erste Weltumsegelung und der praktische Nachweis der Kugelgestalt der Erde).

Technik: Die Manufakturproduktion erforderte die Weiterentwicklung der Handwerksinstrumente, Gestaltung mechanischer Antriebssysteme (Nutzung der neuen Erkenntnisse der Mechanik) unter anderem Ende 14./Anfang 15. Jahrhundert begann die Herstellung von Schießpulver und Feuerwaffen, von Mineralsäuren, Arzneimitteln und Alkohol. Wichtigste Errungenschaften waren die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern (J. Gutenberg), die Vervollkommnung von Papiermühlen, Spinnrädern, des Bergbaus (G. Agricola), der Metallurgie sowie der Bau von Kanälen, Schleusen, Dämmen und Hafenanlagen, die Entwicklung des Weber-, Uhrmacher- (P. Henlein), Färber- und Optikerhandwerks (Erfindung von Brille, Mikroskop, Fernrohr).

Renaissance-Antiqua, Mediäval: zu den runden Schriften zählende Schriftgattung mit schrägen, am Grundstrich gekehlten Serifen der Versalien und schrägen Anstrichen bei den Kleinbuchstaben sowie geringen Breitenunterschieden zwischen Grund- und Querstrichen.

Renan, Ernest, 27.2.1823-2.10.1892, französischer Historiker, Philosoph, Philologe, Dramatiker und Kritiker; übte auf das bürgerliche Bewusstsein seiner Epoche einen tiefen, aber auch desorientierenden Einfluss aus; verfasste die religionskritische Studie «Das Leben Jesu» (1863, deutsch), literarische Werke in skeptischer Weitsicht («Caliban», 1878; «Der Priester aus Némi», 1885) und literaturkritische Studien.

Renau, José, 17.5.1907-11.10.1982, spanischer Maler und Graphiker, 1931 Mitglied der KP Spaniens, 1932 Professor an der Kunsthochschule «San Carlos» in Valencia, 1936 Generaldirektor der Schönen Künste der spanischen Republik, 1939 Emigration nach Mexiko, dort Mitarbeiter von D. A. Siqueiros, 1958 Übersiedlung in die DDR. Beeinflusst vom mexikanischen Realismus, widmete sich Renau besonders Themen des Kampfes der Völker um Frieden und Freiheit; schuf zahlreiche Fotomontagen; in der DDR sind seine expressiven Wandbilder ein wichtiger Beitrag zur Monumentalkunst.

Rendant: (französisch) veraltete Bezeichnung für Kassenverwalter, Geldeinnehmer.

Rendantur, Rentamt: Kassenbehörde.

Rendement: Ausbeute an reingewaschener Wolle bei Roh-, Schmutz- oder Schweißwolle, angegeben in Prozent.

Rendezvous: 1. allgemein Stelldichein, Verabredung.

2. Raumfahrt: Zusammenführen von mehreren mit verschiedenen Trägerraketen gestarteten bemannten oder unbemannten Raumflugkörpern während ihres Fluges in der Umlaufbahn. Eine Kopplung nennt man Kopplungsrendezvous oder Dockingmanöver, eine bloße Annäherung heißt Annäherungsrendezvous. Die Beherrschung der Rendezvoustechnik ist Voraussetzung für den Betrieb von Raumstationen mit wechselnden Besatzungen.

Rendite: im Kapitalismus der Jahresertrag besonders von Wertpapieren (Dividende, Zins) im Verhältnis zum Kurswert der Wertpapiere. So hat zum Beispiel eine Aktie mit einem Nennwert von 100 bei einem Kurswert von 180 und einer Dividende von 8 % eine 8-100 Rendite von 18Q =4,44%.

Rendsburg: Kreisstadt in Schleswig-Holstein, an Eider und Nord-Ostsee-Kanal (Hochbrücken, Straßentunnel); 30000 Einwohner; Düngemittel- und Baustoffindustrie; Werften; Hafen; Kongressstadt; Altstadt mit Fachwerkrathaus (16. Jahrhundert) und gotischer Marienkirche; barocke Vorstadt Neuwerk.

Rendzina: Bodentyp ohne Grundwasser- und Staunässemerkmale, von geringer Mächtigkeit, mit einem Humushorizont unmittelbar über dem Untergrund; im Unterschied zum Ranker in Karbonat haltigem Gestein entwickelt.

renegat: (lateinisch, eigentlich «abtrünnig») Geologie - unbeständig; sind tektonische Gefügeelemente, die älteren nicht folgen, sondern in ihrem Verlauf von diesen abweichen.

Renegat: Abtrünniger, Überläufer.

Renger-Patzsch, Albert, 22.6.1897-27.9.1966, Fotograf; wurde mit seinen Sachaufnahmen und nüchternen, malerische Effekte vermeidenden Landschaftsfotografien zu einem Bahnbrecher der Neuen Sachlichkeit in der Fotografie (Bildband «Die Welt ist schön», 1928).

Reni, Guido, 4.11.1575—18.8.1642, italienischer Maler; nach den Carracci Hauptmeister der bolognesische Schule; bevorzugte leicht sentimentale Themen. Sein malerischer Stil entwickelte sich von warmer Farbigkeit bei kräftiger Helldunkelmodellierung zu lichter, kühler Tongebung.

renitent: widerspenstig.

Renn, Ludwig, eigentlich Arnold Friedrich Vieth von Golßenau, 22.4.1889-21.7.1979, Schriftsteller; war Berufsoffizier, studierte Ökonomie, Kunstgeschichte und Geschichte; wandert« durch mehrere Länder, verband sich unter dem Eindruck der sich in den 20er Jahren zuspitzenden Klassenkämpfe mit der Arbeiterklasse, war Sekretär des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller; 1933 verhaftet, 1936 Emigration; 1936/37 Kommandeur des Thälmann-Bataillons und Chef des Stabes der 11. Internationalen Brigade im Spanischen Freiheitskampf; 1939/47 in Mexiko; Rückkehr in die damalige sowjetische Besatzungszone; Renn verfasste die auf authentische Tagebuchaufzeichnungen gegründeten Romane «Krieg» (1928) und «Nachkrieg» (1930), die autobiographischen Romane «Adel im Untergang» (1944), «Im spanischen Krieg» (1955), «Meine Kindheit und Jugend» (1957), Lebens- und Reiseberichte («Zu Fuß zum Orient», 1964; «In Mexiko», 1979), Jugendbücher («Trini», 1954; «Nobi», 1955; «Camilo», 1965), das Erinnerungsbuch «Anstöße in meinem Leben» (1980), Reportagen unter anderem Renn war Ehrenpräsident der AdK.

Rennarbeit: ältestes Verfahren der Eisengewinnung; dabei wurden leicht reduzierbare, reiche Eisenerze mit Holzkohle im «Rennfeuer» in einer Grube erhitzt und reduziert. Als Ergebnis entstand ein noch verunreinigter, aber schmiedbarer Metallklumpen (Luppe) am Boden, während die Schlacke oben abfloss.

Rennes: Stadt im Nordwesten Frankreichs, Verwaltungszentrum des Departements Ille-et-Vilaine, in der Bretagne, an der Vilaine; 195000 Einwohner; Landmaschinenbau, Kfz-Herstellung, chemische Industrie; 2 Universitäten; Museum der Bretagne; Porte Mordelaise (gotisch), Kirche Notre-Dame (14. Jahrhundert).

Rennin, Labenzym (deutsch + griechisch), Chymosin: pepsinähnliche Protease im Säugermagen, die durch spezifische Hydrolyse von Kasein die Milchgerinnung bewirkt.

Rennmotor: Verbrennungsmotor mit hoher Drehzahl (über 10000 U/min), mittlerer Kolbengeschwindigkeit (etwa 20 m/s), hoher Nutzleistung je Zylinder und geringer Leistungsmasse (0,3 bis 0,2 kg/kW).

Rennschlitten: im eigentlichen Sinn früher als Rennrodel bezeichnetes einkufenpaariges Fahrzeug für Wettbewerbe im Rennschlittensport; im weiteren Sinne Sammelbegriff für alle sportlich verwendeten Kufenfahrzeuge: Rennschlitten (im engeren Sinne), Bob, Skeleton unter anderem

Rennschlittensport, früher Rennrodeln: Geschwindigkeitswettbewerbe mit Rennschlitten auf speziellen, & 1000 m (Frauen und Doppelsitzer g 700 m) langen Bahnen mit einem Durchschnittsgefälle von 8 bis 11 % und a 5 verschiedenen ausgebauten Kurven, überhöhten Bahnbegrenzungen und Beleuchtungsanlagen für Nachtrennen. Die Rennschlitten sind ohne Lenk- und Bremseinrichtung und haben vorgeschriebene Maße und Massen (Einsitzer s 22 kg, Doppelsitzer s 24 kg; Spurweite s 450 mm, Breite s 550 min). Die Wettbewerbe werden im Einzelstart (fliegender Start) gewöhnlich in 3 Läufen (Durchgängen), Doppelsitzer Wettbewerbe (ausschließlich für Männer) in 2 Läufen durchgeführt. Die Platzierung ergibt sich aus der Gesamtfahrzeit der Läufe. Reitsitz auf dem Schlitten ist vorgeschrieben (Rückenlage gilt als Reitsitz). Olympische Sportart seit 1964, Weltmeisterschaften seit 1955, Europameisterschaften seit 1914.

Rennsteig, Rennweg: alter Grenzweg und Kupferpfad auf dem Kamm des Thüringer Waldes zwischen Hörschel bei Eisenach im Nordwesten und Blankenstein im Südosten; 168 km; beliebter Wanderweg.

Rennvogel, Cursorius cursor: etwa 25 cm langer, sandfarbener Regenpfeifervogel, der in Wüstengebieten Nordafrikas bis Mittelasiens lebt.

Reno: 1. Reno (reino): Fluss in Oberitalien; 211km; entspringt im Apennin, fließt nordwärts durch ein Engtal nach Bologna und mündete früher in den Po; erhielt 1797 wegen vieler Überschwemmungen (steigender Wasserstand des Po) ein künstliches Bett durch die Poebene, mündet jetzt in die Adria.

2. Reno: Stadt im Westen des Bundesstaates Nevada (USA), am Ostrand der Sierra Nevada, 1372 m überm Meer; 100000 Einwohner; Universität, Forschungszentrum; bedeutender Erholungs- und Touristenort (zahlreiche Spielkasinos (seit 1931 gesetzlich zugelassenes Glücksspiel), erleichterte Eheschließungen beziehungsweise -Scheidungen, Wintersport).

Renoir: 1. Auguste, 25.2.1841-3.12.1919, französischer Maler, Graphiker und Bildhauer, gelangte über die Freilichtmalerei zum Impressionismus, dem er zum Durchbruch verhalf («Die Loge», 1874; «Tanz im Moulin de la Galette», 1876); in den 80er Jahren bildete er einen eigenständigen Stil aus, für den eine stärkere Betonung der Zeichnung, größere plastische Modellierung des Körperlichen und eine heitere Farbgebung typisch sind. Figürliche Darstellungen dominieren in Renoirs Werk; in ihnen sowie in den seit 1907 entstandenen Plastiken huldigt er der Schönheit des Lebens.

2. Jean, 15.9.1894-12.2.1979, französischer Filmregisseur, Sohn von Renoir 1; schuf in den 30er Jahren zum Teil gesellschaftskritische Filme («Toni», «Die große Illusion», «Bestie Mensch», «Die Spielregel»); arbeitete während des 2. Weltkrieges in Hollywood, nach 1945 in Indien («Der Strom»), Italien («Die goldene Karosse») und seit 1955 wieder in Frankreich («French Can Can»).

Renommee: (französisch) (guter) Ruf, Leumund; Ansehen.

renommieren: (französisch) prahlen, aufschneiden.

renommiert: (französisch) angesehen; gelobt; berühmt.

Renouveau catholique: (französisch, «katholische Erneuerung») eine um 1890 in der französischen Literatur verstärkt einsetzende Bezugnahme auf katholischen Glaubens- und Soziallehren, die verbunden war mit einer Tendenz zu Wissenschaftsfeindlichkeit, philosophischer und politischer Irrationalismus; Hauptvertreter waren unter anderem P. Claudel, C. Péguy, später G. Bernanos.

renovieren: (lateinisch) erneuern, instand setzen.

rentabel: (französisch) einträglich, gewinn-, zinsbringend.

Rentabilität: Verhältnis des erzielten Gewinns zum Aufwand an gesellschaftlicher Arbeit (einmaliger Aufwand Fondsvorschuss, laufender Aufwand Kosten) in der Wirtschaftstätigkeit der Betriebe und Kombinate. Die Rentabilität ist wesentliche Ausdrucksform der Effektivität. Rentabilität ist gegeben, wenn die Einnahmen größer sind als die Ausgaben und ein Gewinn erwirtschaftet wird. Die Rentabilität wird durch die Rentabilitätsrate ausgedrückt und für einen bestimmten Zeitraum berechnet. Die fondsbezogene Rentabilitätsrate widerspiegelt den Produktionsfonds Nutzeffekt der eingesetzten Fonds, die selbstkostenbezogene Rentabilitätsrate RJ, = 100 den Nutzeffekt der aufgewandten gesellschaftlichen Arbeit. Die strategische Orientierung der SED auf das fondssparende Wirtschaftswachstum richtet sich auf eine wesentliche Verbesserung der fondsbezogenen Rentabilitätsrate. Die Rentabilitätskategorie ist auch auf andere Proportionen von Ertrag und Aufwand anwendbar (zum Beispiel Außenhandelsrentabilität).

Rentenmark: deutsche Währungseinheit 1923/24; im 2. Weltkrieg erneute Ausgabe.

Rententheorie: in der politischen Ökonomie Theorie von der Entstehung, den Quellen, den Arten und der Aneignung der Grundrente. Eine Rententheorie findet sich in der Geschichte der politischen Ökonomie erstmalig bei W. Petty und erreicht ihren Höhepunkt als bürgerliche Theorie bei D. Ricardo.

Rentierflechte, Cladonia rangiferina: Strauchflechte der Tundren; wichtigste Nahrung des Rens; siehe auch Flechten.

Rentzsch, Gerhard, geboren 24.4.1926, Hörspiel- und Fernsehspielautor; schrieb «Der Almanach und andere Geschichten fürs Radio» (1980), Hörspiele («Altweibersommer», 1960; «Geschichte eines Mantels», 1963; «Das Amulett», 1970) und Filmszenarien («Am grauen Strand, am grauen Meer», 1980; «Der Schimmelreiter», 1984).

Renz, Ernst Jakob, 18.5.1815-3.4.1892, Artist, Zirkusdirektor, berühmt durch seine Pferdedressuren; ließ 1888 die Berliner Markthalle zum Zirkus umbauen, besaß weitere Zirkusunternehmen in Berlin, Wien, Hamburg, Breslau (Wroclaw).

Reorganisation: Neugestaltung, Neuordnung.

Reparation: Wiedergutmachung, Entschädigung, insbesondere Wiedergutmachung von Kriegsschäden; Anspruch auf Reparation hat nur der von der Völkerrechtsverletzung betroffene Staat. Siehe auch Kontribution.

Reparatur:

1. Genetik: Bezeichnung für Prozesse, die zur Wiederherstellung des Normalzustandes der DNS führen, wenn diese durch chemische oder physikalische Einflüsse geschädigt ist. Reparatur erfolgt in der Regel fehlerfrei; Fehler (Einbau falscher Basen) führen zur Mutation.

2. Wirtschaft: Ausbesserung beziehungsweise Instandsetzung von abgenutzten, plötzlich ausgefallenen oder beschädigten Grundmitteln zur Wiederherstellung ihrer Betriebstauglichkeit; Wiederherstellung des Gebrauchswertes von Konsumgütern.

repartieren: (französisch) aufteilen; nach Verhältnis der Beteiligten umlegen, Kostenanteile berechnen.

Repartimiento: (spanisch, «Verteilung») in der Frühphase der Conquista Amerikas von den Spaniern angewandtes System der Beuteverteilung (einschließlich versklavter Indianer).

Repassieren: (französisch) Ausbessern von Laufmaschen oder Löchern in Gestricken und Gewirken mit Hilfe der Repassier- (Zungen-) Nadel oder Repassiermaschine.

Repatriierung: (lateinisch patria, «Vaterland») vom Völkerrecht geforderte oder zugelassene Rückführung von im Ausland befindliche fremden Staatsbürgern in ihren Heimatstaat beziehungsweise die Wiederaufnahme eigener Bürger in ihren Heimatstaat.

Repeal-Bewegung: (englisch repeal, «Aufhebung», «Widerruf») irische bürgerlich-katholische Bewegung zur Aufhebung des 1801 zwangsweise vollzogenen Zusammenschlusses Irlands mit Großbritannien; seit 1832 wirksam, 1840 als Massenorganisation gegründet ohne soziales Programm, wurde die Repeal-Bewegung während der revolutionären Zuspitzung 1845/50 durch konsequentere patriotische Gruppen verdrängt, lebte um 1870 in der Home-Rule-Bewegung wieder auf.

Repeater: (englisch, «Wiederholer») optisches Gerät zur verkleinernden Abbildung von Masken, die Strukturen für mikroelektronische Bauelemente enthalten (siehe auch Mikrolithographie). Der Repeater gestattet das Aneinanderreihen von gleichartigen Strukturelementen, wodurch eine höhere Produktivität erreicht wird. Die verwendeten sogenannten beugungsbegrenzten optischen Systeme haben praktisch keine Abbildungsfehler.

Repellent: insektenvertreibendes Mittel; zum Beispiel Naphthalin, ätherische Öle.

Repertoire: 1. Spielplan eines Theaters.

2. alle erarbeiteten Rollen (Partien) oder das gesamte Vortragsprogramm eines Künstlers.

Repetieruhr: Groß-, Taschen- oder Wecker Uhr, die nach beliebig wiederholbarem Hebeldruck die auf dem Zifferblatt angezeigte Zeit akustisch angibt.

Repin, Ilja Jefimowitsch, 5.8.1844-29.9.1930, russischer Maler und Graphiker, bedeutendster Vertreter der Peredwischniki, seine Werke prägten wesentlich den Charakter der russischen realistischen Malerei im letzten Drittel des 19. Jahrhundert. In überwiegend mehrfigurigen Kompositionen gestaltete Repin die Unterdrückung des russischen Volkes und die kraftvolle Schönheit einfacher Menschen, reagierte auf Zeitereignisse mit der Aufnahme von aktuell-politischen Problemen und historischen Themen. Sein von W. W. Stassow als «Enzyklopädie des russischen Lebens» bezeichnetes vielfiguriges Gemälde «Kreuzprozession im Gouvernement Kursk» (1880/83) zeichnet sich, ebenso wie die Typenporträts russischer Bauern, durch die zugespitzte soziale Charakterisierung aus, die sich in den bemerkenswerten Bildnissen russischer Kulturschaffender (W. W. Stassow, L. N. Tolstoi, M. P. Mussorgski unter anderem) mit einem psychologisch vielschichtigen Erfassen der Persönlichkeit verbindet.

Replik: 1. allgemein Entgegnung, Erwiderung, Einrede.

2. Kunst: Kopie.

Replikation: Genetik Bezeichnung für die identische Verdopplung von DNS (beziehungsweise RNS). Dabei wird die DNS teilweise entspiralisiert und die Wasserstoffbrücken zwischen den beiden Strängen aufgelöst. An jedem der beiden Stränge werden nach dem Prinzip der Basenpaarung (Adenin-Thymin, Cytosin-Guanin) Nukleotide angelagert und zu einem neuen Strang polymerisiert. Das Ergebnis sind somit 2 Tochter-DNS-Moleküle mit identischer Basensequenz, die aus jeweils einem «alten» und einem neusynthetisierten Strang bestehen (semikonservatives Prinzip der R).

Report: literarisch sachgetreuer Ereignisbericht in ausgeprägter künstlerisch-publizistischen Form; meist auf gesellschaftlich bedeutsame Ereignisse bezogen.

Reportage: prägnant formulierter, anschaulicher journalistischer Tatsachen- beziehungsweise Augenzeugenbericht für Zeitungen und Zeitschriften, auch bei Film, Funk und Fernsehen. E. E. Kisch schuf die künstlerisch gestaltete literarische, Reportage mit aktuellem gesellschaftlichen Bezug.

Reportagefotografie: Genre der gewerbsmäßigen und künstlerischen Fotografie, das zum Bildgegenstand Ereignisse der Zeitgeschichte hat Erste Anfänge im 19. Jahrhundert. Die Reportagefotografie entwickelte sich im Rahmen der bürgerlichen Illustrierten Presse. Höhepunkte des sozialistischen Bildjournalismus sind unter anderem die Reportagen in der sowjetischen Zeitschrift «Ogonjok» und in der deutschen AIZ. In der Reportagefotografie spiegeln sich sowohl das Ringen um hohe individuell-schöpfer. Leistungen als auch der ideologische Klassenkampf am eindeutigsten unter allen Genres der Fotografie wider.

Reppe, Walter, 29.7.1892-26.7.1969, Chemiker, Forschungsleiter der Bad. Anilin- und Sodafabrik Ludwigshafen; wirkte bahnbrechend auf dem Gebiet der Azetylen-Druck-Reaktionen (sogenannte Reppe-Chemie).

Repräsentant: Vertreter einer Gruppe, Idee o. ä.; Volksvertreter.

Repräsentantenhaus: die Zweite Kammer bürgerliche Parlamente, die gesetzgeberische Funktionen hat; insbesondere die Zweite Kammer des Kongresses der USA.

Repräsentation: Vertretung; würdiges Auftreten; (gesellschaftlicher) Aufwand; Form der diplomatischen Vertretung in einem anderen Staat.

Repressalie: (dat., «Druckmittel») Maßnahmen eines Staates gegen einen anderen, um diesen zur Einhaltung des Völkerrechts zu veranlassen, die, wenn sie nicht berechtigte Sanktionen gegenüber einer Völkerrechtsverletzung wären, selbst gegen das Völkerrecht verstoßen würden. Die als Repressalie anzuwendenden Mittel sind zum Beispiel Boykott, Embargo, nicht jedoch militärische Gewalt.

Repressor: bei Bakterien nachgewiesenes, spezifisches Protein, mit dessen Hilfe die Regulation der Genaktivität erfolgt. Er kann in Abhängigkeit von den Bedingungen in der Zelle an den Operator gebunden werden und verhindert dadurch die Transkription des folgenden DNS-Abschnittes.

Reprimande: Tadel, Verweis, Rüge.

Reprint: fotomechanisch oder fotochemisch hergestellter Nachdruck eines Buches oder einer Zeitschrift. Reprints von buchkünstlerisch wertvollen Werken werden auch Faksimiledruck genannt.

Reprise: 1. allgemein Wiederholung; Wiederaufnahme.

2. Fechten: Angriffsfortsetzung mit Kavation oder Coupé.

3. Musik: a) Wiederholung des zwischen eingeschlossenen Notenstücks;

b) im klassischen Sonatenhauptsatz die vollständige oder unvollständige Wiederaufnahme der Exposition nach der Durchführung;

c) Wiederholung in Rondo oder dreiteiliger Liedform.

4. Theater: Film Wiederaufnahme eines Bühnenstücks oder Films in den Spielplan.

Reproduktion:

1. politische Ökonomie: die ständige Erneuerung und kontinuierliche Wiederholung des Produktionsprozesses; schließt die Reproduktion des gesellschaftlichen Produkts, der Produktivkräfte und der bestehenden Produktionsverhältnisse ein. Einfache Reproduktion ist Wiederholung des Produktionsprozesses in unveränderter Größenordnung; die produzierten Erzeugnisse ersetzen die verbrauchten Produktions- und Konsumtionsmittel. Erweiterte Reproduktion ist Wiederholung des Produktionsprozesses auf einer jeweils höheren Stufe; es wachsen die eingesetzte Produktivkraft und die Menge der erzeugten Produkte; sie ist Grundlage jeder gesellschaftlichen Weiterentwicklung. Extensiv erweiterte Reproduktion ist Ausdehnung des Produktionsfeldes durch Einsatz von zusätzlichen Produktionsmitteln und Arbeitskräften auf gleichbleibendem wissenschaftlich-technischem beziehungsweise Qualifikationsniveau. Intensiv erweiterte Reproduktion bedeutet wirksameren Einsatz der Produktionsmittel und Arbeitskräfte, Steigerung der Effektivität der Produktion durch Modernisierung des Produktionsapparates bei relativer Einsparung von Arbeitskräften und deren Qualifizierung, Verringerung des Aufwandes an lebendiger und vergegenständlichter Arbeit pro Erzeugniseinheit. In Abhängigkeit vom ökonomischen Niveau der Wirtschaft kennzeichnen extensiv und intensiv erweiterte Reproduktionen die ökonomische Entwicklung, wobei jeweils eine Seite dominiert. Heute hat sich in den industriell entwickelten Ländern die vorwiegend intensiv erweiterte Reproduktion durchgesetzt. In der DDR wird entsprechend der ökonomischen Strategie die intensiv erweiterte Reproduktion ständig vertieft und auf dauerhafte Grundlagen gestellt. Das Ziel und der Verlauf des Reproduktionsprozesses werden durch den Charakter der jeweiligen Produktionsverhältnisse und ihre ökonomischen Gesetze bestimmt. Im Kapitalismus ist die erweiterte Reproduktion Mittel der Kapitalverwertung und hat erweiterte Reproduktion des Ausbeutungsverhältnisses zur Folge; bei intensiv erweiterter Reproduktion verstärkt sich die Ausbeutung der im Produktions- und Zirkulationsprozess beschäftigten Arbeiter und Angestellten bei stetiger massenhafter Arbeitslosigkeit eines wachsenden Teils der Beschäftigten und bei zunehmender sozialer Unsicherheit und enormer Verschärfung aller sozialen Gegensätze. Im Sozialismus ist die erweiterte Reproduktion ein Prozess der planmäßigen ununterbrochenen Vergrößerung und Höherentwicklung der gesellschaftlichen Produktion sowie aller anderen Phasen des Reproduktionsprozesses (Verteilung, Austausch, Konsumtion); sie wird durch die untrennbare Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik geprägt und erfolgt im Interesse der stetig besseren Befriedigung der materiellen und geistigen Bedürfnisse aller Mitglieder der Gesellschaft. Intensiv erweiterte Reproduktion sichert im Sozialismus den weiteren Fortschritt auf wissenschaftlich-technischen, ökonomischen, sozialem, geistig-kulturellem Gebiet. Die durch sie bewirkte Vergrößerung der Wirtschaftskraft ist Voraussetzung für die weitere Stärkung der internationalen Positionen des Sozialismus im Kampf um die Erhaltung des Friedens. Siehe auch Intensivierung der gesellschaftlichen Produktion.

2. Polygraphie: Wiedergabe und Vervielfältigung flächiger Vorlagen mittels fotografischer, drucktechnischer oder manueller Verfahren; auch das Produkt selbst

3. Psychologie: Wiedergabe eines spontan oder beabsichtigt eingeprägten Lernmaterials; aus dem Verhältnis von eingeprägten Gedächtnisinhalten zur Möglichkeit ihrer Reproduktion ergibt sich die Leistung des Gedächtnisses.

Reproduktionsfotografie, Kurzwort Reprofotografie: Verfahren zur Herstellung fotografischer Negative und Positive nach flächigen Vorlagen mittels Reproduktionskamera zwecks Wiedergabe und Vervielfältigung der Vorlagen in einem Druckverfahren.

Reproduktionskamera, Kurzwort Reprokamera, Reprogerät: großformatige Spezialkamera mit langbrennweitigen, verzeichnungsfrei arbeitenden Objektiven geringer Lichtstärke zur Herstellung von Strich-, Halbton- und Rasteraufnahmen nach flächigen Vorlagen. Die Reproduktionskamera besteht aus der eigentlichen Kamera mit Kameragehäuse und durch den Balgen verbundener Standarte (vorderer Kamerakasten), die auf dem Kameralaufboden gegeneinander verschoben werden können, Stativ und Originalhalter. Nach der Lage der optischen Achse unterscheidet man Horizontal- und Vertikalkamera. Die Brückenkamera ist eine wegen besserer Bedienbarkeit an Laufschienen an der Decke aufgehängte Horizontalkamera; Zweiraumkameras werden Reproduktionskamera genannt, deren Kamerarückteil (mit Mattscheibe) sich in der Dunkelkammer befindet (Horizontal- oder Vertikalbauweise).

Reproduktionstechnik, Kurzwort Reprotechnik: Sammelbegriff für alle fotografische, fotochemische, elektromechanische und optoelektronische Druckformherstellungsverfahren.

Reprographie: Sammelbegriff für die unterschiedlichsten Vervielfältigungsverfahren (Bürotechnik, Dokumentenvervielfältigung).

Republik: (lateinisch res publica, «Gemeinwesen») Staatsform, bei der das oberste Staatsorgan im Gegensatz zur Monarchie nicht eine Einzelperson (Alleinherrscher) ist, sondern eine aus Wahlen hervorgegangene Körperschaft (zum Beispiel Parlament, Abgeordnetenhaus, Volkskammer). Die Art und Weise der Wahl des obersten Staatsorgans, seine Befugnisse, sein Verhältnis zur Regierung und zur Justiz sowie andere Faktoren können verschiedenartig gestaltet sein, sie sind jedoch immer durch den Klassencharakter des Staates bestimmt. Die Republik der Sklaverei Gesellschaft waren sowohl in der Form der aristokratische Republik (wenige Privilegierte waren wahlberechtigt) als auch der demokratischen Republik (alle freien Männer durften wählen) Diktaturen der Sklavenhalter. Die bürgerliche Republik ist als parlamentarischen Republik (Regierung ist formell vom Vertrauen des Parlaments abhängig) wie als Präsidialrepublik eine Form der Machtausübung der herrschenden Bourgeoisie. Die sozialistischen Republiken sind im Gegensatz dazu Formen der Herrschaft der Arbeiterklasse im Bündnis mit allen Werktätigen.

Republikanischer Schutzbund: 1923 von J. Deutsch aus den Arbeiterwehren gegründete antifaschistische österreichische Wehrorganisation; 1933 von der Regierung Dollfuß aufgelöst; Träger der Februarkämpfe 1934.

Republikschutzgesetz 1922: Gesetz zum Schutz der bürgerlichen Ordnung in der Weimarer Republik vom 18. 7. 1922; veranlasst durch den Mord an W. Rathenau. Auf seiner Grundlage wurden extrem reaktionäre Organisationen zeitweilig verboten; es wurde aber von der bürgerlichen Klassenjustiz hauptsächlich gegen die revolutionäre Arbeiterbewegung angewandt; 1929 außer Kraft gesetzt; 1930 Erlass eines neuen Republikschutzgesetzes mit ähnlichen Inhalt.

Repunze: Stempel zur Beglaubigung des Edelmetallgehalts, zum Beispiel auf Schmuck u. ä.

reputierlich: achtbar, anständig; ordentlich.

Requiem: römisch-katholische Totenmesse, benannt nach den liturgischen Anfangsworten «Requiem aeternam dona eis!» (Ewige Ruhe gib ihnen!) Seit dem 19. Jahrhundert löst sich das Requiem zunehmend von liturgischen Bindungen zugunsten konzertanter Funktionen.

requirieren: herbeischaffen, beitreiben; für militärische Zwecke beschlagnahmen.

Requisite: a) Raum für die Requisiten, auch deren ständiger Fundus;

b) Gruppe der Requisiteure.

Requisiten: alle für eine Aufführung in Theater, Film, Fernsehen, Zirkus unter anderem benötigten beweglichen Utensilien.

Requisiteur: in den darstellenden Künsten verantwortlicher Mitarbeiter für die Requisiten.

Requisition: 1. Ersuchen einer Behörde an eine andere (besonders eines Gerichts an ein anderes) um Rechtshilfe.

2. Requisition, Requirierung: (zwangsweise) Wegnahme von Bedarfsgegenständen der Zivilbevölkerung durch militärische Behörden oder Kommandostellen.

Requisitionssystem: seit Ende des 18. Jahrhundert Versorgung der kämpfenden Truppen aus Beständen der Zivilbevölkerung des umliegenden Landes; erleichterte, im Unterschied zur Magazinversorgung, die Beweglichkeit der Kriegführung; von Eroberer Heeren in räuberischer Weise angewandt

Reschenscheideck, italienisch Passo di Resia: Alpenpaß vom österreichischen Inn zum italienisch Adigetal; 1510 m über dem Meeresspiegel; Passstraße, Stausee (5 km2).

Resede, Reseda: artenreiche Gattung meist krautiger Pflanzen aus dem Mittelmeergebiet; die Gartenresede (Reseda odorata) mit duftenden gelblichweißen Blüten; die heimische Färberresede oder der Wau (Reseda luteola) enthält den gelben Farbstoff Luteolin.

Resektion: operatives Entfernen von erkrankten Teilen eines Organs oder von Knochen und Gelenken (zum Beispiel Magen-, Gelenk-R).

Resektionsprothese: spezieller prothetischer Zahnersatz zur physiognomischen und funktionellen Wiederherstellung (Kau- und Sprechfunktion) bei Patienten mit Kieferdefekten.

Reserpin: (Kunstwort) in Wurzeln von Rauwolfia-Arten enthaltenes Alkaloid; bildet farblose, wasserunlösliche, fluoreszierende Kristalle; F 265 °C. Reserpin wirkt sedativ und blutdrucksenkend.

Reservat: 1. Reservat, Reservation: territorial abgegrenztes Siedlungsgebiet (sogenannt Schutzgebiet) für eine Urbevölkerung, besonders in den USA, Kanada, Südafrika, Australien. Reservat sind entweder Reste eines größeren Siedlungsraumes der ursprünglichen Bevölkerung oder wurden ihr in der Regel nach Raub des eigentlichen Siedlungslandes in unwirtlichen Gegenden zugewiesen. Wenn solche Gebiete später durch Funde von Bodenschätzen wirtschaftlicher Bedeutung erlangen, werden sie häufig den Ureinwohnern wieder entrissen.

2. umfriedetes Naturschutzgebiet mit seltenen Pflanzen oder Tieren (zum Beispiel Wisente); im Wildreservat besteht ganzjähriges Fang- und Jagdverbot.

Reservatrechte: 1. allgemein Sonderrechte, Vorrechte.

2. im Heiligen römischen Reich Deutscher Nation bis 1806 Rechte des Kaisers, die er ohne Mitwirkung des Reichstags ausüben konnte.

3. Sonderrechte der süddeutschen Staaten nach der Verfassung von 1871.

Reserven: durch zentrale staatliche Organe, Kombinate, Betriebe, örtliche Staats- und wirtschaftsleitende Organe planmäßig gebildete materielle und finanzielle Fonds, über deren Verwendung noch nicht entschieden ist. Reserven umfassen Produktions- und Konsumtionsmittel sowie disponible Kapazitäten, Produkte und Geldmittel. Sie dienen zur Gewährleistung von Stabilität und Flexibilität der Pläne, zur kontinuierlichen Entwicklung der Volkswirtschaft, zur Sicherung der Produktion bei nicht vorherzusehenden Störungen, zum flexiblen Reagieren auf veränderte Nachfrage und zur schnellen Umsetzung neuer Ergebnisse von Wissenschaft und Technik in die Produktion. Siehe auch Staatsreserven.

Reservewährung: im internationalen Währungsmechanismus des heutigen staatsmonopolistischen Kapitalismus Währung, die auf dem Weltmarkt als allgemein verbindliche Zahlungsmittel anerkannt ist und deshalb von den Zentralnotenbanken neben Gold und Sonderziehungsrechten als Währungsreserve gehalten wird.

reservieren: aufbewahren; zurückbehalten; vormerken, vorbestellen; einen Platz belegen; ausbedingen.

reserviert: vorgemerkt, vorbestellt, belegt; zurückhaltend, kühl.

Reservist: Wehrpflichtiger, der nicht im aktiven Wehrdienst steht.

Reservistenkollektiv: Organisation gedienter Reservisten außerhalb des Wehrdienstes. Reservistenkollektive werden in staatlichen und wirtschaftsleitenden Organen, Betrieben, Produktionsgenossenschaften und Gemeinden gebildet. Zu ihren Aufgaben gehört die militärpolitischen Information und wehrsportliche Betätigung ihrer Mitglieder, die Unterstützung der sozialistischen Wehrerziehung, der Kampfgruppen der Arbeiterklasse sowie der Zivilverteidigung.

Reservoir: Sammelbecken, Speicher, Vorrat.

Resident: früher ständiger diplomatischer Vertreter der 3. Rangklasse (nach Botschaftern und Gesandten); Regierungsbevollmächtigter, Statthalter imperialistischer Staaten in abhängigen Ländern (Protektoratsstaaten).

Residenz: Wohnort, Wohnsitz eines weltlichen oder geistlichen Oberhauptes; Regierungssitz, Hauptstadt.

Residualton: tiefer Ton, der bei simultanen Klängen und Intervallen mitklingt; wurde lange Zeit für einen Kombinationston gehalten.

Residuum: Rest, Bodensatz, Rückstand.

resignieren: verzichten; entsagen.

Résistance: (französisch, «Widerstand») aus verschiedenen Gruppierungen bestehende französische Widerstandsbewegung im 2. Weltkrieg. Hauptinitiator der Résistance war die KP, die in einem «Manifest an das französische Volk» (10.7.1940) zum Kampf gegen die faschistischen Okkupanten und das Vichy Regime aufgerufen hatte. 1943 vereinten sich alle Gruppen der Résistance, darunter auch die von London aus geleitete Organisation «Kämpfendes Frankreich» (C. de Gaulle), im «Nationalrat der Résistance». Mit ihren vielfältigen Aktionen (Streiks, Sabotage, bewaffneter Widerstand) spielte die Résistance 1944 bei der Befreiung Frankreichs eine hervorragende Rolle.

Résistanceliteratur: die in Frankreich während der Okkupation (1940/44) entstandene Literatur des (aktiven) militanten beziehungsweise intellektuellen Widerstands; wurde von Autoren aller weltanschaulicher Richtungen getragen (L. Aragon, P. Eluard, A. Malraux, J.-P. Sartre, Vercors unter anderem), verfügte über illegale Verlage und Zeitschriften und hatte im Comité National des Ecrivains ihr Organisationszentrum.

Resistanz, Wirkwiderstand: Anteil (Realteil) des Wechselstromwiderstands, in dem die Wirkleistung umgewandelt wird. Durch Stromverdrängung ist die Resistanz größer als der ohmsche Widerstand bei Gleichstrom. Zeichen R, SI-Einheit Ohm (O).

Resistate: Geochemie chemisch und physikalisch widerstandsfähige Verwitterungsrückstände der Ausgangsgesteine (unter anderem Konglomerate, Sandsteine und schwermineralführende Seifen).

Resistencia: Stadt (Provinzzentrum) in Argentinien, am rechten Ufer des Paraná; 220000 Einwohner; Baumwoll-, Getreide-, Holz-, Fleischindustrie, Bleihütte, Fischfang; Verkehrsknoten, Flughafen, südöstlich von Resistencia Hafenort Barranqueras (Freihafen für Bolivien); Universität, Museen.

Resistenz: Widerstandsfähigkeit,

a) des Organismus gegenüber Krankheiten und schädliche Einwirkungen;

b) von Bakterien gegenüber Antibiotika und Chemotherapeutika, die sich bei zu geringer Dosierung oder längerer Anwendung dieser Mittel entwickelt.

Resistenza: (italienisch, «Widerstand») Bezeichnung für den bewaffneten antifaschistischer Widerstand in Italien 1943/45 gegen deutsche Okkupation und faschistische Gewaltherrschaft. Politische Organisationsform der Resistenza waren die Komitees der Nationalen Befreiung (italienisch Abkürzung CLN), ihre militärische die Partisanenverbände. Führend in der Resistenza waren die Arbeiterklasse und die KP. Im Rahmen der Resistenza kam es zum Aufstand in Neapel (September/Oktober 1943) und erfolgte die Befreiung von Florenz (August 1944) sowie vorübergehend ganzer Zonen, in denen die CLN sogenannt Partisanenrepubliken errichtete (Sommer 1944). Höhepunkt der Resistenza war der nationale Aufstand in Norditalien (April 1945), mit dem die Resistenza einen bedeutsamen Beitrag zur Befreiung des Landes vom Faschismus leistete. Die Resistenza wird auch als «zweites Risorgimento» bezeichnet.

Resistenzzüchtung: Züchtung von gegen Krankheiten, Schädlinge und extreme Witterungseinflüsse resistenten (widerstandsfähigen) Kulturpflanzen.

Resnais, Alain, geboren 3. 6. 1922, französischer Filmregisseur; begann mit Dokumentarfilmen («Van Gogh», «Guernica», «Nacht und Nebel»), hatte internationalen Erfolg mit dem Spielfilm «Hiroshima mon amour»; ferner «Der Krieg ist aus», «Stavisky», «Mein Onkel aus Amerika».

resolut: entschlossen, beherzt, tatkräftig.

Resolution: Entschließung, Beschluss; abschließende Meinungsäußerung einer Versammlung.

Resonanz: 1. Physik: Mitschwingen eines Systems bei Anregung durch eine Schwingung; tritt ein bei der Resonanzfrequenz. Diese stimmt bei kleiner Dämpfung fast mit der Eigenfrequenz (Eigenschwingung) überein, mit der das System nach einer stoßartigen Anregung gedämpft ausschwingt. Die Amplitude der angeregten Schwingung kann die der anregenden bei Resonanz weit übertreffen, sie hängt von der Dämpfung des Systems sowie von der Differenz zwischen Anregungs- und Eigenfrequenz ab. Die Resonanzkurve stellt diese Abhängigkeit dar. Resonanzerscheinungen dienen zur Tonverstärkung und Klangveredlung bei Saiteninstrumenten durch Resonanzböden und zum Abstimmen von Rundfunk- und Fernsehempfängern durch Verändern der Eigenfrequenz eines elektrischen Schwingkreises. Während klassische Resonatoren auch außerhalb der Resonanz Energie vom Erreger aufnehmen (maximal bei der Resonanzfrequenz), findet in quantenmechanischen Systemen außerhalb der Resonanz keine Energieaufnahme statt, wenn nicht eine Verbreiterung der Resonanz durch Wechselwirkung des resonierenden Teils des Systems mit den übrigen Freiheitsgraden vorliegt. Die Resonanzfrequenzen klassische Resonatoren werden durch die entsprechenden mechanischen oder elektrischen Bauelemente bestimmt, die von quantenmechanischen Systemen sind die Übergangsfrequenzen zwischen den Energieniveaus. Siehe auch Resonanzabsorption. zwischen den Umläufen zweier Himmelskörper um einen dritten besteht Resonanz, wenn sich die Umlaufzeiten wie kleine ganze Zahlen verhalten. Auch zwischen der Rotation und der Bahnbewegung eines Himmelskörpers kann Resonanz vorliegen, insbesondere verhält sich bei gebundener Rotation die Rotationsdauer zur Umlaufzeit wie 1:1.

2. übertragen Widerhall; Anklang, Verständnis.

Resonanzabsorption: Absorption von elektromagnetischer Strahlung bestimmter Frequenz durch Anregung eines atomaren Systems, das Strahlung ebendieser Frequenz auch emittieren kann. Auf Resonanzabsorption beruht der Mößbauer-Effekt. Siehe auch Absorption 3, Resonanz 1, Spektrum.

Resonanzstrahlung, Resonanzfluoreszenz-. Emission elektromagnetische Strahlung durch Atome, Moleküle oder Festkörper (zum Beispiel beim Laser), aber auch Atomkerne (zum Beispiel beim Mößbauer-Effekt) nach einer Anregung durch Strahlung dieser Frequenz. Siehe auch induzierte Emission.

Resonanzteilchen: Elementarteilchen, das sich als realer Zwischenzustand bei Streuprozessen anderer Elementarteilchen mit den entsprechenden Quantenzahlen als Resonanz des Wirkungsquerschnitts bemerkbar macht und im Allgemeinen sehr schnell (etwa 10s) zerfällt.

Resonanzverfahren: Anwendung der Ultraschallprüfung für Wanddickenmessung. Bei senkrechter Einschaltung und paralleler Gegenfläche kann durch Ändern der Frequenz erreicht werden, dass sich eine stehende Welle mit Resonanzerscheinung bildet. Unter Berücksichtigung der werkstoffabhängigen Schallgeschwindigkeit kann die Frequenzskale direkt in mm Wanddicke geeicht werden.

Resonator: mechanisches oder elektrisches schwingungsfähiges System, das unter äußerer Anregung nur bei der sogenannten Resonanzfrequenz mit maximaler Amplitude schwingt; Schwingungen anderer Frequenz werden demgegenüber unterdrückt. Siehe auch Laser.

Resorption: Aufnahme gelöster Substanzen durch die Zellmembran in das Zellinnere; im engeren Sinne die Aufnahme von organischen Nahrungsstoffen (Eiweiß, Fett, Kohlenhydrat, Vitamine), von anorganischen Stoffen, zum Beispiel Natrium, Kalium und Eisen, sowie zahlreichen anderen Ionensorten in sehr geringer Menge (Spurenelemente, zum Beispiel Kupfer, Mangan, Silizium) und von Wasser durch die Darmschleimhaut. Im Darmlumen oder im Kontakt mit der Schleimhaut werden die hochmolekularen Organischen Stoffe enzymatisch zu resorbierbaren Molekülgrößen gespalten, meistens durch Hydrolyse. Die resorbierten Moleküle werden in der Darmwand oder in der Leber zu körpereigenen Eiweißen, Fetten und Kohlenhydraten (Glykogen) «synthetisiert. Siehe auch Verdauung.

Resorcin, Resorzin: das zweiwertige Phenol i,3-CsH4(OH)2; bildet farb- und geruchlose, wasserlösliche Kristalle; F 110 °C; es wirkt antiseptisch und dient zur Herstellung von Fluoreszein und Pharmaka. Siehe auch Phenole.

respektive, Abkürzung resp.: beziehungsweise.

Respighi, Ottorino, 9.7.1879-18.4.1936, italienischer Komponist; aus seinem umfangreichen, klangfarblich reizvollen Gesamtwerk werden heute vor allem noch die sinfonischen Dichtungen «Römische Fontänen», «Pinien von Rom» und «Römische Feste» aufgeführt. Respighi setzte sich (mit Bearbeitungen) sehr für die Wiederbelebung der altitalienischen Musik ein.

respiratorischer Quotient, Abkürzung RQ: Verhältnis der Menge von Kohlendioxid, das im Organismus durch die Oxydation von Nahrungsstoffen entsteht und über die Lungen an die Außenluft abgegeben wird, zur Menge an Sauerstoff, der für diese Oxydation über die Lungen aufgenommen wird (C02/02). Bei normalem Stoffwechsel und normaler Ernährung stellt sich ein respiratorischer Quotient von etwa 0,85 ein. Bei reinem Kohlenhydratumsatz beträgt der RQ 1,0, für Fette dagegen nur 0,7. Der respiratorische Quotient ist eine Bezugsgröße für die Messung des Energieumsatzes über den Sauerstoffverbrauch. Siehe auch Grundumsatz.

Responsorium: (lateinisch responsum, «Antwort») in der katholischen Liturgie auf die Lesungen folgender Antwortgesang zwischen Vorsänger und Chor beziehungsweise Gemeinde (zum Beispiel im Graduale oder Alleluja der Messe). In der evangelischen Liturgie der Wechselgesang zwischen Liturg und Gemeinde.

Ressel, Josef, 29.6.1793-10.10.1857, österreichischer Forstmeister und Techniker, erhielt 1827 ein Patent für die eiste Schiffsschraube, die er 1829 am Dampfschiff «Civetta» (11 km/h) erprobte.

Ressentiment: affektbetonte Ablehnung (und oft Abwertung) von Personen, Dingen, Vorstellungen aus dem Gefühl der Unterlegenheit, auch des Bedrohtseins oder aus moralischem Vorbehalten; beruht oft auf mangelhafter Kenntnis.

Res severa verum gaudium: «Die wahre Freude ist eine ernste Sache» (nach dem römischen Philosophen Seneca).

Ressourcen: Hilfs-, Rohstoffquellen; Geldmittel.

Ressourcenforschung: Feststellung aller nutzbaren mineralischen Rohstoffe und Energiequellen, ihre Beurteilung und Registrierung.

Restaurant: gastronomische Einrichtung zur gewerbsmäßigen Bewirtung von Gästen.

Restauration: Wiederherstellung alter, überlebter gesellschaftlicher oder politischer Verhältnisse, insbesondere Wiedereinsetzung einer durch Revolution beseitigten Dynastie.

Restaurieren: Wiederherstellen eines beschädigten oder durch Altern oder fremde Eingriffe veränderten Kunstwerks beziehungsweise eines kulturhistorisch wertvollen Gegenstandes. Die moderne Restaurierung beschränkt sich im Allgemeinen auf das Sichern des erhaltenen Bestandes, das Reinigen und das Entfernen entstellender Veränderungen, im Gegensatz zu den oft willkürlichen und technischen häufig unzureichenden Eingriffen und Ergänzungen früherer Jahrhunderte, besonders aber des 19. Jahrhundert Fehlstellen werden nur dann ergänzt, wenn sie die Gesamtwirkung empfindlich beeinträchtigen würden. Sie werden in der Regel als Ergänzungen kenntlich gemacht. Siehe auch Denkmalpflege.

Restberg: bei der Abtragung von Hochflächen stehengebliebener Berg, der in größerer Entfernung von den Denudationsbasen (das heißt dem Einzugsgebiet der Flüsse) im Wasserscheidenbereich liegt Besteht er aus widerständigerem Gestein als seine Umgebung, bezeichnet man ihn als Härtling.

Restglied: die Differenz zwischen der Lösung eines Problems und dem Ergebnis des n-ten Schrittes eines Näherungsverfahrens, das heißt der Verfahrens- oder Abbrechfehler, zum Beispiel die Restglied von Newton-Cotes-Formeln. Meist kann man nur Abschätzungen für das Restglied angeben.

Restharn: nach dem Harnlassen in der Harnblase verbleibender Harnrückstand, begünstigt Harninfektion und Harnsteinbildung; ursächlich kommen Blasenentleerungsstörungen durch Prostataadenom, -krebs, aber auch entzündlich und nerval bedingte Blasenschließmuskelveränderungen in Betracht.

restieren: übrig sein; im Rückstand sein.

Restitution: Rückgabe, Wiedererstattung, Wiederherstellung; Wiedereinsetzung; Ersatzleistung.

Restitutionsedikt: Erlass Ferdinands n. vom 6.3.1629, wonach alle nach 1552 säkularisierten Kirchengüter zurückgegeben werden sollten. Das Restitutionsedikt scheiterte am Widerstand der Protestant. Reichsstände, es hätte eine völlige Umgestaltung der Machtverhältnisse im Reich zugunsten der von Habsburg geführten katholischen Kräfte bedeutet.

Restriktion: 1. allgemein Beschränkung, Einschränkung; Vorbehalt.

2. Operationsforschung: mathematische Optimierung.

3. Technik: technische, ökonomische, gesetzliche oder naturwissenschaftliche Einschränkung oder Randbedingung, die eine bestimmte technische Ausführung, ein Verfahren und beziehungsweise oder eine Struktur nicht zulässt Restriktion sollen im Pflichtenheft angegeben sein.

restringieren: einschränken; zusammenziehen.

Resultante, Resultierende: Summe von 2 oder mehr Vektoren.

Resultat: Ergebnis, zum Beispiel einer Rechnung, einer Verknüpfung, einer Schlussfolgerung.

resultieren: sich (als Schlussfolgerung) ergeben; folgen.

Resümee: Zusammenfassung; kurze Übersicht.

retablieren: wiederherstellen sich retablieren, wieder in geordnete Verhältnisse kommen.

Retardation:

1. Dramatik: im traditionellen (aristotelischen) Drama Verzögerung in Konfliktverlauf und -lösung einer Handlung.

2. Retardation, Retardierung: Psychologie verzögertes Auftreten physischer Reifungsdaten in ihrer Gesamtheit (Spätentwicklung). Siehe auch Akzeleration 2.

Retardeffekt: Medizin Verzögerungseffekt, liegt zum Beispiel vor, wenn Arzneimittel auf Grund besonderer Zubereitungen oder Strukturveränderungen verzögert resorbiert oder ausgeschieden werden.

retardieren: verzögern; Zurückbleiben.

retardiertes Potential: Potential elektromagnetischer Felder, das die endliche Fortpflanzungsgeschwindigkeit elektromagnetische Wellen berücksichtigt, so dass die im Beobachtungspunkt wahrnehmbare Wirkung die Folge von Ladungen beziehungsweise Strömen an entfernten «Quellpunkten» zu entsprechend früheren Zeiten ist.

Retention: Medizin Zurückhaltung, zum Beispiel Retention harnpflichtiger Substanzen im Blut bei Niereninsuffizienz.

Retentionsmittel: Papierherstellung flockende Hilfsmittel (zum Beispiel Tierleim, Natriumsilikat, Stärke) für das Rückhaltevermögen der Füllstoffe und anderer feindisperser Stoffe im Fasernetzwerk bei der Blattbildung in der Papiermaschine.

Retezat Gebirge: aus kristallinem Gestein aufgebauter, eiszeitlich überformter Gebirgszug im Westen der Südkarpaten; höchste Erhebung Peleaga mit 2509 m; über 80 Berg- und Karseen; größter rumänischer Nationalpark (210 km2).

Rethel, Alfred, 15.5.1816-1.12.1859, Maler und Graphiker; 1829/36 Schüler der Düsseldorfer Akademie. Beeinflusst von der Düsseldorfer romantischen Kunst, trug Rethel wesentlich zur Erneuerung der monumentalen Historienmalerei bei (Karlsfresken im Aachener Rathaus, seit 1840). Große Verdienste erwarb er sich um die Neubelebung des Holzschnittes nach dem Vorbild der altdeutschen Meister (Folge «Auch ein Totentanz», 1849).

Rethra: Hauptort des slawischen Stammes der Redarier und ab 11. Jahrhundert des Lutizenbundes; noch nicht lokalisiert.

Reticulum: das Sternbild Netz.

retikuloendotheliales System, Abkürzung RES: Zellsystem in Leber, Milz, Knochenmark und Lymphknoten, das Substanzen aufnehmen, speichern und Abwehrstoffe gegen Krankheitserreger bilden kann.

Retikulum: Anatomie a) Netz, netzartig angeordnete Fasern oder Zellen;

b) Wiederkäuermagen.

Retinitis: Netzhautentzündung.

retirieren: sich eilig zurückziehen; fliehen.

Retorte:

1. Laboratoriumstechnik: selten verwendeter runder Kolben aus Glas, Quarz oder Metall mit langem, abwärts geneigtem, sich verjüngendem Hals, besonders geeignet als Reaktions- und Destillationsgefäß für aggressive Stoffe.

2. Verfahrenstechnik: dicht verschließ- und heizbarer Kessel mit Ableitungsrohr, meist aus Stahl, insbesondere zur trockenen Destillation von Kohle, Holz und anderen festen Stoffen.

retrograd: rückläufig.

Retrogradierung: Veränderung des Bodenprofils durch menschliche Tätigkeit im Sinne einer Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit.

retrospektiv: rückschauend, zurückblickend.

Retrospektive: 1. allgemein Rückschau, -blick.

2. Film: rückschauende Vorführung von Werken eines Filmkünstlers, einer speziellen Filmgattung, der Filmproduktion eines Landes oder ausgewählter Perioden der Filmgeschichte auf Festspielen, in Filmklubs oder Filmkunsttheatern.

Rettich, Raphanus: Gattung der Kreuzblütler; der Gartenrettich (Raphanus sativus) ist eine alte Kulturpflanze mit violetten oder weißen Blüten, schwammigen Schoten und aus Spross- und Wurzelteilen bestehender weißer (Sommerrettich) oder schwarzer (Winterrettich) Rübe, die roh gegessen wird.

Rettungsbohrung: gezielte Bohrung von über oder unter Tage aus zur Rettung eingeschlossener Bergleute. Der Erfolg der Rettungsbohrung hängt wesentlich von der Teufe ab, in der sich die Eingeschlossenen befinden. Meist wird zuerst eine Suchbohrung geringeren Durchmessers angelegt, die eventuell zur Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten, Geleucht, Kommunikationsmitteln unter anderem durch eine Versorgungsbombe (längliche Metallhohlkörper) dienen kann. Die Rettung erfolgt durch eine Großlochbohrung mittels eines durch das Bohrloch hinabgelassenen verkleideten Gestells, in dem eine Person an die Erdoberfläche gezogen werden kann. Voraussetzung für Rettungsbohrung sind schnell montierbare und vielseitig einsetzbare Bohrgeräte.

Rettungsboot: auf dem Oberdeck von Seeschiffen aufgestelltes Boot für die Rettung aus Seenot. Rettungsboot bestehen meist aus Stahl- beziehungsweise Leichtmetallblech oder glasfaserverstärktem Plast und haben Luftkästen, die das Sinken verhindern. Das Fassungsvermögen beträgt 8 bis 150 Personen. Rettungsboot werden mit Hilfe von Davits ausgesetzt und durch Ruder, Motor, Handpropellerantrieb oder Segel fortbewegt. Neuerdings gibt es vollständig geschlossene Rettungsboot, die selbstaufrichtend und selbstlenzend sind. An besonders gefährliche Stellen der Küsten sind Seenotrettungsboot stationiert, sehr seetüchtige, mit Rettungsmitteln, Lenz- und Feuerlöschpumpen ausgerüstete Motorboote, die der Rettung Schiffbrüchiger vom Land aus dienen. Siehe auch Rettungsfloß.

Rettungsfloß: auf Seeschiffen als kollektives Rettungsmittel verwendeter, auf freiem Deck gelagerter Schwimmkörper, der im Seenotfall über Bord geworfen wird oder beim Untergang von selbst aufschwimmt. Jedes Rettungsfloß muss eine Überdachung haben und ähnlich wie ein Rettungsboot ausgerüstet sein. Es gibt starre Rettungsflöße aus Blech oder Schaumstoff, bevorzugt wird aber die runde Ausführung aus wasser- und luftdicht beschichtetem Spezialgewebe (Rettungsinsel).

Rettungsmedaille: staatliche Auszeichnung, die für die Rettung von Menschen aus Lebensgefahr verliehen wird, wenn die Rettungstat unter eigener Lebensgefahr erfolgte; 1954 gestiftet.

Rettungsrakete, Fluchtrakete: Feststoff-Raketentriebwerk (beziehungsweise -triebwerksbündel), das kurzzeitig einen hohen Schub liefert und während der Startphase einer Trägerrakete im Gefahrenfall ein Raumfahrzeug von der Rakete entfernt und auf eine ballistische Bahn bringt.

Rettungsring: schaumstoff- oder korkgefüllter Segeltuchring, den man gefährdeten Personen im Wasser zuwirft; auf Seeschiffen zum Teil mit einem sich selbst entzündenden Nachtrettungslicht versehen.

Rettungsschwimmen: alle Maßnahmen und Mittel zur Rettung Ertrinkender einschließlich vorbereitender Übungen im Wasser (Kleiderschwimmen, Strecken-, Tieftauchen). Voraussetzungen sind gute Schwimmer. Fertigkeiten, das Beherrschen von Befreiungs-, Rettungs- und Bergungsgriffen, sicherer Umgang mit Rettungsgeräten und gute Kenntnisse in Erster Hilfe und Wiederbelebungsmaßnahmen. Siehe auch Wasserrettungsdienst.

Retusche: Fototechnik, Polygraphie Überarbeitung von fotografischen Negativen, Positiven beziehungsweise (ausschließlich in der Polygraphie) von kopierten Ätzplatten zur Beseitigung von Mängeln, Verbesserung der Ton- und Farbwertwiedergabe sowie zum Herausarbeiten von Bildeinzelheiten von Hand, mit Chemikalien oder fotomechanisch.

Reuchlin, Johannes, 22.2.1455-30.6.1522, Schriftsteller und Gelehrter; Vertreter des Humanismus, begründete die klassische deutsche Philologie und verfasste lateinische Komödien. Erstmals in Deutschland befasste sich Reuchlin mit hebräischen Studien. Mutig wandte er sich gegen die von Scholastikern erhobene Forderung, alle jüdischen Bücher zu verbrennen; er wurde deshalb von den Kölner Dominikanern befehdet und 1520 durch den Vatikan verurteilt. Zu seiner Verteidigung verfassten deutsche Humanisten unter anderem die berühmten Dunkelmännerbriefe.

Reuleaux, Franz, 30.9.1829-20.8.1905, Ingenieur; 1856 Professor am Polytechnikum Zürich, 1873 Rektor der TH Berlin; veröffentlichte «Konstruktionslehre für den Maschinenbau» (1854), «Der Konstrukteur» (1861) als damalige Standardwerke der Technik und «Theoretische Kinematik» (1875).

Reunion: Wiedervereinigung, Vereinigung; früher Gesellschaft, Gesellschaftsbau (besonders in Kurorten).

Réunion: französische Kolonie auf der Maskareneninsel Réunion im Indischen Ozean, östlich von Madagaskar; 2510 km2, 545000 Einwohner (zu 75% Kreolen; außerdem auch Madagassen, Franzosen, Inder); 217 Einwohner/km2; Verwaltungszentrum Saint-Denis. Überwiegend gebirgig (Piton des Neiges, 3069 m) mit tätigen Vulkanen (Piton de la Fournaise, 2631m); wechselfeuchtes tropisches Seeklima; von Savanne und Wald bedeckt. Unterentwickeltes Agrargebiet mit Großgrundbesitz; Hauptbedeutung haben der Anbau von Zuckerrohr (Monokultur) und seine Verarbeitung (Zucker 80 % der Exporteinnahmen); außerdem Anbau von Vanille, Nelken und Parfümpflanzen. Haupthafen ist Pointe des Galets bei der Stadt Le Port; Ausfuhr von Zucker, Ylang-Ylang-Öl, Rum und Nelkenöl. - bis zur Entdeckung durch den Portugiesen P. de Mascarenhas (1513) unbewohnt; 1613 ließen sich vorübergehend Engländer auf der Insel nieder. Ab 1643 als île de Bourbon französische Kolonie, erhielt sie 1793 den Namen Réunion und wurde 1946 sogenannt Überseedepartement. Eine starke politische Kraft ist die von P. Verges geführte KP von Réunion

Reunionen: gewaltsame Annexionen durch Frankreich 1679/97, besonders im Elsaß; Ludwig XIV. berief sich dabei auf die Friedensverträge von Münster (1648), Aachen (1668) und Nijmegen (1678/79). Siehe auch Rijswijk, Friede von.

Reuse: (zu «Rohr») stehendes Fischfanggerät mit trichterförmigem Eingang (Kehle), durch den die Fische hinein-, aber nicht wieder hinausschwimmen können.

Reuss: rechter Nebenfluss der Aare in der Schweiz; 158 km; entsteht aus Furka- und Gotthardreuss, durchfließt das Urserental, die im Granit eingeschnittene Schöllenenschlucht (mit Eisenbahn und Straße) und den Vierwaldstätter See; Kraftwerke.

Reuter: Gerüst zur Trocknung von Grünpflanzen. Je nach Ausführung unterscheidet man Dreibock-Reuter, Heinze (Henze, Hiefel), Schrägwand-Reuter, Schweden-Reuter, Rollen-Reuter, Groß-Reuter und Schnurren-Reuter sowie Heuhütte.

Reuter: 1. Christian Reuter, 1665 (9.10. getauft)-um 1712, Schriftsteller; schrieb satirische Komödien, in denen er kleinbürgerliche wie aristokratischen Denk- und Lebensweisen vom antifeudal-bürgerlichen Standpunkt kritisierte («L’Honnête Femme oder Die ehrliche Frau zu Plißine», 1695). Mit der humoristischen Lügen-, Reise- und Abenteuergeschichte «Schelmuffskys wahrhaftige, kuriose und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und Lande» (1696, umgearbeitete Fassung in 2 Teilen 1696/97) schuf Reuter den ersten bürgerlichen deutschen Schelmenroman.

2. Fritz Reuter, 7.11.1810-12.7.1874, niederdeutscher Schriftsteller. Wegen Teilnahme an der Burschenschaft zum Tode verurteilt, dann zu 30jähriger Festungshaft begnadigt (7 Jahre in Haft), trat Reuter erst nach schweren Entwicklungsjahren als Erzähler hervor; unter anderem in «Kein Hüsung» (1857) schuf er ein die feudalen Verhältnisse seiner mecklenburgischen Heimat scharf anklagendes Zeitbild; «Ut mine Festungstid» (1862) und «Ut mine Stromtid» (1862/64) sind kritisch-humorvolle romanhafte Erinnerungen; ferner gereimte schwankhafte Erzählungen «Läuschen im Rimels» (1853).

3. Rolf Reuter, geboren 7.10.1926, Dirigent; Professor an den Musikhochschulen Leipzig, Weimar und Berlin; wirkte in Meiningen, 1961/79 an den Leipziger Städt. Bühnen (1963 GMD), 1979/80 als Chefdirigent der Weimar. Staatskapelle; ist seit 1981 Chefdirigent der Kom. Oper Berlin. Als Konzertdirigent und Wagner-Interpret ist Reuter auch im Ausland geschätzt.

Reutlingen: Kreisstadt in Baden-Württemberg, Verwaltungssitz des Regionalverbandes Neckar Alb, am Nordrand der Schwäbischen Alb; 95000 Einwohner; Maschinen- und Fahrzeugbau, Holz-, Textil- und Lederindustrie; Fachhochschulen; gotische Marienkirche (13./14. Jahrhundert).

Reutter, eigentlich Pfützenreuter, Otto, 24. 4.1870 bis 3.3.1931, Vortragskünstler; errang im Berliner Wintergarten mit seinen selbstgeschriebenen aktuellen Couplets große Popularität.

Reval, Jozsef, 12.10.1898-4.8.1959, ungarischer Publizist und Politiker; 1918 Mitbegründer der KP, in der ungarischen Räterepublik aktiv tätig, dann im Exil; Mitarbeit im Auslandskomitee der KP. 1944 Rückkehr nach Ungarn, Mitglied des ZK und des Politbüros der Partei der ungarischen Werktätigen beziehungsweise der ungarischen sozialistischen Arbeiterpartei; 1949/53 Minister für Kultur, 1953/58 stellvertretender Vorsitzender des Präsidialrats. Reval schrieb Werke über ungarische Geschichte, Kultur und Literatur.

Revanchismus: reaktionäre friedensfeindliche Ideologie und Politik, die darauf gerichtet ist, Staatsgrenzen gewaltsam und expansionistisch zu verändern. Revanchismus kennzeichnet heute vor allem Bestrebungen reaktionärer politischer Kräfte in der BRD, die Folgen der gesetzmäßigen Niederlage des deutschen Imperialismus im 2. Weltkrieg (Grenzen, Verträge unter anderem) mit allen Mitteln, einschließlich der Anwendung militärischer Gewalt, rückgängig zu machen. Der Revanchismus ist Bestandteil des militanten Antikommunismus und Antisowjetismus.

Revenue: 1. Einkommen, das verzehrt werden kann, ohne dass seine Quelle versiegt, zum Beispiel Arbeitslohn der Lohnarbeiter, Mehrwert der Kapitalisten in den Formen des Profits, des Zinses und der Rente.

2. Teil des Mehrwerts, der nicht in Kapital verwandelt wird.

Reverend, (englisch - lateinisch, «Ehrwürdiger)) Abkürzung Rev.: Bezeichnung für einen Geistlichen in englischsprachigen Ländern.

Reverenz: Ehrerbietung; Verbeugung.

Revers: 1. Revers: Numismatik, Rückseite (Wappenseite) einer Münze.

2. Revers: Recht, Verpflichtungsschein; Gegenschein zur Aufhebung eines anderen Schriftstücks.

3. Revers,: Textiltechnik, Auf- oder Umschlag am Kragen von Oberkleidung.

reversibel: umkehrbar. Reversible oder umkehrbare physikalische Prozesse können in allen Einzelheiten rückgängig gemacht werden, ohne dass bleibende Veränderungen inner- oder außerhalb des betreffenden Systems entstehen. Sie sind Idealisierungen wirklicher Prozesse; diese verlaufen irreversibel. Siehe auch Entropie 2.

Reversion:

1. Genetik: phänotypische Wiederherstellung des Wildtyp-Zustandes bei Mutanten; erfolgt durch echte Rückmutation (Wiederherstellung der originalen genetischen Information) oder durch ein weiteres Ereignis (zum Beispiel eine zweite Mutation), das die Ausprägung des durch die erste Mutation hervorgerufenen Mutanten Phänotyps kompensiert (Suppression).

2. Lebensmitteltechnik: abartige, noch ungeklärte Geschmacks- und Geruchsveränderung (fischähnlich, heuartig u. ä.), die beim Lagern raffinierter Speiseöle beziehungsweise -fette auftritt Verursacht wird die Reversion durch Oxydation ungesättigter Fettkomponenten.

Reversionspendel: stabförmiger Körper mit verschiebbaren Massen und 2 Aufhängepunkten, um die er mit gleicher Schwingungsdauer schwingen kann (nach Umhängen (Reversion) des Pendels). Das Reversionspendel dient zum Bestimmen der absoluten Größe der Schwerebeschleunigung auf der Erde.

revidieren: nachsehen, überprüfen.

Revier: Gebiet; Bezirk.

Revillagigedo Inseln: vulkanische Inselgruppe (Mexiko) im Stillen Ozean, 760 km vor der Westküste Mexikos; 830 km2, unbewohnt; Hauptinseln Isla Socorro mit 167 km2 (Vulkan Monte Evermann, 1235 m), Isla San Benedicto mit 6 km2 (Vulkan Bárcena, 400 m, Kraterdurchmesser 700 m, letzter Ausbruch 1952), Isla Clarion mit 29 km2.

Revision: 1. allgemein (nochmalige) Durchsicht; Überprüfung, Nachprüfung.

2. Revision, Maschinenrevision: Polygraphie letzte Überprüfung einer Druckform auf ordnungsgemäßes Ausschießen und Formschließen sowie einwandfreie Korrektur angezeichneter Fehler vor dem Fortdruck.

3. Völkerrecht: Abänderung von Völkerrecht! Verträgen nach den Bestimmungen des völkerrechtlichen Vertragsrechts beziehungsweise Abänderung bestimmter bestehender politischer oder rechtliche Verhältnisse.

4. Wirtschaft: Durchsicht, Prüfung und Bestätigung der Ordnungsmäßigkeit der Planung und Abrechnung sowie der Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen in Betrieben und Einrichtungen durch betriebseigene Revisionsabteilungen (Innenrevision) und staatliche Kontrollorgane (Staatliche Finanzrevision). Siehe auch Finanzrevision.

Revisionismus: Richtung, des Opportunismus in der Arbeiterbewegung, die unter dem Anspruch eines «echten», «wahren» oder «modernen» Marxismus auftritt, im Klassenkampf der Arbeiterklasse bewährte und theoretisch gesicherte Grundkenntnisse des Marxismus-Leninismus jedoch preisgibt. Unter dem Vorwand, den Marxismus weiterzuentwickeln, versucht der R, ihn seines revolutionären Inhalts zu berauben und mit der bürgerlichen Ideologie zu versöhnen. Eine verbreitete Methode ist die Verleumder. Erfindung von Gegensätzen zwischen den Auffassungen von K. Marx und W. I. Lenin sowie zwischen den Auffassungen der Klassiker des Marxismus-Leninismus und der Politik kommunistischer Parteien der Gegenwart. Die sozialen Wurzeln des Revisionismus der Gegenwart liegen besonders in der Reaktion der kleinbürgerlichen Intelligenz auf die Verschärfung des Klassenkampfes durch den Imperialismus. Der moderne Revisionismus entstellt die Idee des proletarischen und sozialistischen Internationalismus und macht sich zum Werkzeug des Antisowjetismus und Antikommunismus; er führt zur Spaltung der Arbeiterklasse. Im Kampf um Frieden und sozialen Fortschritt tritt die kommunistische Weltbewegung für die Aktionseinheit aller Strömungen der Arbeiterbewegung ein.

Revisor: Prüfer, der mit der Durchführung einer Revision Beauftragte.

Revolte: Empörung; Aufruhr, Meuterei.

Revolution: (französisch révolution, revolutio, «Umwälzung») grundlegende Umgestaltung der gesamten Gesellschaft (soziale R) oder wesentliche gesellschaftliche Bereiche (zum Beispiel industrielle Revolution, wissenschaftlich-technische Revolution, Revolution in der Kultur, in der Naturwissenschaft). Die soziale Revolution ist ein qualitativer Sprung in der Entwicklung der Gesellschaft, das gesetzmäßige Resultat der Entfaltung des Klassenkampfes, in dessen Verlauf eine historisch überlebte Gesellschaftsformation durch eine neue, höhere abgelöst wird. Die Geschichte kennt unterschiede historische Grundtypen: vorbürgerlicher, bürgerlicher, sozialistischer Revolution. Die Hauptaufgabe der bürgerlichen Revolution besteht im Sturz des Feudalismus und in der Errichtung der Herrschaft der Bourgeoisie. Die sozialistische Revolution hat das Ziel, die kapitalistische Ausbeuterordnung zu beseitigen, die politische Herrschaft der Arbeiterklasse zu errichten und die Voraussetzungen für den Übergang zur klassenlosen Gesellschaft (Kommunismus) zu schaffen. Revolution sind ein Produkt antagonistische Gesellschaftsverhältnisse; sie erwachsen aus dem Widerspruch zwischen den sich entwickelnden Produktivkräften und den überlebten Produktionsverhältnissen und sind unmittelbares Ergebnis des daraus resultierenden Klassenkampfes. «Nur bei einer Ordnung der Dinge, wo es keine Klassen und keinen Klassenkampf gibt, werden die gesellschaftlichen Evolutionen aufhören, politische Revolution zu sein» (K. Marx). Lenin unterschied zwischen Revolution im engeren Sinne (Lösung der Machtfrage zugunsten der historisch aufsteigenden Klasse) und Revolution im weiteren Sinne (volle Durchsetzung und Konsolidierung der neuen Gesellschaftsformation). Die politische Hauptfrage jeder Revolution ist die Lösung der Machtfrage. Revolutionen sind gesetzmäßig (objektiv) bedingt, sie lassen sich nicht willkürlich «machen» (Voluntarismus). Im revolutionären Prozess verbinden sich objektive Faktoren (Art und Reife der gesellschaftlichen Hauptwidersprüche, Verhältnis der Klassenkräfte, internationale Lage unter anderem) und subjektive Faktoren (Bewusstheit und Organisation der führenden Klasse und ihrer Bündnispartner, Labilität und innere Krise der alten herrschenden Klassen unter anderem). Die historische Fähigkeit (und Verantwortung) der revolutionären Klassen besteht darin, den Zeitpunkt der optimalen Verbindung von objektiven und subjektiven Faktoren zu erkennen und zu nutzen. Antimarxistische Revolutionsauffassungen sind letztlich durch Verabsolutierung einer der beiden Seiten gekennzeichnet. Der Ausbruch einer Revolution ist an das Bestehen einer revolutionären Situation gebunden. Wesentliche Kriterien zur Bestimmung des Klassencharakters und des historischen Ortes einer Revolution sind: Ursachen, zu lösende Widersprüche, Aufgaben, Triebkräfte, Hegemonie, Rolle der Volksmassen, Kampfformen und -methoden, internationale Bedingungen, Ergebnisse und Wirkungen, Charakter der Epoche. Als «Lokomotiven der Geschichte» (K. Marx) bewirken die Revolution eine Beschleunigung der Entwicklung (zum Beispiel Französische Revolution, Große Sozialistische Oktoberrevolution). In ihnen wird die schöpferische Rolle der Volksmassen als Hauptkraft gesellschaftlicher Umwälzung besonders deutlich. Die konkreten Erscheinungsformen der Revolution werden durch die Spezifik der historischen Ausgangslage, die Bedingungen des jeweiligen Landes und das innere und äußere Kräfteverhältnis bestimmt. Die sozialistische Revolution ist die tiefgreifendste, alle Lebensbereiche umfassende Revolution in der Geschichte der Menschheit, der höchste Typ einer Revolution sie ist untrennbar mit dem Kampf um die Erhaltung des Friedens verbunden. Lenin wies nach, dass mit der Herausbildung des Imperialismus («Vorabend der sozialistischen Revolution») die Fragen der Revolution und des revolutionären Kampfes unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei prinzipiell neu formuliert werden mussten. Indem die Bourgeoisie die Führung des gesellschaftlichen Fortschritts an die Arbeiterklasse abtritt, wird die bürgerliche Revolution, die gewöhnlich mit der Übernahme der Macht durch die Bourgeoisie endete, zur bürgerlich-demokratischen Revolution Die bereits von K. Marx und F. Engels erkannte Möglichkeit des Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen in die sozialistische Revolution («Revolution in Permanenz») konkretisierte Lenin unter den qualitativ neuen historischen Bedingungen der russischen Revolution von 1905/07. Unter der Hegemonie des Proletariats konnte die Revolution in die revolutionär-demokratische Diktatur der Arbeiter und Bauern münden, die wiederum die Voraussetzung für das Hinüberwachsen in die sozialistische Revolution ist. Dieser Erkenntnis folgten Strategie und Taktik der Bolschewiki im Jahre 1917 (bürgerlich-demokratischen Februarrevolution. Große sozialistischen Oktoberrevolution). Als spezifische Form der sozialistischen Revolution entwickelte sich Ende des 2. Weltkrieges in Ländern Mittel- und Südosteuropas sowie Asiens im Ergebnis der Befreiung durch die Sowjetarmee und des breiten nationalen und antifaschistischen Befreiungskampfes der Völker sowie entsprechend der Strategie der antiimperialistischen Demokratie der kommunistischen Parteien die Volksdemokratischen Revolution. Im Verlaufe der in vielfältigen Formen durchgeführten sozialistischen Revolution errichtet die Arbeiterklasse, geführt von ihrer marxistisch-leninistischen Partei und im engen Bündnis mit allen anderen Werktätigen, die Diktatur des Proletariats, schafft das gesellschaftliche Eigentum an den Produktionsmitteln, gestaltet die ökonomischen, sozialen (damit auch nationalen) sowie die kulturellen Verhältnisse und sichert die Verteidigung der Revolution gegen innere und äußere Feinde. In der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus sind sozialistische Revolutionen, demokratische und nationale Befreiungsrevolutionen neuen Typs Teilprozesse des einheitlichen revolutionären Weltprozesses. Jüngere Erfahrungen bezeugen die Möglichkeit beschleunigten Hinüberwachsens von der nationalen, antiimperialistischen und antikolonialen Revolution (Volksrevolution) in die sozialistische Revolution (Kuba) oder die Entwicklung sozialistischer Orientierung (Äthiopien) unter, den Bedingungen des engeren Zusammenwirkens mit der sozialistischen Staatengemeinschaft. Gegen den unaufhaltsamen Fortschritt des revolutionären Weltprozesses wendet der Imperialismus alle Mittel an (von der ideologischen Diversion über die indirekte und direkte Einmischung bis zur Errichtung faschistischer Regime). Die gesellschaftliche Wirklichkeit hat jedoch die marxistisch-leninistische Erkenntnis erhärtet, dass es keinen anderen Weg aus den kapitalistischen Widersprüchen gibt als die sozialistische Revolution Siehe auch Revolutionstheorie, kommunistische Weltbewegung.

revolutionär-demokratische Diktatur: revolutionäre Staatsmacht mit Übergangscharakter, insbesondere revolutionäre Macht der Arbeiter und Bauern sowie anderer Werktätiger unter Führung der Arbeiterklasse; sie bildet sich im Ergebnis des Sieges einer bürgerlich-demokratischen, demokratische oder antiimperialistische Revolution unter den Bedingungen des Imperialismus beziehungsweise der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus heraus und kann grundlegende Voraussetzungen für den Übergang zur sozialistischen Revolution schaffen. An der revolutionär-demokratische Diktatur sind unterschiedliche Klassen und politische Kräfte beteiligt. W. I. Lenin schuf, gestützt auf die Erfahrungen großer Revolutionen, die Konzeption der revolutionär-demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern als Bestandteil der marxistisch-leninistischen Revolutionstheorie. Historisch trat die revolutionär-demokratische Diktatur in unterschiedlicher Formen auf, zum Beispiel im Ergebnis der russischen Februarrevolution 1917 als revolutionär-demokratischen Diktatur der Sowjets und in der ersten Etappe des revolutionären Übergangsprozesses zum Sozialismus in einigen Ländern Mittel- und Südosteuropas nach dem 2. Weltkrieg. Möglichkeiten für die Entstehung von Machtverhältnissen und -Organen vom Charakter einer revolutionären Diktatur zeigen sich unter anderem auch in nationalen Befreiungsrevolutionen.

Revolutionäre Gewerkschaftsopposition, Abkürzung RGO: Zusammenfassung revolutionärer, im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund organisierter, später zumeist aus ihm ausgeschlossener revolutionärer Gewerkschafter in den Jahren 1930/33.

revolutionäre Nachkriegskrise: in Deutschland Zeitabschnitt vom Ende der Novemberrevolution bis zur Niederlage der Arbeiterklasse im Herbst 1923 (nachrevolutionäre Krise). Durch anhaltende revolutionäre Massenkämpfe entwickelte sich die schwere Nachkriegskrise des Imperialismus in eine die kapitalistische Ordnung bedrohende revolutionäre Nachkriegskrise; die von der KPD geführten Arbeiter kämpften gegen den Abbau der sozialen und politische Errungenschaften der Novemberrevolution, gegen militaristische Putsche und den sich formierenden Faschismus, sie versuchten wiederholt (1920 und 1923), zum Gegenangriff und zur Errichtung einer wahrhaft demokratischen Ordnung überzugehen. Höhepunkte waren die revolutionäre Krise im Herbst 1923 und der Hamburger Aufstand. Den monopolkapitalistischen und militaristischen Kräften gelang, unterstützt von den rechten SPD-Führern, die Niederwerfung der revolutionären Arbeiter. Auf die revolutionäre Nachkriegskrise folgte die Periode der relativen Stabilisierung des Kapitalismus.

revolutionäre Obleute: gewählte Vertrauensleute der revolutionären Berliner Arbeiter, vorwiegend aus der Rüstungsindustrie; sie gehörten zumeist dem linken Flügel der USPD an, arbeiteten bei der Organisierung des Januarstreiks 1918 und in der Vorbereitung der revolutionären Aktionen in Berlin am 9.11.1918 eng mit der Spartakusgruppe zusammen. Sie konnten sich jedoch nicht zum Anschluss an die KPD entschließen.

revolutionärer Weltprozess: Gesamtheit der antiimperialistischen sozialen und politische Bewegungen und Strömungen in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus, eingeleitet durch die Große sozialistische Oktoberrevolution. Im Kampf gegen den Imperialismus vereinigen sich im revolutionären Weltprozess in ihrer sozialen Zusammensetzung, aktuellen Zielstellung und in politischen Einzelfragen unterschiedliche Kräfte zu einer antiimperialistischen Bewegung (sozialistische, nationale, demokratische, antifeudale, antikoloniale, antifaschistischer Bewegungen und Revolutionen). Die Hauptbestandteile (Triebkräfte) des revolutionären Weltprozesses sind:

a) das sozialistischen Weltsystem, die höchste Errungenschaft des Kampfes der gesamten internationalen Arbeiterbewegung und die Hauptkraft des revolutionären Weltprozesses, die die internationalen Beziehungen und den weiteren Verlauf der Weltgeschichte entscheidend bestimmt;

b) die Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder, die für die Aktionseinheit ihrer Reihen und für ein breites Bündnis kämpft, um die Macht der Monopole einzuschränken und zu überwinden und schrittweise Voraussetzungen für den Übergang zum Sozialismus zu schaffen;

c) die demokratische Massenbewegungen in der nichtsozialistischen Welt, in denen sich verschiedene soziale und politische Kräfte objektiv gegen die Politik der reaktionären Kreise des Imperialismus richten;

d) die antiimperialistische Bewegung der Völker Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, die gegen Neokolonialismus und die Überreste des Kolonialismus, für die Festigung ihrer Unabhängigkeit und sozialen Fortschritt kämpfen. Wichtigste gemeinsame Aufgabe der Haupttriebkräfte ist der Kampf zur Sicherung des Friedens im historischen Wettbewerb der beiden gesellschaftspolitischen Systeme. Die internationale kommun ist. Bewegung ist die Avantgarde aller Kräfte des revolutionären Weltprozess.

revolutionäre Situation: Bestehen aller für eine Revolution notwendigen objektiven Bedingungen, günstige Lage für den Beginn einer Revolution infolge der Zuspitzung der sozialen Widersprüche. Nach W. I. Lenin zählen zu den objektiven Bedingungen einer revolutionären Situation die tiefe Krise der herrschenden Klassen und deren Unfähigkeit, ihre Herrschaft unverändert aufrechtzuerhalten, die Verschärfung der sozialen Gegensätze, der Not und des Elends der Massen über das gewohnte Maß hinaus und die erhebliche Steigerung der Aktivität der Massen, die zu selbständigem historischen Handeln gedrängt werden. Für die Entwicklung der revolutionären Situation zur Revolution sind eine Reihe subjektiver Bedingungen Voraussetzung, vor allem hohe revolutionäre Bewusstheit und Organisiertheit der Massen und ihre Bereitschaft und Fähigkeit zu Aktionen, die Führung durch eine revolutionäre Partei und das feste Bündnis aller revolutionären Kräfte. Zur schrittweisen Herausbildung einer revolutionären Situation können eine Vielzahl innerer und internationaler Faktoren beitragen.

Revolutionsarchitektur: Strömung innerhalb der französischen Baukunst, die Ende des 18. Jahrhundert im rationalistischen Geist der Aufklärung konzipiert wurde. Der Zeitpunkt ihrer Entstehung war für die Wortprägung ebenso maßgebend wie ihr revolutionär wirkender Bruch mit der Tradition. Ihre Hauptvertreter E. L. Boullée und C. N. Ledoux sind jedoch nicht als Revolutionäre im politischen Sinn anzusehen. Ihre Entwürfe umfassen neben Revolutionsbauten charakteristische Bauaufgaben der späteren bürgerlichen Entwicklung (Museen, Parlamentsgebäude, Bibliotheken und so weiter). Hauptsächliche Merkmale: Reduktion der Baukörper auf einfachste stereometrische Formen (Würfel, Kugel, Pyramide), Streben nach Monumentalität und Symbolhaftigkeit, Verzicht auf Dekor.

Revolutionskalender, französisch-republikanischer Kalender, während der Französischen Revolution vom Konvent 1793 offiziell eingeführter Kalender, der den bis dahin gültigen Gregorianischer Kalender ersetzte. Der Beginn der neuen Zeitrechnung, das Jahr der (Ersten) Republik, wurde auf den 22.9.1792 zurückdatiert. Der Revolutionskalender wurde in 12 neubenannte Monate (Vendémiaire, Brumaire, Frimaire, Nivôse, Pluviôse, Ventôse, Germinal, Floréal, Prairial, Messidor, Thermidor, Fructidor) zu 30 Tagen und 5 Ergänzungstage (Nationalfeste) eingeteilt. 1806 von Napoleon I. außer Kraft gesetzt, führte ihn die Pariser Kommune nochmals (kurzzeitig) ein.

Revolutionstheorie: systematisierte Zusammenfassung der Erfahrungen und Erkenntnisse über die sozialen Revolutionen, über ihre Ursachen und ihre Funktionen im geschichtlichen Prozess, über ihre Typen, Gesetzmäßigkeiten, Triebkräfte und Formen. Eine wissenschaftliche Revolutionstheorie wurde erst auf der Grundlage der materialistischen Geschichtsauffassung möglich (dialektischer und historischer Materialismus); sie wurde von K. Marx und F. Engels begründet und von W. I. Lenin weitergeführt. Die marxistisch-leninistische Revolutionstheorie wird in der Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus durch die Verallgemeinerung der Erfahrungen des Kampfes der Völker für Frieden, Demokratie, nationale Unabhängigkeit und Sozialismus, durch die vor allem auch vergleichende Erforschung der Revolutionen ständig bereichert. Kern der marxistisch-leninistischen Revolutionstheorie ist die Lehre von der sozialistischen Revolution, die die Erfahrungen des revolutionären Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus verallgemeinert und eine wichtige Grundlage der Strategie und Taktik der kommunistischen und Arbeiterparteien ist. Hauptprobleme der Theorie der sozialistischen Revolution sind der Kampf der Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten um die Vorbereitung und Einleitung der Sozialist Revolution, um die Eroberung der Macht als der Grundfrage der Revolution, die objektiven und subjektiven Bedingungen und die Triebkräfte der Revolution (Hegemonie, Aktionseinheit, Bündnispolitik), die Wege, Formen und Mittel des revolutionären Kampfes, die Strategie und Taktik der revolutionären Kräfte. Besondere Bedeutung hat die Analyse der sozialistischen Revolution als internationaler Prozess (revolutionärer Weltprozess), insbesondere die Analyse ihrer Wechselbeziehungen mit dem Kampf der Völker um Frieden und nationale Befreiung.

Revolutionstribunal: außerordentlicher Gerichtshof zur Zeit der Französischen Revolution; entstand am 17.8.1792 zur Aburteilung konterrevolutionärer Royalisten, im März und Oktober 1793 vom Konvent reorganisiert. Während der Jakobinerherrschaft Abschaffung der Berufung und der Verteidigung, aufgelöst am 31.5.1795.

Revolution von 1848/49: bürgerlich-demokratische Revolutionsbewegung auf dem europäischen Kontinent zur Durchsetzung und Festigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Sie vollzog sich unter den Bedingungen der industriellen Revolution und des entstehenden Industriekapitalismus. Erstmalig griff die Arbeiterklasse in eine Revolutionsbewegung ein und wurde zur entschiedensten revolutionären Kraft. Die Revolution von 1848/49 in den Staaten des Deutschen Bundes von Ende Februar 1848 bis Juli 1849 war ein wesentlicher Teil der europäischen Revolutionsbewegung. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die Machtgrundlagen des Adels zu vernichten, die feudalstaatliche Zersplitterung zu überwinden und einen einheitlichen bürgerlich-demokratischen Nationalstaat zu schaffen. Ihre Triebkräfte waren das demokratische Kleinbürgertum, Teile der Bauernschaft und die Arbeiterklasse. Den Anstoß zu den revolutionären Erhebungen gab die französische Februarrevolution 1848. Höhepunkte der Revolution von 1848/49 waren 1848 die Märzrevolution in Wien (13.3.) und in Berlin (18./19.3.). Am 18.5. trat die Frankfurter Nationalversammlung zusammen. Durch die Niederwerfung der Pariser Arbeiter im Juni 1848 erstarkte die europäische Konterrevolution. Die Reichsverfassungskampagne 1849 bildete den Abschluss der revolutionären Kämpfe in Deutschland. Die Revolution von 1848/49 konnte keine ihrer grundlegenden Aufgaben lösen. Sie scheiterte, weil sich die Bourgeoisie mit der Adelsklasse verbündete und das Kleinbürgertum unfähig war, die Revolution selbständig weiterzuführen. Die Arbeiterklasse war noch nicht in der Lage, die Führung der Revolution von 1848/49 zu übernehmen. Trotz ihrer Niederlage gehört die Revolution von 1848/49 zu den größten fortschrittlichen Ereignissen in der Geschichte des deutschen Volkes. Ihre Erfahrungen bildeten eine wesentliche Grundlage für die Weiterentwicklung des Marxismus.

Revolution von 1905/07 in Russland: erste Volksrevolution in der Epoche des Imperialismus, zeigte die Verlagerung des revolutionären Zentrums von Westeuropa nach Russland an. Anlass der ersten bürgerlich-demokratischen Revolution in Russland war der Blutige Sonntag (9. (22.) 1.1905); ihre Aufgaben bestanden in der endgültigen Beseitigung des Leibeigenschaftssystems und im Sturz des Zarismus. Haupttriebkraft und Führer der Revolution von 1905/07 in Russland war das mit der Bauernschaft verbündete Proletariat, an dessen Spitze die Bolschewiki kämpften. Höhepunkte waren der Aufstand auf dem Panzerkreuzer Potjomkin (Juni 1905), der Aufstand in Lodz, der gesamtrussische politische Generalstreik (Oktober 1905), der bewaffnete Aufstand in Moskau (Dezember 1905); in mehreren Städten entstanden Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Im Oktobermanifest (1905) musste der Zar einige politische Grundrechte (unter anderem Einberufung einer Duma) zugestehen. 1906 ebbte die revolutionäre Bewegung in den Städten ab, nahm aber auf dem Lande noch zu. Die Auflösung der 2. Duma (Juni 1907) bedeutete das Ende der Revolution von 1905/07 in Russland Hauptursachen für das Scheitern lagen darin, dass es nicht gelang, ein festes Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern herzustellen, und dass die Armee den Zarismus bei der blutigen Niederschlagung unterstützte. Die Revolution von 1905/07 in Russland beeinflusste die Entwicklung der internationalen proletarischen und demokratischen Bewegungen und den nationalen Befreiungskampf der kolonialen und halbkolonialen Völker. Ihre Lehren bildeten die Grundlage für die Weiterentwicklung der Revolutionstheorie durch Lenin.

Revolver: mehrschüssige, kurzläufige Faustfeuerwaffe mit sich drehender Trommel als Patronenlager (Trommelrevolver).

Revolverkopf: drehbare Trommel zur Aufnahme mehrerer auswechselbarer Werkzeuge an Werkzeugmaschinen (Dreh-, Fräs-, Bohrmaschine) mit axialer Aufnahme an der Stirnseite (Revolverkopf) oder radialer Aufnahme am Umfang (Stern-Revolverkopf) zum Hilfs zeitsparenden Wechsel eingestellter Werkzeuge durch Weiterdrehen der Trommel.

Revue: 1. Rundschau; Zeitschrift mit allgemeinem Überblick; auch so viel wie Magazin.

2. Nummernprogramm mit großem Schauwert, in dem Ereignisse unterschiedlicher Art, dargestellt durch Gesang, Tanz, Artistik, Sketch unter anderem, «Revue passieren»; besonders in der Unterhaltungskunst, aber auch als Theaterform gebräuchlich.

Revue des Deux Mondes, la (französisch, «Zeitschrift beider Welten»): 1829 gegründete französische Zeitschrift (seit 1959 «La Nouvelle Revue de Deux Mondes») liberal-konservativer Grundhaltung; im 19. Jahrhundert die verbreitetste allgemeine Zeitschrift für Kultur- und Literaturkritik in Frankreich, die unter anderem die bedeutendsten Schriftsteller zu ihren Mitarbeitern zählte.

Revueltas, Silvestre, 31.12.1899-5.10.1940, mexikanischer Dirigent und Komponist; schuf der heimatlichen Folklore und seinen revolutionären Idealen verpflichtete avantgardistische Sinfonik, Kammer-, Filmmusik, Ballette unter anderem, einige Werke mit Bezug zum Spanischen Freiheitskampf, dem er sich 1937 anschloss.

Rex: Bezeichnung der lateinischen und römischen Könige bis zur Errichtung der römischen Republik.

Rey, Fernando, geboren 1917, spanischer Filmschauspieler, errang internationalen Ruf als Charakterdarsteller in vielen westeuropäischen und US-amerikanischen Filmen («Tristana», «Brennpunkt Brooklyn», «Der diskrete Charme der Bourgeoisie», «Die Macht und ihr Preis», «Dieses obskure Objekt der Begierde», «Der Stau»).

Reyes, Alfonso, 17.5.1889-27.12.1959, mexikanischer Schriftsteller, versuchte auf bürgerlich-humanistische Grundlage, im Ausgleich von nationaler Tradition und Weltliteratur eine moderne Nationalliteratur zu entwickeln (theoretische Schrift «Die Abgrenzung», 1944); hatte erheblichen Einfluss auf die moderne mexikanische Literatur.

Reyher, Andreas, 4.5.1601-2.4.1673, Pädagoge; verfasste 1642 für das Herzogtum Gotha den «Gothaer Schulmethodus», die erste umfassende staatliche Schulordnung für das deutsche Elementarschulwesen (allgemeine Schulpflicht, Aufgaben der Lehrer, Schüler und Eltern).

Reykjavik: Hauptstadt Islands, an der Südwestküste, in der Faxabucht; 87000 Einwohner; Verwaltungs-, Wirtschafts- und Kulturzentrum; Metallverarbeitung, Werft, Düngemittel- und Leichtindustrie, Fischfang und -Verarbeitung; Hafen, internationaler Flughafen; Universität; Theater, Museum; heiße Quellen werden für Fernheizung und Treibhäuser genutzt; südlich von Reykjavik die Satellitenstadt Kopavogur (14400 Einwohner). Reykjavik war um 870 erste Ansiedlung in Island, wurde im 18. Jahrhundert zum Handelsplatz, 1786 Stadtrechte.

Reymont, Wladyslaw Stanislaw, 7.5.1867—5.12.1925, polnischer Schriftsteller. Von seinen bitteren Erfahrungen als Wanderschauspieler zeugen die Romane «Die Komödiantin» (1896, deutsch) und «Die Herrin» (1897, deutsch). Von naturalistischer Position aus gestaltet er den kapitalistischen Konkurrenzkampf in «Das gelobte Land» (1899, deutsch), während er in dem vierteiligen Roman «Die Bauern» (1904/09, deutsch) meisterhaft ein Bild des polnischen Dorfes vermittelt.

Reynolds, Sir Joshua, 16.7.1723 bis 23.2.1792, englischer Maler, 1768/90 1. Präsident der Königlichen Akademie in London und tonangebend auf malerischen wie kunsttheoretischen Gebiet; schuf bedeutende Bildnisse, die sich stilistisch an A. van Dyck, P. P. Rubens und Rembrandt anschließen.

Reynosa: Stadt im Bundesstaat Tamaulipas (Mexiko), am Rio Grande del Norte, Grenzstadt zu den USA; 210000 Einwohner; Textil-, chemische, petrolchemische Industrie; bedeutendes Touristenzentrum, besonders für USA-Bürger, bei Reynosa Erdöl- und Erdgaslagerstätten.

Rezension: in Zeitung, Zeitschrift, Hörfunk oder Fernsehen veröffentlichte kritische Besprechung eines Kunstwerkes, einer künstlerischen Darbietung oder einer wissenschaftlichen oder populärwissenschaftlichen Veröffentlichung.

rezent: gegenwärtig, heute vorkommend; im Unterschied zu fossil.

rezente Erdkrustenbewegung: gegenwärtig ablaufende, große Räume erfassende Verschiebung der Erdoberfläche in horizontaler und vertikaler Richtung, verursacht durch Prozesse im Erdinneren (Magmen Bewegungen, isostatische Ausgleichsvorgänge, tektonische Vorgänge) und überlagert durch kleinräumige Bewegungen. Die rezente Erdkrustenbewegung erreichte in Deutschland bis 5 mm pro Jahr, in Erdbebengebieten sind mehr als 10 cm pro Jahr möglich.

Rezept: 1. Kochvorschrift.

2. Arzneiverordnung; schriftliche ärztliche Anweisung an einen Apotheker zur (Herstellung und) Abgabe eines Arzneimittels.

Rezeption: 1. allgemein An-, Auf-, Übernahme; Empfang beziehungsweise Empfangsbüro in Hotels; Wiederaufnahme, Interpretation, Fortführung historischer Kunstwerke und anderer Kulturleistungen, zum Beispiel Antikenrezeption, Erbenrezeption.

2. Musik: Prozess der bewussten geistig-emotionalen Aufnahme, des Erlebens und Verstehens von Musik durch den Hörer auf der Grundlage von historisch, ethnisch, national und sozial differenzierter Vorbildung, Hörgewohnheit, -erfahrung und -erwartung.

3. Recht: Übernahme fremder Rechtsquellen durch ein Land, insbesondere des römischen Rechts durch Deutschland im 15. und 16. Jahrhundert.

rezeptiv: aufnehmend; empfänglich, aufnahmefähig.

Rezeptoren: Strukturen beziehungsweise Zellen, die befähigt sind, Reize aufzunehmen und in Erregungen zu transformieren; zum Beispiel Zellen innerhalb von Gewebeverbänden (Haut, Muskulatur, Sehnen unter anderem) oder in Sinnesorganen (Netzhaut des Auges, Basilarmembran in der Innenohrschnecke unter anderem). Rezeptoren dienen entweder der Wahrnehmung von Zuständen im Inneren eines Organismus (Interorezeptoren) oder in dessen Umwelt (Exterorezeptoren). Nach der Art des Reizes unterscheidet man Mechano- und Dehnungsrezeptoren (Haut, Muskeln, Gelenke), Chemorezeptoren (Zungen-, Nasenschleimhaut) sowie Fotorezeptoren (Netzhaut des Auges). Nach den Wahrnehmungen, die sie vermitteln, werden Berährungs-, Geschmacks-, Geruchs- und Hörrezeptoren u a. unterschieden. Rezeptoren, die kurzfristig auf schnelle Reizänderungen reagieren, heißen phasische Rezeptoren, solche, die langanhaltend antworten, tonische Rezeptoren. Die meisten Rezeptoren haben sowohl phasische als auch tonische Eigenschaften.

Rezeptur: a) Verordnungsweise, bei der der Arzt die Zusammensetzung eines Arzneimittels zur Herstellung in der Apotheke angibt;

b) Arbeitsplatz in der Apotheke, an dem die verordneten Arzneien hergestellt werden;

c) feststehende und bewährte Zusammensetzung eines Arznei- oder Nahrungsmittels.

Rezession: bürgerlicher Ausdruck für Wirtschaftskrise, Konjunkturrückgang.

rezessiv: überdeckt (bei Erbanlagen); rezessiv ist ein Allel, das bei Heterozygotie des betreffenden Gens keinen Einfluss auf das Merkmal hat. Siehe auch Dominanz.

Rezidiv: Rückfall; Wiederauftreten einer Krankheit.

Rezipient: 1. Empfänger, Aufnehmer und Verarbeiter von Informationen, von Kunstwerken und anderen Kulturleistungen; siehe auch Rezeption.

2. Behälter oder Raum, der luftleer gepumpt (evakuiert) werden kann.

reziprok: wechselseitig, gegenseitig, einander entsprechend, aufeinander bezüglich; umgekehrt.

Reziprozitätsrelationen, Symmetrierelationen, Onsagersche Reziprozitätsrelationen (nach einem norwegischen Physiker): Beziehungen Z = Lu für die phänomenologischen Koeffizienten in den Grundgleichungen der Thermodynamik irreversibler Prozesse meinerte Ströme (zum Beispiel Wärmestrom), X, verallgemeinerte Kräfte (zum Beispiel Konzentrationsgefälle). Reziprozitätsrelationen bestehen zum Beispiel zwischen den Koeffizienten der Thermodiffusion.

Rezitation: künstlerisch gestalteter Vortrag eines literarischen Werkes.

Rezitativ: «Sprechgesang», der dem Wortakzent folgt; treibt in Oper, Oratorium unter anderem die szenische Handlung voran und bereitet die Affekte der folgenden Arie vor. Das Rezitativ wird vom Generalbassinstrument harmonisch gestützt (Secco-Rezitativ) oder «auskomponiert» und vom Orchesterklang getragen (Accompagnato-Rezitativ).

Reznicek, Emil Nikolaus von, 4.5.1860-2.8.1945, österreichischer Komponist und Dirigent; wirkte als Dirigent unter anderem in Mannheim, Berlin und Warschau. Von seinen zahlreichen Kompositionen wird heute fast nur noch die Ouvertüre zur Oper «Donna Diana» (1894) aufgeführt.

Rhabarber, Rheum: Gattung großblättriger Knöterichgewächse mit rispigem Blütenstand; die Blattstiele des aus Ostasien stammenden Speise-Rhabarber (Rheum rhabarbarum) werden zu Kompott, Most unter anderem verwendet.

Rhadamanthys, Rhadamanthus, in der griechischen Sage Sohn des Zeus, Bruder des Minos; mit diesem und Aiakos zusammen Richter in der Unterwelt.

Rhagade, Schrunde: linearer schmerzhafter Riss der Haut, die durch Entzündung oder Hyperkeratose verändert ist (Hände, Füße); bevorzugt wird auch die Umgebung der Körperöffnungen (Lippe, After). Am häufigsten wird die Mundwinkelrhagade (Faulwinkel beziehungsweise -ecke, Perlèche, Angulus infectiosus) beobachtet; sie kann ein Hinweis auf innere Erkrankungen, Eisen- oder Vitaminmangel sein.

Rhapsodie:

1. Literatur: altgriechisch, vom Rhapsoden (Sänger oder Vortragender) dargebotenes (Helden-) Gedicht ohne metrisch regelmäßig geordnete Fügung; besonders vom Sturm und Drang sowie der Romantik (vor allem durch J. G. Herder vermittelt) verstärkt aufgenommene Gedichtart.

2. Musik: vokale oder instrumentale Komposition in freier Form, improvisatorisch wirkend und oft vom Volkslied beeinflusst (zum Beispiel die «Ungarischen Rhapsodien» von F. Liszt) oder balladenhaft (zum Beispiel die Klavierrhapsodien von J. Brahms).

Rhazes, latinisiert aus ar-Rasi, Muhammad, 865-925, persischer Arzt, Alchimist und Philosoph. Seine Monographien über Krankheiten, zum Beispiel Pocken und Masern, enthalten genaue Symptombeschreibungen. Seine medizinischen Handbücher wurden ins Lateinische übersetzt («Liber Almansoris», «Liber Regius», «Liber Continens») und beherrschten die europäische Medizin bis ins 17. Jahrhundert.

Rhea, Rheia (griechisch), in der griechischen Sage Tochter des Uranos und der Gaia, Schwester und Gemahlin des Kronos, Mutter von Hestia, Hera, Demeter, Hades, Poseidon und Zeus.

Rhein, französisch Rhin, niederländisch Rijn: größter und bedeutendster Strom Mitteleuropas; 1320 km, Einzugsgebiet 250000 km2, mittlerer jährlicher Abfluss 2200 m3/s; entspringt in Graubünden (Schweiz) als Vorder- und Hinterrhein, fließt nach der Vereinigung bei Chur als Alpenrhein in den Bodensee, verlässt diesen bei Stein als Hochrhein, bildet die Grenze zwischen BRD und Schweiz, durchfließt nochmals Schweizer Gebiet bei Schaffhausen (Rheinfall), strömt als regulierter Oberrhein zwischen Basel und Mainz durch die Oberrheinische Tiefebene (in deren südlichen Teil Grenzfluss zwischen BRD und Frankreich), durchbricht zwischen Bingen und Bonn als Mittelrhein das Rhein. Schiefergebirge, wird als Niederrhein in der Niederrheinische Tieflandsbucht zum Tieflandfluss, teilt sich in den Niederlanden in Lek und Waal, vereinigt sich mit der Maas, bildet mit dieser gemeinsam ein Delta, mündet mit dem künstlich geschaffenen Nieuwe Waterweg und dem Oude Rijn in die Nordsee, daneben über Vecht und IJssel in die Zuiderzee. Nebenflüsse: links Aare, 111, Nahe, Mosel, Ahr; rechts Wutach, Kinzig, Murg, Neckar, Main, Lahn, Sieg, Wupper, Ruhr, Emscher, Lippe; Großschifffahrt ab Rheinfelden und auf den großen Nebenflüssen Main, Neckar und Mosel. Kanäle zu Wasserstraßen der BRD und DDR (Mittelland-, Dortmund-Ems-, Rhein-Herne-Kanal; im Bau Rhein-Main-Donau-Großschifffahrtsstraße), zum französischen (Rhein-Marne-, Rhein-Rhone-Kanal), belgische und niederländische Kanalsystem (Amsterdam-Rhein-Kanal, Rhein-Schelde-Kanal); große Bedeutung für Massen- und Stückguttransport (Kohle, Erze, Baustoffe, Mineralöle, Getreide) sowie für Ausflugsverkehr. Häfen: Strasbourg, Mannheim, Ludwigshafen, Köln, Duisburg, Arnheim, Nijmegen, Rotterdam. Wichtige Industriegebiete (Rhein-Main-, nordrhein-westfälisches Industriegebiet), stark verschmutzt; Wasserkraftwerke vor allem am Hochrhein, Kernkraftwerke.

Rheinbund: 1. am 15.8.1658 geschlossenes Bündnis mehrerer deutscher Fürsten aus dem Westen des Reiches unter dem Protektorat Frankreichs als Gegengewicht zur Politik der Habsburger; zerfiel 1667.

2. am 12.7.1806 geschlossener Bund von zunächst 16 deutschen Staaten unter dem Protektorat Napoleons I.; sollte die Herrschaft Frankreichs über Deutschland sichern sowie zusätzliche Truppen und Mittel für napoleonischen Eroberungskriege bereitstellen. Seine Gründung führte zur Auflösung des deutschen Reiches. Bis 1811 schlossen sich alle deutschen Staaten, außer Preußen und Österreich, an. In den meisten Staaten des Rheinbund wurden bürgerliche Reformen durchgeführt, die zur Entwicklung kapitalistischer Produktionsverhältnisse beitrugen. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig löste sich der Rheinbund auf.

Rheine: Industriestadt in Nordrhein-Westfalen, an der Ems; 70000 Einwohner; Textilindustrie, Maschinenbau, Herstellung von Kfz-Zubehör; Hafen am Dortmund-Ems-Kanal.

Rheinfall: Wasserfall des Rheins in der Schweiz, unterhalb Schafthausens, über eine Schwelle harten Jurakalks; 150 m breit, 15 bis 19 m hoch.

Rheingau: klimatisch begünstigte, dicht besiedelte Landschaft in der BRD, am Südabfall des Taunus, zwischen dem Rheinknie bei Rüdesheim und Wiesbaden; mit dem Rheingaugebirge (Kalte Herberge, 619 m) und dem Niederwald-, Weinbau, bekannte Weinorte (Assmannshausen, Rüdesheim, Eltville), Sektherstellung, Weinbrennerei; Burgen; Fremdenverkehr.

Rhein-Herne-Kanal: Kanalverbindung von Duisburg-Ruhrort am Rhein durch das Ruhrgebiet zum Dortmund-Ems-Kanal; 45,6 km (mit Duisburger Hafenkanal 49 km); 7 Schleusen; Häfen: Wanne-Eickel, Recklinghausen.

Rheinische Republik: von der Monopolbourgeoisie des Rheinlandes 1919 und 1923 erstrebter Separatstaat, der im Bündnis mit dem französischen Imperialismus das industriell bedeutsame Rhein-Ruhr-Gebiet von einem revolutionierten Deutschland abtrennen sollte. Alle entsprechenden Versuche (an denen unter anderem K. Adenauer beteiligt war) scheiterten am entschlossenen Widerstand der Arbeiter.

Rheinischer Merkur: 1814/16 von J. Görres herausgegebene Zeitung der Befreiungskriege; Mitarbeiter waren unter anderem E. M. Arndt, C. Brentano, N. von Gneisenau, die Brüder Grimm, Freiherr vom und zum Stein.

Rheinischer Städtebund: Bund rheinischer, westfälischer und oberdeutscher Städte (etwa 70), dem sich auch Fürsten anschlossen; 1254 von Mainz und Worms gegründet; strebte Sicherheit der Handelswege an, versuchte durch Androhung wirtschaftlicher Sanktionen das Fehdeunwesen und die Übergriffe des Feudaladels einzuschränken, «ungerechte» Zölle zu beseitigen und setzte sich für eine starke Zentralgewalt ein, zerbrach aber 1257 am Gegensatz zwischen Städten und Fürsten. Ein weiterer Rheinischer Städtebund bestand 1381/88.

Rheinisches Schiefergebirge: Westteil der nördlichen Mittelgebirgszone Mitteleuropas, in der BRD, Belgien (Ardennen) und Luxemburg (Ösling); beiderseits des Mittelrheins, im Nordwesten vom nordwestlichen Flachland, im Nordosten vom Hess. Bergland, im Süden von Wetterau, Rhein-Main-Ebene und Nahe begrenzt; linksrheinisch aus Hohem Venn (bis 692 m), Ardennen (bis 694 m), öslinger Eifel (bis 747 m) und Hunsrück (bis 816 m), rechtsrheinisch aus Sauerland mit Rothaargebirge (bis 843 m), Berg. Land, Westerwald (bis 657 m), Siebengebirge und Taunus (im Großen Feldberg 880 m) bestehend; raue, niederschlagsreiche, wellige, teilweise bewaldete Hochfläche aus variszischen Rümpfen mit Vulkankuppen und Basaltdecken; tief eingeschnittene Flüsse (Rhein, Mosel, Maas, Nahe, Sieg, Lahn unter anderem), Maare, zahlreiche Talsperren; Wald- und Weidewirtschaft, in den Tälern Weinbau; Kleineisenindustrie im Berg. Land, kleine Stahl- und Walzwerke (auf heute fast völlig erloschenen Erzbergbau zurückgehend); Fremdenverkehr (Bäder, Mineralquellen); Naturparks.

Rheinische Zeitung: ursprünglich liberal-bürgerliche, unter der Leitung von K. Marx revolutionär-demokratischen Zeitung; erschien vom 1.1.1842 bis 1. 3.1843 in Köln; Mitarbeiter waren F. Engels, F. Freiligrath, G. Herwegh. Siehe auch Neue Rheinische Zeitung.

Rheinländer, Rheinische Polka, Bayrische Polka: gemächlicher deutscher Paartanz im 2/4-Takt; entstanden aus Schottisch und Polka; seit 1850 als städtlicher und ländlicher Gesellschafts- und Volkstanz in zahlreichen Varianten verbreitet.

Rheinland-Pfalz: Bundesland im Westen der BRD; 19839 km2, 3,64 Millionen Einwohner; 183 Einwohner/km2; Hauptstadt Mainz. Etwa zwei Drittel der Fläche werden vom Rhein. Schiefergebirge mit Eifel, Hunsrück (Erbeskopf 816 m) und Teilen des Westerwalds sowie des Taunus eingenommen. Die tief eingeschnittenen Täler von Mittelrhein, Mosel, Nahe, Lahn und Ahr trennen die einzelnen Gebirgsteile. Südlich der Nahe folgen Nordpfälzer Bergland, Westrich und Pfälzer Wald; im Südosten hat Rheinland-Pfalz Anteil an der Oberrheinischen Tiefebene. Industrielle Zentren um Mainz (zum Ballungsraum Rhein/Main) und Ludwigshafen (zum Ballungsraum Rhein/Neckar); wichtigste Industriezweige: chemische Industrie (besonders Ludwigshafen), Maschinenbau (besonders Ludwigshafen, Mainz, Neuwied), Leder- und Schuhindustrie (besonders Pirmasens), ferner Nahrungsmittel, elektrotechnische/elektronische, keramische Industrie und Fahrzeugbau; Edelsteinschleiferei in Idar-Oberstein; unbedeutende Erdölförderung in der Oberrheinischen Tiefebene. In den Gebirgen Wald- und Weidewirtschaft sowie wenig ertragreicher Ackerbau, in den Flusstälern bedeutender Weinbau, ferner Obst-, Gemüse- und Tabakbau. Wichtigster Verkehrsweg für Schiffs-, Bahn- und Straßenverkehr ist das Rheintal; Erdöl- und Erdgasleitungen. Ziele des Fremdenverkehrs sind besonders die Weinorte im Rhein- und Moseltal sowie die Weinstraße.

Rhein-Main-Donau-Großschifffahrtsstraße: Verbindungskanal zwischen Rhein, Main und Donau für Schiffe bis zu 13501; zwischen Bamberg und Nürnberg fertiggestellt (etwa 200 km befahrbar).

Rhein-Marne-Kanal, französisch Canal de la Marne au Rhin: Kanal vom Rhein bei Strasbourg über Saveme, Nancy, Bar-le-Duc zur Marne bei Vitry-le-François; 314 km; 178 Schleusen; nur für Frachtschiffe unter 3001.

Rhein-Rhone-Kanal, französisch Canal du Rhône au Rhin: Kanal von Strasbourg über Mulhouse durch die Burgund. Pforte nach Lyon, unter Benutzung von Doubs und Saône; 323 km; 167 Schleusen; nur für Frachtschiffe unter 3001 benutzbar; geringe Bedeutung.

Rheinsberg, Rheinsberg (Mark): Stadt im Kreis Neuruppin, Bezirk Potsdam, in seenreicher Umgebung am Rhin; 5 300 Einwohner; Steingutfabrik; 9 km nordöstlich Kernkraftwerk (70 MW); Schloss (1734/39 und 1786; Diabetikersanatorium) mit Landschaftspark; Naturbühne; beliebter Erholungsort (Wassersport).

Rhenium, (nach Rhenus, lateinisch für Rhein) Symbol Re: chemisches Element der Kernladungszahl 75; Atommasse 186,207; Hauptwertigkeiten +7, +4; F 3180 °C; Kp etwa 5900 °C; Dichte 21,0 g/cm3. Rhenium ist eines der seltensten Elemente; es findet sich in Spuren im Mansfelder Kupferschiefer sowie im Molybdänglanz. Rhenium ist ein luftbeständiges, silberweißes, in Salpetersäure zu Perrheniumsäure lösliches Metall; es wird für Thermoelemente, als Katalysator und Legierungsmetall für Niobium, Gold, Platin unter anderem verwendet. Rhenium wurde 1925 von dem Chemiker Walter Noddack (1893-1960) und seiner Mitarbeiterin Ida Tacke (1861-1942) nach dreijähriger Suche in einem Niobium Mineral entdeckt.

Rhenium Verbindungen: Substanzen mit chemisch gebundenem Rhenium. Rhenium(VII)-oxid ist gelb, kristallin, äußerst hygroskopisch und bereits bei gewöhnlicher Temperatur flüchtig; F 301 °C; Kp 362 °C. Es bildet sich beim Verbrennen des Metalls in Sauerstoff und ergibt mit Wasser farblose Perrheniumsäure (Rhenium(VII)-säure), HRe04, von der sich als Salze die Perrhenate, zum Beispiel das farblose, schwer lösliche Kaliumperrhenat ableiten.

Rhenoherzynikum: regionale tektonische Einheit des variszischen Gebirges zwischen der nördlichen Vortiefe und der saxothuringischen Zone, der neben den namengebenden Gebirgsschollen (Rhein. Schiefergebirge und Harz) der Osten der Sudety sowie die verbindenden verdeckten Gebiete zuzurechnen sind.

Rheologie: Teilgebiet der Physik; untersucht das Fließverhalten realer Stoffe (zum Beispiel Teer, Plaste), bei denen die Viskosität keine Materialkonstante ist, sondern außer von Druck und Temperatur auch von äußeren Bedingungen, wie Geschwindigkeitsgefälle, Dauer des Fließens, abhängt. In diesen nicht newtonschen Flüssigkeiten treten Fließanomalien auf: Nimmt die Viskosität bei wachsender Schubspannung ab, spricht man von Strukturviskosität, nimmt sie hingegen zu, von Rheopexie (Fließverfestigung). Siehe auch Thixotropie.

Rheostat: einstellbarer elektrischer (Präzisions-) Widerstand aus Widerstandsdraht (zum Beispiel Schiebewiderstand).

Rhesusaffe, Macaca mulatta: bis 60 cm langer, kurzschwänziger indischer Makak mit nacktem, rotem Gesäß; lebt gesellig in strenger Rangordnung; schwimmt gern; frisst Früchte, Getreide unter anderem

Rhesusfaktor, Kurzwort Rh-Faktor: in den roten Blutzellen lokalisierte erbliche Blutgruppeneigenschaft, die von K. Landsteiner und A. Wiener (1940) beim Rhesusaffen entdeckt wurde. Sie ist bei 85% der europäischen Bevölkerung vorhanden (Rh-positive Personen). Im Serum des keinen Rhesusfaktor enthaltenden Blutes (Rh-negative Personen) bilden sich nach Zufuhr von Rh-positivem Blut gegen den Rhesusfaktor gerichtete spezifische Antikörper, die bei weiterer Zufuhr von Rh-positivem Blut die roten Blutzellen verklumpen (Agglutination). Trägt eine Rh-negative Mutter ein Kind aus, das auf Grund des Erbganges diese Eigenschaft aufweist (Vater ist Rh-positiv), werden im Organismus der Schwangeren Antikörper gegen diese ihr fremde Eigenschaft gebildet. Sie verschwinden nach der Geburt nicht und können das zweite Kind, wenn es ebenfalls Rh-positiv ist, schädigen (Blutzerfall mit schwerer Gelbsucht). Durch immunprophylaktischen Maßnahmen kann aber eine Schädigung des Kindes weitgehend vermieden werden.

Rhetorik: in der Antike entwickelte Lehre von der Kunst der Rede.

rhetorische Frage: als Frage formulierte Aussage, die nachdrücklich anspricht und (stillschweigende) Zustimmung erheischt, zum Beispiel «Sind wir nicht gut vorangekommen? »

Rheumafaktor: serologisch nachzuweisende Veränderung von Eiweißsubstanzen im Blut und in der Gelenkflüssigkeit mit Bildung von Autoantikörpern gegen menschliches und tierisches Gammaglobuline (Latex Test).

Rheumatismus, Kurzwort Rheuma: oft zu weit gefasster Begriff für eine Vielzahl von Schmerzzuständen bei unterschiedlichen Erkrankungen. Wichtigste Formen sind das rheumatische Fieber (akuter Gelenkrheumatismus), das als Zweitkrankheit nach wiederholten Infektionen mit Streptokokken (zum Beispiel nach Mandelentzündung) in Form einer hochfieberhaften Allgemeinerkrankung mit Beteiligung der Gelenke und des Herzens auftritt, sowie die chronischen Polyarthritis, ein immunpathologischen Geschehen, das sich vorwiegend an der Innenhaut der Gelenkkapseln abspielt und zu typischen Kontrakturen sowie Gelenkzerstörungen, insbesondere an den kleinen Gelenken, führt.

Rheumatologie: Lehre von der Erforschung, Erkennung und Behandlung rheumatischer Erkrankungen.

Rhin: 1. rechter Nebenfluss der Havel; 105 km; entspringt im Nördlichen Landrücken bei Rheinsberg, durchfließt Gudelack- (850 ha), Ruppiner See und das Rhinluch, mündet unterhalb des Gülper Sees südöstlich von Havelberg; zum Teil kanalisiert.

2. Rhein.

Rhinluch: vom Rhin durchflossenes, fast ebenes Niederungsmoorgebiet nordwestlich von Berlin, bei Fehrbellin; seit dem 18. Jahrhundert entwässert, seit 1958 durch Melioration zu intensiv genutztem Weideland umgestaltet; Errichtung von Rinderzuchtkombinaten.

Rhizom:

1. Botanik: Spross.

2. Pharmazie: Wurzelstockdroge; zum Beispiel Rhizoma Filiéis (Wurmfarn).

Rhizosphäre: an Mikroorganismen reiche, unmittelbar an die Manzenwurzeln grenzende Bodenzone.

Rhodan, Dirhodan: hellgelbe, kristallisierte Substanz der Formel (SCN)2; F 2 bis -3°C; die Schmelze zersetzt sich nach kurzer Zeit. Rhodan ist ein «Pseudohalogen» und ähnelt in mancher Beziehung dem Jod; mit manchen Metallen reagiert es zu Rhodaniden (Thiocyanaten). Siehe auch Thiocyansäure.

Rhode Island: kleinster Staat der USA, im Nordosten am Atlantischen Ozean; 3140 km2, 950000 Einwohner; 303 Einwohner/km2; Hauptstadt Providence. Flachwelliges, waldreiches Küstenland, im Westen bis 248 m, am Atlantik schmale Küstenebene mit Nehrungen; bei gemäßigtem Klima vorwiegend Laubwälder. Hochindustrialisiertes Land mit Herstellung von Schmuckwaren, Präzisionsmessgeräten, Werkzeugmaschinen; Textil-, elektrotechnische/elektronische Industrie; Fischfang. Wegen sandiger und saurer Böden nur wenig Landwirtschaft mit Produktion von Frühgemüse, Kartoffeln, Obst. Zahlreiche Versicherungseinrichtungen; Haupthafen Providence, Hauptflughafen Theodore Francis Green bei Hillgrove.

Rhodes, Cecil, 5.7.1853-26.3.1902, britischer Kolonialpolitiker; gründete 1889 die britische Südafrika-Gesellschaft, die führend an der Eroberung des späteren Rhodesien beteiligt war, 1890/96 Ministerpräsident der Kapkolonie.

Rhodinieren: elektrochemisches Aufbringen einer Schicht aus Rhodium auf ein Grundmetall; angewandt zum Beispiel bei Spiegeln und elektrischen Kontakten, aber auch bei Silberschmuck in einer Schichtdicke unter 1 |im, um das Mattwerden (Anlaufen) infolge Oxydation zu verhindern.

Rhodium, Symbol Rh: chemisches Element der Kernladungszahl 45; Platinmetall; Atommasse 102,9055; Hauptwertigkeit +3; F 1967°C; Kp 3 877°C; Dichte 12,41g/cm3; begleitet in der Natur das Platin. Rhodium ist weich, dehnbar und von extrem hoher Lichtreflexion. Es zeigt starken, luftbeständigen Silberglanz und ist in kompaktem Zustand auch gegen Königswasser beständig; in heißer, chlorathaltiger Salzsäure löst es sich langsam. Man verwendet es für Spezialspiegel, Thermoelemente, Katalysatoren, als Legierungsmetall für Platin und als galvanischer Überzug auf Silber (Rhodinieren). Rhodium wurde 1804 von dem britischen Naturforscher William Hyde Wollaston (1766-1828) in südamerikanischen Platin entdeckt Rhodium Verbindungen; Substanzen mit chemisch gebundenem, in der Regel +3-wertigem Rhodium. Die meisten Rhodium sind stark komplex und zerfallen beim Glühen unter Abscheidung von schwarzem, metallisches Rhodium (Rhodium Schwarz). Rhodium(III)-oxid ist ein dunkelbraunes, bis 1000 °C beständiges Pulver. Das zum Rhodinieren verwendete wasserlösliche Rhodiumsulfat sieht als Rh2(S04)3 • 14H20 gelb, als Rh2(S04)3 6H20 rot aus; beides sind Sulfato Komplexe.

Rhodochrosit, Manganspat, Himbeerspat: Mineral, Mangankarbonat; Kristallsystem trigonal, Härte 3,5 bis 4, Dichte 3,7 g/cm3; Kristalle selten (rhomboedrisch), gut spaltbar, meist rosarote, körnige oder sphärolithische Massen, Bildung hydrothermal; Vorkommen unter anderem in Freiberg.

Rhodonit: Mineral, Kalzium-Mangan-Silikat; Kristallsystem triklin, Härte 5,5 bis 6,5, Dichte 3,73 g/cm3, rosenrote, dichte Aggregate; gelegentlich als Schmuck- oder Dekorationsstein verwendet; auf sedimentären und metamorphen Manganvorkommen, zum Beispiel Elbingerode (Harz), Ural, Brasilien.

Rhodopen: nach Osten abgeflachtes, nach Süden jedoch steil abfallendes Gebirge im Süden der Balkanhalbinsel, im Süden Bulgariens und Nordosten Griechenlands; höchste Erhebung Golyam Perelik (2191 m); in einen westlichen und östlichen Abschnitt gegliedert. Die Rhodopen haben einen komplizierten geologischen Aufbau; metamorphe Gesteine wechseln mit Granitplutonen, Schiefern und Gneisen. Die waldbestandenen, weit ausladenden Bergrücken werden von energiereichen Flüssen (Batak) zerschnitten; mehrere Naturschutzgebiete; bedeutende, vor allem metallische Bodenschätze (Bergbau), zahlreiche heiße Quellen, viele Kur- und Badeorte (Pamporowo, Welingrad).

Rhodopsin, Sehpurpur: in den Stäbchenzellen der Netzhaut enthaltener, lichtempfindlicher Komplex aus dem Protein Opsin und Retinal, dem Aldehyd des Retinols.

Rhomboeder:

1. Geometrie: Parallelepiped.

2. Kristallographie: Kristallform mit 6 gleichen Rhombenflächen, die 3 parallele Flächenpaare mit 5 gleichen Polkanten und 6 gleichen auf- und absteigenden Mittelkanten bilden.

Rhomboid: Parallelogramm, das weder Rechteck noch Rhombus ist.

Rhombus, Raute: Parallelogramm mit 4 gleichlangen Seiten. Die Diagonalen stehen senkrecht zueinander und halbieren die Innenwinkel.

Rhön: jungvulkanisches Mittelgebirge zwischen Fulda, Werra und Frank. Saale, im Osten Hessens und Norden Bayerns sowie im Westen des Bezirkes Suhl, mit Basalthochflächen und -kegeln (Wasserkuppe, 950 m); raues Klima, Hochmoore, waldarm, auf den Höhen weite Wiesenflächen; Viehzucht; Segelfluggebiet.

Rhondda: Stadt im Süden von Wales (Großbritannien), nordwestlich von Cardiff; 82000 Einwohner; Steinkohlenbergbau; Stahl- und Bekleidungsindustrie.

Rhône: Strom im Südosten Frankreichs und Südwesten der Schweiz; 812 km (522 km in Frankreich, 290 km in der Schweiz); Quelle im Rhonegletscher (Berner Alpen), durchfließt das Wallis, den Genfer See und nach dem Durchbruch durch den Jura die Grabensenke zwischen Zentralmassiv und Alpen, mündet in einem Delta ins Mittelmeer; wasserreichster Fluss Frankreichs; Nebenflüsse: rechts Saône, Gard; links Isère, Durance; unterhalb Lyons zum Großschifffahrtsweg ausgebaut; Kanäle zu Rhein, Seine, Loire und zum Mittelmeer; im gefällereichen Lauf zahlreiche Staustufen mit Schleusen und Kraftwerken; das Rhonetal ist Standort wichtiger Industrien (mehrere Kernkraftwerke, Erdölraffinerie, chemische Industrie, Maschinen- und Fahrzeugbau, Textilindustrie) und Verkehrsleitlinie; um Lyon große Industrie- und Bevölkerungskonzentration. Südlich von Valence Mittelmeerklima, Anbau von Wein, Gemüse, Obst, Oliven. Während des Winters und Frühjahrs im unteren Rhonetal kalter Fallwind (Mistral) aus dem Zentralmassiv.

Rhönrad: Akrobatik Sportgerät aus 2 durch Querstreben etwa schulterbreit verbundenen Rohrreifen von = 2 m Durchmesser (mit verschiedenen Stand- und Griffmöglichkeiten), in dem der Sportler steht und Rollen und Spiralen ausführt

Rhynia: (nach einem schottischen Ort) anatomisch bekannte Gattung der Psilophyten aus dem mittleren Devon Schottlands; Gewächs, das aus horizontalem Trieb und gabelig verzweigten, aufrechten, nackten Sprossen mit einem endständigen Sporangium besteht.

Rhythm and Blues: Anfang der 50er Jahre aufgekommene Bezeichnung für eine vom Blues abgeleitete städtliche Tanzmusik der afroamerikanischen Bevölkerung der USA; Hauptvertreter sind L. Jordan (1908-1975), M. Waters (geboren 1915), Rhythm and Blues Charles (geboren 1932).

Rhythmische Sportgymnastik, bisher Künstlerische Gymnastik, Leistungsgymnastik: nach Musik gestaltete Übungskompositionen mit Handgerät für weibliche Teilnehmer in Form von Einzel- oder Gruppenwettbewerben. Die Wettkampffläche ist 12m mal 12m groß; Handgeräte sind Ball, Reifen, Seil, Band und Keulen. Die Wettbewerbe werden als Einzelwettkämpfe in Form eines Mehrkampfes (Kürvierkampf) bei zum Teil gesonderter Bewertung der Einzeldisziplinen ausgetragen, Gruppenweltkämpfe von je 6 Aktiven als Kürzweikampf. Eine Übung dauert 1:00 ... 1:30min. Mehrere Kampfrichterinnen bewerten die Übung mit 0 bis 10 Punkten nach Schwierigkeit, harmonische Verbindung mit der Musik, räumliche Gestaltung und einwandfreier Technik. Olympische Sportart seit 1984, Weltmeisterschaften seit 1963.

Rhythmus: 1. allgemein gleichförmig gegliederte Bewegung; Zeit-, Gleich-, Ebenmaß.

2. Musik a) im weiteren Sinne den Zeitablauf ordnendes und gestaltendes Prinzip, das sich untrennbar mit Tempo und Metrum verbindet;

b) im engeren Sinne die Beziehung zwischen den Tondauern und den Tonschweren (Metrum), aus denen sich die Taktschwerpunkte als Taktgliederung ergeben.

Riade: wahrscheinlich an der Unstrut gelegener, heute nicht mehr vorhandener Ort, bei dem König Heinrich I. 933 in einem Gefecht gegen die Ungarn siegreich war.

Ribeirao Preto: Stadt im Bundesstaat Sao Paulo (Brasilien); 320000 Einwohner; Lebensmittel-, Leicht-, chemische Industrie; Flughafen; Universität.

Ribeiro, Aquilino, 13.9.1885-27.5.1963, portugiesischer Schriftsteller, gestaltete in einem plastischen, volksverbundenen Stil vor allem die Kraft und Schläue armer Bauern im Kampf um ihre Existenz (Romane «Land des Teufels», 1919; «Der Prügelknabe», 1922), ohne zur Erfassung einer historischen Perspektive zu gelangen; näherte sich später dem Neorealismus (Romane «Das Wolfram», 1944; «Wenn die Wölfe heulen», 1958, deutsch, ein mutiger Protest gegen den Faschismus).

Ribera, Jusepe de, in Italien Spagnoletto («Der kleine Spanier») genannt, 1591 (17.2. getauft)-2. 9. 1652, spanischer Maler und Radierer; seit etwa 1616 in Neapel ansässig; sein umfangreiches, vorwiegend religiösen Themen gewidmetes Werk übernimmt von M. da Caravaggio die Vorliebe für Helldunkeleffekte und Naturalismen.

Ribeyro, Julio Ramón, geboren 1929, peruanischer Schriftsteller, gestaltete moralische Probleme der peruanischen Gesellschaft (Erzählungen «Geier ohne Flügel», 1955; «Drei empörende Geschichten», 1964) sowie die Desillusionierung eines jugendlichen Helden angesichts des Verfalls einer Großgrundbesitzerfamilie (Roman «Im Tal von San Gabriel», I960, deutsch).

Ribonukleinsäure, Abkürzung RNS, RNA (Abkürzung für ribonucleic acid, englisch): polymere Verbindung, die aus (Ribo-)Nukleotiden aufgebaut ist. Die Nukleotide bestehen jeweils aus einer Organischen Base (Adenin, Cytosin, Guanin oder Urazil), einem Zuckermolekül (Ribose) und einem Phosphorsäurerest. Ribonukleinsäure sind in der Regel Einstrangmoleküle (im Gegensatz zur DNS). Bei einigen Viren ist Ribonukleinsäure Träger der genetischen Information. Verschiedene RNS-Typen (Messenger-RNS, ribosomale RNS, Transfer-RNS) spielen bei der Proteinbiosynthese eine wichtige Rolle.

Ribose: zu den Aldopentosen gehörender Zucker der Formel C5HioOs. Ribose bildet farblose, süß schmeckende, hygroskopische Kristalle (95 °C) und kommt unter anderem als Bestandteil von Nukleinsäuren vor.

ribosomale RNS, Abkürzung rRNS: verschiedene RNS-Typen von unterschiedlicher Größe, die Strukturbestandteil der Ribosomen sind.

Ribosomen: elektronenoptisch sichtbare, aus 2 Untereinheiten bestehende Körnchen mit einem Durchmesser von 15 bis 20 nm, die aus Ribonukleinsäure und Eiweißen aufgebaut sind und vor allem im Zytoplasma der Zellen Vorkommen; teils einzeln (Einzel-Ribosomen), teils perlschnurartig auf einem RNS-Molekül (Messenger-RNS) aufgereiht (Poly-Ribosomen, Polysomen, Ergosomen). Beide Ribosomen Formen können, in Abhängigkeit vom Organisationsgrad und Funktionszustand der Zelle, in unterschiedlicher Menge frei im Zytoplasma oder reversibel an das endoplasmatische Retikulum gebunden vorliegen. Polysomen sind die Orte der Proteinsynthese in der Zelle.

Ribulose: zu den Ketopentosen gehörender Zucker dessen Phosphorsäureester den Akzeptor bei der Kohlendioxidassimilation der Pflanzen darstellt.

Ricardo, David, 19.4.1772-11.9.1823, britischer Ökonom; theoretisch reifster Vertreter der klassischen bürgerlichen politischen Ökonomie; erfasste weitgehend richtig den Funktionsmechanismus des Kapitalismus der freien Konkurrenz. Seine klassenbedingten Erkenntnisschranken zeigten sich unter anderem in seiner unhistorischen Betrachtungsweise, indem er die kapitalistische Produktionsweise für ewig hielt.

Ricci, Matteo, 6.10.1552-11.5.1610, italienischer Jesuit; kam 1591 nach China, arbeitete seit 1601 an der Sternwarte in Peking, erlernte Chinesisch, studierte den Konfuzianismus und erlangte hohes Ansehen am Hof des Kaisers.

Rice, eigentlich Reizenstein, Eimer, 28.9.1892-8.5.1967, US-amerikanischer Dramatiker; schrieb das expressionistische Experiment «Die Rechenmaschine» (1923, deutsch), die naturalistische Slumstudie «Straßenszene» (1929, deutsch), gesellschaftskritischen und antifaschistischen Dramen («Das jüngste Gericht», 1934) sowie sozialkritische Romane («Menschen am Broadway», 1937, deutsch). Rice war Mitbegründer des Federal Theatre Project.

Ricercar, Ricercare: streng gesetztes Instrumentalstück des beginnenden 16. Jahrhundert, das anfangs in der Lautenmusik auftrat und unter dem Einfluss der durchimitierten Motette im 16./17. Jahrhundert als Orgel-Ricercar zu einer wichtigen Vorform der Fuge wurde.

Richard, Könige von England: 1. Richard I., genannt Richard Löwenherz, 8. 9.1157-6.4.1199 (gefallen), König seit 1189 (Dynastie Plantagenet); schwächte infolge ständiger Abwesenheit (1189/92 3. Kreuzzug, 1192/94 Gefangenschaft, 1194/99 Kampf um französische Erblande) die feudale Staatsgewalt.

2. Richard II., 6.1.1367—14.2.1400, König 1377/99 (Dynastie Plantagenet); im Kampf um die Stärkung der königlichen Macht durch Heinrich IV. gestürzt und wahrscheinlich ermordet. Drama von W. Shakespeare.

3. Richard III., 2.10.1452-22.8.1485 (gefallen), Herzog von Gloucester seit 1461, nach Ermordung seiner jugendlichen Neffen im Tower (Prinzenmord) König seit 1483 (Haus York). Sein Tod beendete die Rosenkriege. Drama von W. Shakespeare.

Richard's Bay: Stadt im Nordosten Natals (Republik Südafrika), am Indischen Ozean; 5000 Einwohner; Aluminiumschmelze, Kabelwerk, petrolchemische Industrie; bei Richard's Bay großer Tiefwasserhafen zur Entlastung des Hafens von Durban.

Richardson: 1. Dorothy Richardson, 17.5.1873-17.6.1957, englische Schriftstellerin; wurde mit der 12bändigen Romanserie «Pilgerschaft» (1915/38), die ganz aus dem Bewusstsein einer einzigen Heldin heraus geschrieben ist, zur Wegbereiterin der modernistischen «Bewusstseinskunst» (Bewusstseinsstiomtechnik) und Vorläuferin von J. Joyce und V. Woolf.

2. Henry Handel Richardson (eigentlich Ethel), 3.1.1870-20.3.1946, australische Erzählerin; Hauptvertreterin des australischen kritisch-realistischen Romans (Trilogie «Das Glück des Richard Mahony», 1930).

3. Sir Owen Williams Richardson, 26.4.1879-15.2.1959, britischer Physiker; untersuchte den glühelektrischen Effekt (R.-Effekt) und arbeitete über lichtelektrischen Effekt und Ultraviolettspektroskopie.

4. Samuel Richardson, 1689 (19.8. getauft)-4.7.1761, englischer Schriftsteller; schuf den sentimentalen moralisierenden Briefroman der Aufklärung mit «Pamela oder Die belohnte Tugend» (1741, deutsch) und «Die Geschichte der Clarissa, eines vornehmen Frauenzimmers» (1747/48, deutsch); beeinflusste die französische und deutsche Literatur (Goethe).

Richardson-Gleichung: Gleichung für die (Sättigungs-) Stromdichte der beim glühelektrischen Effekt aus der Kathode austretenden Elektronen (mit Richardson-Konstante A = 1,20 • 106 A/(m2 K2), absoluter Temperatur T, Austrittsarbeit W, und Boltzmann-Konstante k).

Richard von Cornwall, 5.1.1209 bis 2.4.1272, Sohn des englischen Königs Johann ohne Land; wurde von einer Gruppe antistaufische Kurfürsten am 13.1.1257 zum deutschen König gewählt (Interregnum). Sein Gegner war Alfons X., König von Kastilien-Leon.

Richelieu, Armand Jean du Plessis, Herzog von, 9. 9. 1585-4. 12. 1642, Kardinal und seit 1624 Erster Minister Ludwigs XHL; brach im Interesse des Absolutismus die Sonderstellung der Hugenotten (1628 Einnahme von La Rochelle) und die Macht der großen Feudalherren (Schleifung ihrer Burgen). Mit den von Richelieu eingesetzten Intendanten entstand ein wirksamer zentralisierter Staatsapparat. Seine Politik forderte die Entwicklung von Handel und Manufakturen und die Eroberung von Kolonien. 1635 gründete er die Académie française. Außenpolitisch kämpfte Richelieu mit Erfolg gegen die Hegemonie der Habsburger und für die Ausdehnung des französischen Einflusses.

Richler, Mordecai, geboren27.1.1931, anglokanadischer Schriftsteller; überträgt in «Die Lehrjahre des Duddy Kravitz» (1959) Aspekte der Zornigen Jungen Männer Englands ins jüdische Milieu Montreals; weitere Romane sind «Gewissheit» (1960) und «Still-bains Reiter» (1966).

Richmond: Hauptstadt des Bundesstaates Virginia (USA), am bis Richmond schiffbaren James River; 220000 Einwohner, als Metropolitan Area 630000 Einwohner; Tabak-, Textil-, Holz-, Papier-, pharmazeutische Industrie; Binnenhafen; 3 Universitäten, College, Museen (unter anderem E.-A.-Poe-Museum).

Richtbaum: 1. Holz- oder Stahlgittermast für die Montage von Bauteilen, am Kopf mit Drahtseilen abgespannt und gegen Kippen gesichert.

2. Richtfest.

Richtcharakteristik: Elektroakustik Richtungsabhängigkeit des Übertragungsfaktors eines Schall-wandlers für abgestrahlten oder Ankommenden Schall.

Richten: Wiederherstellen der geraden oder ebenen Form von verbogenen beziehungsweise verzogenen Halbzeugen oder Werkstücken mittels Handhammers auf einer Richtplatte oder mit der Richtmaschine. Letztere hat für Bleche zylindrische, für Profile deren Querschnitten entsprechende Walzenpaare. Für das Richten von Wellen werden hydraulische Pressen mit Richthubsteuerung eingesetzt.

Richter: Bürger, die berufsmäßig nach juristischer Ausbildung oder ehrenamtlich als Schöffen mit der Ausübung der Rechtsprechung betraut sind. In der DDR werden die Berufsrichter der Kreis- und Bezirksgerichte von den örtlichen Volksvertretungen, die des Obersten Gerichts von der Volkskammer gewählt. In der Rechtsprechung sind die Richter unabhängig und nur der Verfassung und dem Gesetz unterworfen.

Richter: 1. Adrian Ludwig Richter, 28.9.1803-19.6.1884, Maler und Graphiker; 1823/26 Italienaufenthalt, 1828/35 Lehrer an der Zeichenschule der Porzellanmanufaktur Meißen, 1836/77 an der Akademie in Dresden; malte in Italien Landschaften nach dem Vorbild der Deutschrömer, gelangte dann in seinen sächsischen und böhmischen Landschaften zu einer realistischen Naturbeobachtung mit der Tendenz zum Idyllisch-Romantischen. Richter schuf zahlreiche volkstümliche Holzschnitt-Illustrationen, in denen er liebevoll die Welt des Kleinbürgers schildert.

2. Richter, Burton Richter, geboren 22.3.1931, US-amerikanischer Physiker; arbeitete zur Elementarteilchenphysik.

3. Egon Richter, geboren 12.12.1932, Schriftsteller, schreibt Romane («Abflug der Prinzessin», 1974; «Der Tod des alten Mannes», 1983), Erzählungen («Der Lügner und die Bombe», 1979), Reisereportagen («Eine Stadt und zehn Gesichter», 1976; «Im Lande der weißen Kamele», 1986) und Kinderbücher («Der goldene Schlüssel von Mangaseja», 1975; «Mit Katzensprüngen ins Land der Fische», 1985); ferner Schauspiel «Der lange Weg nach Afrika», 1984.

4. Eugen Richter, 30.7.1838-10.3.1906, linksliberaler Politiker und Journalist; seit 1867 Abgeordneter im Reichstag beziehungsweise (seit 1869) preußischen Abgeordnetenhaus. Als Exponent des Freihandels innenpolitische Gegner Bismarcks und Kritiker der Regierung in Finanz- und Militärfragen; Gegner der Arbeiterbewegung. Richter war Führer der Deutschen Freisinnigen Partei (1884/93) und Gründer der «Freisinnigen Zeitung» (1885).

5. Frantisek Xaver Richter, 1.12.1709-12.9.1789, tschechischer Komponist; war Mitglied der kurpfälzischen Kapelle in Mannheim und neben beziehungsweise nach J. Stamic mit Sinfonien und Kammermusik ein Hauptvertreter der Mannheimer Schule; wirkte, besonders mit seiner Melodik, die von der tschechischen Volksmusik inspiriert ist, unter anderem auf W. A. Mozart. Als Kapellmeister am Strasbourger Münster (seit 1769) schrieb er vor allem Kirchenmusik.

6. Gerhard Richter, geboren 19.2.1932, Maler und Graphiker der BRD; seit 1971 Professor an der Hochschule für bildende Künste Düsseldorf, gestaltet als Vertreter eines sogenannt «kapitalistischer Realismus» Bilder nach fotografischen Vorlagen mit Verwischungs- und Unschärfeeffekt. Seine Motive (Alltag, Familien- und Porträtfotos, Städte-, Gebirgs- und Wolkenbilder) widerspiegeln die Wirklichkeit distanziert und offensichtlich ohne sozialkritische Tendenz.

7. Götz Richter (Rudolf) Richter, geboren 1.8.1923, Schriftsteller; schrieb abenteuerliche Jugendbücher: «Schiffe, Menschen, fernes Land» (1956), die Sawy-Trilogie («Sawy, der Reis-Shopper», 1956; «Die Höhle der fliegenden Teufel», 1958; «Trommeln der Freiheit», 1963), «Die Löwen kommen» (1969), «Die Nacty auf der Wananchi-Farm» (1976), «Msuri» (1977), «Msuri im Land der Antilope» (1979).

8. Hans Richter, 4.4.1843-5.12.1916, Dirigent; wirkte seit 1875 vor allem in Wien, war 1876 der erste «Ring»-Dirigent in Bayreuth und setzte sich sehr für Richter Wagners Werk ein.

9. Hans Richter, geboren 24.12.1924, Geograph: 1963/69 Professor an der Karl-Marx-Universität Leipzig, seit 1969 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; arbeitet besonders auf dem Gebiet der komplexen Landschaftsforschung, der Landeskultur und der naturräumlichen Erkundung und verhalf somit der physischen Geographie der DDR weltweit zu hohem Ansehen; 1966/69 Präsident der Geographischen Gesellschaft der DDR.

10. Hans Werner Richter, geboren 12.11.1908, Schriftsteller der BRD; Mitbegründer und Organisator der Gruppe 47; setzte sich in pazifistischer Grundhaltung mit dem 2. Weltkrieg und der Nachkriegsentwicklung in der BRD auseinander (Romane «Die Geschlagenen», 1949; «Linus Fleck oder Der Verlust der Würde», 1959); schrieb die autobiographische Romane «Spuren im Sand» (1953), «Rose weiß, Rose rot» (1971) unter anderem

11. Helmut Richter, geboren 30. 11. 1933, Schriftsteller; schreibt Lyrik («Land fährt vorbei», 1967), Erzählungen («Der Schlüssel zur Welt», 1975), Romane («Der Scheidungsprozess», 1971), Fernsehfilme («Über sieben Brücken musst du gehen», 1975; «Der Mann und sein Name», 1983), Hörspiele und literarische Reportagen.

12. Johann Paul Friedrich Jean Paul.

13. Swjatoslaw Teofilowitsch Richter, geboren 20.3.1915, sowjetischer Pianist; außergewöhnliche, vielseitige Künstlerpersönlichkeit; gilt als einer der bedeutendsten Pianisten unserer Zeit mit umfassendem Repertoire, musikalische Universalität, ungewöhnliche Gestaltungskunst und Gefühlsintensität; auch sein kammermusikalisches Wirken setzt höchste Maßstäbe.

Richter-Skala: 1935 von dem US-amerikanischen Geophysiker Charles Francis Richter (26.4.1900 bis 30.9.1985) eingeführtes objektives Maß für die Erdbebenenergie. Aus instrumentellen Aufzeichnungen wird die sogenannte Magnitude berechnet; die nach oben offene Richter-Skala gibt diese Magnituden Werte M an, wobei M= 9 der wahrscheinlich höchstmöglicher Wert auf der Erde ist. Sie ersetzt die für einfache Klassifizierungen verwendeten Intensitätsskalen, zum Beispiel die Mercalli-Skala. Die Richter-Skala heißt auch Magnituden Skala oder Richter-Magnitude.

Richtfest: Feier des Bauherrn oder Investträgers mit den Bauarbeitern nach Errichtung des Dachstuhls als handwerklicher Brauch seit dem Mittelalter. Am First wird eine mit Bändern geschmückte Richtkrone beziehungsweise ein Richtbaum befestigt, und der Meister sagt einen Richtspruch.

Richtfunkverbindung: kommerzielle Funkverbindung mit gerichteten Dezimeter- oder Zentimeterwellen zur Übertragung von Fernseh- und Rundfunkprogrammen sowie Fernsprech-, Telegrafie- und Daten-Multiplexsignalen. Eine Richtfunkverbindung besteht aus Funksende- und Funkempfangseinrichtungen, Richtantennen und Funkfeld. Bei terrestrischer Richtfunkverbindung ist infolge lichtähnlicher Wellenausbreitung die Funkfeldlänge auf 20 bis 80 km begrenzt, so dass zur Überbrückung größerer Entfernungen Relaisstationen zwischengeschaltet werden, die das empfangene Signal umsetzen, verstärken und mit einer anderen Trägerfrequenz wieder abstrahlen. Die gesamte Richtfunkverbindung bezeichnet man dann als Relaisstrecke. Große Sprungentfernungen werden mit Scattering-Richtfunkverbindung (Scattering; einige 100 km) oder Satelliten-Richtfunkverbindung (einige 1000 km) überbrückt. Siehe auch interkontinentale Fernsehübertragung.

Richthofen, Ferdinand Freiherr von, 5.5.1833 bis 6.10.1905, Geologe, Geograph; bereiste 1860/72 Ost-, Südostasien und Kalifornien (1868/72 wissenschaftliche Erforschung Chinas); Professor in Bonn (1875), Leipzig (1883) und Berlin (1886); Begründer der modernen Geomorphologie.

Richtkreis: Winkelmessgerät der Artillerie zum Einrichten von Geschützen und Geräten, Vermessen der Feuerstellungen und Beobachtungsstellen, Ermitteln der Anfangsangaben für das Schießen unter anderem

Richtlinien: verbindliche Anleitung zur Durchführung von Maßnahmen in staatlichen Organen, Parteien, Massenorganisationen, Institutionen unter anderem

Richtsatzplan: frühere Bezeichnung für Umlaufmittelplan.

Richttage: verbindlich auszuarbeitende begründete Kennziffern für Umlaufmittel, die die Höhe der materiellen Bestände als Umschlagszeit in Tagen angeben. Richttage = Jahresdurchschnittsplanbestand/ durchschnittlicher Tagesverbrauch beziehungsweise Tagesumsatz. Mit Hilfe der Richttage werden auf der Grundlage von zentralen und zweigspezifischen Normativen sowie Normen der Vorratshaltung in den Betrieben und im Handel die notwendigen materiellen Umlaufmittelbestände geplant.

Richtungsfeld: Begriff aus der Theorie der Differentialgleichungen. Durch die Differentialgleichung y' = f(x, y) wird jedem Punkt (x, y) aus dem Definitionsbereich der Funktion / ein Wert y' der Ableitung der gesuchten Lösung der Differentialgleichung zugeordnet. Markiert man die zu allen Punkten (x, y) berechneten Richtungen y' in einem Koordinatensystem, so entsteht das Richtungsfeld dieser Differentialgleichung.

Richtungskosinus: die Kosinus der 3 Winkel a, ß, y, die eine vom Ursprung Osten eines räumlichen kartesischen Koordinatensystems ausgehende Halbgerade (Strahl) mit den positiven Koordinatenachsen bilden; zugleich die Koordinaten des Einheitsvektors in Richtung der von Osten ausgehenden Halbgeraden. zwischen den Richtungskosinus besteht die Beziehung cos2 a + cos2 ß + cos2 y = 1.

Richtungsprüfgerät: Messgerät zur Prüfung der Winkellagen in einem geometrischen Bezugssystem. Man unterscheidet optisches, elektronisches und mechanisches Richtungsprüfgerät. Siehe auch Richtwaage.

Richtungsquantisierung: die Tatsache, dass nach den Gesetzen der Quantenmechanik die Komponente eines Drehimpulses (Bahndrehimpuls oder Spin) bezüglich einer ausgezeichneten Richtung nur ganz bestimmte Werte annehmen kann. Solch eine Richtung ist häufig durch ein elektrisches oder magnetisches Feld gegeben. Die Richtungsquantisierung führt zur Aufhebung der Energieentartung (Entartung) eines ursprünglich kugelsymmetrischen Systems im äußeren Feld.

Richtwaage: Messgerät zur Bestimmung kleiner Abweichungen ebener oder zylindrischer Flächen von der Waage- oder Lotrechten; früher Wasserwaage genannt. Im Bauwesen verwendet man Setzwaagen mit 2 zueinander senkrechten Röhrenlibellen in einer Holzleiste, im Maschinenbau Rahmenrichtwaage aus Metall mit verschiedenen Libellen. Es gibt auch elektronische Richtwaage.

Ricimer, Flavius, gestorben 19.8.472, weströmischer Feldherr suebische Herkunft; stürzte 456 den weströmischer Kaiser Avitus und 461 dessen Nachfolger Maiorianus; bestimmte bis 472 als de facto oberster Herrscher die Politik des Weströmischen Reiches; wurde als «Kaisermacher» bezeichnet.

Rick: Pferdesport aus mehreren senkrecht übereinander liegenden Stangen bestehendes Springprüfungshindernis; erfordert einen Steilsprung des Pferdes.

Ricke: weibliches Reh nach dem Setzen des ersten Kitzes.

Ricken, Ulrich, geboren 18.12.1926, Linguist (Romanist); seit 1963 Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; befasst sich insbesondere mit der Geschichte der Sprachtheorie und der Entwicklung des gesellschaftspolitischen Wortschatzes.

Rickert, Heinrich, 25.5.1863-28.7.1936, Philosoph; neben W. Windelband Hauptvertreter der sogenannt Südwestdeutschen Schule des Neukantianismus (Freiburger Schule). Rickert beschäftigte sich besonders mit dem Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Kulturwissenschaft; interpretierte die Geschichte subjektivistisch (idiographische Methode).

Rickettsien: (nach einem US-amerikanischen Pathologen) kleine, unbewegliche gramnegative Bakterien, die sich nur auf beziehungsweise in lebenden Wirtszellen vermehren. Die Mehrzahl der tierpathogenen Rickettsien wird durch Zecken, Milben und Flöhe übertragen (Mensch bisweilen blindes Endglied), die menschenpathogenen Rickettsien, die Fleck- und Wolhynische Fieber hervorrufen, durch Kleiderläuse.

Ride, Sally Kristen, geboren26.5.1951, erste US-amerikanische Astronautin; absolvierte mit der Raumfähre STS-7 Challenger F-2 als Nutzlastspezialistin vom 18. bis 24.6.1983 einen 6tägigen sowie mit der Raumfähre STS-41G Challenger F-6 vom 5. bis 13.10.1984 einen achttägigen Raumflug.

ridikül: (französisch) lächerlich.

Ridinger, Georg, 24.7. 1568-nach dem 28.7.1616, Baumeister, schuf 1605/14 das Aschaffenburger Schloss, ein Hauptwerk der deutschen Renaissancebaukunst.

Riechepithel: aus Stütz-, Riech- und Basalzellen bestehender Zellverband der Riechschleimhaut.

Riechstoffe: Substanzen mit ausgeprägtem, meist angenehmem Geruch, der in einigen Fällen erst bei stärkerer Verdünnung deutlich hervortritt. Pflanzliche Riechstoffe sind die ätherische Öle und deren Inhaltsstoffe; zu den tierischen Riechstoffen gehören Ambra, Moschus und Zibet. Die natürlichen Riechstoffe sind meist Gemische zahlreicher Komponenten, unter denen Terpene, aromatische Aldehyde und Ketone sowie Ester eine besondere Rolle spielen. Die synthetischen Riechstoffe sind entweder mit Bestandteilen natürlicher Riechstoffe identisch (zum Beispiel Benzaldehyd) oder neuartige Stoffe (zum Beispiel Jonon). Charakterisierungsmerkmale für Riechstoffe sind insbesondere Geruchsrichtung, -intensität und -haftfestigkeit. Man verwendet Riechstoffe zur Komposition von Parfümölen (für Parfüms, Seifen und andere Kosmetika) sowie zur Überdeckung unangenehmer Gerüche.

Ried, Benedikt, Bene Rejt, um 1454-30.10.1534, Baumeister, besonders in Böhmen tätig; mit seinen Umbauten der Prager Burg (Vladislav Saal, Ludwigflügel) sowie weiteren Palast- und Kirchenbauten gehörte er zu den führenden Repräsentanten des Übergangs von der Spätgotik zur Renaissance in Mitteleuropa.

Riedbock, Isabellantilope, Redunca redunca: rehgroßer Paarhufer; oberseits rötlichbraun, unterseits weiß; nur der Bock trägt ein kurzes, sichelförmiges Gehörn; bewohnt einzeln oder in kleinen Trupps zentralafrikanischer Wälder.

Riedfrösche, Hyperolius: artenreiche Gattung der Ruderfrösche, deren Vertreter eine große Formenvielfalt und häufig prächtige Farben aufweisen; haben Haftscheiben an Fingern und Zehen; leben vorwiegend in Pflanzendickichten in Gewässernähe; bewohnen das tropische Afrika.

Riedgrasgewächse, Sauergräser, Cyperaceae: Familie einkeimblättriger, grasähnliche Pflanzen mit knotenlosem Halm und unscheinbaren in Ährchen angeordneten Blüten, diese zu kopfigen, rispigen oder ährigen Blütenständen vereinigt; oft auf feuchten, sauren Standorten; keine Futterpflanzen; siehe auch Segge, Simse, Wollgras, Zypergras.

Riegel: 1. horizontales Konstruktionselement zwischen den senkrechten Stielen und Stützen bei Fachwerk- und Rahmenkonstruktionen.

2. waagerechter Begrenzungsteil an Wandöffnungen (Sturz- und Brüstungsriegel).

3. einfacher Türverschluss.

Riegenbetrieb: methodisch-organisatorisches Verfahren des Übungsablaufs im Sportunterricht und Training, bei dem mehrere Gruppen (Riegen) gleichzeitig an verschiedenen Stationen beschäftigt sind.

Rieger, Frantisek Ladislav, 10.12.1818-3.3.1903, tschechischer Politiker, 1848 zusammen mit F. Palacky Führer der tschechischen liberalen Bourgeoisie, stand in den 60er Jahren im böhmischen Landtag und österreichischen Reichsrat an der Spitze der Alttschechen.

Riego y Núñez, Rafael de, 24.10.1784—7.11.1823 (hingerichtet), spanischer Revolutionär, Militär; leitete den bewaffneten Aufstand von Cádiz am 1.1.1820, womit die bürgerliche Revolution 1820/23 begann; führender Vertreter der Exaltados; 1822 Präsident der Cortes, kämpfte 1823 gegen die von der Heiligen Allianz entsandten französische Interventionstruppen. Die 1820 verfasste «Riego-Hymne» war 1931/39 Staatshymne der

2. Spanische Republik.

Riel: Währungseinheit in Kampuchea; siehe auch Währung.

Riel, Louis, um 1830-16.11.1885 (hingerichtet), kanadischer Indianerführer; führte die indianisch-mestizische Volksbewegungen im Red River Settlement im Nordwesten Kanadas (1869) und in Saskatchewan (1885), die sich gegen von den Weißen betriebenen Landraub und politische Entrechtung richteten.

Riemann: 1. Bernhard Riemann, 17.9.1826-20.7.1866, Mathematiker, gab bahnbrechende Impulse für die Weiterentwicklung vieler mathematischen Teilgebiete, insbesondere Theorie algebraischer und reeller Funktionen, Funktionentheorie, Riemannsche Geometrie, analytische Zahlentheorie, Theorie gewöhnlicher und partieller Differentialgleichungen.

2. Heinrich Riemann, 5.12.1793-26.1.1872, Lehrer und Pfarrer; kleinbürgerliche Demokrat; als Student ein führender Vertreter der Burschenschaftsbewegung; 1813 Angehöriger des Lützowschen Freikorps; 1817 Redner auf dem Wartburgfest sowie Mitverfasser der «Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktober», des bedeutendsten bürgerlichen politischen Programms jener Jahre; vertrat 1848/49 die kleinbürgerliche Demokratie im Landtag von Mecklenburg-Strelitz.

3. Hugo Riemann, 18.7.1849-10.7.1919, Musikwissenschaftler, lehrte seit 1895 (1901 Professor, 1908 Direktor des neugegründeten Instituts für Musikwissenschaft) an der Universität Leipzig. Riemann zählt zu den vielseitigsten Musikforschem seiner Zeit, der mit seinen enzyklopädischen Werken, seinen Handbüchern und dem bis heute ständig neu aufgelegten «Musiklexikon» (1882) der Entwicklung der Musikwissenschaft wesentliche Impulse gegeben hat.

Riemannscher Raum: (nach B. Riemann) n-dimensionaler, gekrümmter Raum, in dem der Abstand ds zweier infinitesimal benachbarter Punkte, und damit die Metrik, durch die Koordinatendifferenzen dx der Punkte und den metrischen Tensor gegeben ist. Ist die Winkelsumme <5 eines Dreiecks größer beziehungsweise kleiner als TT, heißt der Riemannsche Raum positiv beziehungsweise negativ gekrümmt, ist <5 = tt, heißt er eben. Siehe auch Raum-Zeit-Kontinuum.

Riemchen: länglich-plattenförmiger Stein aus gespaltenem Mauerziegel, Natur- oder Betonstein zum Verkleiden von Wandflächen.

Riemenschneider, Tilman, um 1460-7.7.1531, Bildhauer und Bildschnitzer; seit 1483 in Würzburg tätig, zeitweise Ratsherr und Bürgermeister, 1525 als Parteigänger der aufständischen Bauern gefangen und gefoltert. Die realistische Elemente seiner sorgfältig gearbeiteten Figuren sind einer einheitlichen Konzeption eingeordnet; schlanke, feingliedrige Gestalten, deren Körper hinter dem Spiel schwingender Linien der Gewandfalten zurücktritt, sind Träger eines verhaltenen, leidvollen, reich gestuften Gefühlsausdrucks, besondere Ausdrucksstärke liegt auf den Händen und individualisierten Gesichtern; in seinen Altarschreinen verschmelzen Körper und Raum im Helldunkel zu malerischen Einheit. Riemenschneider verzichtete als erster auf eine farbige Fassung seiner Plastiken. Hauptwerke: Schnitzaltäre in Münnerstadt (1490/92; jetzt München und Westberlin), Rothenburg ob der Tauber (1499/1505), Creglingen und Detwang (1508/10); Steinskulpturen: Adam und Eva (1491/93; Würzburg), Grabmäler Rudolfs von Scherenberg (1498/99; Würzburg) und Konrads von Schaumburg (1499; Würzburg), Tumbengrab Heinrichs H. und Kunigundes (1513; Bamberg), Maidbronner Beweinung (1520/25).

Riementrieb: technische Mittel zur kraftschlüssigen Leistungsübertragung zwischen 2 Wellen mit großem Achsabstand durch Flach-, Keilriemen, Seile oder Rundriemen auf Grund der zwischen ihnen und den Scheiben wirkenden Reibung. Die Lage der Wellen zueinander kann (Ausnahme bei Keilriemen) beliebig sein.

Riemenzunge, Himantoglossum: Gattung der Orchideen; heimisch ist die unangenehmen Geruch verströmende, auf Kalkboden an grasigen Hängen siedelnde, seltene Bocksriemenzunge (Himantoglossum hircinum; unter Naturschutz).

Riemerschmid, Richard, 20.6.1868-13.4.1957, Architekt und Kunstgewerbler; gab als ein Hauptvertreter des Jugendstils sowohl dem Kunsthandwerk als auch der Architektur wichtige Anregungen, ging später zunehmend zu einem sachlichen Stil über, der den natürlichen Charakter der Werkstoffe und die funktionsentsprechende Verarbeitung und Anwendung propagierte; schuf die Pläne für Gartenstadt und Gebäude der Deutschen Werkstätten Dresden Hellerau (beste Funktionserfüllung bei höchster technischen und ästhetischen Vollkommenheit).

Riems: kleine Insel im Greifswalder Bodden. Standort des «Friedrich-Loeffler-Institutes» für Tierseuchenforschung der AdL, bedeutende Produktions- und Forschungseinrichtung für Impfstoffe und Seren gegen volkswirtschaftlich wichtige Virusseuchen der Tiere (zum Beispiel Vakzine gegen Maul- und Klauenseuche).

Ries: Zählmaß (Paketpackung) für Papier, früher je nach Massebelag (g/m2) 100, 125, 250 oder 500 Bogen. Seit 1877 gilt das Neuries (1 Neu-R = 1000 Bogen).

Ries: rundes, flaches, lößbedecktes Becken von 25 km Durchmesser zwischen Schwab, und Frank. Alb; Hauptort Nördlingen; durch Meteoriteneinschlag entstanden, ursprünglich ein See; klimatisch begünstigt; Anbau von Weizen und Gerste.

Ries, Adam, 1492-30.3.1559, Rechenmeister; stellte in mehreren sehr bekannten Lehrbüchern die Arithmetik dar und förderte die Anwendung der Dezimalschreibweise.

Riesa: Kreisstadt im Bezirk Dresden, links der Elbe; 50000 Einwohner; VEB Rohrkombinat Stahl- und Walzwerk (mit Rohrwalzwerk im nahen Zeithain); Reifen-, Arzneimittelwerk, Baumwollspinnerei, Großmühle, Zündwaren-, Seifenfabrikation; Verkehrsknoten, Hafen; Ingenieurschule für Walzwerk- und Hüttentechnik; Museum; neue Stadtteile; ehemalige Klosterkirche (15. Jahrhundert), Barockkirche (18. Jahrhundert); Lenindenkmal. 1119 Erwähnung des Klosters Riesa; 1623 erhielt der Ort Stadtrecht. Nach 1840 begann die Entwicklung zur Industriestadt (1843 Gründung eines Eisenhammerwerkes) und zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt (Bau von Eisenbahnstrecken, 1861/63 Bau der Elbekais, 1887/89 des Hafens).

Riese: Sagen- und Märchenwesen von übergroßer, menschenähnlicher Gestalt.

Rieselfelder: Ländereien beziehungsweise Flächen, die der biologischen Reinigung und landwirtschaftliche Nutzung der nährstoffreichen Abwässer aus der Schwemmkanalisation der Städte dienen.

Riesenchromosomen: weitgehend entspiralisierte, besonders große kabelartige Gebilde (zum Beispiel in Dipterenlarven); sie entstehen durch schrittweise endo-mitotische Verdopplung der Einzelchromosomen, wobei die Chromatiden nicht mitotisch voneinander getrennt werden. Die homologen Chromomeren liegen in dichter Packung nebeneinander und erscheinen optisch als dunkle Querstreifen, in denen es zu zeitlich begrenzten Funktionsstrukturen in Form von Aufblähungen (Puffs) oder extremen Auflockerungen unter Ausbildung zahlreicher Chromosomenschleifen (Balbiani-Ringe) kommt.

Riesenfelge: Gerätturnen Kurzbezeichnung für Riesenfeigumschwung am Reck. Der gestreckte Körper (Vorderseite voran) schwingt aus dem Handstand durch den Hang wieder in den Handstand; wird (verändert) auch am Stufenbarren, am Barren und an den Ringen geturnt.

Riesengebirge, polnische Karkonosze, tschechisch Krkonose: Mittelgebirge, höchster Teil der Sudety, östlich des Isergebirges, beiderseits der polnisch-tschechischen Grenze; bis 1602 m (Schneekoppe); steile Hänge, flachgewellte Granit- und Schieferkuppen; an den Nordhängen Gletscherkessel und Karseen; über der Waldgrenze (1250 m) Krummholz und Moore; Holz-, Viehwirtschaft, Glasindustrie; Kurorte (Karpacz, Szklarska Porba), Wintersport- und Touristengebiet; Nationalpark (55 km2).

Riesenimpulslaser: (Festkörper-)Laser, mit dem sich durch geeignete zeitliche Steuerung der Güte des optischen Resonators (sogenannt Güteschaltung) sehr große Impulsleistungen (bis zu 1010W mit Impulsdauern bis herab zu einigen 10 9 s) der Laserstrahlung erzeugen lassen. Die Steuerung wird zum Beispiel mit rotierendem Spiegel oder Prisma oder mit optischen Schaltern erreicht.

Riesenkaninchen: große, etwa 70 cm lange, über 6 kg schwere Kaninchenrasse in anerkannten Farbschlägen, zum Beispiel Wild-, Hasen-, Dunkel- und Eisengrau; nach 1880 aus dem Belg. Riesen herausgezüchtet.

Riesenkrabbe, Macrocheira kaempferi: größter lebender Krebs mit über 1,5 m langen Beinen und etwa 30 cm langem Körper; lebt im Japanischen Meer.

Riesenkröten: größte Vertreter der echten Kröten (Gattung Bufo), die in den tropischen Regionen leben. Siehe auch Aga, Blombergkröte, Zipfelkröte.

Riesenmuschel, Tridacna gigas: Muschel mit dicken, massiven, bis 135 cm langen und 200 kg schweren Schalen und essbarem, bis 10 kg schwerem Weichkörper; lebt in Korallenriffen des Indischen und Stillen Ozeans.

Riesensalamander, Andrias: bis etwa 1,5 m lange, nachtaktive Schwanzlurche der Berggewässer Japans und Chinas; fressen Fische und wirbellose Wassertiere.

Riesenschildkröten: zwei zu den Landschildkröten gehörende, besonders großwüchsige Arten; die Galapagos-Riesenschildkröten oder Elefantenschildkröte (Testudo elephantopus) von den Galapagos-Inseln im Stillen Ozean und die Seychellen-Riesenschildkröten (Testudo gigantea) von den Seychellen im Indischen Ozean erreichen 1,1 beziehungsweise 1,2 m Panzerlänge; Pflanzenfresser; beide Arten sind in ihrem Bestand bedroht, verschiedene Unterarten schon ausgestorben. Riesenschildkröten wurden früher von den Seefahrern als «lebende Konserven» geschätzt, da sie mehrere Monate lang, ohne Nahrung aufzunehmen, lebend im Schiff mitgeführt werden konnten.

Riesenschlangen, Boidae: urtümliche Schlangenfamilie, meist mit Resten des Beckengürtels und der Oberschenkelknochen; von weniger als 1 m bis 10 m lang; stets ungiftig, die Beute wird durch Umschlingen erdrosselt; in gemäßigten und wannen Gebieten der Erde verbreitet; lebendgebärend die Boaschlangen, eierlegend die Pythonschlangen.

Riesenslalom, Riesentorlauf: Skisport alpine Disziplin, Zwischenform von Abfahrtslauf und Slalom, meist in 2 Wertungsläufen auf 2 verschiedenen Pisten ausgetragen. Höhenunterschied a 400 m (Frauen g 300 m), > 30 Kontrolltore von 4 bis 7 m Breite.

Riesenstern, Gigant: Stern, der im Hertzsprung-Russell-Diagramm auf dem Riesenast liegt. Riesenstern haben große Durchmesser (bis > 100 Sonnendurchmesser) und daher eine größere Leuchtkraft als Zwergsterne gleicher Spektralklasse. Siehe auch Sternentwicklung.

Riesentintenfische, Architeuthis: Gattung zehnarmiger Kopffüßer mit relativ schlankem Körper und langen Armen, besonders die Tentakelarme; manche Arten sind ein bis mehrere Meter lang, größte Art fast 22 m; einige Saugnäpfe haben bis 20 cm Durchmesser; leben in kalten oder gemäßigten Meeren in größeren Tiefen.

Riesenwuchs, Makrosomie, Gigantismus: das anormal gesteigerte Wachstum des ganzen Körpers oder einzelner Körperteile. Beim Menschen werden über 200 cm Körperhöhe als Riesenwuchs bezeichnet.

Riesenzellen: große, meist mehrkernige Zellen, zum Beispiel im Knochenmark,

Riesling: edle Weißweintraubensorte, die bukettreiche (Blume 3) Weine hervorbringt. Hauptanbauländer sind die BRD (Rheingau, Pfalz, Mosel) und Ungarn (Balaton).

Rietschel, Ernst, 15.12.1804-21.2.1861, Bildhauer; seit 1832 Professor an der Dresdner Akademie und Hauptvertreter der dortigen Bildhauerschule; vertrat eine an der idealisierenden Gestaltungsweise des Klassizismus geschulte, aber ihrem Wesen nach realistischer Auffassung. Zu seinen Hauptwerken zählen das Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar (1852/56) und das Luther-Denkmal in Worms (seit 1858).

Rif, Rifatlas: schwer zugängliches, zerklüftetes Gebirge in Marokko, am Mitteimeer, Teil des Atlas; bis 2 452 m (Dschebel Tidighin); aus Schiefern und Kalk aufgebaut; Zedernwälder; Bergbau (Eisenerz, Antimon).

Rifbjerg, Klaus, geboren 15.12.1931, dänischer Schriftsteller; gestaltet seit 1956 in Werken aller literarischen Genres zunächst mit modernistischen, später mit neorealistischen Mitteln die zunehmende Entfremdung des Menschen in der bürgerlichen Welt, so in den Romanen «Die chronische Unschuld» (1958, deutsch), «Der Opernliebhaber» (1966, deutsch), «Adresse: Lena Jorgensen, Kopenhagen» (1971, deutsch), «Dilettanten» (1973, deutsch), «Die heiligen Alfen» (1981) und in Erzählungen («Reisende», 1969, deutsch; «Sommer», 1974, deutsch). Rifbjerg schreibt auch Filmmanuskripte und Revuekomödien.

Riff: bis in Nähe der Meeresoberfläche aufragende untermeerische Erhebung (Korallenriff, Felsriff, Sandriff (Sandbank)).

Rift: (englisch, «Spalte») Bruch- oder Grabenzone der Erde mit großer Längserstreckung und mit Verbindungskanälen zum oberen Erdmantel und dessen basaltischen Schmelzen. Rift treten sowohl im Kontinent als auch am Boden der Ozeane auf. Siehe auch Welt Riftsystem.

Rifttal, Rift valley: in Scheitelzonen ozeanischen Rücken wie in Tafelbereichen der Kontinente (zum Beispiel Ostafrika) morphologisch ausgeprägter Graben, der durch Weitung und Absenkung einer Streifenscholle längs tiefreichender Störungen entstanden und mit vulkanischer wie seismische Aktivität verknüpft ist. Entwicklungsetappe der Ozeanbildung im Wilson Zyklus.

Riga: Hauptstadt der Lettischen SSR, an der Mündung der Dwina (Daugava), an der Rigaer Bucht der Ostsee; 875000 Einwohner; Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturzentrum mit 66 % der lettischen Industrieproduktion; Maschinen- (besonders Landmaschinen) und Fahrzeugbau (Kfz, Triebwagen, Waggons; Werft), elektrotechnische/elektronische, vielseitige Leicht-, chemische, Baustoff- und Nahrungsmittelindustrie (besonders Fischverarbeitung); Eisenbahnknoten, Hochseehafen, 2 Flughäfen, U-Bahn (im Bau); Akademie der Wissenschaften mit Kernforschungszentrum in Salaspils, Universität (1919 gegründet), 7 Hochschulen; Theater, Museen, Philharmonie, Zoo; Fernsehturm (368 m): Oberhalb Rigaer Wasserkraftwerk (385 MW), bei Riga mehrere Kurorte (besonders Jürmala). Bedeutende mittelalterliche Stadtanlage mit Schloss (ab 1330), Dom St. Marien (ab 1211), Petrikirche (ab 1209), Johanniskirche (1297, deren manieristische Innenausstattung 1587/89), Reiternhaus (1685), Dannensternhaus (1696) und klassizistischen Bauten in der im 17./19. Jahrhundert angelegten Neustadt. 1201 erstmals erwähnt; im Mittelalter bedeutendes gewerbliches Zentrum und Hansestadt; im 13./16. Jahrhundert Streitobjekt zwischen dem Erzbischof von Riga und dem Schwertbrüderorden; wurde 1581 polnisch, 1621 schwedisch, 1710 kam es im Nord. Krieg an Russland, seitdem wichtiges Handels- und Wirtschaftszentrum. Am 3.1.1919 Sieg der Sowjetmacht; Mai 1919 von konterrevolutionären Truppen erobert; 1919/40 Hauptstadt des bürgerlichen Lettlands. Nach Besetzung durch faschistische deutsche Truppen (1941) wurde Riga am 13.10.1944 durch die Rote Armee befreit.

Rigas, Konstantinos, eigentlich Andonios Kyriasis, auch Pheraos genannt, 1757-24.6.1798 (hingerichtet), griechischer Dichter und Aufklärer; Nationalheld; unter dem Einfluss der Französischen Revolution gründete er 1796 in Wien die 1. Eteria (Geheimbund) und kämpfte für die Befreiung der Balkanvölker vom türkischen Joch, indem er seine revolutionäre Dichtung und Publizistik in den Dienst des nationalen Befreiungskampfes dieser Völker stellte.

Rigaudon: alter französischer Volkstanz aus der Provence im lebhaften 2/2-Takt; im Ballet de la Cour des 17. Jahrhundert als komischer Tanz, im 18. Jahrhundert in Oper, Ballett und Suite mit festlichem, ernstem Charakter verwendet.

Right or wrong, my country, «Recht oder Unrecht, (es geht um) mein Vaterland»): politisches Schlagwort des 19. Jahrhundert, mit dem vornehmlich britischen Politiker jedes Mittel zur Ausweitung und Stärkung der britischen Weltmachtstellung rechtfertigten.

Rigi: isoliertes Voralpenbergmassiv zwischen Vierwaldstätter und Zuger See, in der Schweiz; bis 1798 m hoch, 90 km2; aus Nagelfluh, Sandstein und Kreidekalk; Bergbahnen, Fremdenverkehr.

Rigolen: bis zu 1 m tiefes Bearbeiten des Bodens mit speziellen Rigolpflügen oder mit dem Spaten; dabei ist das Auswechseln verschiedener Bodenschichten möglich.

Rigolerde, Rigosol: durch sehr tiefreichende Bodenbearbeitung (Tiefpflügen, Mengenwühlen, Tieflockern, Rigolen) entstandener anthropogener (Kultur-)Bodentyp; kann aus allen Bodentypen hervorgehen.

Rigor: erhöhte Muskelspannung, die sich in erhöhtem Widerstand bei passiver Bewegung einer Gliedmaße äußert; Symptom bei Parkinsonismus.

Rigorismus: moralisches Fordern ohne jede Kompromissbereitschaft, ohne Rücksicht auf veränderte Bedingungen beziehungsweise auf den historisch veränderlichen (Klassen-)Charakter der Moral.

rigoros: sehr streng, hart; unerbittlich.

Rigorosum: früher mündliche Doktorprüfung.

Riha, Carl, geboren 25.1.1923, Musiktheaterregisseur; wirkte 1952/57 bei W. Felsenstein an der Berliner Oper, seit 1957 Chefregisseur der Städt. Theater Karl-Marx-Stadt; erfolgreich auch als Gastregisseur im In- und Ausland; lehrt seit 1953 an der Berliner und seit 1960 an der Dresdner Musikhoch-schule (1964 Professor); Übersetzer zahlreicher musikalischer Bühnenwerke.

Riad, Ar-, Ar-Riad, Ar-Riyad Hauptstadt Saudi-Arabiens, im Zentrum der Arabischen Halbinsel, in einer Senke inmitten einer Wüstenlandschaft; 1,25 Millionen Einwohner; Erdölverarbeitung, Lebensmittel-, Zementindustrie; Verkehrsknoten, Eisenbahn nach Ad-Dammam, internationaler Flughafen; 2 Universitäten, Hochschulen, Nationalbibliothek; moderne Stadt mit vielen Prunkbauten.

Rijeka, (serbokroatisch) Fiume (italienisch): Hafenstadt in Kroatien, im Nordosten der Adriabucht Kvarner; 195000 Einwohner; bedeutendster jugoslawischer Überseehafen; Schiff-, Maschinenbau, chemische, Tabak-, Leicht-, Zementindustrien, Erdölraffinerien; Verkehrsknoten; Universität, Theater, Museen; historische Altstadt mit römischen Triumphbogen, Dom (14. Jahrhundert), Stadthaus (16. Jahrhundert) und Veitskirche (18. Jahrhundert). Von 1471 bis 1779 zu Österreich, danach zur ungarischen Krone; 1919 von italienischen Freischaren besetzt; 1920 durch den Vertrag von Rapallo zum Freistaat erklärt, 1923/42 (außer dem Stadtteil Susak) jedoch wieder italienisch; 1945 durch die jugoslawische Volksbefreiungsarmee befreit; 1947 im Frieden von Paris Jugoslawien zugesprochen.

Rijswijk: südöstlicher Vorort von s-Gravenhage. Der Friede von Rijswijk 1697 zwischen Frankreich und der «Großen Allianz» (England, Spanien, Deutsches Reich unter anderem) beendete die Reunionen. Frankreich musste auf alle willkürlichen Annexionen, mit Ausnahme von Strasbourg, verzichten.

Rila Gebirge: kleines, stark gefaltetes und höchstes Gebirge der Balkanhalbinsel, im Südwesten Bulgariens; höchste Erhebung Musala (2 925 m); aus Granit und metamorphen Gesteinen aufgebaut; steile Grate und Wände, Trogtäler und über 100 Karseen; Quellgebiet von Mariza, Mesta und Iskyr, Hydroenergiegewinnung (3 Kraftwerke der Belmeken-Sestrimo-Kaskade (750 MW)); Naturschutzgebiete; Kur-, Wintersport- und Erholungsgebiet (Borowez). Im Süden liegt das Rila Kloster, größtes Kloster Bulgariens (Nationalmuseum), Denkmal der bulgarischen Kultur und Geschichte, im 10. Jahrhundert gegründet, im 16./19. Jahrhundert Zentrum des antitürkischen Unabhängigkeitskampfes. Die großartige Anlage wurde, nach Brand 1833, 1834/70 im altbulgarischen Stil mit Teilen aus dem 14. Jahrhundert neu erbaut und mit bedeutenden Wandmalereien und Holzschnitzereien ausgestattet.

Rilke, Rainer Maria, 4.12.1875-29.12.1926, österreichischer Dichter aus Prag; einer der einflussreichsten spätbürgerlichen Lyriker humanistischer Gesinnung; erschloss mit seiner subtil-vollendeten Sprachkunst neue Bereiche des Sagbaren, gab dem Lebensgefühl einer nach Verinnerlichung strebenden intellektuellen Schicht künstlerischer Ausdruck; vorherrschende Motive seiner oft elegische Lyrik mit faszinierend neuer Wortmusik, eigenwilliger Metaphorik und philosophischer Ideengehalt sind Sehnsucht nach einem sinnvollen Leben, aber auch Weltflucht, Vereinsamung und Tod sowie das «Rühmen» der Dinge («Das Stundenbuch», 1905; «Neue Gedichte», 1907; «Duineser Elegien», 1923), verfasste auch Prosawerke (Roman «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge», 1910), Aufsätze und Nachdichtungen (A. Gide, Michelangelo, P. Valéry unter anderem) sowie ein umfangreiches Briefwerk.

Rilla, Paul, 26.12.1896-5.11.1954, Literaturhistoriker und -kritiker; schrieb wertvolle Beiträge zum Verständnis der Werke G. E. Lessings («Lessing und seine Zeit», 1958) und J. W. Goethes («Goethe in der Literaturgeschichte», 1949) sowie bedeutende Kritiken («Literatur, Kritik und Polemik», 1950); gab unter anderem die Werke Lessings heraus (10 Bände, 1954/58).

Rillen: das Erzeugen einer linienförmigen Vertiefung bei Papier oder Karton durch Verdrängen von Material, wobei sich eine wulstartige Erhöhung auf der anderen Materialseite herausbildet, um das Material entlang dieser Linie biegen zu können. Siehe auch Nuten.

Rimbaud, Arthur, 20.10.1854-10.11.1891, französischer Lyriker; Hauptvertreter des frühen Symbolismus; bediente sich zum Ausdruck seiner antibürgerlichen Revolte individualistische sprachliche und metaphorische Mittel («Das trunkene Schiff», 1871, deutsch), die große Nachwirkung in der französischen Lyrik des 20. Jahrhundert fanden; beendete 1873 sein literarisches Schaffen; führte danach ein abenteuerliches Leben.

Rimini: Stadt in Oberitalien, in der Region Emilia-Romagna, an der Adria; 130000 Einwohner; Textilindustrie, Maschinenbau; Hafen; Thermal- und Seebad; Museum; Delphinarium; Dom (15.1h.); antike Bauten im ältesten Teil der Stadt (Arminium): Tiberiusbrücke (14/21 nach Christus), Amphitheater, Triumphbogen (Augustus 27 nach Christus).

Rimski-Korsakow, Nikolai Andrejewitsch, 18.3.1844—21.6.1908, russischer Komponist, Dirigent und Musikpädagoge; schloss sich dem Mächtigen Häuflein an und wirkte seit 1871 als Professor am Petersburger Konservatorium. Im Mittelpunkt seines umfangreichen Schaffens stand die Oper («Sadko», «Die Zarenbraut», «Der goldene Hahn» unter anderem), für die er in der russischen Volksmusik, in Märchen und Sagen sowie in der klassischen russischen Literatur wichtige Grundlagen fand. Daneben schrieb er Orchesterwerke, Klavier- und Kammermusik sowie Lieder, sammelte russische Volkslieder und machte sich durch die Vollendung verschiedener Werke M. P. Mussorgskis und A. P. Borodins verdient.

Rimur: isländisch Versepik (14./19. Jahrhundert) in Strophenform (mit Stab- und Endreim) über Helden, Abenteuer und Liebe, häufig nach Prosaerzählungen.

Rinaldi, Antonio, um 1710-10.4.1794, italienischer Architekt und Meister der Innendekoration; ab 1751 in Russland tätig. Während seine reich ausgestatteten Bauten in Oranienbaum (heute Lomonossow; 1758/62) noch in der Tradition des Rokokos stehen, vollzog Rinaldi mit dem Schloss in Gatschina (1766/81; zerstört) sowie mit dem Marmorpalais in Petersburg (1768/85) den Übergang zum Frühklassizismus.

Rinck, Melchior, genannt «der Greck», 1493/94-um 1545, Lehrer der griechischen Sprache; verbreitete die Ideen T. Müntzers, nahm am deutschen Bauernkrieg teil; danach einer der bedeutendsten Führer der Täufer in Hessen und Thüringen; seit 1531 vom hessischen Landgrafen in Haft gehalten.

Rindbox: chromgegerbtes Schuhoberleder aus Rindshäuten.

Rinde: außerhalb des Gefäßbündelbereichs liegendes Gewebe (primäre Rinde) pflanzliche Sprosse und Wurzeln. Siehe auch Bast 1.

Rindenbrand: Absterben der Rinde dünnborkiger Baumarten wenn diese, an langjährigen Bestandesschluss gewöhnt, plötzlich frei stehen und dadurch intensiver Sonnenbestrahlung ausgesetzt werden, zum Beispiel bei Rotbuche.

Rindennekrose: Viruskrankheit mit fortschreitendem Absterben des Rindengewebes, wobei sich die Rinde zunächst braun, später violett verfärbt, einsinkt und rissig wird. Die Folge ist meist ein partielles und schließlich totales Absterben der erkrankten Pflanze.

Rindenwanzen, Aradidae: Familie der Landwanzen; Körper stark abgeflacht, 3 bis 10 mm groß; saugen unter der Rinde Baumsäfte, einzelne auch in Baumschwämmen. Einige Arten als Schädlinge von Bedeutung, zum Beispiel die Kiefern-Rindenwanzen (Aradus cinnamomeus), die in jungen Kiefernkulturen schädigt.

Rindenzeichnung: im weiteren Sinne jede Darstellung auf einer unbearbeiteten Rinde (im Gegensatz zu gestalteten Rindenstoffen), im engeren Sinne seit alters geübte, noch heute angewandte Maltechnik der australischen Ureinwohner, die ihre Ursprünge in Ritzungen und Malereien auf Felsen und Kultgeräten hat. Die Darstellungen der Rindenzeichnungen sind oft schematisiert, wobei Tier und Mensch meist im sogenannten Röntgenstil (Umrisszeichnung mit Skelett und inneren Organen) abgebildet werden.

Rinder, Echte Rinder, Bovinae: Wiederkäuer, die durch einen schweren, gedrungenen Körperbau, einen massigen, breitstimmigen Schädel mit Hörnern bei Bullen und Kühen, ein unbehaartes, stets feuchtes Flotzmaul und meist kurzhaariges, anliegendes Fell gekennzeichnet sind. Fast haarlos sind der Ami und der Kaffernbüffel (Büffel), im Winter besonders langbehaart sind Bison und Wisent Weitere Wildrinderarten sind unter anderem Anoa, Gaur und Banteng. Vom ausgestorbenen Auerochsen stammen alle Haus-R, darunter auch Zebu und Watussi-Rind ab. Beim europäischen Hausrind unterscheidet man Höhen- und Niederungsvieh; ersteres ist auf Arbeits-, Fleisch- und Milchleistung gezüchtet, letzteres auf Milch- und Fleischleistung. Die verbreitetsten Höhenviehrassen sind das Höhenfleckvieh, das Einfarbig Gelbe, das Rote sowie das Graubraune Höhenvieh. Die Niederungsrassen werden vorwiegend in der Tiefebene gehalten, jedoch erstreckt sich das Verbreitungsgebiet immer mehr bis in die Gebirgsgegenden. Am stärksten ist das Schwarzbunte Niederungsvieh verbreitet; das Rotbunte Niederungsvieh unterscheidet sich nur unwesentlich vom Schwarzbunten, lässt sich aber auch bei ungünstigeren Voraussetzungen halten. Das Anglerrind und das Jersey Rind sind ausschließlich auf Milchleistung gezüchtet. In der DDR entstand durch Einzüchtung von Jersey Bullen zur Verbesserung des Milchfettgehaltes und durch Kanadische und Britische Friesians zur Erhöhung der Milchleistung das Schwarzbunte Milchrind der DDR (Abkürzung SMR). Die Zuchtreife tritt beim weiblichen Hausrind mit 1/2 bis 2 Jahren ein, die Trächtigkeit dauert 280 Tage; in der Regel wird jeweils 1 Kalb geboren.

Rinderpest: durch ein Virus hervorgerufene gefährliche und fieberhaft verlaufende Seuche der Rinder. Sie ist durch schwerste Allgemeinstörungen und hochgradige Entzündungen der Schleimhäute gekennzeichnet. Die Rinderpest tritt noch in Teilen von Afrika, Südasien und dem Nahen Osten auf. In Europa ist sie getilgt.

Rinderverwandte, Hornträger, Bovidae: formen- und artenreiche Familie der Paarhufer, die heute weltweit verbreitet ist und ursprünglich in Australien, Neuseeland und auf einzelnen Inseln sowie in Südamerika fehlte. Rinderverwandte haben auf knöchernen Stirnzapfen sitzende, aus Hornscheiden gebildete Hörner, die beim Weibchen fehlen können, sind Pflanzenfresser und meist Herdentiere. Rinderverwandte werden in mehrere Unterfamilien (Ducker, Waldböcke, Kuhantilopen, Pferdeböcke, Gazellen, Böcke unter anderem) aufgegliedert.

Rindsauge, Ochsenauge, Buphthalmum salicifolium: mitteleuropäisches Korbblütengewächs mit lanzettlichen Blättern und einzelnen 3 bis 6 cm breiten, gelben Blütenköpfen.

Ring:

1. Kunst: Reif aus den verschiedensten Werkstoffen (Metall, Stein, Holz, Elfenbein, Leder, Haar), getragen unter anderem als Schmuck, als Symbol (der magischen, bindenden Kraft des Kreises), als Amulett, als Würde- oder Herrscherzeichen in Form von Fingerring, Armring, Ohrring, Nasenring, Knöchelring, Zehenring unter anderem. Erste Funde stammen aus der Jungsteinzeit (Knochenring). Seit dem Altertum werden insbesondere kunstvoll verarbeitete und reich verzierte Fingerring getragen. Eine praktische Funktion hatte vom Altertum bis zum Mittelalter der Siegelring.

2. Mathematik: eine Menge R, in der die Operationen Addition und Multiplikation erklärt sind. Bezüglich der Addition bildet Ring eine abelsche Gruppe. Die Multiplikation ist assoziativ und distributiv. Ring spielen eine wichtige Rolle in der modernen Algebra und Zahlentheorie. Das einfachste typische Beispiel für einen Ring ist der Ring der ganzen Zahlen.

3. Sport: Boxen.

Ringanomalie, Haloeffekt (griechisch + lateinisch): Form der Konzentrationsverteilung von Kohlenwasserstoffen in den obersten Bodenschichten über bestimmten Erdöl- und Erdgaslagerstätten; die Maximalwerte werden hier nicht unmittelbar über dem Zentrum der Lagerstätte, sondern in einem dieses umgebenden ringförmigen Gebiet (Halo) beobachtet.

Ringbahn: meist um eine Großstadt führende Eisenbahnanlage, die den innerstädtischen Verkehr vom Durchgangsverkehr entlastet, zum Beispiel der Berliner Außenring.

Ring des Nibelungen, Der: Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend von R Wagner (1876; «Das Rheingold», «Die Walküre», «Siegfried», «Götterdämmerung»),

Ringe: Gerätturnen an einem 5,5 m hohen und 2,5 m breiten Ringegerüst im Abstand von 0,5 m aufgehängtes paariges (Männer-)Turngerät (lichte Weite 0,18 m) zum Turnen von Kraft- und Schwungelementen.

Ringelblume, Calendula: Korbblütlergattung mit gelben oder orangefarbenen Blüten und eingerollten Früchten; die Garten-Ringelblume. (Calendula officinalis) ist eine Zierpflanze aus Südeuropa.

Ringelnatter, Natrix natrix: ungiftige, bis 1,5 m lange Natter mit 2 gelblichen Flecken am Hinterkopf; lebt tagaktiv meist in Wassernähe, schwimmt und taucht ausgezeichnet; Beutetiere sind Fische, Molche, Frösche, die sie lebend verschlingt; in Europa, Westasien und Nordwestafrika verbreitet.

Ringelnatz, Joachim, eigentlich Hans Bötticher, 7.8.1883-17.11.1934, Schriftsteller, Kabarettist und Kunstmaler; übte mehrere Berufe aus (unter anderem Matrose); verfasste humorvoll-skurrile hintersinnige wie melancholische Gedichte mit parodistisch-kritischer Tendenz («Turngedichte», 1920; die Verse vom Seemann «Kuddel Daddel Du», 1923; «Flugzeuggedanken», 1929; «Gedichte dreier Jahre», 1932), autobiographische Prosa («Reisebriefe eines Artisten», 1927; «Mein Leben bis zum Kriege», 1931) unter anderem

Ringelrobbe, Pusa hispida: bis 1,4 m lange braun-schwarze bis silbergraue Hundsrobbe mit unregelmäßigen, hellen Ringflecken; lebt im Nördlichen Eismeer; das Jungtier wird in einer Schneehöhle geboren; Binnenlandformen unter anderem im Ladoga-, Baikal-, Kaspisee. Siehe auch Raubtiere.

Ringelröteln, Großfleckenkrankheit, Fünfte Krankheit: akute, durch Viren verursachte, komplikationslos verlaufende Infektionskrankheit mit ring- oder girlandenförmigem Ausschlag, vor allem bei Klein- und Schulkindern. Die Inkubationszeit beträgt 6 bis 14 Tage.

Ringelspinner, Malacosoma neustria: brauner Falter aus der Familie der Glucken; Ablage der Eier ringförmig um dünne Zweige von Obst- und anderen Laubhölzern, an denen die braun-blau gestreiften Raupen gelegentlich schädlich sind.

Ringelung: Ablösen eines ringförmigen Rindenstreifens an Ästen oder Stämmen von Obstbäumen zur Förderung des Blütenansatzes. Siehe auch Fruchtgürtel.

Ringelwürmer, Gliederwürmer, Annelida: Stamm der Gliedertiere; bis 3 m lang, äußerlich deutlich geringelt. Der äußeren Ringelung entspricht eine innere segmentale Gliederung der Leibeshöhle und einiger innerer Organe. Viele Ringelwürmer haben auf jedem Ring mehrere, zum Teil auf Stummelfüßen sitzende bewegliche Borstenbündel. Ringelwürmer umfassen Egel, Vielborster und Wenigborster.

Ringen: Zweikampfsportart, bei der angestrebt wird, den Gegner zu Boden (auf beide Schultern) zu bringen oder nach Punkten zu besiegen. Gekämpft wird auf einer runden Kampffläche (einschließlich Schutzfläche) von 9,2 bis 9,5 m Durchmesser in Alters- und Gewichtsklassen, um ungleiche Paarungen zu verhindern. Die Kampfzeit beträgt 2 Runden zu je 3 min effektiv mit 1-min-Pause. Unterschieden werden Klass. Ringkampf (veraltet griechisch-römischer Ringkampf) mit Griffansatz vom Kopf bis zur Gürtellinie und Freier Ringkampf (veraltet Freistil) ohne Griffansatzbeschränkungen sowie mit Anwendung von Beintechniken. Ein Schultersieg ist erreicht, wenn der Gegner auf beide Schultern gelegt und als festgehalten wurde. Gelingt dies nicht, entscheiden die erzielten technische Punkte aus gelungenen Aktionen (je 1 bis 4 Punkte). Es gibt im Ringen kein Unentschieden. Bei Punktgleichstand siegt der Ringer, der die größere Anzahl an höheren Wertungen beziehungsweise die letzte Wertung erzielte. Turniere, Meisterschaften unter anderem werden im Pool-System ausgetragen. Die Reihenfolge in jeder Gruppe ergibt sich aus Pluspunkten auf der Basis von Einzelkampfresultaten (zum Beispiel Schultersieg 4, -niederlage 0 Punkte). Nach 2 Niederlagen scheidet ein Ringer aus. Finalkämpfe werden von den Gleichplatzierten beider Gruppen ausgetragen. Olymp. Sportart seit 1896, Weltmeisterschaften seit 1904, Europameisterschaften seit 1898.

Ringerlösung: physiologische Salzlösung, die bei starken Flüssigkeitsverlusten des Organismus in die Blutbahn, den Darm oder unter die Haut gegeben wird; benannt nach dem britischen Pharmakologen Sidney Ringer (1835-1910).

Ringflügelflugzeug: Flugzeug mit einer Tragfläche in Form eines vom Flugwind durchströmten Zylinderringes, in dem sich das Triebwerk befindet. Ringflügelflugzeug eignen sich besonders für Senkrechtstart und -landung, sind aber aerodynamisch ungünstig. Start, Landung sowie Übergang in den Horizontalflug bringen große Stabilitätsprobleme mit sich, so dass sich Ringflügelflugzeug bisher nicht durchsetzen konnten.

Ringgebirge: ringförmiges Gebirge auf dem Mond und auf Planeten, bis zu mehreren km Höhe und mehreren 100 km Durchmesser; Ringgebirge umgeben große Meteoritenkrater.

Ringimpfung: Impfung um einen Seuchenherd herum, um die weitere Ausbreitung einer Tierseuche zu verhindern. Einbezogen werden alle gefährdeten Tiere, um sie gegen eine Erkrankung zu schützen.

Ringkern: kreisförmig geschlossener Magnetkörper mit gleichförmigem Querschnitt für Transformatoren, Wandler und (gesintert) als Kern für Mittel- und Hochfrequenzspulen, der keinen Luftspalt aufweist, aber schwieriger zu bewickeln ist.

Ringknorpel: siegelringförmiger Knorpel des Kehlkopfs.

Ringrichter: Boxen Bezeichnung für Schiedsrichter.

Ringspinnmaschine: Feinspinnmaschine zum Ausspinnen des Vorgarns mit Drehungserteilung durch einen vom Garn nachgeschleppten Ringläufer mit Normal-, Hoch- oder Höchstverzug.

Ringtennis: Rückschlagspiel zweier Einzelspieler oder Mannschaften, bei dem ein Wurfring derart über eine das 4 m x 10 m bis 6 m x 20 m große Spielfeld halbierende, in 2 m Höhe gespannte Leine zu werfen ist, dass der Gegner den Ring nicht regelrecht fangen beziehungsweise zurückwerfen kann. Wertung nach vereinbarter Punktzahl oder Zeit

Ringwade: in der Meeresfischerei Netz zum Fang von Schwarmfischen.

Ringwall: ur- beziehungsweise frühgeschichtlicher Befestigungsanlage mit ringförmigem Wall. Siehe auch Burgwall.

Rink, Arno, geboren 26.9.1940, Maler und Graphiker; 1962/67 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, seit 1979 dort Professor Rink gestaltet in gegenständlich verknappter, expressiver Auffassung neben Stillleben und Akten vor allem Motive der revolutionären Geschichte, der internationalen Solidarität sowie Sinnbilder und Allegorien menschlicher Verhaltensweisen und Leidenschaften.

Rinnensee: langgestreckter, zum Teil Flussartig gewundener See, der meist in Teilbecken gegliedert ist Rinnensee sind typische Landschaftselemente in den Jungmoränengebieten, deren Hohlformen beim Tieftauen von Eis entstanden sind, das subglaziale Gerinne und Kolkrinnen im Bereich der Inlandeismassen ausfüllte. Beispiele für die DDR sind Ruppiner und Schwielochsee.

Rinnstein: rinnenartiger Formstein seitlich an der Straße mit geringem Gefalle versetzt, oft gepflasterte Vertiefung zum Abführen des Regenwassers.

Rinow, Willi, 28.2.1907-29.3.1979, Mathematiker; 1950/77 Professor an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald; bedeutende Beiträge zur Differentialgeometrie, zur Topologie und zur Maßtheorie; Mitglied der Leopoldina.

Rinser, Luise, geboren 30. 4. 1911, Schriftstellerin; 1944/45 von den Faschisten inhaftiert («Gefängnistagebuch», 1946); lebt in Italien. Rinser wurde vor allem durch die antifaschistische Erzählung «Jan Lobel aus Warschau» (1948) bekannt; schrieb ferner Romane mit religiöser Tendenz über die Fragwürdigkeit bürgerlicher Lebensweise («Mitte des Lebens», 1950; «Abenteuer der Tugend», 1957; «Der schwarze Esel», 1984).

Rintala, Paavo, geboren 20.9.1930, finnischer Schriftsteller; schreibt kritisch-realistischen Romane über den 2. Weltkrieg («Leningrader Schicksalssymphonie», 1968, deutsch), über die kapitalistische Verhältnisse Finnlands («Diener auf dem Pferderücken», 1964, deutsch) sowie über aktuelle internationale Ereignisse (Vietnamroman «Romeo und Julia im Jahr des Stiers», 1974).

Rintschen, Bjambyn, 21.12.1905-4.4.1977, mongolischer Schriftsteller, Sprachwissenschaftler; schuf mit der Trilogie «Morgenröte» (1951/55) den ersten historischen Roman der modernen mongolischen Literatur.

Rio: Fluss, zum Beispiel Rio Negro (Brasilien).

Rio: Fluss, zum Beispiel Rio Tinto (Spanien).

Riobamba: Stadt (Provinzzentrum) in Ekuador, in einem innerandinen Hochbecken, zwischen Quito und Guayaquil, 2 700m überm Meer; 59000 Einwohner; Textil-, Leder-, Lebensmittel-, Zementindustrie; mehrfach durch Erdbeben zerstört

Rio Branco: Hauptstadt des Bundesstaates Acre (Brasilien), im Nordwesten des Landes, am Rio Acre; 120000 Einwohner; wird durch die Transamazonica erschlossen, dadurch Verbindung mit Porto Velho und zur bolivianischen Grenze; Flughafen.

Rio Branco, José Maria da Silva Paranhos, Visconde do, 16.3. 1819-1.5. 1880, brasilianischer Politiker; erließ als Ministerpräsident (1871/75) das «Gesetz des freien Leibes» (1871), das die Kinder von Sklavinnen für frei erklärte, und leitete damit die Überwindung der Sklaverei in Brasilien ein.

Rio Cuarto: Stadt in Argentinien, am Fuß der Sierra de Córdoba; 110000 Einwohner; Nahrungsmittelindustrie, Spielzeug- und Zementherstellung; Verkehrsknoten; Universität.

Rio de Janeiro: («Januarfluss») 1. Bundesstaat im Südosten Brasiliens; 44268km2, 12,5 Millionen Einwohner; 282 Einwohner/km2; Hauptstadt Rio de Janeiro 2. umfasst die Schwemmlandebene an der Mündung des Rio Paraiba in den Atlantischen Ozean und Randstufen des Brasilianischen Berglandes. Vorwiegend landwirtschaftlich ausgerichtet mit Anbau von Zuckerrohr, Mais, Reis, Maniok, Baumwolle unter anderem; intensive Viehzucht zur Versorgung der Millionenstadt Rio de Janeiro2; vielseitige Industrie, unter anderem Schiffbau, Textil-, Nahrungsmittel-, pharmazeutische, Zement-, Hüttenindustrie (in Volta Redonda), Erdölraffinerien. 1975 aus den Bundesstaaten Guanabara (Hauptstadt Rio de Janeiro) und Rio de Janeiro 1 (Hauptstadt Niterói) entstanden.

2. Rio de Janeiro, Kurzform Rio: Hauptstadt des Bundesstaates Rio de Janeiro 1, erstreckt sich mit seinen Vorstädten an der Küste des Atlantischen Ozeans um das Ufer und auf allen 70 Inseln der Baia de Guanabara und ist von mehreren Granithärtlingen, dem Wahrzeichen der Stadt; Corcovado («Der Bucklige»; 704 m, mit 40 m hoher Christusstatue) umgeben; 5,5 Millionen Einwohner; bedeutendes Wirtschafts-, Kultur- und Verkehrszentrum Brasiliens mit vielseitiger Industrie, unter anderem Schiff-, Maschinenbau, polygraphische, Leicht-, Lebensmittel-, chemische, Pharmazeut., Elektroindustrie; wichtigster Importhafen Brasiliens, der Flughafen Santos Dumont liegt unmittelbar neben der City, der internationale Flughafen Galeao (Zentralflughafen Südamerikas) befindet sich im Norden auf einer Insel in der Baia de Guanabara, Schnellbahn, U-Bahn (im Bau), Drahtseilbahn auf den Zuckerhut und Zahnradhahn auf den Corcovado, 13,8 km lange Straßenbrücke über die Baia de Guanabara nach Niteroi; 3 Universitäten, Militär- und andere Hochschulen, Akademien, Nationalbibliothek, Theater, Museen, Bundesbehörden; Fremdenverkehrszentrum (Seebäder (Copacabana)). Das Stadtbild wird von bedeutenden Bauten (vor allem Kirchen und Klöster) der Kolonialarchitektur, modernen Hochhäusern, aber auch von Elendssiedlungen an den Berghängen bestimmt. 1565 von E. de Sá gegründet; 1822/1960 Hauptstadt Brasiliens.

Rio de la Plata: (spanisch, «Silberstrom») Kurzform La Plata: gemeinsamer Ästuar des Paraná und Uruguay; 300 km lang, 50 bis 200 km breit; infolge starker Sedimentbelastung müssen die Fahrrinnen zu den großen Überseehäfen Buenos Aires, Montevideo und La Plata ständig ausgebaggert werden. 1519 von F. de Magalhäes nach dem Silberschmuck der indianischen Uferbewohner benannt.

Rio de Oro: südlicher Landesteil von Westsahara; 185000 km2, etwa 14000 Einwohner; Hauptort Ad Dakhla, Wanderviehzucht; Küstenfischerei; stellenweise Bewässerungsfeldbau.

Rio Gallegos: Stadt (Provinzzentrum) im Süden Argentiniens (Patagonien), am Ästuar des Gallegos in den Atlantik; 43000 Einwohner; Fleischfabrik, Wollwäscherei; Flug- und Seehafen.

Rio Grande: 1. Rio Grande, in Mexiko Rio Bravo del Norte: Fluss im Südwesten Nordamerikas; 3033 km, davon 520 km schiffbar; entspringt im San-Juan-Gebirge (Felsengebirge) in Colorado (USA), bildet im Mittel- und Unterlauf über 2000 km die Grenze zwischen Mexiko und den USA, mündet mit einem Delta bei Brownsville in den Golf von Mexiko; stark schwankende Wasserführung, zur Bewässerung aufgestaut (Falcón (390 km2), Amistad (341 km2)).

2. Rio Grande: linker Quellfluss des Paraná (Brasilien); 1450 km, davon nur 200 km schiffbar; entspringt im Südosten des Brasilianischen Berglandes, ist reich an Stromschnellen und Wasserfällen und mündet oberhalb von Rubinéia; an mehreren Stellen vorrangig zur Energiegewinnung aufgestaut; größte Stauseen: Fumas (1350 km2, 20,9 Md. m3) und Peixoto (4Md m3).

3. Rio Grande: Stadt im Bundesstaat Rio Grande do Sul (Brasilien), am Ausgang der Lagoa dos Patos in den Atlantischen Ozean; 120000 Einwohner; Erdölraffinerie, Lebensmittel-, Metall-, chemische Industrie, Schiffbau; wichtigster Hafen im Süden Brasiliens, Fischerei-, Flughafen; Universität.

Rio Grande do Norte: («Großer Fluss des Nordens») Bundesstaat im Nordosten Brasiliens; 53015 km2, 2,1 Millionen Einwohner; 40 Einwohner/km2; Hauptstadt Natal Rio Grande do Norte steigt von der mit Mangroven gesäumten atlantischen Küste, die von Strandseen begleitet wird, allmählich zum Brasilian. Bergland an, das hier bei heißem, trockenem Klima mit der typischen Caatinga-Vegetation bedeckt ist und als Teil des von Dürren heimgesuchten «Sertao» nur örtlich intensiv genutzt wird. An der Küste und in den Tälern werden, zum Teil in Bewässerungsfeldbau, Mais, Zuckerrohr, Baumwolle, Sisal produziert; im Innern extensive Viehzucht; Abbau von Gips, Marmor, Glimmer, Wolfram; Meersalzgewinnung; wenig entwickelte Industrie.

Rio Grande do Sul: («Großer Fluss des Südens») südlichster Bundesstaat Brasiliens; 282184 km2, 8,4 Millionen Einwohner; 30 Einwohner/km2; Hauptstadt Porto Alegre. Reicht von der mit großen Strandseen durchsetzten Küste des Atlantischen Ozeans über die steile Randstufe des angrenzenden Südteiles des Brasilianischen Berglandes (Serra Geral) und des Binnentafellandes bis zum Rio Uruguay; bei subtropischen Klima an der Ostabdachung des Berglandes subtropische immergrüner Regenwald, der aber bereits stark gelichtet ist; landeinwärts, in den höher gelegenen Gebieten, für die Holzwirtschaft wichtige Araukarien Bestände. Intensive Landwirtschaft mit Anbau von Reis, Weizen, Maniok, Sojabohnen, Zuckerrohr unter anderem; bedeutende Viehzucht. Zweitwichtigstes Kohle- und Kupferabbaugebiet; vielseitige Industrie, die nach ihrem Produktionswert in Brasilien an vorderer Stelle steht.

Rio Tinto: (spanisch, «gefärbter Fluss») Fluss im Süden Spaniens; 100 km; entspringt in der Sierra de Aracena, mündet bei Huelva in den Golf von Cádiz; am Oberlauf um Nerva (früher Minas de Riotinto) seit der Antike (Phönizier) bedeutender Kupfererzbergbau (Tagebau).

Riphäikum: Äon der Erdgeschichte; folgt auf das Phanerozoikum; siehe auch geologische Systeme.

Riposte: Fechten der unmittelbare Angriff nach erfolgreicher Parade.

Rippe: 1. Costa, Anatomie - mit der Wirbelsäule gelenkig verbundener teils knöcherner, teils knorpeliger bogenförmiger Skelettteil. 12 Rippenpaare bilden den Brustkorb (Thorax) und umschließen den Brustraum. Die 7 oberen (echte) Rippe sind direkt am Brustbein befestigt; 3 der 5 unteren (falsche) Rippe sind untereinander verbunden und setzen nur indirekt am Brustbein an, die letzten 2 Rippe enden frei. Überzählige Rippen können am 7. Hals- oder 1. Lendenwirbel als Hals- beziehungsweise Lendenrippe ausgebildet sein.

2. Architektur: stabförmige, profilierte Steinbänder, die einander so kreuzen, dass sie das tragende «Gerippe» für die Gewölbekappen des Kreuzrippengewölbes bilden. In der Spätgotik wurde die Rippe zunehmend als Dekorationselement unter eine tragende Gewölbeschale gesetzt (Netzgewölbe, Sterngewölbe).

Rippelmarken: Geomorphologie parallele, wellenartige Kleinstformen aus Kämmen und Furchen auf feinkörnigem Substrat, die durch Wind auf Sand oder Schnee oder durch die Wellenbewegung unter der Wasseroberfläche gebildet wurden und quer zur Transportrichtung angeordnet sind.

Rippenfarn, Blechnum spicant: heimischer Farn mit rippenförmig gefiederten Blättern; kommt in feuchten Fichtenwäldern vor; bevorzugt saure, kalkfreie. Böden.

Rippenmolch, Pleurodeles waltl: bis 30 cm langer Schwanzlurch mit einer Reihe warzenartiger Höcker an jeder Rumpfseite, in denen sich die Rippenenden befinden; die Oberseite ist bei gelblich-grauer Grundfärbung dunkel gefleckt, ebenso der hellere Bauch; lebt vorwiegend in Gewässern der Iberischen Halbinsel und Marokkos.

Rippenquallen, Ctenophora: artenarmer Tierstamm; freischwimmende wirbellose Meeresbewohner; der zweiseitig symmetrische Körper hat 8 erhabene Hautleisten (Rippen), auf denen Ruderplättchen sitzen, und trägt oft mit Klebzellen besetzte Fangfäden; fressen kleine Meerestiere. Siehe auch Venusgürtel, Qualle.

Rippl-Rónai, József, 23.5.1861-25.11.1927, ungarischer Maler, Graphiker und Kunsthandwerker; Mitglied der Nabis, führte deren Formverfestigung in die ungarische Kunst ein; gestaltete heimatliche Motive, Themen des kleinbürgerlichen Lebens, Bildnisse sowie dekorative Werke.

Rips: längs-, quer- oder schräggeripptes Gewebe; für Mäntel, Kleider und Möbelbezüge.

Ripuarier: (lateinisch, «Uferbewohnen>) eine Hauptgruppe der Franken, die östlich des Mittelrheins siedelte, vor der Mitte des 5. Jahrhundert aber auch beträchtlicher Gebiete westlich des Rheins eroberte und um 450 ein Reich um Köln gründete. Um 500 gingen die Ripuarier im Frankenreich Chlodwigs I. auf.

Risalit: Gebäudeteil, der in ganzer Höhe aus der Flucht einer Fassade hervortritt, aber keinen selbständigen Baukörper darstellt. besonders in der barocken Schlossbaukunst dienten Mittelrisalit, Seitenrisalit und Eckrisalit dazu, die Architektur zu beleben.

Risikofaktor: krankheitsbegünstigender Faktor, zum Beispiel sind Bluthochdruck, Übergewicht und Zigarettenrauchen Risikofaktor für das Auftreten eines Herzinfarkts.

Risikokind: Kind, das vor, während oder nach der Geburt besonderen Belastungen (Sauerstoffmangel, Frühgeburt, Infektion) unterworfen war. Es bedarf einer besonderen Fürsorge und Betreuung, um die Folgen dieser Gefährdungen rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln.

Risikoschwangerschaft: Schwangerschaft, die einer Spezialbetreuung bedarf, weil die Eigen- und beziehungsweise oder Familienanamnese, das Lebensalter oder bestehende Erkrankungen der Mutter Besonderheiten aufweisen oder im Verlauf der Schwangerschaft Störungen von Seiten der Mutter oder des Kindes auftreten.

Risorgimento: («Wieder(auf)erstehung») Periode im Italien des 19. Jahrhundert, die durch den erfolgreichen Kampf um einen unabhängigen bürgerlichen Nationalstaat gekennzeichnet ist; auch die Bewegung, die diesem Ziel diente; benannt nach der von C. Cavour 1847 gegründeten Zeitung «II Risorgimento». Das Risorgimento richtete sich gegen die (seit 1815 österreichische) Fremdherrschaft sowie die weltliche Macht des Papsttums. Höhepunkte des Risorgimento waren die bürgerlich-demokratische Revolutionen 1848/49 und 1859/60. Die gemäßigt-liberale Richtung (Großbourgeoisie und Adel um Cavour) setzte sich gegen den revolutionären kleinbürgerlich-demokratische Flügel (G. Mazzini, G. Garibaldi) durch und brach das Risorgimento durch eine Revolution «von oben» unvollendet ab. Als «zweites Risorgimento» wird mitunter die Resistenza bezeichnet.

Risotto: italienische Gericht aus in Öl angeröstetem und danach in Fleischbrühe gedünstetem Reis.

Rispe: Blütenstand mit verzweigten Seitenachsen, die gestielte Einzelblüten tragen, zum Beispiel Flieder, Hafer, Rispengräser.

Rispengras, Poa: artenreiche Grasgattung mit ausgebreiteten rispigen Blütenständen; Futterpflanzen sind das Wiesenrispengras (Poa pratensis), das Gemeine Rispengras (Poa trivialis) und auf feuchten Böden das Sumpfrispengras (Poa palustris).

Riß: Zeichner. Darstellung meist eines Körpers in einer Projektionsebene; der Grundriss entspricht der Draufsicht, der Aufriss der Vorderansicht und der Seitenriss der Seitenansicht. Siehe auch Ansicht.

Risspilz, Inocybe: Gattung der Blätterpike mit kegelförmigem weißem oder bräunlichem Hut, dessen Oberfläche faserig-rissig erscheint. Viele Arten sind stark giftig (Muskarin), zum Beispiel der Ziegelrote Risspilz (Inocybe patouillardii), der im Mai und Juni in Wäldern und Gebüsch vorkommt.

Risstechnik: Bergsteigen Klettern an Wänden mit spaltenartigen Felseinschnitten verschiedener Breite (zum Beispiel handbreit = Handriss, faustbreit = Faustriss), in denen Hände, Fäuste, Füße, Schulter verklemmt oder verkantet werden.

Risswerk, bergmännisches: Gesamtheit aller graphischen Darstellungen eines Bergwerkes, der Lagerstätte und des benachbarten Territoriums mit allen Informationen, die sich der Lage und der Höhe nach zuordnen lassen. Das bergmännische Risswerk dient der praktischen Führung des Bergbaubetriebes, dem Gesundheits-, Arbeits- und Brandschutz, der Sicherheit der Bergleute und dem Umweltschutz des Territoriums mitunter noch Hunderte von Jahren nach Stilllegung des Bergwerkes. Das bergmännische Risswerk ist nach dem Berggesetz zu führen und vom Markscheider zu beurkunden.

Rist: höchste Stelle der Wölbung des Fußrückens; bei Vierfüßern Übergang vom Hals zum Rücken; siehe auch Widerrist.

ritardando, Abkürzung rit: Musik langsamer werdend.

ritenuto: Musik verhalten, langsamer.

Ritornell: 1. Literatur dreizeilige italienische Strophenform, in der die Mittelzeile reimlos bleibt. Die 1. Zeile ist meist etwas kürzer.

2. Musik: a) wiederkehrendes instrumentales Vor-, Zwischen- und Nachspiel in Vokalkompositionen;

b) das Tutti im Instrumentalkonzert des 18. Jahrhundert;

c) frühes italienisches dreistrophiges Volkslied, in dem sich der 1. und 3. Vers reimen.

Ritsos, Jannis, geboren 1.5.1909, griechischer Dichter, seit 1931 der kommunistischen Bewegung verbunden, vielfach verfolgt und eingekerkert; formuliert mit wechselnden künstlerischen Mitteln als einer der bedeutendsten zeitgenössischer Dichter in einem umfangreichen Werk Probleme und Anliegen seines Landes und seiner Zeit (Gedichtsammlungen «Zeugenschaften», 1968; «Die Wurzeln der Welt», 1970; «Epitaphios», 1973; «Milos geschleift», 1979; «Steine, Wiederholungen, Gitter», 1980; sämtliche deutsch).

Ritt, Martin, geboren 2.3.1920, US-amerikanischer Regisseur; setzt sich in seinen Filmen kritisch mit der zeitgenössischen US-amerikanische Gesellschaft auseinander («Ein Mann besiegt die Angst», «Man nannte ihn Hombre», «Die große weiße Hoffnung», «Conrack», «Der Strohmann», «Norma Rae»).

Rittberger: (nach einem Eiskunstläufer) Eiskunstlauf Sprung von rückwärts-auswärts mit ganzer (einfacher Rittberger), zweifacher (Doppelter-Rittberger) beziehungsweise dreifacher (dreifacher Rittberger) Drehung auf rückwärts-auswärts auf das gleiche Bein.

Ritter:

1. Geschichte: Rittertum.

2. Ritter, Papilionidae: Zoologie - Familie der Tagfalter mit großen, bunten, meist tropischer Arten; Hinterflügel oft mit schwanzartigen Verlängerungen; in Mitteleuropa nur 5 Arten. Siehe auch Apollofalter, Schwalbenschwanz.

Ritter: 1. Carl, 7.8.1779-28.9.1859, Geograph; neben A. von Humboldt Begründer der modernen Geographie (insbesondere der Anthropogeographie); 1820 als erster Professor der Geographie in Deutschland an die Universität Berlin berufen.

2. Felix - Krüss.

Ritterbund, Rittergesellschaftliche Vereinigung der Ritterschaft bestimmter Gebiete im 14. und 15. Jahrhundert; diente der Wahrung wirtschaftlicher und sozialer Ansprüche gegenüber den fürstlichen Landesherren und den Städten.

Rittergut: aus feudalem Grundeigentum hervorgegangener, besonders in Ostdeutschland anzutreffender landwirtschaftlicher Großbetrieb, der bis ins 19. Jahrhundert eine Reihe von Privilegien (Obrigkeits-, Steuer-, Jagdrechte und so weiter) hatte und bis dahin in der Regel nur das Eigentum Adliger sein konnte. Mit der Ablösung des Feudalismus entstand aus dem Rittergut ein kapitalistischer Landwirtschaftsbetrieb. Durch die demokratische Bodenreform wurden die Rittergüter, Zentren politischer Reaktion, entschädigungslos enteignet, aufgeteilt oder in Volkseigentum überführt.

Ritterlinge, Tricholoma: Gattung der Blätterpilze mit fleischigen Fruchtkörpern; die hellen Blätter sind um den Stiel ausgebuchtet; einige giftige Arten, zum Beispiel der Tigerritterlinge; siehe auch Grünling.

Ritterorden: Bezeichnung für Gemeinschaften von Rittern, die im Zuge der Militarisierung der Kirche in Palästina zur Zeit der Kreuzzüge entstanden und neben den Mönchsgelübden das Gelöbnis zum Kampf gegen die nichtchristliche Bevölkerung ablegten. Gegliedert in Ritter, Priester und dienende Brüder und geleitet von einem Hoch- oder Großmeister, wurden die Ritterorden in den Kreuzzugsstaaten die entscheidende Macht. Die französischen Ritterorden der Templer (gegründet 1118) und der Johanniter (gegründet zu Beginn des 12. Jahrhundert) besaßen bald in ganz Westeuropa umfangreiche Ländereien. Der Deutsche Ritterorden (gegründet 1198) wurde nach seinem Rückzug aus dem Orient zur aggressivsten Kraft der deutschen feudalen Ostexpansion.

Ritterschlag, Schwertleite: feierliche, symbolische Handlung, durch die der 21jährige Knappe Ritter wurde und Lehnsfähigkeit erhielt.

Rittersporn, Consolida: Gattung der Hahnenfußgewächse mit langgespornten Blüten in vielblütiger Traube, einjährig sind der blau blühende Feldrittersporn (Consolida regalis), ein Unkraut kalkhaltiger Böden, und der vielfarbige Gartenrittersporn (Consolida ajacis); der Hohe Rittersporn (Delphinium elatum) ist eine Zierstaude.

Ritterstern, Hippeastrum: südamerikanisches Amaryllisgewächs (fälschlich Amaryllis genannt) mit großen roten oder weißen Blüten; beliebte Zimmerpflanze mit ausgeprägter Ruheperiode.

Rittertum: feudale Klassenfraktion und Standesbezeichnung innerhalb der europäischen Feudalgesellschaft, vor allem der niedere Adel, der sich aus freien Bauern und unfreier Landbevölkerung (besonders in Deutschland Ministerialen) entwickelte; übernahm, durch Lehen (Lehnswesen) entlohnt, vornehmlich militärische Funktionen. Die Ritter bildeten seit dem 11. Jahrhundert einen erblichen Stand. Wegen des begrenzten Landbesitzes war nicht allen Familienangehörigen der Ritterfamilien eine ihren Ansprüchen genügende Existenz garantiert, daher strebten sie nach feudaler Expansion und Übernahme einträglicher Stifts- und Klosterstellen. Die sich im 12. Jahrhundert herausbildende Standesethik, Kriegstechnik Und Lebensweise wurden (idealisiert) zum Vorbild für die gesamte herrschende Klasse in West- und Mitteleuropa und in der Dichtung verherrlicht (Minnesang). Der Zerfall des Lehnssystems sowie die Entstehung der mit Feuerwaffen ausgerüsteten Söldnerheere machten das Rittertum als Berufsstand überflüssig. Als meist destruktive Feudalfraktion (Raubritter) wurde das Rittertum von Königen, Fürsten und Bürgertum bekämpft.

Ritual: in der römisch-katholischen Kirche Vorschrift(sbuch) für Riten (Rituale Romanum). Siehe auch Ritus.

Ritualmord: Tötung eines Menschen in der abergläubischen Vorstellung, dass religiöse Ziele oder Kulte es erfordern oder rechtfertigen.

Ritus: meist durch Tradition festgelegte, genau geregelte Ordnung religiös-kultischen oder magischen Handlungen, auch Gesamtheit religiöser Gebräuche; übertragen feststehender Ablauf einer feierlichen Handlung.

Ritzmann, Martin, 21.2.1919-7.8.1984, Sänger (Tenor); debütierte 1951 in Altenburg; war seit 1957 Mitglied der Deutschen Staatsoper Berlin (1959 Kammersänger); insbesondere in Verdi-Partien auch im Ausland erfolgreich.

Ritzzeichnung: mit einem spitzen Werkzeug in Stein, Putz, Knochen oder Elfenbein eingeritzte bildliche Darstellung. Die Ritzzeichnung gehört zu den ältesten Kunstäußerungen überhaupt. Früheste Ritzzeichnungen sind aus der Altsteinzeit erhalten. Die Ritzzeichnung spielt eine Rolle bei der Vorbereitung von Malereien auf Malgründen, die erst allmählich erhärten (Vasenmalerei, Fresko). Nach der Vollendung des Werks ist die geritzte Vorzeichnung von Farbe verdeckt. Selbständige Bedeutung hat sie bei verschiedenen mittelalterlichen Putzritzungen und den Ritzgrabsteinen. Abarten sind der bäuerliche Kratzputz und das Sgraffito.

Riukiu Inseln, Ryukyu Inseln: etwa 1200 km lange Inselkette im westlichen Stillen Ozean, zwischen den Inseln Kyushu (Japan) und Taiwan (China), zu Japan gehörend; insgesamt 98 Inseln, davon 47 bewohnt; umfassen die zur Präfektur Kagoshima gehörenden Osumi-, Tokara- und Amami Inseln sowie die Okinawa- und Saki Inseln (zur Präfektur Okinawa); 4403 km2, 1,2 Millionen Einwohner; Hauptort und -hafen Naha auf der größten Insel Okinawa. Die aus kristallinem Grundgebirge mit darüber liegenden tertiären Sedimenten und Vulkangesteinen bestehenden Riukiu Inseln bilden ein erdbebenreiches Berg- und Hügelland mit noch tätigen Vulkanen (auf Yaku im Shima bis 1935 m) und sind meist von Korallenriffen umgeben. Bei außertropischen Monsunklima mit Taifun Gefährdung Anbau von Zuckerrohr, Reis, Ananas, Bananen; Milchvieh- und Schweinehaltung; Lebensmittel- und Genussmittelindustrie, ferner Fischereiwirtschaft. Große Luftwaffen- und Flottenstützpunkte der USA.

Riva-Rocci, Scipione, 7.8.1863-15.3.1937, italienischer Kinderarzt; Professor an der Universität Pavia; konstruierte 1896 den nach ihm benannten Apparat zum Messen des Blutdrucks.

Rivarol, eigentlich Rivaroli, Antoine de, 26.6.1753 bis 13.4.1801, französischer Schriftsteller, Journalist und Linguist; unterstützte mit seiner «Abhandlung über die Universalität der französischen Sprache» (1784, deutsch), einem Hohelied auf die französische Sprache, den kulturellen Hegemonieanspruch Frankreichs.

Rive, Richard, geboren 1.3.1931, südafrikanischer Schriftsteller; gestaltet anklagende Episoden aus dem Leben der diskriminierten Afrikaner (Erzählungen «Mondschein über dem sechsten Distrikt», 1963, deutsch) sowie den Gedanken an organisierten Widerstand gegen das rassistische Regime (Roman «Ausnahmezustand», 1964).

Rivel, Charlie (eigentlich José Andreo), 24. 4. 1896-26. 7. 1983, spanischer Akrobat, Luftgymnastiker, Clown; weltbekannt als «Akrobat-schööön»; trat auch zusammen mit seinen Brüdern Polo und René («Die Rivels») auf.

Rivera: 1. Diego Maria Rivera, 8.12.1886-24.11.1957, mexikanischer Maler und Graphiker, Mitbegründer und neben J. C. Orozco und D. A Siqueiros hervorragendster Vertreter der mexikanischen Wandmalerbewegung, führendes Mitglied der KP Mexikos. Rivera stellte in teils sehr umfassenden Freskenzyklen und in Einzelbildern die Ideale der proletarischen Revolution dar. Seit den 30er Jahren wandte er sich zunehmend Themen aus der mexikanischen Geschichte zu. Hauptwerke: monumentale Wandgemälde für das Erziehungsministerium (1923/28), den Nationalpalast (1934/35 und 1944/51) in Mexiko-Stadt und die Landwirtschaftsschule in Chapingo (1925/27); Glasmosaik am Teatro de los Insurgentes (1952/53) sowie Mosaikfontäne und Wandmalerei des Sammelbassins für das Lermawasser (1951); außerdem zahlreiche Staffeleibilder.

2. José Eustasio Rivera, 19.2.1889-1.12.1928, kolumbianischer Schriftsteller; eröffnete durch die Gestaltung der feudalen Verhältnisse auf dem Lande und der Ausbeutung der Kautschukzapfer der kolumbianischen Literatur völlig neue Wege (Roman «Der Strudel»), 1924, deutsch).

Rivers: Bundesstaat im Südosten Nigerias, im Nigerdelta; 21850 km2, 2,79 Millionen Einwohner; 128 Einwohner/ km2; Hauptstadt Port Harcourt.

Riviera: Mittelmeerküste mit mildem Klima am Ligurischen Meer, Winterkurorte, Seebäder, Blumenzucht, Weinbau; gegliedert in französische Riviera oder Côte d’Azur (Cannes, Nizza, Monaco, Menton) und italienische Riviera mit der Riviera di Ponente (Bordighera, Sanremo) und der Riviera di Levante (Rapallo); starker Fremdenverkehr.

Rizal, José Protesio, 19.6.1861-30.12.1896, philippinischer Dichter und Schriftsteller; Vorkämpfer der Unabhängigkeit von spanischer Kolonialherrschaft; bereitete mit seinem Roman «Noli me tangere» (1887) und zahlreichen anderen Werken, der Mitarbeit im 1888 in Barcelona gegründeten Exil Bund «Solidaridad» und der Gründung der Liga Filipina (1892) den Ausbruch der Unabhängigkeitsrevolution von 1896 vor, von den Kolonialbehörden zum Tode verurteilt und erschossen.

Rizin, Ricin: in Rizinussamen neben dem Alkaloid Ricinin enthaltener, sehr giftiger Eiweißstoff. Das zu den Albuminen gehörende Rizin ist ein weißes Pulver und bewirkt eine Zusammenballung der Blutkörperchen.

Ricinin: in Rizinussamen neben dem Eiweißstoff Rizin enthaltenes Alkaloid der Formel C8H802N2. Ricinin ist ein Pyridinderivat und bildet farblose, giftige, bitter schmeckende, heißwasserlösliche Kristalle; F 201 °C.

Ricinolsäure: im Rizinusöl als Glycerid enthaltene ungesättigte Hydroxyfettsäure der Formel C17H32(OH)(COOH). Ricinolsäure ist eine ölige, wasserunlösliche Flüssigkeit (5,5 °C) und dient zur Herstellung von Weichmachern.

Rizinus, Ricinus communis: baumförmiges Wolfsmilchgewächs aus Afrika mit großen, handförmig geteilten Blättern und giftigen Samen, aus denen das Rizinusöl gewonnen wird.

Rizinusöl: farbloses, aus Rizinussamen gepresstes oder extrahiertes fettes Öl, das zu 86% aus dem Glycerid der Ricinolsäure besteht. Rizinusöl wird zur Herstellung von Kosmetika, Öllacken und als Abführmittel verwendet.

Rjaschski, Georgi Georgijewitsch, 12.2.1895-20.10.1952, sowjetischer Maler, seit 1923 Mitglied der AChRR; lehrte 1934/52 am Moskauer Surikow Kunstinstitut; schuf Genrebilder, Landschaftsdarstellungen, vor allem aber Porträts.

Rjumin, Waleri Wiktorowitsch, geboren 16.8.1939, sowjetischer Kosmonaut; absolvierte vom 9. bis 11.10.1977 als Bordingenieur von Sojus 25 zusammen mit W. W. Kowaljonok einen Raumflug und war mit W. A. Ljachow (Sojus 32/Salut 6; 26.2./19.8.1979) und L. I. Popow (Sojus 35/Salut 6; 9.4./11.10. 1980) an 2 Langzeitflügen (175 beziehungsweise =185 Tage) beteiligt. Rjumin war mit 3 Raumflügen von insgesamt 8 685 h 33 min (entspricht 362 Tagen) der Raumfahrer mit der größten Gesamt-Raumflugzeit (1986 von L. D. Kisim mit 375 Tagen übertroffen).

Roa Bastos, Augusto, geboren 13.6.1917, paraguayischer Romancier, lebt im Exil; entwickelte einen Phantast. Realismus von beeindruckender Aussagekraft (Erzählband «Der Donner zwischen den Blättern», 1953, deutsch; Roman «Menschensohn», 1959, deutsch, über die Geschichte Paraguays im 20. Jahrhundert als Martyrium des Volkes; historischer Roman «Ich, der Allmächtige», 1974, deutsch, über die Diktatur von J. G. Rodriguez de Francia).

Roadster: offener, meist zweisitziger sportlicher PKW; heute nur noch wenig gefertigt. Siehe auch Coupé.

Roans: Sumach gegerbte Schafleder für Bucheinbände.

Roastbeef: Rindsrückenstück, aus dem Fleischscheiben zum Kurzbraten (Rumpsteaks) gewonnen werden.

Robbe-Grillet, Alain, geboren 18.8.1922, französischer Schriftsteller, einer der Begründer und Theoretiker des Nouveau Roman; vertrat in dieser sehr heterogenen Richtung den sogenannt Sachroman, in dem die Beschreibung der äußeren Objektwelt den Bereich der sozialen Praxis weitgehend verdrängt (Roman «Die Jalousie oder Die Eifersucht», 1957, deutsch); verfasste auch Drehbücher.

Robbel, Kurt, 20.5.1909-11.7.1986, Maler und Graphiker; nach Holzbildhauerlehre 1928/31 Studium in Berlin an der Kunstgewerbeschule und Kunstakademie, 1951/74 Professor an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst Berlin-Weißensee; gestaltete in einer lapidaren, klare Formen und kraftvolle, farbige Akzente bevorzugenden Ausdrucksweise Figürliches, Stillleben, Historien- und Landschaftsmotive.

Robben, (niederdeutsch, zu «Raupe») Pinnipedia: Wasserraubtiere mit spindelförmigem Körper, kurzem, dicht anliegendem Fell und kurzen, in einer breiten Ruderflosse endenden Gliedmaßen; Nasen- und Ohröffnungen sind verschließbar. Robben ernähren sich vorwiegend von Fischen; 1 bis 2 Jungtiere mit meist wolligem Jugendfell werden auf dem Land geboren. Hierzu gehören Hundsrobben, Ohrenrobben und Walross.

Robber, Rubber: Doppelpartie bei Bridge und Whist.

Robbia, italienische Bildhauerfamilie des 15./16. Jahrhundert in Florenz, berühmt durch glasierte Tonreliefs: 1. Andrea della, 28.10.1435-1525, Neffe und Schüler von R3; aus seiner Werkstatt gingen zahlreiche farbige Majolika Reliefs hervor, die als wetterbeständige Außenplastik beliebt waren.

2. Giovanni della Robbia, 1469-nach 1529, Sohn von Robbia 1; führte neben seinen Brüdern die Werkstatt des Vaters weiter, deren Erzeugnisse in der fast fabrikmäßigen Massenherstellung allmählich an Qualität verloren.

3. Luca della Robbia, 1399-20.2.1482; neben Donatello und L. Ghiberti bedeutendster Bildhauer der Frührenaissance; schuf Marmor- und Tonarbeiten (Sängertribüne im Florentiner Dom, 1431/37); übernahm die Farbglasur der Geschirrfayence für das Relief und begründete die von seinem Neffen Robbia 1 und dessen Söhnen weitergeführte Werkstatt.

Robbins, Jerome, geboren 11.10.1918, US-amerikanischer Tänzer, Choreograph und Regisseur; gilt als Begründer eines spezifischen US-amerikanischen Tanzstils; internationalen Erfolg hatte er mit der Inszenierung der «West Side Story».

Robe: (germanisch, zu «Raub») kostbares langes Kleid für festliche Anlässe; Übergewand der Rechtsgelehrten, Geistlichen unter anderem

Robert: 1. Robert, Louis Nicholas, 2.12.1761 bis 8.8.1828, französischer Korrektor; Erfinder der ersten (Langsieb-) Papiermaschine (1799).

2. Shaaban.

Robert Guiscard, um 1015-17.7.1085, normannischer Graf von Apulien; dehnte die Normannenherrschaft auf ganz Unteritalien und Sizilien aus und wurde ebenda Herzog.

Robertson: (nach einem US-amerikanischen Eiskunstläufer) Eiskunstlauf Sprung von rückwärts einwärts auf rückwärts-auswärts mit einer Drehung, die der Laufrichtung des Rückwärts-einwärts-Bogens entgegengesetzt ist.

Robeson, Paul, 9.4.1898-23.1.1976, US-amerikanischer Sänger (Bass) und Schauspieler; Kämpfer für Frieden und gegen Rassismus und koloniale Unterdrückung; debütierte 1925 als Sänger von Negro Spirituals und errang auf Reisen mit Liedern vieler Völker große Erfolge; sammelte ferner wissenschaftliches Material zur internationalen Folklore.

Robespierre, Maximilien de, 6. 5. 1758-28. 7. 1794 (guillotiniert), einer der Führer der Französischen Revolution; in seinen Anschauungen von J. J. Rousseau beeinflusst, seit 1789 Mitglied der Generalstände und der Konstituante, 1792 des Konvents; Gegner der Feuillants und Girondisten, widersetzte sich deren Versuchen, die Revolution mit einem Kompromiss zu beenden; konsequentes Auftreten und persönliche Lauterkeit verschafften Robespierre Autorität bei den Jakobinern und Popularität beim Volk, das ihn den «Unbestechlichen» nannte; nach dem Sturz der Girondisten führte Robespierre die Revolution an der Spitze des Wohlfahrtsausschusses mit der Errichtung der Jakobinerdiktatur zu ihrem Höhepunkt. Im Frühjahr 1794 schaltete Robespierre die «Gemäßigten» um Danton aus; sein Vorgehen gegen Enragés, linke Jakobiner und Volksgesellschaften, die Liquidierung der bei den Sansculotten populären Hébertisten sowie eine unbefriedigende Sozialpolitik untergruben die Massenbasis der Jakobinerdiktatur. Am 9. Thermidor (27.7.) 1794 wurde Robespierre gestürzt.

Robin Hood, legendärer angelsächsischer Freiheitsheld des 11./12. Jahrhundert; kämpfte als Geächteter im Wald von Sherwood bei Nottingham zum Wohle der Ausgebeuteten gegen die normannische Feudalherrschaft. Held der englischen Volksdichtung.

Robinie: (nach einem französischen Botaniker) Falsche Akazie, Robinia pseudoacacia: schnellwüchsiger, dorniger nordamerikanischer Baum (Schmetterlingsblütler) mit weißen, nektarreichen, duftenden Blüten in hängenden Trauben und unpaarig gefiederten Blättern. Siehe auch Laubhölzer.

Robinson, Earl, geboren2.7.1910, US-amerikanischer Komponist und Volkssänger; Schüler von A. Copland und H. Eisler; schrieb besonders von Volkslied und Songstil geprägte Lieder, die er selbst zündend interpretierte, die sozialkritische Volksoper «Sandhogs» (1954; nach T. Dreiser) unter anderem

Robinsonade: insbesondere nach dem Vorbild von D. Defoes «Robinson Crusoe» (1719) benannte Art des abenteuerlichen Romans über das Leben Schiffbrüchiger auf einsamer Insel; bedeutendste Robinsonade der deutschen Literatur ist «Insel Felsenburg» (1731/43) von J. G. Schnabel.

Robles, Emmanuel, geboren 4.5.1914, französischer Schriftsteller; lebte lange in Algerien; Verfasser geschichtsrelevanter Romane, deren Helden gegen Kolonialismus, Ausbeutung und Lebensnivellierung revoltieren («Auf den Höhen der Stadt», 1948, deutsch; «Die Kreuzfahrt», 1968, deutsch; «Die Sirenen», 1978; «Venedig im Winter», 1981).

roboten: (slawisch) fronen; schuften, schwer arbeiten.

Roboter: (slawisch) frei programmierbares technisches Mittel zur Ausführung von Arbeiten, meist elektronisch gesteuert. Der Roboter wird als Werkstück-Roboter (Manipulator) oder Werkzeug-Roboter (zum Beispiel Schweiß-Roboter) eingesetzt. Siehe auch Industrieroboter.

Robur: Markenbezeichnung der im VEB Robur-Werke Zittau als Frontlenker gebauten Nutzfahrzeuge mit über 30 Aufbauvarianten in den Grundtypen Kasten-, Koffer-, Pritschen- und Mehrzweckwagen sowie Autobus mit luftgekühltem Vierzylinder-Viertaktmotor mit 3 345 cm3 Hubvolumen, 55 kW Leistung beziehungsweise luftgekühltem Vierzylinder Dieselmotor mit 3 927 cm3 Hubvolumen, 50 kW Leistung; Höchstgeschwindigkeit 85 km/h.

robust: kräftig, derb, stämmig; widerstandsfähig, unempfindlich.

Rocaille: felsiges Muschelwerk zur Dekoration von Grotten und Brunnen; davon abgeleitet Bezeichnung für die typischste Ornamentform des Rokokos, bestehend aus asymmetrische, muschelähnliche Formen mit wellenartig geriefelter Fläche, bewegtem Rand und eingerollten Enden. Das Rocaille fand vielseitige Anwendung als Dekorationselement von Innenräumen und Gebrauchsgegenständen aller Art.

Rochade: Schach nur einmal je Partei möglicher Doppelzug König-Turm; der König geht dem Turm, der anschließend auf seine andere Seite gestellt wird, 2 Felder entgegen.

Rochdale: Stadt im Westen Englands (Großbritannien), Großstadtgrafschaft Greater Manchester, nördlich von Manchester; 93000 Einwohner; Elektromaschinenbau; Textil-, Papier- und polygraphische Industrie; Museum, Kunstgalerie; Parks.

Rochefort, Christiane, geboren 17.7.1917, französische Schriftstellerin; Verfasserin kritisch-satirischer Romane, deren meist weibliche Helden sich gegen Klischees der bürgerlichen Gesellschaft empören («Mein Mann hat immer recht», 1963, deutsch; «Zum Glück gehts dem Sommer entgegen», 1977, deutsch).

Rochen, (niederdeutsch, zu «rau») Rajiformes: Knorpelfische mit abgeflachtem, scheibenförmigem Körper, großen seitlichen Brustflossen und langem, peitschenartigem Schwanz; Kiemenspalten auf der Unterseite, Augen und Spritzlöcher auf der Oberseite des Kopfes; Haut rau, oft dornig beschuppt; meist bodenbewohnende, marine Raubfische. Der 1,2 m lange Nagelrochen (Raja clavata) mit 3 Reihen großer Hautzähne auf dem Rücken und Schwanz sowie der größere Glattrochen (Raja batis) leben an europäischen Küsten, beide sind Speisefische; siehe auch Teufelsrochen, Zitterrochen.

Rochester: Stadt im Westen des Bundesstaates New York (USA), am Ontariosee; 240000 Einwohner, als Metropolitan Area 970000 Einwohner; Werkzeugmaschinen- und Büromaschinenbau, fotooptische (Sitz des Eastman-Fotokonzerns), feinmechanische, Lebensmittel-, Textil-, Möbelindustrie; Universität, Colleges, technische und Musikhochschule.

Röchet, Waldeck, 5.4.1905 - 15.2.1983, französischer Arbeiterführer; Mitglied der Französischen KP seit 1924, deren ZK seit 1937; 1940 deportiert; seit 1950 Mitglied des Politbüros, 1961/64 stellvertretender Generalsekretär, 1964/72 Generalsekretär, seit 1972 Ehrenvorsitzender der KP.

Rochlitz: Kreisstadt im Bezirk Karl-Marx-Stadt, an der Zwickauer Mulde; 8 400 Einwohner; Bau von Hydraulik-, Fernmeldeanlagen und Schaltgeräten, Großmühle, Quarzporphyr Tuffbrüche (Rochlitzer Berg, 353 m); Institut für Lehrerbildung; Museum; Schloss (12./16. Jahrhundert).

Rochow, Friedrich Eberhard von, 11.10.1734 - 16.5.1805, Pädagoge; erstrebte als preußischer Junker im Interesse der kapitalistischen Entwicklung der Landwirtschaft Aufklärung und lebensverbundene Bildung der Landbevölkerung, bessere soziale Stellung der Landlehrer unter anderem; von feudaler Reaktion bekämpft.

Rockhampton: Stadt in Queensland (Australien), an der Mündung des Fitzroy River in den Stillen Ozean; 56000 Einwohner; Maschinenbau, Lebensmittelindustrie; Hochseehafen (besonders Export von Kupfererz vom nahen Mount Morgan), Flughafen.

Rockmusik: zunächst nur US-amerikanische Bezeichnung für die in Großbritannien Ende der 50er Jahre entstandene Beatmusik, die sich ab Mitte der 60er Jahre mit dem zunehmenden Einfluss amerikanischer Gruppen und der amerikanischen Musikindustrie auf die Entwicklung dieser von einem jugendlichen Publikum und in der Regel auch jugendlichen Musikern getragenen Musikpraxis allgemein durchsetzte. Die Rockmusik ist gekennzeichnet durch eine kaum überschaubare Vielfalt an Spielweisen, die alle auf ein charakteristischen metrisch-rhythmischen Grundmuster mit dem Beat als Ausgangspunkt des Musizierens bezogen sind. Für die Entwicklung und Differenzierung des Klangbildes (Sound) wurde eine Vielzahl elektroakustische und elektronische Geräte entwickelt, die die Rockmusik zu einer hochtechnisierten Musik mit einem ästhetisch neuartigen Verhältnis von Musik und Technik machen. Sie hat musikalisches Material aus sehr verschiedenen Bereichen der zeitgenössischen Musikentwicklung zu einer Synthese verbunden und in einen neu entstandenen kunstspezifischen Gebrauchszusammenhang gebracht, der unmittelbar mit der Lebensweise Jugendlicher verbunden ist. Nach den dominanten Elementen in dieser Synthese werden verschiedene Stilrichtungen, wie Jazz Rock, Klassik Rock, Folk Rock und so weiter, unterschieden, nach der Spielweise des metrisch-rhythmischen Grundmusters Hard Rock, Soft Rock und so weiter. Als Bestandteil der kapitalistischen Massenkultur ist die Rockmusik eine gewaltige, hochgradig monopolisierte und äußerst widersprüchliche internationale Industrie. In den sozialistischen Ländern hat sie musikalisch und inhaltlich zu einer eigenständigen Entwicklung gefunden, die sie hier zu einem wichtigen Moment der sozialistischen Kultur und Lebensweise macht.

Rock'n'Roll: Variante des Rhythm & Blues mit Vorläufern sowohl in der schwarzen wie auch der weißen populären Musik der USA, aufgekommen in der 1. Hälfte der 50er Jahre vor allem für das weiße Publikum in den USA; gekennzeichnet durch einfache melodische und harmonische Formeln, aber eine intensive Rhythmik und einen deutlichen inhaltlichen Bezug auf die Lebenssituation Jugendlicher; löste damit eine geschickt vermarktete Welle der Begeisterung aus; wurde später zum musikalischen Ausgangspunkt der Rockmusik. Hauptvertreter B. Hatey (1927-1981), C. Berry (geboren 1931), E. Presley (1935-1977). Der gleichnamige Modetanz ist eine Variante des Boogie mit einer rhythmischen Umkehrung.

Rodakowski, Henryk, 9.7.1823-28.12.1894, polnischer Maler, ursprünglich Jurist; 1846/67 in Paris, wirkte später vor allem in Lwow; schuf qualitätvolle Porträts und in der Figurenkomposition an P. Veronese orientierte Historienbilder.

Roda Roda, Alexander, 13.4.1872-20.8.1945, österreichischer Schriftsteller; während des 1. Weltkrieges Journalist und Frontberichterstatter, 1938 Emigration in die USA. Seine skizzenhaften Erzählungen, Schwänke, Humoresken und Anekdoten mit glänzend pointierter Darbietung vermitteln ein farbiges, zum Teil sehr kritisch gesehenes Zeitbild («Roda Roda Cicerone»); seine thematisch anspruchsvollen Satiren auf die bürgerlich-feudale Oberschicht («Von Bienen, Drohnen und Baronen», 1908) sind aus der Perspektive eines ironischen Betrachters der bürgerlichen Gesellschaft gesehen.

Rödelbalken: mit Rödeldraht seitlich auf Bohlenwegen oder Brücken befestigter Holzbalken, der das Kippen der Bohlen verhindert und die Fahrbahn begrenzt.

Rödeldraht: weichgeglühter Stahldraht zum Verbinden von Bauteilen durch Umschlingen und Zusammendrehen, zum Beispiel der Bewehrung, von Schalungsteilen und Holzbalken.

Rodelordnung: Wettkampfbestimmungen für den Rennschlittensport. Die internationale Rodelordnung (IRO) ist für alle Wettbewerbe der FIL verbindlich.

Roden:

1. Forstwirtschaft: allgemeines Entfernen von Gehölzen aus dem Boden; besonders Heraustrennen ganzer Pflanzen (Sämlinge, verschultes Pflanzgut) oder der Wurzelstöcke gefällter Bäume zur Stockholzgewinnung aus dem Boden.

2. Landwirtschaft: Verfahren zur Ernte der Knollen- und Wurzelgewächse (Kartoffeln, Rüben, Wurzelgemüse unter anderem).

Rodenbach, Georges, 16.7.1855 bis 25.12.1898, belgischer Schriftsteller französischer Sprache; gehörte zu den Mitbegründern einer autonomen belgisch-flämischen Literatur, schrieb von französischen Wortbildern beeinflusste Lyrik und Romane (Roman «Das

Rodentizide: Wirkstoffe zur Abtötung von Nagetieren, insbesondere Feld- und Wühlmäusen, Hamstern und Ratten. Siehe auch Kumarin.

Rodewisch: Stadt im Kreis Auerbach, Bezirk Karl-Marx-Stadt, im Göltzschtal (Vogtland); 8200 Einwohner; Textil-, Färbereiindustrie; Fachschule für Ökonomie; Volks- und Schulsternwarte und Satellitenbeobachtungsstation; Museum Göltzsch im Renaissanceschloss (1500).

Rodigast, Hermann, geboren 6.3.1915, Fernsehspiel-, Hörspiel- und Filmautor, stellt den sozialistischen Alltag in heiterer, komödiantische Form dar («Papas neue Freundin», 1961; «Gib acht auf Susi», 1968; «Aber Vati», 1974; «Schwester Agnes», 1975; «Benno macht Geschichten», 1982).

Rodin, Auguste, 12.11.1840-17.11.1917, französischer Bildhauer, Maler, Graphiker und Illustrator, bedeutendster Bildhauer der europäischen Kunst am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert Rodin überwand mit seinen eigenständigen Plastiken den spätklassizistischen « Salon »-Idealismus. Die Oberfläche seiner Figuren ermöglicht mit ihrer weichen Durchformung das bewegte Spiel von Licht und Schatten. Damit und in dem Streben nach Darstellung von momentanen Zuständen erweist er sich als impressionistischer Plastiker. Seine Fähigkeit, psychische Tatbestände (Lust, Leidenschaft, Verzweiflung) zu erfassen, machte ihn zu einem hervorragenden Porträtisten. Er empfand die Entfremdung des Menschen in der spätbürgerlichen Gesellschaft und versuchte, ihr mit seinen Gestaltungen entgegenzuwirken (Denkmalplastik «Bürger von Calais», 1884/95).

Rodna Gebirge, rumänisch Muntii Rodnei: Gebirgszug im Nordwesten der zentralen Ostkarpaten (Rumänien); höchste Erhebung Pietrosu mit 2303 m; entwässert vom Großen Some zur Theiß; Pass Prislop, 1416 m über dem Meeresspiegel; Forstwirtschaft.

Rodo, José Enrique, 15.7.1871-1.5.1917, uruguayischer Schriftsteller; führender Modernist; übte durch die Forderung der Realisierung humanistischer Ideale sowie die psychologisierende Abgrenzung der Völker Lateinamerikas vom Imperialismus in seinen Essays «Motive des Proteus» (1908) und «Ariel» (1900) einen bedeutenden Einfluss auf die geistig-kulturelle Entwicklung in Lateinamerika aus.

Rodong Sinmun: (koreanisch, «Arbeiterzeitung») Zentralorgan der Partei der Arbeit Koreas; erscheint seit 1945 in Pjöngjang.

Rodos, Rhodos: Hauptinsel der griechischen südlichen Sporaden (Dodekanesos), nur 18 km von der Südwestspitze Kleinasiens entfernt; 1398 km2, 65000 Einwohner; Verwaltungszentrum Rodos (41000 Einwohner); gebirgig (bis 1215 m); bewaldet, Anbau von Oliven, Wein, Feigen, Südfrüchten, Getreide; Schwammfischerei; Hafen, internationaler Flughafen; Fremdenverkehr, Heilbäder; historische Bauwerke. Besiedlung seit mykenischer Zeit, um 1000 vor Christus von Dorern besiedelt; im 7. Jahrhundert vor Christus bedeutende Gefäßindustrie, im Hellenismus bekannte Bildhauerschule.

Rodrigues: von Korallenriffen umgebene Insel der Maskarenen im Indischen Ozean, zu Mauritius, östlich davon gelegen; 104 km2, 36000 Einwohner; 346 Einwohner/km2; Hauptort und Hafen Port Mathurin vulkanische Entstehung und bis 396m hoch; kaum bewaldet, Mais-, Gemüse- und Zuckerrohranbau, Rinderzucht; Fischfang.

Rodriguez de Francia, José Gaspar, 6.1.1776-20.9.1840, Führer der Unabhängigkeitsrevolution Paraguays, Geistlicher, Arzt und Jurist; seit 1814 Diktator («El Supremo»). Als Anhänger der französischen Jakobiner, Verehrer Napoleons I. und aufgeklärter Politiker suchte er die Unabhängigkeit gegen Spanien, Argentinien und Brasilien durch strenge Autarkie zu wahren und die Rückständigkeit durch radikale Reformen (Agrarreform, Entmachtung der katholischen Kirche, Förderung von Landwirtschaft, Gewerbe und Volksbildung) zu überwinden und legte damit den Grundstein für den nationalen Aufschwung Paraguays.

Rodtschenko, Alexander Michailowitsch, 5.12.1891-3.12.1956, sowjetischer Maler, Graphiker, Designer, Fotomonteur und Fotograf. Ausgehend von abstrakten Kompositionen, widmete er sich, vielseitig experimentierend, verschiedenen Gebieten der angewandten Kunst, besonders der Ausarbeitung theoretischer Grundlagen und praktischer Lösungen von Gestaltungsaufgaben (Plakate, Ausstellungen, Typographie, Formgestaltung), später wandte er sich besonders der Fotografie zu und prägte mit kühnen Bildfindungen die sowjetische Fotografie nachhaltig.

Rodung: im Wald- oder Buschgebiet zur Besiedlung, zu landwirtschaftlicher, bergbaulicher beziehungsweise industrieller Nutzung oder auch zur Anlage von Verkehrswegen freigelegte Fläche.

Roeder, Emy, 30.1.1890-7.2.1971, Bildhauerin und Zeichnerin der BRD; 1918 Mitbegründerin der Novembergruppe, 1933/49 Emigration in Frankreich und Italien; ihr realistisches Werk, das neben Aktdarstellungen und stilisierten Tierfiguren besonders Bildnisse umfasst, ist gekennzeichnet von sparsamer, empfindsamer Linearität und lapidarer plastische Form.

Roehricht, Karl Hermann, geboren 21.10.1928, Maler und Schriftsteller, schreibt Erzählungen («Jahrmarkt», 1976), Romane (Trilogie «Vorstadtkinder», 1979; «Großstadtmittag», 1980; «Waldsommerjahre», 1981), Märchen, Lieder und Balladen.

Roelants, Maurice, 19.12.1895-25.4.1966, belgischer Schriftsteller niederländischer Sprache; führte den psychologischen Roman in die flämische Literatur ein («Kommen und Gehen», 1927, deutsch); war Mitherausgeber der Zeitschrift «Forum» 1932/35; schrieb auch Lyrik und Essayistik.

Roemer, Theodor, 20.11.1883-3.9.1951, Agrarwissenschaftler; Verfasser grundsätzlicher Werke über Acker- und Pflanzenbau, bedeutender Getreidezüchter; förderte den Ausbau des landwirtschaftlichen Versuchswesens.

Roentgen, David, 11.8.1743-12.2.1807, Kunsttischler; entwickelte in eigener Werkstatt formstrenge Möbel, meist mit Bronzebeschlägen, im Louis-Seize-Stil, die durch ihre handwerklichen und künstlerischen Qualität Weltruhm erlangten.

Roerich, Rerich, Nikolai Konstantinowitsch, 9.10.1874-13.12.1947, russisch-sowjetischer Maler, Bühnenbildner, Kunsttheoretiker und Archäologe. Roerich gehörte zur Gruppe «Mir Iskusstwa», trat als Theoretiker des Symbolismus hervor und schuf Bühnenbilder für Moskauer und Petersburger Theater sowie die Ballets russes in Paris. Seit 1920 lebte Roerich in den USA, seit 1930 in Indien, das er ebenso wie Mittelasien in mehreren archäologischen Expeditionen bereist hatte. Initiierte 1929 die internationale Konvention für den Schutz der Kulturdenkmäler.

Roermond: Stadt im Südosten der Niederlande, in der Provinz Limburg, an der Mündung der Roer (Rur) in die Maas; 38000 Einwohner; elektrotechnische, chemische, Aluminium-, Papier-, Textilindustrie; Landwirtschaftsmarkt; spätromanischer Münster (13. Jahrhundert), gotische Kathedrale.

Rogen: unbefruchtete Fischeier. Der Rogen bestimmter Fischarten wird zu Kaviar oder Kaviarersatz verarbeitet.

Rohdichte: Verhältnis der Masse des feuchten Holzes zum Volumen mit Porenraum (Gegensatz Reindichte); ausgedrückt in kg/m3; siehe auch Darrdichte.

Roheisen: im Hochofen hergestelltes Produkt für die Stahl- und Gusseisenherstellung; Eisen-Kohlenstoff-Legierung mit mehr als 2% Kohlenstoff und weiteren Eisenbegleitern. Man unterscheidet nach dem Herstellungsverfahren Koks-, Holzkohlen- und Elektro-Roheisen, nach dem Bruchaussehen weißes, graues oder meliertes Roheisen, nach der Weiterverarbeitung Stahl-, Gießerei- und Sonderroheisen.

Rohfaser: bei der Futtermittelanalyse nach dem Kochen mit Schwefelsäure und Kalilauge verbleibender aschefreier Rückstand; vor allem aus Zellulose, Pektin und Lignin bestehende Stoffgruppe, die die pflanzliche Gerüstsubstanz bildet und für den normalen Ablauf der Verdauungsvorgänge im Tierkörper Bedeutung hat.

Rohfell: konserviertes, aber noch nicht zugerichtetes Fell.

Rohfett: Gesamtheit der bei der Futtermittelanalyse mit Äther extrahierbaren Stoffe, darunter auch Lipoide und Wachse.

Rohholzbereitstellung, Rohholzgewinnung, Hauungsbetrieb, Holzeinschlagbetrieb: Ernte des Holzes; umfasst das Fällen, die Ausformung des Baumes zur Sortenbildung oder seine Zerlegung in günstige Transporteinheiten, die Aushaltung (Einstufung des Rohholzes in Holzsorten und Kennzeichnung) und den Transport. Die Holzausformung umfasst alle Arbeitsgänge des Zurichtens der gefällten Bäume (Entasten, Entrinden, Einschneiden, Zerhacken) und erfolgt als Waldausformung am Hiebsort oder als Platzausformung nach dem I Rücken auf Holzausformungs- und Verladeplätzen. Siehe auch Entastungsmaschine.

Rohholzerzeugung: Gesamtheit der Maßnahmen zum Aufbau leistungsstarker, gesunder Wälder; umfasst das Beräumen der Flächen, eventuell Roden, Bodenbearbeitung, Saat und Pflanzung sowie die Pflege der Kulturen.

Rohlfs: 1. Christian Rohlfs, 22.12.1849-8.1.1938, Maler und Graphiker; 1874/84 Studium an der Weimarer Kunstschule. In seinem Frühwerk dem Landschaftsrealismus der Weimarer Malerschule verpflichtet, gelangte er nach 1900 über den Neo Impressionismus zum Expressionismus und schuf Landschafts-, Architektur- und Blumenbilder von leuchtender Farbigkeit.

2. Gerhard Rohlfs, 14.4.1831-2.6.1896, Afrikaforscher; bereiste 1861/64 das südlichen Marokko und Algerien, durchquerte 1865/67 Afrika von Tripolis nach Lagos; erreichte bei einer weiteren Reise 1878/79 als erster Europäer die Kufra-Oasen; 1884/85 im Dienste des deutschen Kolonialimperialismus Reichskommissar auf Sansibar.

Röhm, Ernst, 28.11.1887-30.6.1934, Stabschef der SA; seit 1920 enger Vertrauter A. Hitlers. Röhm trachtete danach, die SA zum Kern eines faschistischen Heeres auszubauen. In den Auseinandersetzungen um die Konsolidierung des faschistischen Regimes und die Ausschaltung kleinbürgerlicher Kräfte im Frühjahr 1934 wurde er im Auftrag führender Kreise des Monopolkapitals und der Reichswehrgeneralität zusammen mit anderen SA-Führern und einigen konservativen Politikern erschossen.

Rohmaterial: Arbeitsgegenstände, die bereits Produkt menschlicher Arbeit sind; es handelt sich in der Regel um Rohstoffe, die in der extraktiven Industrie sowie in der Landwirtschaft weiterverarbeitet wurden und Ausgangsmaterial für die verarbeitende Industrie sind.

Rohmer, Rolf, geboren 21. 2. 1930, Theaterwissenschaftler; Professor an der Theaterhochschule «Hans Otto» in Leipzig, 1969/82 Rektor; Vizepräsident des Verbandes der Theaterschaffenden der DDR; 1979/83 Präsident der Internationalen Gesellschaft für Theaterforschung (französisch Abkürzung FIRT); seit 1984

Roger von Helmarshausen, Benediktinermönch und Goldschmied, lebte um 1100 im westfälischen Kloster Helmarshausen bei Paderborn; schuf unter anderem 2 bezeichnete Tragaltäre (Paderborn, Domschatz und Franziskanerkloster); wahrscheinlich identisch mit «Theophilus Presbyter», dem Verfasser des kunsttechnischen Lehrbuchs «Schedula diversarum artium».

Roggen, Secale: Gattung der Süßgräser; der Saatroggen (Secale cereale) ist eine Gräserart von bläulich grünem Aussehen, hat zweiblütige Ährchen mit bekannten Deckspelzen, bildet eine dichte flache Ähre. Stellt an Klima und Boden geringere Ansprüche als der Weizen; wichtiges Brotgetreide; siehe auch Getreide.

Roggeveen, Jakob, 1.2.1659-Februar 1729, niederländischer Seefahrer; entdeckte auf der Suche nach dem sagenhaften Südland am Ostersonntag 1722 die Osterinsel und im gleichen Jahr die Samoainseln Tutuila und Upolu.

Rögner, Heinz, geboren 16.1.1929, Dirigent; war unter anderem 1958/62 Chefdirigent des Großen Rundfunk-Orchesters von Radio DDR und 1962/73 GMD an der Berliner Staatsoper, ist seit 1974 Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters und des Rundfunkchores Berlin.

Rogowski-Spule, Rogowski-Gürtel: auf einen flachen, nichtmagnetische Träger gewickelte lange Drahtspule; dient, an ein Kriechgalvanometer angeschlossen, zur Messung der magnetischen Spannung; von dem Physiker Walter Rogowski (1881-1947) erfunden.

Rogoznica, Groß-Rosen: Gemeinde in Polen (Wojewodschaft Wroclaw). In Rogoznica bestand von August 1940 bis Februar 1945 ein faschistisches KZ, in dem mindestens 40000 Menschen umgebracht wurden. Gedenkstätte.

Rohan, Henri, 21.8.1579-13.4.1638, französischer Feldherr aus dem Hochadel; zunächst Hugenottenführer, trat er nach deren Niederlage bei La Rochelle (1628) in den königlichen Dienst über und kämpfte zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit Erfolg gegen die Habsburger.

Rohasche: Verbrennungsrückstand bei der Futtermittelanalyse; besteht insbesondere aus Mineralstoffen, enthält jedoch auch anorganische Futterverunreinigungen (zum Beispiel Sand).

Rohbau: a) Bauwerk vor Beginn der Ausbauarbeiten; b) nicht verputztes, aber verfugtes Ziegelbauwerk.

Rohölmotor: Verbrennungsmotor (Halbdiesel- oder Dieselmotor), der mit Schweröl (Rohöl) betrieben wird, das erst über 200 °C siedet.

Rohprotein, Roheiweiß-, gesamte stickstoffhaltige Substanz in Futtermitteln.

Rohr: langer, an den Enden offener Hohlzylinder mit im Vergleich zum Durchmesser geringer Wanddicke. Rohr, zu Leitungen beliebiger Länge verbunden, dienen zum Transport flüssiger oder gasförmiger Stoffe, einzeln auch als Konstruktionselement (Gerüste) oder Halbzeug für ring- oder buchsenförmige Teile (Wälzlagerringe). Stahlrohre werden nahtlos oder aus gerundeten Blechtafeln beziehungsweise gewickelten Blechstreifen gefertigt. Nahtlose Stahlrohre entstehen aus einer Luppe durch Strecken der Luppe und Erzeugen der Endabmessung. Dünnes Rohr wird auf kontinuierlich arbeitenden Rohrwalzgerüsten produziert, wobei die zuvor im Streckwalzwerk gestreckte Luppe nacheinander mehrere um 90 °C versetzte Walzenpaare mit enger werdenden Kalibern durchläuft. Geschweißte Stahlrohr werden durch Stumpf- oder Überlappschweißen von Schlitzrohr (gerundete Blechtafel) oder Spiralrohr (schraubenförmig gewickelter Blechstreifen) hergestellt. Beim Fretz-Moon-Verfahren wird zum Beispiel endloses Stahlband kontinuierlich erwärmt, zwischen mehreren Walzenpaaren mit Rundkalibern gerundet und dann stumpfgeschweißt. Dieses Rohr kann mit größerem Durchmesser und geringerer Wanddicke als nahtloses hergestellt werden, aber auch mit besonders großen Wanddicken. Stahlrohr wird zum Schutz vor Korrosion häufig innen beziehungsweise außen mit einem Überzug, zum Beispiel Zink, Plast, Email, versehen. Gusseisen- oder Stahlgussrohr werden entweder stehend gegossen oder im Schleuderguss hergestellt. Hierzu gehören Flanschrohr (für Gas und Wasser) und Muffenrohr (für Kanalisation und Abwässer). Rohr aus Nichteisenmetall (Kupfer, Blei, Messing, Aluminium) werden durch Ziehen oder (wie Thermoplast Rohr) Strangpressen erzeugt. Für bestimmte Zwecke werden Rohr aus Beton, Stahlbeton, Steinzeug oder Glas nach speziellen Verfahren gefertigt.

Rohrbach, Jäcklein, gestorben 20. oder 21.5.1525 (verbrannt), Leibeigener aus Böckingen; im deutschen Bauernkrieg revolutionärer Führer der Bauern im Neckartal.

Rohrblatt: die aus Schilfrohr geschnittene schwingende Zunge bei Klarinette und Saxophon (einfaches Rohrblatt) sowie bei Oboe und Fagott (doppeltes Rohrblatt); es bewirkt periodische Unterbrechungen des Luftstroms und damit die tonbildenden Luftschwingungen in der Schallröhre.

Rohrdommel, Botaurus stellaris: durch Schutzfärbung dem Schilf angepasster kurzbeiniger Reihervogel Eurasiens und Südafrikas, nimm» bei Gefahr «Pfahlstellung» ein.

Röhren: («brüllen») Lautäußerung des Rothirsches während der Brunft.

Röhrenknochen: aus Schaft (Diaphyse) und 2 verdickten Gelenkenden (Epiphysen) bestehende Knochen der Gliedmaßen.

Röhrenläuse, Aphididae: artenreiche Familie der Blattläuse mit meist langen, keulenförmigen Sekret Röhrchen (Siphonen) am Hinterleib. Viele Arten sind Pflanzenschädlinge mit Wirtspflanzenwechsel. Die Schwarze Bohnenblattlaus (Doralis fabae) im Frühjahr an Spindelbäumen, im Sommer an Bohnen, Rüben, Mohn; die Grüne Pfirsichblattlaus (Myzus persicae) bis Mai an Pfirsich- oder Aprikosenbäumen, dann an Kreuzblütlern und Nachtschattengewächsen. Mit dem Wirtswechsel erfolgt die Übertragung verschiedener Krankheiten.

Röhrennasen, Procellariiformes: Ordnung segelfliegender Hochseevögel, deren Nasenöffnungen in röhrenförmigen Hornaufsätzen enden; hierzu zählen Albatrosse, Sturmschwalben, Sturmvögel.

Röhrentrommel: älteste Großform der Trommel mit hölzernem zylindrischem Resonanzkörper; oben und unten mit je einem Fell bezogen, das durch einen mit Trommelleinen befestigten Spannreifen gespannt wird; seit dem 13. Jahrhundert in Kombination mit der Querpfeife bekannt.

Röhrenwürmer, Tubificidae: am Grund von Süßgewässern in Schlammröhren lebende kleine Wenigborster. Der bis 8 cm lange rötliche Tubifex tubifex wird als Futter für Aquarienfische verwendet.

Rohrfernleitung, Pipeline: Rohrleitung zum wirtschaftlichen Transport von Flüssigkeiten (Erdöl, Erdölprodukten, auch Milch unter anderem), Gasen (Erdgas, Methan, Athen) oder in Wasser suspendierten Feststoffen (Kohle, Sand, Erze) über zum Teil sehr weite Strecken in Rohren bis 1500 mm Durchmesser.

Rohrkolben, Typha: Gattung der Rohrkolbengewächse; hohe Uferpflanzen mit langen, schmalen Blättern und endständigen, meist walzenförmigen Blütenkolben. Eine weitverbreitete Verlandungspflanze ist zum Beispiel der Breitblättrige Rohrkolben (Typha latifolia).

Rohrleitung: Zusammenstellung von meist standardisierten Rohren, Armaturen, Formstücken und Fittings, die miteinander verschraubt oder verschweißt werden. Die Anordnung erfolgt nach einem Rohrleitungsplan, wobei zur Darstellung Symbole verwendet werden, die für Hydraulik, Chemieanlagenbau, Schiffbau unter anderem unterschiedlich sind. Die farbliche Kennzeichnung der Elemente ist standardisiert.

Röhrlinge, Boletaceae: Hutpilze mit fleischigen, gestielten Fruchtkörpern; an der Hutunterseite ein leicht ablösbares Futter von Röhren, in dem sich die Sporen bilden. Viele Speisepilze sind Röhrlinge, zum Beispiel Steinpilz, Butterpilz, Rotkappe; einige Arten bitter.

Rohrpost: pneumatischer Förderer für Stückgut, das meist in Behältern (sogenannt Büchsen) transportiert wird. Diese gleiten, bewegt von einem Saug- oder Druckluftstrom, in Förderrohren auf Filzringen oder Rädern.

Rohrreinigungsmittel: Präparate zur Beseitigung von Verstopfungen in Wasserabflussrohren. Rohrreinigungsmittel enthalten zum Beispiel Alkalihydroxide und Zink- oder Aluminiumkörner. Bei Einwirkung von Wasser entsteht unter Hitzeentwicklung Wasserstoff, welcher die durch die heiße Lauge erweichten Fremdstoffe aus dem Rohr drückt.

Rohrsänger, Acrocephalus: grasmückenverwandte Singvögel in Schilf- und Getreidebeständen, die ihre napfförmigen, festen Nester an Halmen befestigen; in Eurasien weit verbreitet der 20 cm lange Drosselrohrsänger (Acrocephalus arundinaceus); in Büschen und Getreidefeldern der 12 cm lange Sumpfrohrsänger (Acrocephalus palustris); Zugvögel; siehe auch Teichrohrsänger.

Rohrschelle, Rohrschappel: meist metallische Rohrleitungselement zur Lagesicherung der Rohre an der Wand, Decke oder auf dem Fundament, welches das Rohr formschlüssig umfasst.

Rohstoffbasis: Gesamtheit der innerhalb eines bestimmten Zeitraumes nutzbaren Ressourcen an primären und sekundären Rohstoffen eines Landes. Zur Rohstoffbasis im weiteren Sinne gehören die in der Natur Vorgefundenen Arbeitsgegenstände (Naturstoffe) mit stofflicher und ökonomischer Nützlichkeit (potentielle Rohstoffe), die Produkte der ersten (extraktiven) Verarbeitungsstufe (Primärrohstoffe, Ausgangsrohstoffe), die Abprodukte (Exkremente) der Produktion, Zirkulation und Konsumtion in Form von Abfällen und Altstoffen (potentielle Sekundärrohstoffe), die Sekundärrohstoffe als aufbereitete und dem Stoffkreislauf wieder zuführbare Abprodukte, Rohstoffimporte als Ergänzung der einheimischen Rohstoffbasis. Die Rohstoffbasis im engeren Sinne erfasst die Gesamtheit der Produkte der ersten Verarbeitungsstufe zuzüglich der verfügbaren Sekundärrohstoffe und importierten Rohstoffe innerhalb eines bestimmten Zeitraumes.

Rohstoffe: in der Natur Vorgefundene Arbeitsgegenstände, die bis auf ihre Lösung aus dem Naturverband noch keine weitere Verarbeitung erfahren haben, zum Beispiel losgebrochenes Erz. Diese Rohstoffe werden in Abgrenzung zu den wachsende Bedeutung erlangenden Sekundärrohstoffen auch als primäre Rohstoffe bezeichnet.

Rohstoffgeographie: Teilgebiet der ökonomischen Geographie, das sich mit den Gesetzmäßigkeiten der Standortverteilung der Gewinnung von pflanzlichen, tierischen, mineralischen, und synthetischen Rohstoffen beschäftigt; erfasst diese ökonomischen Ressourcen für die Volkswirtschaft und ihre Nutzung.

Roidis, Emmanouil, 28.7.1836-7.1.1904, griechischer Schriftsteller und Sprachreformer; zunächst Publizist und Kritiker, 1880 Direktor der griechischen Nationalbibliothek; wurde durch sein theoretisches und praktisches Eintreten für die neugriechische Volkssprache zum Vorkämpfer für die Entwicklung der Literatur seines Landes (antiklerikaler Roman «Die Päpstin Johanna», 1866, deutsch).

Rojas Sepulveda, Manuel, 8.1.1896—11.3.1973, chilenischer Novellist und Romancier; gestaltete mit stark autobiographischen Zügen das Streben einfacher Menschen nach Solidarität und Bewährung im täglichen Leben («Der Sohn des Diebes», 1951, deutsch; «Chilenische Beichte», 1960, deutsch; «Das dunkle, strahlende Leben», 1971).

Rokoko: Stilrichtung der europäischen Kunst von etwa 1720 bis 1770/80, deren Bezeichnung sich vom französischen Rocaille herleitet. Die Kunst des Rokoko ist Ausdruck des zerfallenden Feudalabsolutismus unmittelbar vor der Französischen Revolution 1789. Die Übergänge vom Barock zum Rokoko sind fließend. Die ersten Merkmale des Rokoko treten in Frankreich auf, wo als Träger des neuen Stilempfindens nicht mehr der absolutistische Herrscher, sondern die aristokratische Gesellschaft fungiert, die an Stelle des steifen Zeremoniells der Hofhaltung abseits der gesellschaftlichen Realitäten Sinnenfreude und zügellosen Lebensgenuss in der Intimität des Innenraums verlangt. Das dafür ausgebildete dekorative System, in dem malerische Tendenzen über die tektonischen triumphieren, wurde teils durch französischen Theoretiker (Begründung des Malerischen und der Anmut) und einzelne Künstlerpersönlichkeiten, teils durch Ornamentstiche nach Deutschland übertragen und hier zu letzter Konsequenz weiterentwickelt. Es bemächtigte sich auch der kirchlichen Kunst, wobei sich eine einmalige Mischung aus ekstatischen Frömmigkeit und diesseitsfreudiger Weltlichkeit und Naturverbundenheit (Engl. Garten) ergab. In der Architektur beginnt die Auflösung des barocken Gesamtkunstwerks zugunsten lebendigerer Raumfolgen und Baustrukturen mit Entfaltung der dekorativen Pracht des Innenraums. Architektonisches Ziel ist es, die Illusion des unendlichen Raums (Wallfahrtskirche Wies, Potsdam-Sanssouci) zu erzeugen. Im Bedürfnis nach privater Existenz bildet sich das Mäzenatentum und der Kunsthandel (Salon) und damit die Kunstkritik heraus. In der Malerei dominieren lichte Farben und Genreszenen, die das Thema der amourösen Idylle, der galanten Pastorale und antiken Bukolik in immer neuen Varianten reizvoll abwandeln (F. Boucher, A. Watteau). Die Pastellmalerei kommt dem Verlangen nach zarten Nuancen besonders entgegen und erfährt ihre höchste Blüte. Auf dekorativem Gebiet spielt auf Grund des aufkommenden Welthandels das Exotische in der Gestalt der Chinoiserie eine wichtige Rolle. Das plastische Schaffen des Rokoko findet seinen adäquatesten Ausdruck in der Porzellanplastik (J. J. Kaendler in Meißen, F. A Bustelli in Nymphenburg).

Rokotow, Fjodor Stepanowitsch, 1735-24.12.1808, russischer Bildnismaler. Rokotows Schaffen, besonders in den zahlreichen intimen Porträts, zeichnet sich durch eine psychologisch einfühlsame Menschendarstellung, nuancenreiche Farbigkeit und Verfeinerung der malerischen Mittel aus.

Roland: meist überlebensgroßes Standbild eines barhäuptigen Ritters mit bloßem Schwert auf Marktplätzen aus dem 15./18. Jahrhundert; Ursprung und Bedeutung sind noch nicht eindeutig geklärt; wird meist als Symbol städtlicher Freiheiten (zum Beispiel Bremen) oder der Gerichtsbarkeit (zum Beispiel Halle) verstanden.

Roland, gestorben 15.8.778, Graf der bretonische Mark im Frankenreich; fiel als Anführer der fränkischen Nachhut beim Feldzug Karls des Großen gegen die Araber in Spanien. Literarisch verarbeitet im Rolandslied.

Roland de la Plattere: 1. Jean Marie, 18.2.1734-10.11.1793 (Selbsttötung), einer der Girondisten Führer; bekämpfte als Innenminister 1792/93 das Bestreben der Jakobiner, die Französische Revolution weiterzuführen.

2. Jeanne Marie, 17.3.1754-8.11.1793 (guillotiniert), Frau von Roland de la Plattere 1; Handwerkertochter; Anhängerin der Aufklärung, übte großen Einfluss auf die Girondisten aus, die sich seit 1791 in ihrem Salon versammelten.

Roland Holst: 1. Adriaan, 23.5.1888-6.8.1976, niederländischer Schriftsteller; Verfasser esoterisch-symbolhafter Lyrik («Die Wege entlang», 1920; «Ein Winter am Meer», 1937) und erzählender Prosa («Deirdre und die Söhne von Usnach», 1920), auch von Essayistik («Eigner Hintergrund», 1945).

2. Henriette, geboren van der Schalk, 24.12.1869-1952, niederländische Schriftstellerin; eine der herausragenden Gestalten der niederländischen sozialistischen Literatur; trat in Gedichten («Die Neugeburt», 1902; «Wege nach oben», 1907) und Dramen («Das Opfer», 1921) für den revolutionären Kampf ein; neigte später zu einem religiös geprägten Sozialismus; verfasste biographische Schriften über G. Garibaldi, L. N. Tolstoi, Roland Holst Luxemburg, H. Gorter.

Rolandslied: frühmittelhochdeutsches Epos in Reimpaaren (um 1170), eine Bearbeitung des Chanson de Roland durch einen Pfaffen Konrad; Roland wird als christlicher Märtyrer dargestellt.

Rollladen: aufrollbarer Schutz vor Fenstern und Türen aus durch Gurte oder Ketten gelenkig miteinander verbundenen, in U-Schienen geführten Holz- oder Stahlstäben.

Rolland, Romain, 29.1. 1866-30.12. 1944, französischer Schriftsteller; bürgerlicher Humanist; entwickelte sich in der Auseinandersetzung mit philosophischen, religiösen, künstlerischen und politischen Erscheinungen aus Vergangenheit und Gegenwart vom Anhänger abstrakt-ethischen Prinzipien zum Kämpfer gegen Krieg und Faschismus. An seinen Hauptwerken (Biographien, unter anderem über Beethoven, 1903, deutsch; Tolstoi, 1911, deutsch; Romanzyklen «Johann Christof», 1904/12, deutsch; «Die verzauberte Seele», 1923/33, deutsch; Drama «Robespierre», 1938, deutsch; umfangreiche Selbstzeugnisse unter anderem) ist sein Wandel vom Appell an das individuelle Gewissen zur Anerkennung der sozialistischen Revolution ablesbar.

Roll back: vom Imperialismus unter Führung der USA gegen die sozialistische Länder gerichtete aggressive Strategie der 50er Jahre, den Sozialismus mit allen, auch militärischen Mitteln «zurückzurollen».

Rollball, Bückeball. Torspiel zweier Mannschaften von je 5 Spielern. Das Spielfeld ist bis 15 m x 30 m groß, Tore sind die hintere Begrenzung jeder Spielfeldhälfte in voller beziehungsweise in geringerer Breite. Ein Voll- oder Hohlball ist möglichst oft in das gegnerische Tor zu rollen.

Rollbild: Bildform der ostasiatischen Malerei; auf Seide oder Papier gemalt, besteht es aus einem mitunter mehrere Meter langen Bildstreifen (Querformat) oder aus einem Hängebild (Hochformat) und hat je einen Stab an den Schmalseiten. Die Rollbilder werden zusammengerollt aufbewahrt.

Rolle:

1. Bergbau: Rolloch.

2. Flugsport: Kunstflugfigur, bei der sich das Flugzeug um die Längsachse dreht. Eine Drehung bis zur Rückenlage wird als halbe Rolle bezeichnet.

3. Gerätturnen: Bewegung, bei der mit eng zusammengehocktem Körper eine ganze Drehung um die Körperlängs- oder Körperbreitenachse erfolgt

4. Mechanik: einfache Vorrichtung zum Heben von Lasten; besteht aus einer Kreisscheibe mit Nut, über die ein Seil läuft, an dessen Enden die Kraft beziehungsweise die Gewichtskraft G angreifen. An der festen Rolle herrscht Gleichgewicht, wenn F= G ist, an der losen Rolle braucht F nur gleich G/2 zu sein.

5. Theater: a) Gestalt in einem Werk der darstellenden Künste;

b) der von einem Schauspieler zu gestaltende Text eines dramatischen Werkes.

soziale Rolle: Verhaltensmuster, das für den Inhaber einer sozialen Position relativ verbindlich ist. Soziales Rollenverhalten wird im Prozess der Sozialisation erlernt. Als soziale Rolle ist auch das vom individuellen Verhalten abhebbare Verhaltensmuster zu verstehen, das in den Erwartungen anderer Ausdruck findet, ein Komplex sozialer Normen, deren Einhaltung durch Sanktionen gesichert wird. Soziale Rollen können der Erklärung sozialen Verhaltens nur dienen, wenn von Klassenposition und -interessen des Inhabers einer sozialen Rolle und dem ideologischen Gehalt sozialer Normen ausgegangen wird.

Rollenhagen, Georg, 22.4.1542-20.5.1609, Schriftsteller; verfasste (protestantische) Schuldramen («Vom reichen Mann und armen Lazaro», 1590) sowie das auf eine antik-griechische Vorlage zurückgehende moralsatirischer Versepos «Der Froschmäuseler» (1595), in dem sich die Schilderung des Tierreiches zum Weltbild weitet, eine allegorische Geschichte der Reformation eingebautes und Krieg und Zerstörung angeprangert werden.

Rollescher Satz: (nach einem französischen Mathematiker) ein Satz der Differentialrechnung. Danach besitzt eine Funktion f(x), die im Intervall «s xi b stetig, für a < x< b differenzierbar ist und gleiche Funktionswerte in x = a und x = b hat, mindestens eine Stelle in der die Ableitung der Funktion verschwindet.

Rollfahrzeugverkehr: Transport normalspuriger Güterwagen auf schmalspurigen Strecken. Beim Rollbock- oder Rollschemel-Verkehr werden die Güterwagen auf fahrbaren Untergestellen (Rollböcken, -Schemeln) befördert, während beim Rollwagenverkehr kleine Rollfahrzeuge zur Anwendung kommen, auf die die Normalspurwagen aufgefahren werden.

Rollförderer, Rollenförderer. Stetigförderer zur waagerechten oder leicht geneigten (Aufwärts- und Abwärts-) Förderung von Stückgut, der aus zahlreichen quer zur Förderrichtung drehbar in einem Stützrahmen nebeneinander gelagerten Rollen besteht. Bei Schwerkraftförderern bewegt sich das Gut auf Grund seiner Schwerkraft abwärts. Auf horizontalen oder ansteigenden Strecken werden die Rollen in Gruppen durch Elektromotoren über Ketten, Gurte, Bänder oder Riemen angetrieben. Haben die Rollen wesentlich größere Länge als Breite, spricht man von Walzenrollen, im umgekehrten Fall von Scheibenrollen.

Rollhockey: auf einer Asphalt-, Betonfläche o.ä. betriebenes Torspiel zweier Mannschaften von je 5 Spielern (1 Torwart, 1 Verteidiger, 1 Verbinder, 2 Stürmer) und 3 Auswechselspielern, die mit speziellen Rollschuhen und Stöcken (Schlägern) ausgerüstet sind. Der 155 g schwere Vollball von 23 cm Umfang soll möglichst oft mittels Stockes in das gegnerische Tor geschlagen werden. Die Spielzeit beträgt international 2 x 20 min effektiv. Es gibt kein Abseits, Torschüsse aus der eigenen Spielfeldhälfte sind ungültig. Weltmeisterschaften seit 1936, Europameisterschaften seit 1926.

Rollkolbengebläse: Einrichtung zur Förderung von Gasen, deren Funktion dadurch gekennzeichnet ist, dass ein Drehkolben, der außen mit einem elastischen Mantel versehen ist, exzentrisch in einem zylindrischen Arbeitsraum rotiert. Der elastische Mantel kommt dabei zum Schwingen, und es bildet sich ein ständig fortlaufender Arbeitsraum zwischen der inneren Kontur des Zylinders und der äußeren Kontur des elastischen Mantels; dabei wird das Gas von der Saug zur Druckseite gefördert. Nach der Bauart werden ein- und zweistufige, nach der Kühlung wasser- und luftgekühlte und nach der Wirkungsweise einfach- und doppeltwirkende Rollkolbengebläse unterschieden.

Rollkunstlauf: dem Eiskunstlauf in Technik und Regeln weitgehend entsprechender Rollschuhlauf. Disziplinen sind Einzel-, Paarlauf und Rolltanz, jeweils mit Pflicht beziehungsweise Kurzprogramm (Einzel 5 Figuren, Paare 5 Elemente, Rolltanz 4 Tänze) und Kür (Einzel 5 min beziehungsweise 4 min (Frauen), Paare 5 min, Rolltanz 3)4 min). Die Bewertung erfolgt ähnlich der im Eiskunstlauf. Das Verhältnis der Punkte aus Pflicht und Kür beträgt 50:50. Die Platzierung ergibt sich durch die je Kampfrichter ermittelte Reihenfolge. Weltmeisterschaften seit 1947, Europameisterschaften seit 1937.

Rollkur: Behandlungsverfahren bei Magenschleimhautentzündung und Magengeschwür, bei der sich der liegende Patient nach Einnahme (Trinken) von adstringierenden Flüssigkeiten langsam um seine Längsachse «rollt», damit die Magenschleimhaut allseitig benetzt wird.

Rolloch, Rolle: Bergbau enger, steiler oder seigerer Grubenbau mit quadratischem, rechteckigem oder rundem Querschnitt; stellt Verbindung zwischen Abbauraum und darunterliegender Förderstrecke zur Abförderung des Haufwerkes her.

Roll-on-Roll-off-Verkehr: (englisch + deutsch) Seetransport mit horizontalem Umschlag, bei dem die Ladung mittels Trailern, Rollbehältern, Portalhubwagen o. ä. durch Bug- oder Heckpforte, zum Teil auch durch Seitenpforten an beziehungsweise von Bord gebracht wird. Die dabei eingesetzten Transportschiffe (auch Autofährschiffe) werden als Ro-Ro-Schiffe bezeichnet.

Rollrasen: am natürlichen Standort (Rasenbahn) oder auf speziell vorbereiteten Flächen (Rasenmatten) stehender Rasen, der in Streifen (30 bis 80 cm breit, 2 bis 12 m lang) geschnitten, durch Unterschneidung der Wurzeln in 3 bis 4 cm Tiefe aufrollbar ist und zur schnellen Begrünung von Flächen oder zur Ausbesserung von Schadstellen auf Rasenplätzen dient. Siehe auch Rasensode.

Rollschicht: in einer Reihe hochkant vermauerte Ziegel.

Rollschlangen, Aniliidae: urtümliche Familie, ungiftiger, lebendgebärender Schlangen Südamerikas und Südostasiens mit kleinen Augen; Reste der Hintergliedmaßen als Sporne neben der Afterspalte erhalten. Bis 85 cm lang die Korallenrollschlangen (Anilius scytale), leuchtend rot mit schwarzen Querbinden, frisst Eidechsen und Schlangen; im nördlichen Südamerika verbreitet.

Rollschnelllauf: Geschwindigkeitswettbewerb mit Rollschuhen auf Rundbahnen beliebiger Länge (g 100 m, Idealmaß 250 m) oder auf Straßen (gerade oder mit Wendemöglichkeit). Wettkampfstrecken sind meist 0,3, 0,5, 1, 5, 10 und 20 km (Männer) beziehungsweise 0,3, 0,5, 3, 5 und 10 km (Frauen). Einzelwettbewerbe werden durch die Platzierung, 500-m-Zeitlaufen durch die erreichte Zeit, Mehrkämpfe durch Punktwertung auf Laufzeitgrundlage wie beim Eisschnelllauf entschieden. Weltmeisterschaften seit 1937, Europameisterschaften seit 1930.

Rollschuh: gewöhnlich vierrädriges, zweispuriges, zweiachsiges Fortbewegungsmittel auf ebenen Flächen, das für Sportzwecke (Rollsport) unter dem hochschäftigen Schuhwerk angeschraubt ist.

Rollschwanzaffen, Greifschwanzaffen, Cebidae: Familie der Breitnasenaffen; Baumbewohner mit Greifschwanz und einem zum Greifen ungeeigneten Daumen; hierzu gehören unter anderem Brüll-, Kapuziner-, Woll- und Klammeraffen.

Rollsport: Sammelbezeichnung für Rollkunstlauf, Rollschnelllauf und Rollhockey.

Rollsprung: eine Hochsprungtechnik; der Absprung erfolgt nach einem Anlauf im Winkel von etwa 45°, die Latte wird mit der Flanke (Flankenroller) oder mit dem Oberkörper voraus (Tauchroller) überquert; die Landung erfolgt auf dem Sprungbein und den Händen.

Rolls-Royce: britisch, eng mit der Kriegsrüstung verbundener Konzern; gegründet 1906, Sitz Derby; brach 1971 finanziell zusammen. Der daraufhin verstaatlichte Rüstungszweig (unter anderem Bau von Flugzeugtriebwerken) wird als Rolls-Royce (1971) Ltd. weitergeführt (etwa 41000 Beschäftigte), der Kraftfahrzeugbau (Luxusautomobile) nach Neuausgabe von Aktien in der Rolls-Royce Motors Ltd. (9000 Beschäftigte), die 1980 vom Rüstungs- und Maschinenbaukonzern Vickers aufgekauft wurde.

Rollwerk: bandartig eingerollte Ornamentform, die in der 2. Hälfte des 16. Jahrhundert besonders in den Niederlanden und in Deutschland verbreitet war (Stichvorlagen von C. Floris und seinem Schüler H. Vredeman de Vries).

Rom, italienisch Roma: Hauptstadt Italiens, Verwaltungszentrum der Region Latium und der Provinz Rom, in der Campagna Romana, am kanalisierten Tiber, 25 km vor dessen Mündung in das Tyrrhen. Meer, auf 10 vulkanischen Tuffhügeln (Palatin, Aventin, Caelius, Kapitol, Esquilin, Viminal, Quirinal, erst später Pincius, Janiculus, Vatikan) erbaut, heute weit darüber hinausgewachsen; 2,84 Millionen Einwohner (als Agglomeration 3,6 Millionen Einwohner); Verwaltungs-, Wirtschafts-, Kultur- und Bildungszentrum Italiens; industrieller Schwerpunkt Mittelitaliens mit Metall-, Textil-, chemische, Lebensmittel-, pharmazeutische, Baustoff-, Papier-, Holz-, Film-, polygraphische und Nahrungsmittelindustrie; Bau- und Kunstgewerbe sowie Modeateliers; Kunsthandel; Verkehrsknoten mit großen innerstädtischen Verkehrsproblemen, U-Bahn, Flughäfen (Ciampino, Fiumicino); Fremdenverkehr, Sitz des Papstes (Vatikanstadt); größte Universität Italiens (1303 gegründet), Hochschulen, Akademien, wissenschaftliche Institute und Gesellschaften; Theater, Museen und Kunstsammlungen (Vatikan, Kapitolinischen Konservatorenpalast, Lateran, Borghese, Nationalmuseum unter anderem), Vatikan-, National- und andere Bibliotheken, Sitz internationaler Organisationen (unter anderem FAO); Sportanlagen (Olymp. Spiele 1960); Erholungs- und Vergnügungsstätten in der Umgebung (Tivoli, das Seebad Lido di Roma bei Ostia unter anderem). Die wichtigsten antiken Bauten (meist nur teilweise erhalten) sind: am Forum Romanum die Triumphbögen des Titus und des Septimius Severus, die Maxentius- (Konstantins-) Basilika; auf dem Kapitol der Tempel des Jupiter Capitolinus; auf dem Palatin das Haus der Livia, die Kaiserpaläste (Domus Augustana mit dem Flavier Palast, dem sogenannt Hippodrom und dem Severus Palast unter anderem) und am Fuß des Palatin der Circus Maximus (für 300000 Zuschauer); auf dem Forum Boarium der Tempel der Fortuna Virilis und der Rundtempel der Vesta. Die Kaiserfora bilden axial angeordnete Platzanlagen mit Tempeln: Mars-Ultor-Tempel auf dem Augustusforum, die Basilika Ulpia und die Ehrensäule auf dem Trajansforum. Außerhalb der großen Baukomplexe befinden sich das Kolosseum, das Pantheon, der Konstantinsbogen, die Thermen des Caracalla und des Diokletian, das Mausoleum des Hadrian (Engelsburg), Ingenieurbauten, zahlreiche Grabmäler, besonders in der Via Appia; frühchristliche Katakomben; ursprünglich frühchristliche Bauten sind: Basiliken S. Giovanni in Laterano, S. Paolo fuori le mura, Sta. Maria Maggiore und die Zentralbauten S. Stefano Rotondo und Sta. Constanza. Während Romanik, Gotik und Frührenaissance in Rom eine untergeordnete Rolle spielten, finden sich hervorragende Leistungen der Hochrenaissance in der Stadt: Palazzo Cancelleria, Venezia, Massimo, Farnese (A. da Sangallo, Michelangelo), Quirinal (heute Sitz des Staatspräsidenten), Villa Farnesina (mit Raffael Fresken), Madama (nach Entwürfen von Raffael), Tempietto von S. Pietro in Montorio (D. Bramante). Bedeutendstes Bauwerk Roms ist die Peterskirche (S. Pietro im Vatikan): von Bramante als Zentralbau geplant und 1506 begonnen, unter Leitung von Raffael, Michelangelo, C. Madema und anderen weitergeführt und als Basilika vollendet; Gestaltung des Vorplatzes (Kolonnaden) und Teile der Innenausstattung (Kathedra Petri, Tabernakel) von G. L. Bernini. Den Übergang zum Barock bildet die Jesuitenkirche il Gesu (1568 von G. B. Vignola, Fassade von G. della Porta); Barockbauten: Sta. Susanna (Madema), Scala regia im Vatikan (Bemini), S. Carlo alle quattro fontane und S. Ivo (beide von F. Borromini), Palazzo Barberini, Villa Doria (größter erhaltener Wohnbau Roms), Borghese unter anderem; großartige barocke Brunnenanlagen (Vierströmebrunnen von Bemini, Fontana di Trevi unter anderem); interessante Bauten der Gegenwart: Stazione Termini (Hauptbahnhof, 1938/50), Palazzo dello Sport (1960 von P. L. Nervi) unter anderem

Um 1000 vor Christus erste Siedlung von Italikern auf dem Palatin, der Überlieferung nach am 21.4.753 vor Christus von dem sagenhaften Romulus gegründet; errang im 3./2. Jahrhundert vor Christus die Vorherrschaft im Mittelmeer. Nach Ausbreitung der Macht der Sklavenhalter Hauptstadt und politischer, wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt des größten Reiches der Antike. Mit der Verlegung der Hauptstadt des römischen Reiches nach Konstantinopel (330 nach Christus), der Teilung des Reiches (395), Verlegung der Residenz weströmischer Kaiser nach Ravenna (402), der Zerstörung des Weströmischen Reiches (476) und nach mehreren Plünderungen (Westgoten 410, Wandalen 455, Ostgoten 546 und 549) verfiel Rom und verlor an Bedeutung. 754 (Pippinische Schenkung) wurde Rom Hauptstadt des Kirchenstaates; 1084 Plünderung durch die Normannen. Der Versuch Cola di Rienzos, eine Republik auszurufen, scheiterte 1347. 1527 Plünderung durch die Truppen Karls V. (Sacco di Roma). Die Revolution 1848/49 gipfelte in Italien in der Ausrufung und Verteidigung der römischen Republik (G. Mazzini, G. Garibaldi). Erst am 20. 9.1870 (seitdem Staatsfeiertag) zogen königlich-italienische Truppen in Rom ein, das 1871 Hauptstadt des Königreiches Italien wurde. Mit dem sogenannt Marsch auf Rom (28./30.10.1922) leiteten die Faschisten die Errichtung der Diktatur Mussolinis ein. 1929 Wiedererrichtung der weltlichen Macht des Papstes in einem Teil Roms (Vatikanstadt) durch die Lateranverträge (Lösung der römischen Frage). Im 2. Weltkrieg 1943/44 Besetzung Roms durch faschistische deutsche Truppen, 4.6.1944 kampflose Übergabe an die Alliierten («offene Stadt»).

Röm, dänisch Rema: dänische Nordseeinsel vor der Westküste Jütlands, zu den Nordfriesischen Inseln gehörig; 128 km2, 800 Einwohner; wichtigster Ort Kirkeby-, welliges Dünengebiet mit Heide, Marschen im Osten; Damm zum Festland; Tourismus.

Roma: 1. Rom.

2. Maseru.

3. Roma: Stadt im Südosten Queenslands (Australien), an der ostaustralischen Kordillere; 6000 Einwohner; Erdöl- und Erdgasgewinnung (Erdgasleitung nach Brisbane); Erdölverarbeitung; Zentrum eines Anbaugebietes für Weizen, Wein und Zitrusfrüchte.

Romains, Jules, eigentlich Louis Farigoule, 26.8.1885-14.8.1972, französischer Schriftsteller; einer der Wortführer des Unanimismus; sein Hauptwerk ist der universale zeitgeschichtliche Romanzyklus «Die guten Willens sind» (27 Bände, 1932/47, teilweise deutsch).

Roman: epische Prosagroßform, in der die Gestaltung ausgeprägter Individuen in den vielfältigen Beziehungen zu ihrer gesellschaftlichen Umwelt eine umfassende künstlerische Aussage ermöglicht; ist heute eines der verbreitetsten und populärsten literarischen Genres, durch einen großen Reichtum an Varianten bezeichnet und in steter struktureller Entwicklung begriffen. Der neuzeitliche Roman, der sich vom mittelalterlichen Epos herleitet, besitzt im Gegensatz zu dessen typisierenden Tendenzen ein hohes Maß an Individualisierung der Fabel und der dargestellten Charaktere. Dieser historisch begründete Zug des Romans verstärkte sich in der Aufstiegsperiode des Bürgertums immer mehr. Mit der weiteren Ausbildung der realistischen Schaffensmethode wurden vorgestellte Lebensläufe so veranschaulicht, dass der Leser tiefen Einblick in die Ursachen menschlichen Geschicks gewann. Während sich der Roman in seinen kürzeren Formen der Erzählung nähert, erinnert er mit besonders umfangreichen Darstellungen an das alte Epos (z. B. «Krieg und Frieden» von L. Tolstoi). Näher bezeichnet werden kann das Genre des Roman unter anderem nach der Erzählform (vielfältige Varianten der Ich- und Er Form), der spezifischen Gestaltungsweise (unter anderem Brief-, Dialog-, chronologische, Rückblendenroman), stofflich-thematisch (zum Beispiel Abenteuerroman, Räuberroman, Schelmenroman, Künstlerroman, Liebesroman, Kriminalroman), zeitlich-thematisch (historische, zeitgeschichtliche, wissenschaftlich-phantastische Roman), nach der beabsichtigten Wirkung (unter anderem Bildungsroman, Erziehungsroman, Tatsachenroman), der emotionellen Prägung (unter anderem empfindsamer, humoristischer, satirischer Roman), der fabelbestimmenden Struktur (unter anderem Gesellschaftsroman, Entwicklungsroman, Ereignisroman). In der chinesischen, japanischen, persisch, arabisch und anderer Literatur entwickelte sich der Roman bereits im Altertum. Der Roman der Neuzeit, bedeutendste literarische Schöpfung des Frühbürgertums, begann mit der Prosaauflösung mittelalterlichen Epen im späten Mittelalter und in der Renaissance, die mit Zurückdrängung der dem alten Epos eigenen idealistisch-metaphysischen Züge und zunehmendem Realismus verbunden war. Zur Entwicklung des modernen Roman trugen unter anderem der spanische Schelmenroman sowie M. de Cervantes Saavedra, F. Rabelais, Stendhal, H. de Balzac, V. Hugo, E. Zola, D. Defoe, S. Richardson, H. Fielding, W. Thackeray, C. Dickens, F. Dostojewski, L. Tolstoi bei. J. Wickram begründete den originären Prosaroman in der deutschen Literatur; H. J. C. von Grimmelshausens Roman «Simplicius Simplicissimus» (1669) stellt ein literarisches Meisterwerk der deutschen Literatur des 17. Jahrhundert dar. Bereichert wurde das deutsche und internationale Romanerbe durch J. W. Goethe («Die Leiden des jungen Werthers», 1774; «Wilhelm Meisters Lehrjahre», 1795/96), aber auch durch C. M. Wieland, Jean Paul, E. T. A. Hoffmann. Wegbereiter des historischen Roman (nach dem Vorbild W. Scotts) ist W. Alexis. Bekannte Vertreter des kritischen Realismus im Roman des 19. Jahrhundert sind G. Keller, W. Raabe, T. Fontane. Im 20. Jahrhundert gab es eine Fülle von Leistungen im bürgerlich-humanistischen Roman (T. und H. Mann, L. Feuchtwanger, A. Zweig, J. Roth, A Döblin, Roman Musil, Roman Huch, L. Frank). Nach 1945 gewannen in der BRD Autoren wie H. Böll, A. Andersch, W. Koeppen und G. Grass weite Verbreitung ihrer Romane. Mit G. Weerth, Roman Schweichei unter anderem begann im 19. Jahrhundert die sozialistische deutsche Romanliteratur. Seit M. Gorkis Roman «Die Mutter» (1906/07) setzte sich der sozialistisch-realistischen Roman weltliterarisch durch. Über die proletarisch-revolutionäre Literatur entwickelte sich (zunächst im Exil) die deutsche sozialistisch-realistische Romanliteratur. Autoren der älteren Generation (zum Beispiel J. Roman Becher, A. Seghers, W. Bredel, B. Uhse, E. Claudius, L. Renn, A. Zweig) schufen ebenso bedeutende Roman wie nachfolgende Autoren (zum Beispiel J. Bobrowski, D. Noll, M. W. Schulz, E. Strittmatter, G. Görlich, C. Wolf, G. de Bruyn, H. Kant, E. Neutsch).

Roman de la Rose, Rosenromanische altfranzösische allegorisch-satirische Versdichtung; begonnen 1225/30 von Guillaume de Lorris, vollendet 1275/80 von Jean de Meung, dessen Teil durch die philosophische Bezugnahme zum Averroismus ein bemerkenswertes Beispiel frühbürgerlicher Literatur ist.

Roman de Renart, Fuchsromanischer altfranzösischer Tierepos, eine um 1150 entstandene Sammlung von 27 Tierfabeln, in deren Mittelpunkt der Fuchs (Renart) als Inbegriff schlauer und listiger Selbstbehauptung gegen die Feudalmächte steht; gibt ein lebendiges kritisches Bild der menschlichen Wirklichkeit des Mittelalters.

Romanen: Angehörige von Völkern, die romanische Sprachen sprechen (Aromunen, Frankokanadier, Franzosen, Galicier, Italiener, Katalanen, Korsen, spanisch- beziehungsweise portugiesisch-sprechende Lateinamerikaner, Moldawier (Moldauer), Portugiesen, Provenzalen, Rätoromanen, Rumänen, Sarden, Sizilianer, Spanier und Wallonen); etwa 500 Millionen.

Romanik: erster umfassender Stil der Kunst der europäischen Feudalgesellschaft vom 11. bis Anfang 13. Jahrhundert, wird abgelöst von der Gotik (in Frankreich ab Mitte 12. Jahrhundert). Die Bezeichnung wurde um 1820 zunächst nur für die Baukunst geprägt, da sie Elemente der römischen Architektur (Rundbogen, Säule, Gewölbe) übernahm, später aber auch für die bildenden Künste im Allgemeinen verwandt. Die Romanik spiegelt den Machtanspruch der weltlichen und geistlichen Feudalherren und die dogmatische Strenge der religiösen Ideologie wider. Zeugnisse der Baukunst sind feudale Wehr- und Wohnbauten, Burgen, Klöster und Kirchen. Die Kirchen sind meist dreischiffige, kreuzförmige Basiliken, in Deutschland zuweilen doppelchörig, die aus einfachen stereometrischen Körpern (Kubus, Kegel, Zylinder) zusammengesetzt und über Grundrissen im gebundenen System errichtet sind; in der Frühromanik sind es flachgedeckte Säulenbasiliken, in Hochromanik und Spätromanik kreuzgratgewölbte Pfeilerbasiliken, nur einzelne Landschaften (Niedersachsen) und die Hirsauer Bauschule halten an Säule und Flachdecke fest. Charakteristisch sind Rundbogen und Würfelkapitell; Wand und Decke waren bemalt, in Frankreich findet sich reicher bauplastischer Schmuck. Die Plastik (Kultbilder, Schranken, Schreine) ist blockhaft, stilisiert und erreicht wieder Monumentalität. In der Malerei erleben Wand-, Buch- und Emailmalerei (Klosterneuburger Antependium des Nikolaus von Verdun) sowie die Bildwirkerei (Bildteppiche im Domschatz zu Halberstadt) eine Blüte; sie sind meist repräsentativ, benutzen wenige starke Farben und stilisierte Formen; die Glasmalerei beginnt sich zu entwickeln. Das Kunsthandwerk (kirchliches Gerät) war hoch entwickelt, die Goldschmiedekunst blühte im Rhein-Maas-Gebiet.

romanische Sprachen: Zweig der indoeuropäischen Sprachen; Gesamtheit der Sprachen, die im Prozess der kulturellen Differenzierung und des politischen Zerfalls des römischen Imperiums auf der Grundlage des Lateins entstanden sind. Sprachtypologisch wird in ostromanischen (Italienisch, Rumänisch, Moldauisch) und westromanischen Sprachen (galloromanischen Sprachen: Französisch, Provenzalisch; iberoromanischen Sprachen: Portugiesisch, Spanisch, Katalanisch) untergliedert. Sonderstellungen nehmen das Sardische und Rätoromanische ein. Zu Beginn des 20. Jahrhundert ausgestorben ist das Dalmatinische.

Romanistik: Wissenschaftsdisziplin, die sich mit Erforschung und Lehre von Sprache, Literatur und Kultur der romanischen Völker einschließlich der Lateinamerikas befasst; als philologische Fachwissenschaft in der 1. Hälfte des 19. Jahrhundert vor allem in Frankreich und Deutschland entstanden; heute haben sich weitgehende Spezialisierungen und deutliche Richtungsorientierungen durchgesetzt. Fachorgan der Romanistik in der DDR ist die Zeitschrift «Beiträge zur romanischen Philologie».

Romano, eigentlich Pippi, Giulio, 1499-1.11.1546, italienischer Maler und Architekt; Hauptschüler Raffaels, Mitarbeit unter anderem an den Fresken im Vatikan, seit 1524 Hofmaler in Mantua (Bau und Ausstattung des Palazzo del T£).

Romanos, um 490-um 560, byzantinischer Kirchendichter; Presbyter in Konstantinopel; verfasste als Dichterkomponist (Melodos) angeblich 1000 geistliche Hymnen; von den etwa 80 erhaltenen sind einige in der östlichen-orthodoxen Kirche noch heute in liturgischen Gebrauch.

Romanow: russische Zarendynastie seit 1613, begründet von Michail Fjodorowitsch Romanow; in direkter männlicher Linie mit Peter II. (1730) und in direkter weiblicher Linie mit Jelisaweta Petrowna (1762) ausgestorben; ihr Nachfolger, Peter III., stammte aus dem Hause Holstein-Gottorp, behielt aber auch den Namen Romanow bei. Siehe auch Holstein-Gottorp-Romanow.

Romantik: um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Europa sich formierende geistige Bewegung, die eine Reaktion auf die Konstituierung und Festigung der bürgerlichen Gesellschaft im Ergebnis der Französischen Revolution darstellt. Kunst und Literatur der Romantik spiegeln den Umbruch der gesellschaftlichen Verhältnisse und die sich vertiefenden Widersprüche zwischen Individuum und Gesellschaft, Ideal und Wirklichkeit, Kunst und Leben wider. Märchenhaftes und Phantastisches sind häufig Ausdruck für die Enttäuschung des künstlerischen Subjekts. Infolge zum Teil sehr unterschiedlicher gesellschaftlicher und weltanschauliche Ausgangspunkte war die Romantik national stark differenziert.

In der Literatur entfaltete sich die Romantik als ideologischer und ästhetischer Auseinandersetzung mit dem Epochenwechsel in sich widersprüchlich-nationalen Strömungen. Bemüht um Positionsbestimmung in den intensiv empfundenen gesellschaftlichen Umbruchsprozessen und enttäuscht über die Ergebnisse der Französischen Revolution, fanden die Romantiker, teilweise auch Reaktionärem nicht verschlossen, allerdings noch nicht zu beständigem Engagement in den aktuellen Klassenauseinandersetzungen; besonders in West- und Mitteleuropa, vor allem in Deutschland (deutsche Literatur), Frankreich und Großbritannien, wurden sie aber mit ihrer dem Gefühl, der Imagination und der Individualität geöffneten Literatur zu ersten Kritikern der bürgerlichen Gesellschaft und fortschreitenden kapitalistischen Entwicklung («Weltschmerz»-Dichtung, Empfindung einer Isoliertheit und inneren Gespaltenheit des Individuums). Ideologische Grundlage, besonders für die westeuropäischen Romantik bildeten Ideen des zeitgenössischen philosophischen Idealismus (I. Kant, J. G. Fichte, F. W. J. Schelling), des Sensualismus, der Mystik und idealistische Richtungen der antiken Philosophie (Platon), in den USA der sogenannt Transzendentalismus. Charakteristisch für die romantische antikapitalistische Haltung, verband sich die Suche nach humanen Lebens- und Arbeitsvorstellungen mit der Suche nach dem Wesen von Kunst und ihrer Rolle in der Menschheitsgeschichte. Die Hinwendung zu Geschichte (besonders Idealisierung des Mittelalters) und Volksdichtung (Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Norwegen, Portugal, Schweden) führte vielfach zur Wiederbelebung nationaler und volkstümliche Traditionen und förderte den Prozess nationaler Selbstbesinnung im Kampf gegen absolutistische Selbstherrschaft (Deutschland, Norwegen, Russland, Spanien) sowie für eine nationale Wiedergeburt (Bulgarien, Italien, Rumänien, Polen, Slowakei, Ungarn). Bedeutung für die romantische Literaturbewegung erlangten die Neuerungen in den ästhetischen Theorien und Konzeptionen (progressive Universalpoesie) sowie die Wandlungen in den literarischen Gestaltungsmethoden und im Genresystem (Dominanz des Epischen, Vorliebe für das Fragment; von romantischer Ironie, magischer Idealismus und Mystizismus geprägte Verfremdungsmethode); bis zur Mystifizierung gesteigertes Naturempfinden, Geschichtsbewusstsein und psychologisch vertiefte Figurengestaltung wurden charakteristische Merkmale romantischer Literatur, ebenso die Betonung des Unheimlichen und Dämonischen als symbolisierter Ausdruck für die Undurchschaubarkeit einer bedrohlich empfundenen gesellschaftlichen Wirklichkeit, deutlich besonders im sogenannt Schauerroman (englisch gothic novel) in Großbritannien und den USA.

In der bildenden Kunst wird von der Romantik ein alle Formen künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten umfassender Stil nicht ausgebildet. Die Romantik ist eine weltanschauliche Haltung beziehungsweise Methode, die sich am klarsten in der Malerei zeigt. In der Plastik bedient sie sich klassizistischen Formen; in der Architektur widerspiegelt sich die Romantik besonders in der von England ausgehenden Neugotik. Die schöpferischste Periode der Romantik fällt in die Zeit zwischen 1800 und 1815. Neben der Wiederentdeckung nationaler, historischer und religiöser Themen wurde versucht, die Monumentalkunst zu erneuern (Nazarener) und das Gesamtkunstwerk wiederzubeleben. Die romantische Landschaftsmalerei schloss an Traditionen der holländischen Malerei des 17. Jahrhundert an. Seit Ende des 18. Jahrhundert wuchs die Vorliebe für Rittertum und Gotik. Im ökonomisch fortgeschrittenen England war der Landschaftsgarten Ausdruck eines neuen Lebensgefühls; er verbreitete sich ebenso wie die Neugotik über ganz Europa. In Deutschland brachte das neue Nationalbewusstsein die Wiederentdeckung der eigenen historischen Baustile. Ähnlich wie in Frankreich begann nun eine neuzeitliche Denkmalpflege (unter anderem Vollendung des Kölner Domes). Als eine der Hauptleistungen der Romantik gilt die Neubelebung der graphischen Techniken, die das Aufblühen der Buchillustration förderten. Unterschiedlich äußerte sich die Romantik in der Malerei. Dresden wurde zum Mittelpunkt, der romantischen Landschaftsmalerei (C. D. Friedrich). In München und Berlin bildete sich frühzeitig eine realistische malerische Auffassung heraus (C. Blechen). Speziell süddeutsch ist die heitere, erzählende Bildkunst von M. von Schwind und C. Spitzweg. In Düsseldorf dominierte ein historisierender, oft sentimentaler spätromantischer Stil, während sich in Hamburg eine bürgerliche Figuralkunst entfaltete.

In der Musik prägten sich romantische Züge etwas später und weniger fassbar aus als in der Literatur und bildenden Kunst, so dass die Verwendung des Begriffs Romantik in der Musik umstritten ist. Seit 1805 finden wir Vertonungen romantischer Stoffe in der Oper sowie auf dem Gebiete des Liedes, wobei besonders die «dämonischen» Seiten der Natur, Themen einer mit der Wirklichkeit konfrontierten Geisterwelt musikalisch gestaltet werden, aber auch echtes Naturempfinden und volksliedhafte Töne durchbrechen. Typische Beispiele der romantischen Oper sind E. T. A. Hoffmanns «Undine» (1813/14), vor allem C. M. von Webers «Freischütz» (1821), während später die Opern H. Marschners, «Der Vampyr», «Hans Heiling» unter anderem, ihre widerspruchsvolle Thematik schon ad absurdum führen. besonders ungünstig erscheint eine Ausdehnung der Bezeichnung Romantik auf die Zeit nach 1830, da die Ideen, die in die Revolutionen von 1848/49 einmündeten, bestimmend wurden. Das gilt insbesondere auch, trotz mancher «romantischer» Züge, für die Musik H. Berlioz, F. Chopins, F. Mendelssohn Bartholdys, R Schumanns und R Wagners (auch wenn dieser einige seiner Werke als «Romantische Oper» bezeichnete).

romantisch: die Romantik betreffend; wunderbar, abenteuerlich, romanhaft; gefühlsbetont, schwärmerisch, etwas unrealistisch.

Romantische Schule: mittelalterliche, feudale Zustände idealisierende Richtung der Vulgärökonomie im ersten Drittel des 19. Jahrhundert, besonders in Deutschland; Hauptvertreter Adam Müller (1779-1829).

Romanze: 1. Literatur der Ballade durch die Vereinigung epischer, lyrischer und dramatischer Gattungselemente verwandte Form des Volksliedes, in der, zumeist heiter und mit glücklicher Lösung der Konflikte, Heldentaten oder Ereignisse besungen werden. Die Romanze kam im 14./15. Jahrhundert in Spanien auf. Auffällig ist ihre eigenartige, aus trochäischen Vierzeilern bestehende Strophe. Durch Übersetzungen führte J. W. L. Gleim die Romanze in die deutsche Literatur ein. Erfolgreich wurde die Romanzendichtung in J. G. Herders «Der Cid» (1805), parodistisch in H. Heines «Atta Troll» (1843) aufgenommen.

2. Musik: a) im 18./19. Jahrhundert vor allem in Frankreich verbreitetes Gesangs- oder Instrumentalstück in liedhafter Form;

b) seit dem 18. Jahrhundert auch frei geformtes instrumentales Charakterstück.

Romanzero, Romancero: im 16. Jahrhundert aus dem Cancionero hervorgegangene Sammlung von stärker epischen Liedern zu einem Sujet (Romanzen); seit J. G. Herder oft übersetzt; besonders im 19. Jahrhundert auch in der deutschen Literatur nachgestaltet (H. Heine); im 20. Jahrhundert als nationalliterarische Tradition von F. García Lorca aufgegriffen («Zigeuner Romancero», 1928).

Romberg-Integration: (nach einem norwegischen Mathematiker) leicht zu programmierende Methode der numerischen Integration, beider aus einfachen Anfangsnäherungen Ta für J /(x) dx durch Linearkombination bessere Näherungen Tik nacheinander berechnet werden. Die bekannteste Form geht von der Trapezregel (Newton-Cotes-Formeln)

Römer: (niederländisch, zu «rühmen») Trinkgefäß aus meist flaschengrünem oder braunem Glas, mit kugeliger Schale, gebuckeltem Schaft und konischen Fuß; seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar. Im 19. Jahrhundert wurde der Römer, ein Erzeugnis der Glasindustrie ohne künstlerischen Wert, geschliffen und mit farbiger Schale, besonders als Rheinweinglas beliebt.

Römer: 1. Josef, 17.11.1892-25.9.1944 (ermordet), antifaschistischer Widerstandskämpfer, Jurist; seit 1932 Mitglied der KPD, 1934/39 im KZ Dachau; seit 1940 Zusammenarbeit mit Römer Uhrig und Mitglied der Leitung der Uhrig-Organisation; 1942 erneut verhaftet.

2. Ole, 25.9.1644-19.9.1710, dänischer Astronom; erfand den Meridiankreis und leitete um 1675 aus den Verfinsterungen der Jupitermonde die Lichtgeschwindigkeit ab.

Romero: 1. Elvio Romero, geboren 1926, paraguayischer Lyriker; lebt im Exil; gestaltet unter Rückgriff auf die Volksdichtung die Schönheit seiner Heimat und das Ringen der Menschen um ihre Selbstverwirklichung («Tage unter dem Pflug», 1948; «Die Sonne unter den Wurzeln», 1956; «Buch der Wanderung», 1964).

2. José Rubén Romero, 25.9.1890-4.7.1952, mexikanischer Romancier; verband volkstümlicher Erzähltraditionen mit der kritischen Wertung der Ergebnisse der mexikanischen Revolution aus der Sicht volkstümlicher Helden («Das nnnfit7.fi Leben des Pito Pérez», 1938).

Romero y Galdámez, Oscar Arnulfo, 15.8.1917-24.3.1980, salvadorianischer katholischer Geistlicher; Erzbischof von San Salvador (seit 1977); von der Reaktion ermordet wegen seines Eintretens für die Interessen des Volkes und seiner Unterstützung revolutionärer Befreiungskämpfer.

Römerstraßen: Handels- und vor allem Heeresstraßen, die von den Römern nach der Unterwerfung der ital. und der anderen Völkerschaften durch deren Gebiete zur schnelleren Verbindung mit den dort angelegten römischen Kolonien gebaut wurden, oft mit stabilem Steinpflaster; sie erreichten später eine Gesamtlänge von 80000km. Siehe auch Via Appia.

Römische Frage: Konflikt (1860/1929) zwischen dem Heiligen Stuhl und dem italienischen Staat, ausgelöst durch die Forderung des Heiligen Stuhls nach Wiederherstellung der im Risorgimento überwundenen weltlichen Macht des Papstes im Kirchenstaat; mit der Unterzeichnung der Lateranverträge beigelegt.

römische Kunst: Kunst der römischen Republik und der römischen Kaiserzeit. In ihren Anfängen durch großgriechische und vor allem etruskische Vorbilder beeinflusst, lassen sich bereits in republikanischer Zeit neben bodenständigen auch hellenistische Züge beobachten, während in der augusteischen Kunst das griechische Element die Führung gegenüber dem italienischen gewinnt; gleichzeitig entstehen Werke von künstlerischen Selbständigkeit, wie die Ara pacis Augustae Plastik. Das römische Porträt, während der Republik nach etruskischem Vorbild naturalistische Züge betonend, wird unter Augustus idealisiert unter Verwendung griechischer Körpertypen, denen lediglich römische Porträtköpfe aufgesetzt werden. Die Kunst der flavischen Dynastie zeigt stärkere plastische Gestaltung; zur Zeit des Kaisers Hadrian macht sich eine klassizistische Orientierung bemerkbar. Mit den Soldatenkaisern beginnt eine Richtung in der römischen Kunst, die schon spätantike Merkmale aufweist: zunehmender Abbau der klassischen Form, Bevorzugung der Frontalität, lineare Gestaltung. Als selbständige Leistung der römischen Kunst steht neben dem Porträt das historische Relief, in kleinerem Format an Ehrenbögen, am großartigsten an der Triumphsäule des Trajan und der Ehrensäule Mark Aurels in Rom. Auch die römische Architektur ist eigene Wege gegangen, obschon die römische Stadtanlage der planvoll konstruierten hellenistischen entspricht (großartige Stadtbaukunst in den Provinzen Baalbek, Palmyra, Timgad). Im Hausbau verdrängt das griechische Peristylhaus im ersten Jahrhundert vor Christus das altitalische Atriumhaus, obwohl häufig kombinierte Anlagen Vorkommen (Pompeji); die Großstadthäuser sind meist mehrstöckig (Ostia). Der auf einem Podium errichtete römische Tempel sowie die spezifisch römische Form des Theaters, das frei stehende, trichterförmig-elliptisches Amphitheater (Kolosseum), gehen auf etruskische Vorläufer zurück. Die eigentlichen Leistung der römischen Architektur besteht in der Gestaltung des Innenraums (Basiliken, Thermen; größter Kuppelraum: Pantheon in Rom) und der Bewältigung zahlreicher technische Probleme: Beleuchtung, Wasserleitung (Aquädukte) und Heizung (Hypokausten). Die römische Kleinkunst ist in augusteischer Zeit besonders ausgezeichnet (Silberfunde von Boscoreale und Hildesheim unter anderem); unter den keramischen Erzeugnissen ragt die rote Reliefkeramik von Arezzo hervor. Aus augusteischer Zeit stammen auch die bedeutendsten römischen Wanddekorationen in Malerei (Palatin) und Stuck (Villa Farnesina).

römische Literatur: lateinische Literatur des Altertums. Von den Anfängen bis zur Klassik. Ältestes römisches Schriftdenkmal sind die Zwölftafelgesetze (um 450 vor Christus). Die ersten, die die Kunstdichtung der Griechen in Rom heimisch machten, waren Livius Andronicus (Übersetzung der Odyssee ins Lateinische, lateinischen Bearbeitungen griechischer Dramen), Naevius sowie Ennius mit seinen «Annalen». Reich entfaltete sich die Bühnendichtung (Plautus, Terenz). Die römische Satire, eine originale Leistung der Römer, fand ihren ersten großen Vertreter in Lucilius. Während sich die ältesten Annalisten noch des Griechischen bedienten, verfasste Cato d. Ä, der erste bedeutende Prosaschriftsteller, eine Geschichte Roms und der ital. Stämme in lateinischer Sprache. Die Beredsamkeit nahm vor allem in der mit den Gracchen beginnenden Zeit innerer Kämpfe einen bedeutenden Aufschwung. Klassik (81 vor Christus/14 n. Chr.). In der spannungsgeladenen Zeit des Übergangs von der Republik zur Monarchie entfaltete sich ein reiches Prosaschrifttum. Cicero und Hortensius Hortalus führten die Redekunst zum Höhepunkt. Die bewegte Zeit brachte solche hervorragende Geschichtsschreiber wie Sallust, Cäsar und Livius hervor. Varro fasste in seinem umfangreichen Werk die gelehrte Forschung zusammen. Lukrez stellte in einem Lehrgedicht die Philosophie Epikurs dar. In betonter Abkehr von älterer griechischer und römische Dichtung pflegten die Neoteriker das Kleingedicht und strebten nach alexandrinischem Vorbild höchste Formvollendung an. Catull war der bedeutendste Dichter dieses Kreises. Die Errichtung der Monarchie durch Augustus spiegelte sich auch in einem Wandel der Literatur wider. Da es keine politischen Kämpfe mehr auszutragen gab, verlor die Beredsamkeit an Bedeutung. Mit Vergil und Horaz erreichte die römische Dichtung ihre klassische Vollendung. Die Elegie war teils subjektiv-erotischen Liebeslyrik (Tibull, Properz, Ovid), teils Sagenelegie (Properz, Ovid). Ovid pflegte außerdem Lehrgedicht und mythologische Epik. Männer wie Mäcenas und Messalla regten als Mittelpunkte literarische Kreise den Dichtern an und unterstützten sie auch materiell. Das einzige lateinische Werk über die Architektur schuf Vitruv in augusteischer Zeit. Nachklassische Zeit (1./6. Jahrhundert n. Chr.). Die römische Literatur dieser Zeit stand schon im Schatten der bereits als Klassik empfundenen vorhergehenden Epoche, deren Vorbild nunmehr das Griechenlands verdrängte. Dennoch weist diese Epoche bedeutende Leistungen auf. In steigendem Maße gewann die Rhetorik Einfluss auf Dichtung und Prosa. Die Zeitverhältnisse förderten besonders die Satire (Persius, Juvenal, Seneca, Petronius Arbiter). Phädrus führte die Fabel als neue, volkstümliche literarische Gattung in die römische Literatur ein. Seneca verfasste zur Rezitation bestimmte Tragödien, seine moralphilosophische Briefe und Abhandlungen wirkten weit über seine Zeit hinaus. Den Hauptinhalt der Epigrammdichtung des Martial bildete die satirische Sittenschilderung. Unter den Epikern Silius Italicus, Valerius Flaccus, Statius und Lukan verzichtete Lukan als erster und einziger der Antike auf den traditionellen Götterapparat. Der bedeutendste Historiker der Kaiserzeit ist Tacitus; die übrigen historiographischen Werke sind teils Biographien (Sueton), als Unterhaltungslektüre romanhaft ausgeschmückt (Curtius Rufus) oder kurze Abrisse. Er wurde im 1. Jahrhundert Quintilian der größte Lehrer der Beredsamkeit. Reich blühte in dieser Epoche die Fachschriftstellerei (Plinius d. Ä. (Naturwissenschaften), Gaius, Papinianus, Ulpianus (Jurisprudenz)). Seit dem 1. Jahrhundert traten Schriftsteller der Provinzen hervor (Apuleius). In der Krisenzeit des 3. Jahrhundert kam die literarische Produktion fast ganz zum Erliegen. Seit dem Ende des 2. Jahrhundert entfaltete sich allmählich die christliche Literatur (Tertullian, Laktanz, Ambrosius, Hieronymus, Augustinus, Prudentius), wobei die christlichen Schriftsteller die Formen der heidnischen Literatur übernahmen. Die heidnische Literatur war in der Spätantike mit den Dichtungen des Claudian und dem Geschichtswerk des Ammianus Marcellinus noch einmal zur Blüte gelangt. In der Prosaliteratur spielten die Bedürfnisse der Schule nach Unterrichtswerken, Abrissen und Enzyklopädien eine große Rolle (Donat, Priscian, Cassiodor, Martianus Capella). Das letzte römische Werk der Jurisprudenz war die Sammlung des römischen Rechts, die Justinian I. in Konstantinopel anlegen ließ.

römische Musik: Die römische Musik ist mit der griechischen verwandt und von dieser mitgeprägt; besonders die Musiktheorie beruhte auf den Erkenntnissen der Griechen. Gegenüber der griechischen Musik war die römische farbenfroher und bediente sich eines reicheren Instrumentariums. Nach Gründung der Republik um 510 vor Christus entwickelte sich eine militärische Signalmusik, wobei etruskische Metallinstrumente (Tuba, Lituus, Comu) übernommen wurden. Seit dem 3./2. Jahrhundert vor Christus entstand unter griechischen Einfluss eine eigenständige römische Theatermusik. In ihr erlangte, begünstigt durch die 22 vor Christus erfolgten Erneuerungen der Pantomime, die Instrumentalmusik zunehmend selbständige Bedeutung. Verbote durch christliche Autoritäten bezeugen das Weiterleben der römischen Musik noch bis in das Mittelalter hinein.

römische Provinzen: die nach erfolgter Eroberung von Seiten Roms im römischen Reich geschaffenen Verwaltungseinheiten. Sie wurden durch Statthalter (Prätor, Praeses, Prokonsul unter anderem) verwaltet. Die Abgaben der Provinzbewohner stellten die Haupteinnahmequelle des römischen Staates dar. Infolge der Verwaltungsreform Diokletians und Konstantins I. im 4. Jahrhundert nach Christus wurden die römischen Provinzen verkleinert und ihre Zahl verdreifacht, wobei Italien ebenfalls in Provinzen aufgeteilt wurde.

römisches Recht: das Recht zunächst des Stadtstaates Rom, später des römischen Weltreiches; beruhend auf der Ausbeutung der als Sacheigentum geltenden Sklaven, entwickelte sich durch Anpassung an die Erfordernisse der Ware-Geld-Beziehungen, Bildung logische Begriffe und Verarbeitung fremder, besonders griechische Rechtsgedanken eine für den Welthandel geeignete Rechtsordnung. Vor allem auf dem Gebiet des Zivilrechts hat das römische Recht die Rechtsentwicklung in Deutschland, insbesondere durch die Rezeption, vom späteren Mittelalter an stark beeinflusst.

Römisches Reich, Imperium Romanum: größter und bedeutendster Sklavenhalterstaat der Antike. Ausgangspunkt des Römischen Reichs war die in der Landschaft Latium gelegene Stadt Rom. Die ersten Ansiedlungen entstanden hier im 10. bis 9. Jahrhundert vor Christus auf den Hügeln Palatin, Esquilin, Quirinal und Viminal. Nach der Überlieferung soll die Stadt 753 vor Christus durch Romulus gegründet worden sein. Im 7./6. Jahrhundert vor Christus schlossen sich wahrscheinlich die Gemeinden der 7 Hügel zusammen, die politisch und kulturell von Griechen und Etruskern (letztere hatten die Siedlungen zu Anfang des 6. Jahrhundert vor Christus erobert) beeinflusst wurden. Königszeit (8-/6. Jahrhundert vor Christus). Die älteste Zeit kann nur mit archäologischem Material und durch eine sagenhafte Überlieferung rekonstruiert werden. Die legendäre Tradition berichtet von 7 Königen, von denen Romulus der erste und der Etrusker Tarquinius Superbus der letzte war, unter denen Rom die Vormachtstellung in Latium errang; in dieser Zeit fand der Übergang von der Gentilgesellschaft zur Klassengesellschaft seinen Abschluss. Es entwickelte sich der Staat mit seinen Institutionen, die Sklaverei kam auf. Ausdruck dieser Entwicklung waren die dem Servius Tullius zugeschriebenen Reformen (Servianische Verfassung), die die wehrfähigen Bürger entsprechend ihrem Vermögenszensus in 5 Klassen einteilten. Für die soziale Stellung des römischen Bürgers war von nun an nicht mehr die gentilizische Abstammung, sondern weitgehend das Vermögen entscheidend. Mit der Vertreibung des letzten etruskischen Königs Tarquinius Superbus errangen die Römer um 510 vor Christus ihre staatliche Autonomie in Form einer aristokratischen Republik. Zeit der Republik (um 510/27 vor Christus). In der frühen Republik (510/287 vor Christus) waren die Patrizier die Träger der Staatsmacht. Der Staat wurde von jährlich wechselnden Beamten geleitet. Die höchsten Staatsämter hatten die 2 Prätoren, ab 367 vor Christus als Konsuln bezeichnet, inne. Oberstes Machtorgan war der Senat. Im Laufe des sogenannten Ständekampfes zwischen Patriziern und Plebejern erkämpften die Plebejer von den privilegierten Patriziern zahlreiche Zugeständnisse. Dieser Klassenkampf prägte das innenpolitische Geschehen der frühen Republik. Am Ende des Ständekampfes (287 vor Christus) bildeten die Patrizier zusammen mit der Oberschicht der Plebejer die neue sozial privilegierte Gruppe der Nobilität. Marksteine dieser Auseinandersetzung bedeuteten unter anderem die Licinisch-Sext. Gesetze (367/366 vor Christus), die den Plebejern den Zugang zum Konsulat sicherten und de jure der Beschneidung des Großgrundbesitzes gleichkamen, und das Gesetz des Poetelius (326 vor Christus), das das Verbot der Schuldsklaverei brachte. Bis zum Ende des 4. Jahrhundert vor Christus hatte sich Rom in zahllosen Kriegen gegen benachbarte Stämme als stärkste Macht Mittelitaliens durchgesetzt. Nach dem Sieg über Pyrrhos und die Griechenstädte Süditaliens stand bis 265 vor Christus ganz Italien unter römischer Herrschaft. Grundlage der Wirtschaft war die Landwirtschaft. Die Ausdehnung der Sklaverei Wirtschaft nahm im 3. Jahrhundert vor Christus größere Ausmaße an; der Übergang zur Großwirtschaft hatte einen gewaltigen Sklavenbedarf zur Folge. Rom musste zur Unterwerfung außeritalische Gebiete und damit zur Versklavung großer Menschenmassen übergehen. Gleichzeitig entfaltete sich die Warenwirtschaft; die soziale Differenzierung nahm zu. In der späten Republik (287/27 vor Christus) eroberte der römischen Sklavenhalterstaat außeritalische Gebiete. Die Ausdehnung der römischen Wirtschaft und Politik über Italien hinaus führte zum Zusammenstoß mit Karthago, der damaligen herrschenden See- und Handelsmacht des westlichen Mittelmeerraumes. In den 3 Punischen Kriegen wurde von 264 bis 146 vor Christus Karthago von Rom besiegt. Dadurch gerieten Teile Nordafrikas, Spanien, Sardinien, Sizilien und Korsika unter römischer Herrschaft. Aber auch im östlichen Mittelmeerraum wurden Expansionen durchgeführt. Erfolgreiche Kriege gegen Illyrien (229/228; 219), Makedonien (215/205; 200/197; 171/167), die Seleukiden (190), den Ätol (189) und Achäischen Bund (146 vor Christus Zerstörung Korinths) wurden geführt. Mit der Unterwerfung dieser Gebiete wuchs die politische und militärische Macht Roms. Mit dem durch Attalos IH. an Rom vererbten Pergamenischen Reich, dessen herrschende Klasse sich von den Römern Unterstützung im Kampf gegen die Volksmassen erhoffte, und der durch Rom dort vorgenommenen Niederwerfung des Aufstandes des Aristonikos (133/130 vor Christus) war das Römische Reich die einzige Großmacht im Mittelmeergebiet geworden. Der Hauptzweig der Wirtschaft dieses Staates, die Landwirtschaft, erfuhr aber in der späten Republik einen Strukturwandel. An die Stelle der Bauernwirtschaften trat im Großen und Ganzen der Großbesitz (Latifundien), an die Stelle des Ackerbaus trat in Italien vielerorts die gewinnbringendere Gartenwirtschaft (Öl und Wein). Auch die Viehzucht wurde hier stärker betrieben (intensivere Wirtschaftsformen). Zur gleichen Zeit entwickelten sich in Rom und Italien Handel und Gewerbe weiter. Die Handelsbilanz Roms blieb aber dennoch passiv. Die römische Wirtschaft basierte zu einem großen Teil auf der Ausbeutung der Sklaven sowie der Ausplünderung der eroberten Länder. Die auf diese Weise zusammengerafften Mittel dienten zum Teil der Bezahlung der notwendigen Importe, wie Getreide, gewerbliche Produkte und Luxusgegenstände. Hauptursache für die Kriege waren der Erwerb von Sklaven und Schätzen. Die Sklaven wurden zur wichtigsten Basis der antiken Produktionsweise, die sich in Rom um die Mitte des 2. Jahrhundert vor Christus zu ihrer klassischen Form entwickelte. Gleichzeitig verarmten und verelendeten aber die plebejischen Schichten, wobei besonders die freie ital. Bauernschaft, die bis dahin die Basis der ökonomischen und militärischen Kraft der Sklaverei Gesellschaft (Bauernheer) darstellte, in die Städte abwanderte, um dort das Heer der Proletarii zu vergrößern. Das antike Lumpenproletariat lebte auf Kosten der Gesellschaft (Unterstützung des Staates, Spenden der Reichen, Veranstaltungen von Zirkusspielen zur Ablenkung der Volksmassen). Neben der Landwirtschaft wuchsen auch Handels- und Wucherkapital, welches sich in den Händen der Equites (Publicani) konzentrierte. Die sich zur Geldaristokratie entwickelnden Equites bildeten seit etwa der Gracchenzeit (133/121 vor Christus) einen eigenen Stand (ordo), der sich wiederholt an senatsfeindliche Koalitionen beteiligte. Die Nobilität festigte ihre Position als Oberschicht des Staates. Ihre Vertreter hatten die entscheidenden Staatsämter inne. Die Nobilität zerfiel in mehrere politische Gruppierungen, die sich heftig bekämpften (Cato, Scipionen). Infolge der Berührung mit den hellenistischen Ländern wurde Rom von deren überlegener Kultur und Technik beeinflusst. Nach griechischem Vorbild entwickelten sich alle Zweige der Kunst und Literatur in Rom und Italien. Die Enteignung der Bauern und ihre Verwandlung in Proletarii schwächten den Staat, denn die Zahl der Wehrdienstfähigen und die Schlagkraft des Bauernheeres nahmen ab; die Ballung einer großen Zahl Armer wurde für die herrschende Klasse zur Gefahr. Die sozialökonomische Entwicklung sowie die zunehmende Ausbeutung der Sklaven hatten eine Verschärfung des Klassenkampfes zur Folge. Das römische Staatsgefüge wurde von zahlreichen Bewegungen der armen Freien und durch Sklavenaufstände, begleitet von heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der herrschenden Klasse selbst, erschüttert. Diese führten zum Sturz der Republik und zur Errichtung der Alleinherrschaft. In dieser Zeit der Krise der republikanischen Ordnung zerfiel die herrschende Klasse in 2 Parteiungen (Optimalen und Populären), die über die Methoden der Führung und Rettung des Staates völlig entgegengesetzte Ansichten vertraten. Die Opposition der Populären gegen die Senatsherrschaft gipfelte in der agrarreformerischen Bewegung der Gracchen, die am Widerstand der Optimaten scheiterte. Gleichzeitig mit diesen inneren Auseinandersetzungen wurden an fast allen Grenzen des Römisches Reichs. Kriege gegen die noch freien Nachbarvölker geführt (unter anderem Südgallien, Numidien). Mit der Schaffung des Söldnerheeres von Seiten des Marius (Heeresreform 105 vor Christus) wurde das Bürgerheer ersetzt. Durch diese Reform war zwar ein kampfstarkes, stets einsatzbereites Heer geschaffen worden, aber die Krise spitzte sich damit weiter zu. Das Heer spielte eine große Rolle bei den folgenden Kämpfen zwischen den Optimaten und Populären und war eine Voraussetzung für die Alleinherrschaft. Nach dem Bundesgenossenkrieg (90/88 vor Christus) Roms gegen die ital. Bundesgenossen erreichten die Auseinandersetzungen innerhalb der herrschenden Klasse in den Kämpfen zwischen Marius und Sulla schärfste Formen. Mit dem Staatsstreich Sullas (88 vor Christus), bei dem erstmalig ein römisches Heer Rom eroberte, wurde ein Bürgerkrieg eingeleitet, der mit dem Sieg und der Diktatur Sullas (82/79 vor Christus) im Interesse der Nobilität endete. Diese Diktatur war außerstande, die bestehenden Widersprüche zu lösen. 74/71 vor Christus wurde das Römische Reich durch den größten Sklavenaufstand des Altertums unter Führung des Spartacus erschüttert. Dieser Aufstand machte deutlich, dass die Macht der herrschenden Klasse mit republikanischen Mitteln nicht zu sichern und dass der Übergang zu Alleinherrschaft und Militärdiktatur für sie eine Notwendigkeit war. Die Auseinandersetzungen zwischen Sullanern (Optimaten) und Marianern (Populären), das 1. und 2. Triumvirat und die Alleinherrschaft von Pompe-jus und Cäsar offenbarten die Unfähigkeit der herrschenden Klasse, die reaktionär gewordene Macht des Senats zu beseitigen. Teile der herrschenden Klasse strebten eine Militärdiktatur an. Der Sieg des Octavianus bei Aktium (31 vor Christus) beendete die Bürgerkriegszeit und leitete die Epoche der Alleinherrschaft ein. Die Landwirtschaft blieb der wichtigste Produktionszweig. Die Latifundienwirtschaft setzte sich endgültig durch. Das Wirtschaftsleben beruhte im Wesentlichen auf der Ausplünderung der in den außerhalb Italiens eroberten Gebieten geschaffenen Provinzen. Literatur und Kunst erreichten in der späten Republik einen hohen Stand (klassische Periode). Die frühe Kaiserzeit oder das Prinzipat (27 vor Christus/284 nach Christus) war eine Periode der Alleinherrschaft (Militärdiktatur), die eine Form der Monarchie unter republikanischen Deckmantel darstellte. Ihre Aufgabe bestand darin, die Herrschaft der Sklavenhalterklasse nach innen und außen zu sichern. Der erste Kaiser, Octavianus (seit 27 vor Christus durch sakrale Namensänderung Augustus genannt), vereinigte die wichtigsten politischen, militärischen und religiösen Ämter in seiner Person. Die schonungslose Ausplünderung der Provinzen als materielle Basis des Prinzipats war die Ursache für eine Reihe von Aufständen der unterjochten Völkerschaften (17/24 Aufstand unter Tacfarinas in Nordafrika; 60/61 Bewegung unter Boudicca in Britannia; 68/69 Aufstand des Civilis in Gallien unter anderem). Die Rechte der Plebejer wurden weiter beschnitten (seit 14 nach Christus wurden die Volksversammlungen nicht mehr einberufen). Augustus erließ zahlreiche Gesetze, die die Macht der Sklavenbesitzer über die Sklaven festigten und den Unterschied zwischen Freien und Sklaven besonders betonten. Das Prinzipat stützte sich auf einen Teil der Nobilität, die Equites und die Munizipalaristokratie. Außenpolitisch versuchte das Prinzipat mit Erfolg, das RR. weiter auszudehnen. Es gelang die Unterwerfung neuer Gebiete (restliche Spanien, Alpen, Illyrien, Pannonien, Rätien unter anderem). Unter Kaiser Trajan, dem letzten römischen Eroberer Kaiser, erreichte das Römische Reich bis 117 seine größte territoriale Ausdehnung. Das Partherreich geriet in Abhängigkeit von Rom. Die Grenzen wurden teilweise durch Befestigungen (Limes 1) gesichert. Dennoch ging das Römische Reich seit der 1. Hälfte des 2. Jahrhundert nach Christus immer mehr zu einer defensiven Außenpolitik über. Die Innenpolitik der Prinzipatszeit war charakterisiert durch die Festigung der Macht der Kaiser und eine schwache Opposition republikanisch gesinnter Kreise (Senatsoligarchie), die ihren Höhepunkt unter den Kaisern Nero und Domitian erreichte. In der Wirtschaft des frühen Prinzipats arbeiteten große Sklavenmassen. Infolge der zunehmenden Unrentabilität von Sklavenarbeit auf zusammenhängendem Großgrundbesitz breitete sich das Kolonat immer weiter aus. Die Kolonen waren in den ersten beiden Jahrhunderten nach Christus persönlich frei. Sie konnten ihre Scholle bei Schuldenfreiheit verlassen. Da die Kolonen einen bestimmten Anteil an den Erzeugnissen ihrer Arbeit hatten, waren sie an der Erhöhung ihrer Arbeitsproduktivität interessiert. Die Städte wuchsen zu Beginn nach Christus noch, der Handel entfaltete sich. Senat und Volksversammlung hatten ihre politische Bedeutung verloren. Die Führung des Staates lag bei den Kaisern, Beamten und Militärs. Der starke Druck des römischen Staates, der auf den Volksmassen Italiens und den unterworfenen Völkerschaften lastete, machte diese in ihrer hoffnungslosen Lage für die orientalischen Mysterienreligionen und das Christentum empfänglich. Die frühe Kaiserzeit war eine Blütezeit der Kultur. In der 2.Hälfte des 2. Jahrhundert nach Christus geriet das Römische Reich in die allgemeine Krise der antiken Produktionsverhältnisse, charakterisiert durch den Verfall der städtlichen Produktionsweise, durch das Erstarken der nicht an das städtliche Eigentum gebundenen Produktionsverhältnisse, durch politische Instabilität, den Einfall benachbarter Völkerschaften in das Römisches Reich und zunehmende Verwüstung vieler Provinzen. Die erstarkte Provinzialaristokratie versuchte sich von der kaiserlichen Bevormundung zu lösen und bildete im 3. Jahrhundert zeitweilig Separatreiche (Gail. Reich, Palmyrenischen Reich). In einzelnen Provinzen kam es zu Massenaufständen (Bagauden in Gallien, Agonistiker in Nordafrika). In der späten Kaiserzeit oder dem Dominat (284/476) gelang es Diokletian und seinem Nachfolger Konstantin I. mit der Errichtung der absoluten und unverhüllten Militärdiktatur, die Herrschaft der Aristokratie erneut zu stabilisieren, ohne die allgemeine Krise überwinden zu können. Durch eine Verfassungsreform wurde die Tetrarchie (Diokletian) eingeführt. Das Heer wurde verstärkt, die Militär von der Zivilgewalt getrennt; die Handwerker mussten sich zu Zwangsinnungen (Kollegien) zusammenschließen, und ein Preisedikt wurde erlassen. Konstantin verlegte seine Hauptstadt nach Konstantinopel, ließ das Christentum zu und bezog die christliche Kirche in den Staat ein. Sklavenhalterstaat und allgemeine Krise machten das Kolonat im 3./4. Jahrhundert der Sklaverei immer ähnlicher. Konstantin fesselte durch ein Gesetz von 332 die Kolonen an den Boden. Seit Mitte des 4. Jahrhundert war das Römische Reich den Einfällen der Germanen nicht mehr gewachsen. 378 erlitt Rom durch die Westgoten bei Adrianopel eine vernichtende Niederlage. Bürgerkriege, Usurpationen und Aufstände offenbarten den zunehmenden Verfall des Römischen Reichs Theodosius I. wollte mit der Teilung des Reiches in ein westliches und östliches Imperium 395 dem Zerfall entgegenwirken. Die Lage für das Westreich wurde immer unhaltbarer. 408/10 plünderten die Westgoten Italien und Rom, die Wandalen verheerten Spanien und Nordafrika, 451 fielen die Hunnen unter Attila ins Reich ein. Der Sturz des letzten weströmischen Kaisers Romulus Augustulus 476 durch Odoaker, den ersten germanischen Heerkönig in Italien, wird als das Ende des Weströmischen Reiches betrachtet. Auf dem Gebiet Westroms vollzog sich der Übergang zu feudalen Produktionsverhältnissen in einer sozialen Revolution, die mit Hilfe benachbarter Völkerschaften durchgeführt wurde. Die feudalen Produktionsverhältnisse etablierten sich in Westeuropa in der Zeit vom 5. bis ins 10. Jahrhundert. Das Ostrom. Reich bestand als Byzantinische Reich noch bis 1453.

Römische Verträge: von den Regierungschefs und Außenministern Belgiens, der BRD, Frankreichs, Italiens, Luxemburgs und der Niederlande am 25.3.1957 in Rom Unterzeichnete Verträge; begründeten die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die EURATOM.

römisch-katholische Kirche, katholische Kirche, römische Kirche: der Ausbreitung und der Zahl der Angehörigen nach größte christliche Konfessionskirche mit streng hierarchischer Aufbau: Der Priesterstand (Klerus) nimmt in der römisch-katholischen Kirche gegenüber den Laien eine Sonderstellung ein; Oberhaupt ist der Papst in Rom. 1054 trennten sich die östlichen-orthodoxen Kirchen, in der Reformation die Protestantische von ihr. Trotz ihrer starken Traditionsgebundenheit ist heute das weltweite Ringen zwischen Reaktion und sozialem Fortschritt auch in der römisch-katholischen Kirche spürbar. Von besonderer Bedeutung für die Versuche der römisch-katholischen Kirche, sich den veränderten weltpolitischen Bedingungen anzupassen, sind das II. Vatikanische Konzil (1962/65) und einige der Enzykliken der Päpste Paul VI. und Johannes Paul II. Sie nehmen in differenzierterer Form als in der Vergangenheit zu sozialen Problemen Stellung und tragen damit den Tendenzen der Differenzierung im gegenwärtigen Katholizismus Rechnung. Breite Kräfte der römisch-katholischen Kirche verstärken dabei ihre Anstrengungen im Kampf um Frieden und sozialen Fortschritt.

Romme: Kartenablegespiel für 2 bis 8 Personen mit 104 Blatt und 6 Jokern.

Rommel: 1. Erwin Rommel, 15.11.1891-14.10.1944, Generalfeldmarschall der faschistischen Wehrmacht; 1941/43 Oberbefehlshaber in Nordafrika; wegen Verbindung zu den Verschwörern vom 20. Juli 1944 auf Befehl Hitlers zur Selbsttötung gezwungen.

2. Gerhard Rommel, geboren 10.2.1934, Bildhauer und Graphiker; 1952/58 Studium an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst Berlin-Weißensee, 1963/65 Meisterschüler bei F. Cremer. Gestaltet besonders Porträts, Akte, Tiermotive und symbolische Plastik im baugebundenen Bereich sowie Münzen und Medaillen.

Romney, George, 15.12.1734-15.11.1802, englischer Maler; seit 1762 in London als erfolgreicher Porträtist tätig, der, beeinflusst von antiken Bildwerken, Empfindsamkeit mit elegantem Klassizismus zu vereinen wusste.

Romulus Augustulus, letzter weströmischer Kaiser 475/476 nach Christus; wurde, selbst noch unmündig, von seinem Vater, dem Heermeister Orestes, am 31.10.475 zum Kaiser proklamiert, aber bereits am 4.9.476 nach der Eroberung Ravennas durch Odoaker gestürzt und verbannt.

Romulus und Remus, nach der Sage Zwillingssöhne des Mars und der Rea Silvia, im Tibir ausgesetzt und von einer Wölfin gesäugt (kapitolinische Wölfin), später vom Hirten Faustulus und seiner Frau Acca Larentia aufgezogen; gründeten Rom (753 vor Christus); bei einem dabei entbrennenden Streit erschlug Romulus den Remus.

Rónai, Sándor, 6.10.1892-28.9.1965, ungarischer Politiker; seit 1948 Mitglied des ZK und des Politbüros der Partei der ungarischen Werktätigen beziehungsweise der ungarischen sozialistischen Arbeiterpartei; 1950/52 Vorsitzender des Präsidialrates und 1952/63 Präsident der Nationalversammlung der UVR.

Roncesvalles, Col de Roncevaux: Häusergruppe (981 m über dem Meeresspiegel) um eine Augustinerabtei (12. Jahrhundert) mit vielbesuchter Wallfahrtskirche (13. Jahrhundert) in den Westpyrenäen, in der spanischen Provinz Navarra; nahebei der Pass von Roncesvalles (bekannt durch Rolands Kampf und Tod im Jahre 778).

Ronda: Stadt im Süden Spaniens, westlich von Málaga, beiderseits der 160 m tiefen Schlucht des Guadalevin; 31000 Einwohner; Textil-, Nahrungsmittel- und Genussmittelindustrie (Brandy, Schokolade); Landwirtschaftsmarkt; mehrere bis 90 m hohe Brücken; Stierkampfarena (1785), Kathedrale Santa Maria Major (ehemalige Moschee), Reste römischer Bauten.

Rondat, Rondate: Gerätturnen, Akrobatik schnell ausgeführter Handstütz-Überschlag seitwärts mit einer Vierteldrehung nach dem Abdruck und Landung auf beiden Beinen mit Umkehrung der Bewegungsrichtung (aus dem Anlauf vorwärts erfolgt ein Absprung rückwärts).

Rondeau: 1. Rondeau, Rundum, Rund Reim, Ringelgedicht: Literatur - französische Gedichtform aus 12 bis 15 Zeilen, die ursprünglich 2 Reime durch alle Verse führte. Die Anfangsworte der 1. Zeile werden, das Rondeau gliedernd, nach einer Mittelzeile (meist die 8.) und am Ende wiederholt; zunächst Lied beim Rundtanz, später immer kunstvoller gebildet. In der deutschen Literatur im 16./17. Jahrhundert Nachahmungen des Rondeau durch J. Fischart, G. Weckherlin, P. von Zesen unter anderem.

2. Musik: a) mittelalterliches, ursprünglich einstimmiges, später zwei- bis vierstimmiges Tanzlied mit Vorsänger und Chorantwort, wahrscheinlich im 12. Jahrhundert entstanden;

b) tänzerische, auch instrumentale, Refrain Komposition des 17./18. Jahrhundert Siehe auch Rondo.

Rondell: Rundbeet im Rasen oder auf einem Platz mit ornamental angeordneten Blüten- und Blattpflanzen.

Rondo: vorwiegend instrumentale Reihungsform mit tänzerisch-liedhafter Thematik und wiederkehrendem thematischer Hauptteil nach episodischen Auftreten von Zwischenspielen; seit dem 18. Jahrhundert als Sonatenrondo oft Schlusssatz von Sonate und Sinfonie.

Rondonia: Bundesstaat im Nordwesten Brasiliens, an der Grenze zu Bolivien; 243044 km2, 690000 Einwohner; 3 Einwohner/km2; Verwaltungszentrum Porto Velho (mit dem Hauptteil der Bevölkerung) umfasst die westlichen Ausläufer des Brasilianischen Berglandes (Serra dos Parecis) und Teile des Amazonastieflandes; bei tropischen Klima größtenteils von immergrünem tropischen Regenwald bedeckt; sehr dünn besiedelt und wirtschaftlich kaum erschlossen; Sammelwirtschaft (Kautschuk, Holz, Paranüsse, Harze, Palmfrüchte); in den Savannengebieten Viehzucht.

Rongalit: (Kunstwort) hauptsächlich aus Formaldehyd Natrium Sulfoxylat bestehendes Reduktionsmittel für die Küpenfärberei.

Ronin: (japanisch, «Wellenmann») im japanischen Feudalismus Samurai ohne Lehnsherren und damit ohne soziale Sicherheit.

Ronneburg: Stadt im Kreis und Bezirk Gera; 9500 Einwohner; Herstellung von Fahrzeugfelgen, elektronischen Bauelementen, Textilien; um Ronneburg Bergbau; Altstadt mit spätgotischer Pfarrkirche und Schloss.

Ronsard, Pierre de, 11. 9. 1524 (oder 1525)—27.12. 1585, französischer Dichter; einer der bedeutendsten Lyriker und Epiker der Renaissance («Oden», 1550/52) und führender Vertreter der Plèiade.

Röntgen, (nach W. C. Röntgen) Zeichen R: veraltende Maßeinheit der Exposition ionisierender Strahlung (amtlich seit 1.1.1980 ungültig).

Röntgen, Wilhelm Conrad, 27.3.1845-10.2.1923, Physiker; wirkte in Hohenheim, Strasbourg, Gießen, Würzburg und ab 1899 in München; arbeitete insbesondere über thermische und elektrische Erscheinungen bei Kristallen; entdeckte 1895 bei Experimenten an Gasentladungen die nach ihm benannt Strahlen und untersuchte ihre Eigenschaften.

Röntgenastronomie: Teilgebiet der Astronomie, das die aus dem Weltall kommende Röntgenstrahlung mit Wellenlängen zwischen 0,01 und 10 nm untersucht. Die Messungen erfolgen von Raketen und Satelliten aus. Als Empfänger dienen meist Proportionalzählrohre. Im längerwelligen Röntgenbereich kann man mit Röntgenteleskopen, die die Totalreflexion ausnutzen, echte Abbildungen von Röntgenquellen erzielen.

Röntgenaufnahme: Abbildung eines Objektes mit durchdringender Röntgenstrahlung direkt auf einen Röntgenfilm (überwiegend unter Verwendung von Leuchtstoffschichten; Röntgenverstärkerfolie) oder indirekt verkleinert durch Fotografie von Leuchtschirmbildern (Schirmbildfotografie) oder von Bildern auf dem Ausgangsleuchtschirm von Röntgenbildverstärkern.

Röntgenbestrahlung: Therapie mit Röntgenstrahlen. Der Tiefendosisverlauf wird durch die Strahlenqualität (Härte der Strahlung) und durch den Fokusoberflächenabstand bestimmt. Es werden Oberflächenbestrahlung (Strahlung aus Röntgenröhren bei Spannungen zwischen 10 und 60 kV und geringem Fokusoberflächenabstand; Nahbestrahlung) und Tiefenbestrahlung (Strahlung aus Röntgenröhren bei Spannungen zwischen 100 und 300 kV, Strahlung aus Linearbeschleunigern und Betatrons mit Energien bis zu etwa 40 MeV) unterschieden.

Röntgenbildverstärker: Gerät, das zum Beispiel bei der Durchleuchtung Röntgenstrahlung in sichtbares Licht umwandelt. Es besteht aus einem kolbenförmigen Vakuumgefäß mit einem Leuchtschirm und einer Fotokathode zur Umwandlung des Röntgenstrahlenbildes in eine Elektronenverteilung auf der Strahleneintrittsseite. Mit Hilfe eines elektronenoptisches Ablenksystems werden die Elektroden beschleunigt und auf den Ausgangsleuchtschirm gelenkt, auf dem sie ein sehr helles Bild erzeugen. Dies wird mit Hilfe einer Fernsehkamera auf einem Sichtgerät dargestellt (Röntgenbildverstärker-Fernsehkette) oder fotografisch aufgezeichnet (Bildverstärkerfotografie).

Röntgendiagnostik: Teilgebiet der medizinischen Radiologie. Die Röntgendiagnostik benutzt die unterschiedliche Röntgenstrahlendurchlässigkeit menschliches Gewebe und in den Körper eingebrachter Stoffe (Kontrastmittel), um das Körperinnere zum Erkennen von Erkrankungen als Schattenbild sichtbar zu machen. Die Differenzen in der Strahlendurchlässigkeit des untersuchten Objektes, die Objektkontraste, bewirken hinter dem durchstrahlten Objekt entsprechende Unterschiede in der Strahlungsverteilung, die Strahlenkontraste, auch Strahlenbild oder (früher) Strahlenrelief genannt. Durch Einwirken des unsichtbaren Strahlenbildes auf einen Bildwandler, zum Beispiel einen Röntgenleuchtschirm oder -film, entsteht eine sichtbare Leuchtdichte- oder Schwärzungsverteilung, das heißt das aus Bildkontrasten bestehende Röntgenbild.

Röntgendurchleuchtung, Röntgenoskopie, Durchleuchtung: Erzeugung von Röntgenbildern auf einem Zinkcadmiumsulfid-Leuchtschirm oder mit Hilfe einer Röntgenbildverstärker-Fernsehkette. Im Bild erscheint eine Helligkeitsverteilung, die der Absorption der Strahlung im Objekt entspricht. Die Röntgendurchleuchtung dient der kontrollierten Einführung von Kathetern, der Beobachtung von Bewegungsphasen und bei Röntgenzielaufnahmen der Festlegung der abzubildenden Region (zum Beispiel bei Untersuchungen des Magen-Darm-Kanals). Siehe auch Röntgenaufnahme.

Röntgenfilm: überwiegend zusammen mit Röntgenverstärkerfolien in der Röntgendiagnostik eingesetzter beiderseitig mit einer lichtempfindlichen Schicht versehener, silberreicher Film, der sich durch hohe Lichtempfindlichkeit und hohe Bildkontraste auszeichnet.

Röntgengenerator: Hochspannungserzeuger (Transformator und Gleichrichter), der zusammen mit Schaltern, Mess- und Regeleinrichtungen dem Betrieb von Röntgenröhren dient. Je nach Form der erzeugten Ausgangsspannung werden Puls- und Gleichspannungs-Röntgengenerator unterschieden.

Röntgengerät, Strahlenanwendungsgerät: Gerät, das der Lagerung des abzubildenden Objektes, der Halterung der Röntgenröhre und der Filmkassette dient und häufig auch noch eine Bildverstärker Fernseheinrichtung für Durchleuchtung und Bildverstärkerfotografie umfasst, zum Beispiel Schirmbild-, Schicht-, Durchleuchtungsgeräte.

Röntgengoniometer: Gerät zur Bestimmung der Lagen und Winkelbeziehungen der Netzebenen von Kristallen, an denen Röntgenstrahlen gebeugt werden.

Röntgenkymographie, Kymographie (griechisch): Verfahren zur röntgenologischen Abzeichnung rhythmischer Organbewegungen, zum Beispiel des Herzens und des Magens. Während der Belichtung wird dabei ein Schlitzraster (1 mm breite Schlitze senkrecht zur Körperlängsachse) um einige mm senkrecht zu den Schlitzen bewegt, wodurch sich die bewegten Organränder als Zacken abbilden. Deren Form erlaubt eine Analyse der Organbewegung.

Röntgenleeraufnahme, Nativaufnahme. Röntgenaufnahme ohne Kontrastmittelverwendung.

Röntgenleuchtschirm: auf einem Trägermaterial (Karton, Kunststoff, Glas) befindliche Leuchtstoffschicht (Zinkcadmiumsulfid), die Röntgenstrahlung in sichtbares, meist gelbgrünes Licht umwandelt.

Röntgenologie: Lehre von der medizinischen Röntgenstrahlenanwendung; meist für Röntgendiagnostik benutzt

Röntgenquelle: Himmelskörper, der Röntgenstrahlung aussendet. Die Sonne ist während Eruptionen eine starke Röntgenquelle Galakt. Röntgenquelle sind oft enge Doppelsterne, in denen von einem normalen Stern ein Gasstrom zu seinem Begleiter (meist ein Neutronenstern) hinüberfließt, sich beim Aufprall auf mehrere Millionen K erhitzt und Röntgenstrahlung aussendet. Von den extragalaktischen Röntgenquellen sind die Galaxienhaufen bemerkenswert, bei denen die Röntgenstrahlung von einem heißen Gas zwischen den Sternsystemen kommt. Auch Radiogalaxien und Quasare sind oft Röntgenquelle

Röntgenreihenuntersuchung: Vorsorgeuntersuchung großer Bevölkerungsgruppen mit Hilfe von Röntgenaufnahmen; zum Beispiel Röntgenreihenuntersuchung des Brustraumes mit der Röntgenschirmbildfotografie zur Früherkennung von Lungenerkrankungen oder Röntgenreihenuntersuchung des Magens mit der Röntgenbildverstärkerfotografie zur Früherkennung des Magenkrebses.

Röntgenschirmbildfotografie: Röntgenabbildung durch Fotografie von Leuchtschirmbildern t70 bis 100 mm breiter Film); nur noch für Aufnahmen des Brustraumes angewendet.

Röntgenspektroskopie: Verfahren zur Bestimmung der chemischen Zusammensetzung von Stoffen durch spektrale Zerlegung der emittierten Röntgenstrahlung (Emissionsröntgenspektroskopie) oder (seltener) durch deren Absorption mittels geeigneter Filtermaterialien (Absorptions-R). Bei der Emissions-R, wird die Probe entweder als Antikathode in eine Röntgenröhre eingebracht und durch Beschuss mit stark beschleunigten Elektronen zur Strahlung angeregt (Primär Anregang); oder die Probe wird außerhalb der Röhre einer Röntgenstrahlung ausgesetzt (Sekundäranregung, Röntgenfluoreszenz). Aus Wellenlängen und Intensität der emittierten Strahlung kann auf Art und Konzentration der in der Probe enthaltenen Elemente geschlossen werden.

Röntgenstrahlung: von W. C. Röntgen 1895 entdeckte elektromagnetische Strahlung mit Wellenlängen im Bereich von etwa 10-7 m (weiche Röntgenstrahlung) bis etwa 10“14 m (ultraharte Röntgenstrahlung), die beim Auftreffen energiereicher Elektronen auf einen Stoff entsteht. Zur Erzeugung von Röntgenstrahlung benutzt man im Allgemeinen spezielle Elektronenröhren (Röntgenröhren), für sehr energiereiche Röntgenstrahlung aber auch Betatron, Synchrotron oder Linearbeschleuniger beziehungsweise radioaktive Präparate mit einer y-Strahlung, die der Natur der Röntgenstrahlung gleicht. Die in der Röntgenröhre bei einem Vakuumdruck g 10'4 Pa von der Glühkathode erzeugten und durch den sogenannt Wehnelt-Zylinder oder magnetischen Linsen fokussierten Elektronen werden durch eine Hochspannung (20 bis 400 kV) beschleunigt, so dass sie beim Auftreffen auf die Anode (hier auch Antikathode genannt) die Röntgenstrahlung erzeugen; wegen der thermischen Belastung wird die Anode gekühlt. Zu unterscheiden sind 2 Arten von Röntgenstrahlung:

a) die Bremsstrahlung, die beim Abbremsen der Elektronen durch die Hüllenelektronen, weniger durch die Atomkerne des Anodenmaterials, durch Umwandlung der kinetischen in Strahlungsenergie entsteht. Die Wellenlängen des hierbei erzeugten kontinuierlichen Spektrums reichen bis zu einer unteren Grenzwellenlänge, die nur von der Beschleunigungsspannung abhängt (siehe auch Duane Huntsches Gesetz);

b) die charakteristische oder Eigenstrahlung ist der Bremsstrahlung überlagert und besitzt Linienstruktur, die für das jeweilige Bremsmaterial charakteristisch ist (siehe auch Moseleysches Gesetz). Sie entsteht durch Elektronenübergang von äußeren auf innere Schalen der Atome des Bremsmaterials nach vorheriger Ionisation durch die Elektronenstrahlen. Dabei werden die nach den Schalen K, L, M,... benannten Serien des charakteristischen Röntgenspektrums emittiert. Röntgenstrahlung wird verwendet wegen ihres hohen Durchdringungsvermögens in der medizinischen Diagnostik und Therapie, zur Werkstoffprüfung und wegen ihrer kurzen Wellenlänge zur Kristallstrukturuntersuchung, zur Röntgenspektroskopie unter anderem. Die schädigenden Wirkungen der Röntgenstrahlung sind von der Art (harte oder weiche Strahlung mit ausgesprochener Tiefenwirkung beziehungsweise nur Oberflächenwirkung), Dosis, Einwirkungsdauer und Empfindlichkeit der bestrahlten Gewebe abhängig. Organe, die sich physiologisch in ständiger Regeneration befinden (Haut, blutbildende Organe, Keimdrüsen), sind besonders gefährdet.

Rooming in: Unterbringung des Neugeborenen auf der Wochenstation im gleichen Raum mit der Mutter; ermöglicht Beschäftigung mit dem Baby und teilweise Betreuung desselben durch die Mutter.

Albrecht Theodor Emil Graf von Roon, 30.4.1803—23.2. 1879, preußischer Generalfeldmarschall; als Kriegsminister (1859/73) reorganisierte er auf verfassungswidrigem Wege die preußische Armee und schuf damit das wichtigste Instrument zur Durchsetzung der preußischen Großmachtpolitik.

Roosevelt: 1. Franklin Delano, 30.1.1882-12.4.1945, US-amerikanischer Politiker (demokratische Partei); 1933/45 Präsident; betrieb die Politik des New Deal, nahm 1933 diplomatische Beziehungen zur UdSSR auf; führte die USA in die Antihitlerkoalition und vertrat die Politik der friedlichen Koexistenz; Teilnahme an den Konferenzen von Teheran (1943) und Jalta (1945).

2. Theodore, 27.10.1858-6.1.1919, US-amerikanischer Politiker; begründete als Präsident (1901/08) Dollardiplomatie und Politik des «großen Knüppels».

Roquefort: (nach einem französischen Dorf) aus roher, nicht entrahmter Schafmilch hergestellter Vollfett- oder Rahmkäse mit grünem Schimmel.

Roraima: 1. Tafelbergmassiv im Nordosten Südamerikas, im Bergland von Guayana; 50 km lang, 20 km breit, durchschnittlich 2000 m, maximal 2810 m über dem Meeresspiegel; über einem eingeebneten präkambrischen Grundgebirge liegt eine jüngere Sandsteindecke mit rund 400 m hohem Steilabfall nach Süden.

2. Bundesterritorium im Norden Brasiliens; 230104 km2, 99000 Einwohner; 0,4 Einwohner/km2; Verwaltungszentrum Boa Vista. Vom Rio Branco durchflossenes, zwischen dem Hochland von Guayana und Amazonien gelegenes, noch kaum erschlossenes Gebiet; an den Quellflüssen des Rio Branco Diamanten- und Goldlagerstätten; vorwiegend extensive Viehzucht in den Savannengebieten; in den Wäldern Sammelwirtschaft.

Rorschach-Test: Deutung sinnfreier Klecksfiguren, aus der Hinweise auf Persönlichkeitseigenschaften abgeleitet werden; von dem schweizerischen Psychiater Hermann Rorschach (1884-1922) entwickelt. Der wissenschaftliche Wert des Rorschach-Tests ist stark umstritten.

Rosa, Salvator, 20.6. oder 21.7.1615-15.3.1673, italienischer Maler, Radierer, Dichter und Musiker, seit 1650 unter anderem als Schlachtenmaler in Rom tätig, bevorzugte dramatische Beleuchtung und mythologisch-heroische Staffage.

Rosacea, Kupferfinnen, Rotfinnen: chronischen Erkrankung der Gesichtshaut bei Erwachsenen mit seborrhoischer Hautveranlagung (Seborrhoe); Störungen der Magen-Darm-Tätigkeit und der inneren Sekretion werden als Ursache vermutet, sind aber nicht regelmäßig nachweisbar. Wechselnd starke Hautrötungen an Nase, Wangen, Stirn, begleitet von Erweiterungen kleiner Hautblutgefäße, von Knötchen, Pusteln und Talgdrüsenwucherungen, besonders der Nase (Knollen- oder Pfundnase), charakterisieren die Krankheit; mitunter auch Entzündung der Binde- und Hornhaut der Augen.

Rosario: Stadt im Nordosten Argentiniens, am Paraná; 940000 Einwohner; bedeutender Industriestandort, besonders Erdölraffinerien, Eisenmetallurgie, metallverarbeitende, Fahrzeug-, Textil-, Leder-, Möbel-, Baustoff-, Lebensmittelindustrie; Verkehrsknoten, Binnenhafen (für Seeschiffe bis 10000 BRT erreichbar (Freihafen für Bolivien)), 2 Flughäfen; Fakultäten der Litoral-Universität von Santa Fé; Museen.

Rosarium: Rosenanlage, in der Wildarten und Zuchtsorten von Rosen zu Vergleichszwecken angepflanzt worden sind.

Juan Manuel de Rosas, 30.3.1793-14.3.1877, argentinischer Politiker; Führer der konservativen Föderalisten; 1835/52 Diktator Argentiniens; unterdrückte den Separatismus der Provinzen und versuchte vergeblich, Uruguay zu erobern; nach Niederlage gegen die liberalen Unitaristen (1852) im Exil.

Rose:

1. Rose, Rosa: Botanik - artenreiche Gattung fiederblättriger stacheliger Sträucher (Familie Rosengewächse) mit weißen, gelben oder roten Blüten und Sammelnussfrüchten (Hagebutten). Zahlreiche heimische Wildformen sind Stammpflanze beziehungsweise Pfropfunterlage der formenreichen Gartenrose.

2. Rose: Forstwirtschaft - Überwallungsnarbe eines in das Holz eingewachsenen Astes auf der Rinde vorwiegend grobrindiger Baumarten, zum Beispiel Eiche, Erle.

3. Medizin: Erysipel.

Heinrich Rose, 6.8.1795-27.1.1864, Chemiker; Professor in Berlin; entdeckte 1844 das Element Niobium und verfasste ein richtungweisendes Lehrbuch der analytischen Chemie.

Roseau: Hauptstadt von Dominica, im Südwesten der Insel; 20000 Einwohner; vorwiegend Lebensmittel- und Konservenindustrie, Rumproduktion; internationaler Flughafen, Hafen; Museum.

Rosegger, Peter, 31.7.1843-26.6.1918, österreichischer Schriftsteller; Herausgeber der Zeitschrift «Der Heimgarten» (seit 1876); seine Werke lassen spontanes Fabuliertalent, unbekümmerten Humor und echte Volksverbundenheit erkennen («Die Schriften des Waldschulmeisters», 1875; «Als ich noch der Waldbauernbub war», 1902); mit Teilen seines Spätwerkes leistete er der reaktionären sogenannt Heimatkunst Schrittmacherdienste.

Roseires, Ar-, Ar-Ruseires: Ort in der Republik Sudan, am Blauen Nil, nahe der äthiopischen Grenze; Staudamm (60 m hoch, 1000 m lang; Bewässerungsstausee 2,9 Md. m3 Inhalt) mit Wasserkraftwerk (50 MW).

Rösel, Peter, geboren 2.2.1945, Pianist; studierte in Dresden und Moskau; zählt zu den international erfolgreichsten Pianisten der DDR; seit 1976 Solist des Leipziger Gewandhauses; seit 1985 Professor an der Dresdner Musikhochschule.

Rosenberg: 1. Alfred, 12.1.1893-16.10. 1946, faschistischer Politiker; Hauptkriegsverbrecher; ideologischer Wegbereiter des Faschismus («Der Mythos des 20. Jahrhunderts», 1930); 1933 Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP und seit 1941 Minister für die besetzten Ostgebiete; im Nürnberger Prozess zum Tode verurteilt und hingerichtet.

2. Rosenberg, Ehepaar: Ethel (geboren 28. 9. 1916) und Julius (geboren 12. 5. 1918), US-amerikanischer Friedenskämpfer; wegen angeblicher Atomspionage 1950 verhaftet, 1951 auf Grund gefälschter Indizien zum Tode verurteilt und am 19.6. 1953 trotz weltweiter Proteste auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

3. Leo - Bakst.

Rosenbusch, Harry, 24.6. 1836-20.1. 1914, Mineraloge und Petrograph; beschrieb zahlreiche Gesteinstypen auf der Grundlage kristallischer optischer Untersuchungen mit Hilfe der Dünnschlifftechnik und entwickelte 1877 eine Klassifikation der Gesteine.

Rosenfeld, Gerhard, geboren 10.2. 1931, Komponist; Schüler von R. Wagner-Regeny, H. Eisler und L. Spies; zählt mit Instrumental- (Konzerte für Violine, Violoncello, Klavier, Orgel, Flöte unter anderem) und Vokalwerken («Kleist-Briefe», «Friedensgloria» unter anderem) sowie Opern («Das alltägliche Wunder», «Der Mantel», «Das Spiel von Liebe und Zufall») zu den erfolgreichsten DDR-Komponisten.

Rosengarten: Titel zweier mittelhochdeutscher Epen;

a) Großer Rosengarten: Epos (nach 1250) über den siegreichen Kampf Dietrichs von Bern und seiner 12 Helden gegen die von Siegfried geführten Burgunden um den Eintritt in Kriemhilds R;

b) Kleiner Rosengarten Laurin.

Rosengewächse, Rosaceae: artenreiche Familie krautiger und holziger Pflanzen mit freier Blütenkrone, zahlreichen Staubblättern und häufig Sammelfrüchten, die Blätter fast stets mit Nebenblättern; viele Nutz- und Zierpflanzen. Mehrere Unterfamilien, zum Beispiel Spiersträucher (Spiraeoideae) mit Balgfrüchten, unter anderem Spierstrauch; unter anderem Rose, Erdbeere, Himbeere; Kernobstgewächse (Maloideae) mit Apfelfrüchten, unter anderem Apfel, Birne, Weißdorn; Steinobstgewächse mit Steinfrüchten (Prunoideae), unter anderem Kirsche, Pflaume, Mandelbaum.

Rosenhauer, Theodor, geboren 8.5. 1901, Maler und Graphiker; 1919/20 Studium an der Kunstgewerbeschule Dresden, 1920/24 an der Akademie für bildende Künste Dresden; führt mit seinen farbig sehr sensiblen und lyrischen Darstellungen der heimatlichen Landschaft, Stillleben und Porträts die Tradition der Dresdner Schule bis in die Gegenwart fort.

Rosenheim: kreisfreie Stadt in Bayern, in Oberbayern, im Alpenvorland; 52000 Einwohner; Zentrum des bayerischen Inntals und Chiemgaus; Maschinen-, Holz-, Schuhindustrie; Pfarrkirche (15. Jahrhundert).

Rosenholz: Sammelbezeichnung für rosenrote, harte, gut polierbare Laubholzarten aus Brasilien und Westindien, die rosenähnlich riechendes Öl enthalten; verwendet zum Beispiel für Intarsien.

Rosenkäfer, Cetonia: Gattung der Blatthornkäfer mit grünglänzenden, bis 2 cm langen Arten; die tagaktiven Käfer leben auf verschiedenen Blüten von Pollen, ihre Larven im Mulm abgestorbener Bäume von pflanzlichen Stoffen. Siehe auch Blatthornkäfer.

Rosenkohl, Brassica oleracea subsp. gemmifera: Unterart des Gemüsekohls (B. oleracea) mit köpfig entwickelten Seitenknospen (Röschen), die als Gemüse verwendet werden.

Rosenkranz: in der römisch-katholischen Kirche geweihte Gebetsschnur (Kette, Kranz) mit Perlen, nach deren Anzahl Paternoster und Ave Maria gebetet werden.

Rosenkriege: englische Thronfolgestreit 1455/85 zwischen den Nebenlinien der Dynastie Plantagenet, den Häusern York (weiße Rose) und Lancaster (rote Rose), benannt nach den Wappenbildern. Die Rosenkriege führten zur Ausrottung fast des gesamten englischen Hochadels und erleichterten den Aufstieg des Bürgertums unter der nachfolgenden Dynastie Tudor.

Rosenmontag: (niederrheinisch, zu rasen (rosen), «tollen») Montag («rasen(d)montag») vor Fastnacht mit Rosenmontagsfestzügen; Höhepunkt des rheinischen Karnevals.

Rosenöl: gelbes, nach Rosen riechendes ätherisches Öl, das unterhalb 21 °C halbfest wird. Man gewinnt es (vor allem in Bulgarien) durch Wasserdampfdestillation frischer Rosenblütenblätter, wobei das vom Öl abgetrennte Destillationswasser (Rosenwasser) mehrmals für die Destillation eingesetzt wird; für 1 kg Rosenöl benötigt man etwa 51 Blütenblätter. Rosenöl enthält als Hauptgeruchsträger Geraniol und Citronellol; es gehört zu den wertvollsten Bestandteilen von Parfümen und einigen Aromen.

Rosenow, Emil, 9.3.1871-7.2.1904, Schriftsteller und Journalist; bedeutender Dramatiker der sozialistischen deutschen Literatur um 1900; sein reifstes Werk ist das gesellschaftskritische Volksstück «Kater Lampe» (1903).

Rosenplüt, Rosenblut, Rosenblüth, Hans, genannt Schnepperer («Schwätzer»), um 1400-um 1470, Dichter, Büchsenmacher; Nürnberger Meistersinger, verfasste heraldische Gedichte, Sprüche, Reimreden und Schwänke; wurde vor allem durch volkstümliche Fastnachtsspiele bekannt, in denen er mehrfach aktuelle politische Themen aufgriff.

Roseola: fleckenförmiger Hautausschlag mit rötlichem Farbton bei Infektionskrankheiten (Typhus, Syphilis), wobei die Flecken etwa Stecknadelkopf- bis Linsengröße erreichen.

Rosesches Metall: Legierung aus 50% Wismut, 25% Blei und 25% Zinn, die bereits bei 94 °C schmilzt und daher zur Temperaturüberwachung und als Heizbadflüssigkeit verwendet wird; benannt nach dem Erfinder, dem Berliner Apotheker Valentin Rose (1736-1771).

Rosette: («Röschen») Ornament, das innerhalb des Kreises wie eine Blüte vom Zentrum ausstrahlt; in zahlreichen Varianten verbreitet; Meisterleistungen sind zum Beispiel die gotischen Fensterrosetten.

Rosette: heute Raschid. Der 1799 gefundene Stein von Rosette mit einem Text in hieroglyphischen, griechischen und demotischen Schrift führte zur Entzifferung der Hieroglyphen durch J. F. Champollion.

Roschdestwenski: 1. Gennadi Nikolajewitsch Roschdestwenski, geboren 4.5.1931, sowjetischer Dirigent; seit 1976 Professor am Moskauer Konservatorium; wirkte unter anderem 1965/70 als Chefdirigent am Bolschoi-Theater und ist seit 1982 Leiter des neugegründet Staatlichen Sinfonieorchesters des Ministeriums für Kultur der UdSSR in Moskau; zählt zu den bedeutendsten Dirigenten der Gegenwart.

2. Robert Iwanowitsch Roschdestwenski, geboren 20. 6. 1932, russisch-sowjetischer Lyriker; knüpfte an die Tradition W. Majakowskis an und brachte die Gedanken und Gefühle seiner Generation zum Ausdruck, die ihren Lebensanspruch in der Mitte des 20. Jahrhundert formulierte («Die Stimme der Stadt», «Requiem», «Widmung»); deutsche Auswahl seiner Gedichte «Poesiealbum 164» (1981).

Rosi, Francesco, geboren 15.11.1922, italienischer Filmregisseur; schuf vor allem sozialkritische Filme («Wer erschoss Salvatore G.?», «Hände über der Stadt», «Der Fall Mattei», «Lucky Luciano», «Die Macht und ihr Preis»); «Christus kam nur bis Eboli», «Carmen».

Rosine: (französisch) getrocknete Weinbeere. Siehe auch Sultanine.

Rositz: Industriegemeinde im Kreis Altenburg, Bezirk Leipzig; 5300 Einwohner; Braunkohlen- und Erdölverarbeitungswerk, Zucker-, Textilindustrie.

Roskilde: Stadt in Dänemark, auf Seeland, Verwaltungszentrum des Amtes Roskilde, am Roskilde Fjord; 48000 Einwohner; Lebensmittel-, pharmazeutische Industrie; Hafen; Universität; Museum (Wikinger); Fremdenverkehr; Dom (12. Jahrhundert). 10./15. Jahrhundert eine Residenz der dänischen Könige und bis 1536 Bischofssitz. Im Frieden von Roskilde 1658 bedeutende Gebietsverluste Dänemarks an Schweden.

Rösler, Hans Jürgen, geboren 14.5.1920, Geochemiker und Petrologe; 1962/85 Professor für Mineralogie und Geochemie an der Bergakademie Freiberg; verfasste ein «Lehrbuch der Mineralogie» (1979) und zusammen mit H. Lange «Geochemische Tabellen» (1965).

Rosmarin, («Meertau») Rosmarinus officinalis: immergrüner, aromatisch duftender Strauch des Mittelmeerraumes mit weißen oder bläulichen Lippenblüten; Zierpflanze, Kulturpflanze.

Rosmarinöl: gelbliches, erfrischend riechendes, durch Wasserdampfdestillation von Rosmarinblüten und -blättern gewonnenes ätherisches Öl; Verwendung in der Parfümerie.

Rosow, Wiktor Sergejewitsch, geboren 21. 8. 1913, russisch-sowjetischer Dramatiker, trat mit dem Szenarium für den Film «Die Kraniche ziehen» (1957) und Stücken wie «Auf der Suche nach Freude» (1957, deutsch) und «Unterwegs» (1962, deutsch) hervor. In den Schauspielen «Das Klassentreffen» (1967, deutsch), «Situation» (1973, deutsch) und «Das Nest des Auerhahns» (1979, deutsch) vertiefte Rosow seine psychologisch subtile Gestaltungsweise.

Ross: 1. Sir James Clarke Ross, 15.4.1800-3.4.1862, britischer Polarforscher; Neffe von Ross 2; bestimmte 1831 erstmals die Lage des Magnetpols der Nordhalbkugel auf der Halbinsel Boothia Felix im kanadisch-arktische Archipel; erforschte während der Südpolarexpedition 1839/42 die später nach ihm benannte Ross-See und die Ross-Eisbarriere; entdeckte 1841 Victorialand sowie die Vulkane Mount Erebus und Terror.

2. Sir John Ross, 24.6.1777-30.8.1856, britischer Polarforscher, entdeckte 1818 den Thule Bezirk Grönlands; forschte 1829/33 mit Ross 1 im kanadisch-arktischen Archipel, wo er Boothia Felix und King-Williams-Land entdeckte.

Roßbach: Gemeinde südwestlich von Merseburg. Im Siebenjährigen Krieg besiegten am 5.11.1757 preußische Einheiten französischer Truppen und die Reichsarmee.

Rosselli, Carlo, 16.11.1899-9.6.1937, italienischer Antifaschist; gründete 1929 in Paris die antifaschistische-demokratische Bewegung Giustizia e Libertà; wurde im Auftrag der italienischen Faschisten zusammen mit seinem Bruder Sabatino (gen. Nello) Rosselli (1900-1937) im französischen Exil ermordet.

Rossellini, Roberto, 8.5.1906-3.6.1977, italienischer Filmregisseur; war einer der Mitbegründer des Neorealismus mit Filmen wie «Rom offene Stadt», «Paisà», «Deutschland im Jahre Null», «Der falsche General», «Es war Nacht in Rom».

Rossellino: 1. Antonio Rossellino, 1427-1479, italienischer Bildhauer der Frührenaissance; schuf Wandgrabmäler von dekorativem Reichtum, das bedeutendste für den Kardinal von Portugal in S. Miniato in Florenz (vollendet 1466), sowie lebendig wirkende Bildnisbüsten und reizvolle Madonnenreliefs.

2. Bernardo Rossellino, 1409-23.9.1464, italienischer Architekt und Bildhauer; Bruder von Rossellino 1; schuf zahlreiche figurengeschmückte Wandgrabmäler, baute unter anderem den Palazzo Rucellai (mit L. B. Alberti) in Florenz.

Rösselsprung: Rätsel, bei dem die auf die Felder eines Schachbretts oder einer beliebigen Figur in der Gangart des Springers verteilten Silben, Wörter oder Buchstaben eines Gedichts oder Sinnspruchs zusammenzusetzen sind.

Rossetti, Gabriel Charles (gen. Dante Gabriel), 12.5.1828—9.4.1882, englischer Maler und Dichter; Mitbegründer der Präraffaeliten, die sein Frühwerk entscheidend beeinflussten (Darstellung religiöser Themen und mittelalterlichen Legenden). Nach der Trennung von ihnen gewann die Gestaltung erotisch-mystischer Themen in symbolistischer Malweise, die seine Schüler W. Morris und E. Burne-Jones weiterentwickelten, zunehmend an Bedeutung.

Rossi, Karl Iwanowitsch, 29.12.1775-18.4.1849, russischer Architekt und Städtebauer; Hauptmeister des reifen Klassizismus, tätig in Moskau, Twer und seit 1815 in Petersburg, dessen städtebauliche Gestaltung er weitgehend prägte: Ensemble des Russischen Museums (1819/23), Generalstabsgebäude mit Gestaltung des Schlossplatzes (1819/32), Puschkin Theater (1828/34) unter anderem

Rossini, Gioacchino, 29.2.1792-13.11.1868, italienischer Komponist; lebte seit 1823 in Paris; war der bedeutendste Meister der italienischen Oper des 19. Jahrhundert vor G. Verdi und besonders in der Opera buffa erfolgreich. Mit der Opera buffa «Der Barbier von Sevilla» (1816), die sich durch witzige Charakterisierungskraft, Beweglichkeit und Eleganz der musikalischen Diktion auszeichnet, wurde er einer der gefeiertsten Komponisten seiner Zeit. Im «Wilhelm Teil» (1829) ist die französische Grand Opéra voll ausgebildet. Rossini schuf auch reiche Kantaten- und Kirchenmusik sowie reizvolle Kammermusik. Nach 1830 komponierte Rossini nur noch gelegentlich.

Rossiski, Nikolai Alexejewitsch, 22.3.1915-8.3.1960, Obermeister im Moskauer Werk «Kalibr»; organisierte seit 1950 die kollektive Stachanow Arbeit.

Rosskäfer, Geotrupes stercorarius: bis 25 mm langer, blauglänzender Mistkäfer; legt die Eier an Pferdemist ab, der als Larvennahrung vergraben wird.

Rosskastanie, Aesculus: Gattung der Rosskastaniengewächse; Zierbaum mit handförmig geteilten Blättern und aufrechten Blütentrauben. Die Gemeine Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) mit weißen, rot und gelb gefleckten Blüten und stacheligen Kapselfrüchten ist in Südosteuropa heimisch.

Roßlau, Roßlau an der Elbe: Kreisstadt im Bezirk Halle, nördlich von Dessau; 14000 Einwohner; Schiffswerft, Dieselmotorenwerk, Möbelherstellung; nahebei in Rodleben Hydrierwerk; Eisenbahnknoten, Elbehafen; ehemalige Wasserburg, Stadtkirche (1851/54).

Rössle, Robert, 19.8.1876-21.11.1956, Pathologe; Professor in München, Jena, Basel und Berlin; beschäftigte sich unter anderem mit Problemen der Allergie und veröffentlichte zahlreiche bedeutende wissenschaftliche Arbeiten; prägte den Begriff der Pathergie (krankhaft gesteigerte Empfindlichkeit eines Organismus).

Roßmann, Gerhard, geboren 13.2.1933, Historiker; Professor und Abteilungsleiter am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED; publizierte Studien zur Geschichte der KPD, SED und der DDR; Mitherausgeber vom «Grundriss der deutschen Geschichte» (1974), Leiter des Autorenkollektivs «Geschichte der SED. Abriss» (1978).

Roßmäßler, Emil Adolf, 3.3.1806-8.4.1867, Zoologe und Publizist; war 1848 Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung und schloss sich den Linken unter R Blum an. In den 60er Jahren war seine politische Tätigkeit eng mit der Entwicklung der demokratischen und Arbeiterbewegung verbunden. Er förderte das Arbeiterbildungswesen in Leipzig und war Mitbegründer der Demokratischen Volkspartei.

Ross-See: tief in Antarktika eingreifende Meeresbucht des Südpolarmeeres; etwa 1 Millionen km2, 200 bis 900, maximal bis 2972 m tief; im Norden von Meereis, im Süden von der Platte des Ross-Schelfeises (545000 km2, etwa 100 bis 700 m mächtig) bedeckt, die in der 950 km langen, bis 50 m hohen Ross-Eisbarriere senkrecht zur Ross-See abbricht. 1842 von J. C. Ross entdeckt.

Roßwein: Stadt im Kreis Döbeln, Bezirk Leipzig, an der Freiberger Mulde; 9 300 Einwohner; Schmiedewerk, Armaturen-, Schuh-, Textil-, Spielwarenindustrie; Ingenieurschule für Schwermaschinenbau; Heimatmuseum.

Rost: 1. Rost (zu «rot»): Chemie - rotbraune, poröse, schuppig-pulvrige Masse, die auf Eisen- und Stahloberflächen unter dem Einfluss von Luft und Wasser entsteht (Korrosion); die chemische Zusammensetzung entspricht etwa der Formel FeO(OH). Rost ist luftdurchlässig, so dass das Rosten schließlich zur völligen Zerstörung des Grundmetalls führt. Rostschutz erfolgt zum Beispiel durch Auftrag metallischer (Galvanisieren, Tauchmetallisieren) oder nichtmetallischer Schutzschichten (Lackieren, Einfetten, Emaillieren, Phosphatieren, Schwarzoxydieren). Siehe auch Korrosion.

2. Rost (zu «rösten») Feuerungstechnik: Vorrichtung aus mehreren parallelen Hohl-, Stahl- oder gusseisernen Stäben für die Aufnahme der darauf verbrennenden festen Brennstoffe, denen durch den Rost hindurch die zur Verbrennung notwendige Luft zugeführt wird; Bauarten sind zum Beispiel Muldenrost, Vorschubrost, Wanderrost.

Rostand, Edmond, 1.4.1868-2.12.1918, französischer Schriftsteller, seine neoromantischen Komödie «Cyrano de Bergerac» (1897, deutsch) ist die Lebensgeschichte des gleichnamigen parodistischen Dichters des 17. Jahrhundert.

Röste: Textiltechnik Auflösen verklebender Bindemittel im holzigen Stengel von Flachs, Hanf, Jute, Ramie zum Lockern der Faserbündel mittels bakteriologischer, chemischer und anderer Einwirkung.

Rösten: thermisch-chemische Behandlung von Rohstoffen mit dem Ziel, die Metallgewinnung im Rahmen der Pyro- oder Hydrometallurgie vorzubereiten. Metallerze werden unter Luftzutritt zwecks chemischer und meist auch physikalischer Veränderung erhitzt. Das Rösten kann oxydierend (Röstreaktionsverfahren) kalzinierend, magnetisierend und reduzierend (Röstreduktionsverfahren) erfolgen.

Rosterde: anhydromorpher Bodentyp, bei dem die Ackerkrume von einem meist nur geringmächtigen rostbraunen Horizont unterlagert wird, der eingewanderte Sesquioxide enthalten kann; durch Kultivierung aus ehemaligen geringmächtigen Podsolen und Braun Podsolen (unter Wald) entstanden; nur auf sandigen Substraten.

Rostkrankheiten: Sammelbegriff für Pflanzenkrankheiten, die durch parasitische Pilzarten, die Rostpilze, verursacht werden. Auf den Blättern und Stengeln der Hauptwirtspflanzen treten rostfarbene Flecke und Pusteln auf, die zur Bezeichnung der Krankheit geführt haben. Durch den Befall wird die Assimilationsleistung stark beeinträchtigt. Die Bekämpfung erfolgt durch Spritzen mit Fungiziden.

Rostow am Don: Stadt (Gebietszentrum) im Süden der RSFSR, 46 km vor der Mündung des Don ins Asowsche Meer; 1 Millionen Einwohner; Zentrum des Maschinenbaus (besonders Landmaschinen), vielseitige Leicht- und Lebensmittelindustrie; Eisenbahnknoten, Fluss-, See- und Flughafen; Universität (1869 gegründet), 8 Hochschulen; Theater, Philharmonie, Museen, Zoo. Denkmäler altrussischer Baukunst: Uspenje Kathedrale (um 1590), Uhrturm (17. Jahrhundert), Isidor-Blashenny-Kirche (1566), Awraham Kloster (1553); der Metropolitansitz (sogenannt Kreml) mit Palast und Wirtschaftsbauten, Befestigung und Torkirchen wurde im 16./19. Jahrhundert ausgebaut. 1761 als Festung angelegt; im 19. Jahrhundert wurde Rostow am Don ein bedeutendes Industrie- und Handelszentrum Südrusslands. Sieg der Sowjetmacht am 8. 11. 1917; danach von Weißgardisten besetzt, seit 10. 1. 1920 wieder sowjetisch. Im 2. Weltkrieg wurde die Stadt mehrmals hart umkämpft und stark zerstört, am 14.2. 1943 endgültig befreit.

Rostpilze, Uredinales: auf höheren Pflanzen parasitisch lebende, fruchtkörperlose Ständerpilze, die rost- oder dunkelbraune Sporenlager bilden. Siehe auch Rostkrankheiten.

Rostschutzpigmente: in rostschützenden Grundanstrichstoffen enthaltene Pigmente, zum Beispiel Bleimennige, Bleizyanamid, Zinkstaub und Zinkchromat. Die Wirkung der Rostschutzpigmente beruht im Wesentlichen darauf, dass sie Stahl passivieren oder mit den Anstrichbindemitteln passivierend wirkende Metallseifen bilden.

Rostumwandler: meist auf Phosphorsäure- oder Gerbsäurebasis aufgebaute flüssige oder pastenförmige Präparate. Sie sollen, auf rostigen Oberflächen aufgetragen, den Rost in unlöslichen chemischen Verbindungen umwandeln, um somit ein Fortschreiten der Rostbildung unter dem Anstrich (Unterrostung) weitestgehend zu verhindern. Wegen der heterogenen Zusammensetzung des Rostes ist in der Praxis eine völlige Umwandlung nicht möglich, oder es verbleiben auf der Stahloberfläche lösliche Verbindungen, die zu einer geringeren Haltbarkeit der anschließend aufgetragenen Anstriche führen. Das «Streichen auf Rost» sollte nur in Ausnahmefällen mittels Penetrier Anstrichstoffen erfolgen.

Rosvaenge, Helge, 29.8.1897-19.6.1972, dänischer Sänger (Tenor); debütierte nach autodidaktische Ausbildung 1921 in Neustrelitz; gehörte unter anderem 1929/45 der Berliner und 1948/57 der -Wiener Staatsoper an; sang als Gast, insbesondere in italienischen Heldenpartien, an vielen großen Opernhäusern Europas.

Rota: 1. Marianen.

2. Rota (reta): Stadt im Süden Spaniens, am Golf von Cádiz, nordwestlich von Cádiz; 24000 Einwohner; Flottenstützpunkt der USA; Erdölleitung/ -Zaragoza; Fischerei.

Rotalgen, Rhodophyta: in der Regel verzweigte, meist fädige oder blattartige, rote bis violette, seltener grünlicher Algen, bei denen das Blattgrün unter anderem von roten Farbstoffen (zum Beispiel Phycoerythrin) überdeckt ist; vorwiegend im Meer, mit Haftorganen an festen Unterlagen sitzend; einige werden als Nahrungsmittel (zum Beispiel Porphyra in Japan) oder Drogen verwendet.

Rotation:

1. Ackerbau: Fruchtfolge.

2. Rotation, Zeichen rot: Analysis Begriff der Vektoranalysis. Die Rotation ordnet jedem Vektorfeld >(, y, z) = (»i, ü2, u3) mit den Komponenten u, v2, v3 das Vektorfeld. Die Rotation ist ein Maß für die Wirbelstärke eines Vektorfeldes.

3. Geometrie: Drehung.

4. Physik: Bewegung.

Rotationsdispersion: Abhängigkeit der Drehung der Polarisationsebene des Lichtes durch optisch aktive Stoffe von der Wellenlänge. Bei normaler Rotationsdispersion ist die Drehung für blaues Licht größer als für rotes. Siehe auch Drehvermögen, optisches.

Rotationsquantenzahl: bei der quantenmechanischen Beschreibung des Spektrums eines zweiatomigen Moleküls auftretende Quantenzahl J zur Berechnung der Rotationsenergie rot= (h/2n)2J(+ l)/(20) aus dem Trägheitsmoment 9; h ist die Planck-Konstante.

Rotationstechnik: Skisport veraltete Technik für die Richtungsänderung bei der Abfahrt, wobei der Körper die Drehrichtung des Schwunges mitvollzieht.

Rotatoren: Dreher; Muskeln zum Ein- und Auswärtsdrehen von Gliedmaßen und zum Drehen der Wirbelsäule.

Rotbarsch, Goldbarsch, Sebastes marinus: bis 1 m langer Raubfisch des nördlichen Atlantiks; Speisefisch. Siehe auch Fische.

Rote Augenbrauen, Aufstand der Roten Augenbrauen: Bauernaufstand in China (17/27 nach Christus); benannt nach den rotgefärbten Augenbrauen der Teilnehmer; führte zur Gründung der östlichen Han-Dynastie; der Aufstand wurde niedergeschlagen.

Rote-1-Mark-Roman, Der: 1931 eröffnete Buchreihe des Internationalen Arbeiter-Verlages, Berlin, die Erstlingswerke proletarisch-revolutionärer Literatur vorstellte (unter anderem H. Marchwitza, «Sturm, auf Essen»; K. Neukrantz, «Barrikaden am Wedding»; W. Bredel, «Maschinenfabrik N & K»); 1933 von den Faschisten verboten.

Rote Fahne, Die: Zentralorgan der KPD; am 9.11.1918 von K Liebknecht und Rote Fahne Luxemburg als Zentralorgan des Spartakusbundes gegründet (führendes Organ in der Novemberrevolution); mehrfach verboten, endgültig 1933; erschien 1933/39 und zeitweilig ab 1941 illegal.

Rote Garde: bewaffnete Kräfte der Arbeiterklasse während der Oktoberrevolution in Russland; entstand nach der Februarrevolution auf freiwilliger Basis nach dem Produktionsprinzip, übernahm vielfach den Schutz von Betrieben, wurde im weiteren Verlauf des revolutionären Massenprozesses zu Organen des bewaffneten Aufstands gegen die Provisorische Regierung; im Oktober/November 1917 betrug ihre Stärke etwa 200000 Kämpfer. Bis zur Aufstellung der Roten Armee im Februar/März 1918 bewaffnete Hauptkraft der Revolution, ging danach in der Roten Armee auf.

Rötegewächse, Rubiaceae: Familie vorwiegend tropische Pflanzen mit gegenständigen, oft quirligen Blättern, Blüten und meist Spaltfrüchten; darunter zahlreiche Nutzpflanzen, zum Beispiel Kaffee-, Chinarindenbaum, Krapp; heimisch sind unter anderem Ackerröte, Waldmeister.

Rote Kapelle: Bezeichnung der Gestapo für eine internationale antifaschistische Kundschafter Organisation, seit 1938 in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Deutschland mit Verbindungen zu anderen Ländern aufgebaut, kämpfte von 1940 bis Ende 1942 gegen die Vorbereitung und Durchführung der faschistischen Aggressionen in Europa und leistete Aufklärung für den militärischen Nachrichtendienst des Generalstabes der Roten Armee. Die Rote Kapelle arbeitete in Deutschland eng mit der antifaschistischen Kundschafter Gruppe um H. Schulze-Boysen und A. Hamack zusammen.

Rote Kopftücher, Aufstand der Roten Kopftücher: Bauernkrieg in China (1351/61), benannt nach dem Erkennungszeichen seiner Teilnehmer; obgleich niedergeschlagen, bereitete er den Sturz der Yuan Dynastie in China (1368) vor.

Rotel: (Kurzwort für rollendes Hotel) Autobus-Spezialausführung für touristische Fernreisen, bei der die Karosserie neben Sitzplätzen zusätzlich Schlafkojen und Sanitäreinrichtungen für die Übernachtung der Reisenden aufweist.

Rötel: rotbrauner weicher Zeichenstift aus Eisenocker und Ton; wurde seit Ende des 15. Jahrhundert bis ins 18. Jahrhundert für Entwurfsskizzen und besonders, wegen der Ähnlichkeit mit dem Inkarnation, für Akt- und Bildnisstudien verwendet.

Rötelmaus, Clethrionomys glareolus: bis 11 cm lange, kurzschwänzige, rotbraune Wühlmaus mit kleinen Augen und Ohren; klettert und schwimmt gut; lebt in unterholzreichen Wäldern Eurasiens.

Röteln, Rubeola: gutartige, virusbedingte Infektionskrankheit mit meist kleinfleckigem, blass rötlichen Ausschlag im Gesicht und am Körper mit charakteristischen Schwellungen der Nackenlymphknoten. Durch die Rötelnerkrankung einer Frau in den ersten 3 Schwangerschaftsmonaten kann die Frucht schwer geschädigt werden. Eine Impfung ist möglich, falls bei Mädchen die Röteln nicht im Kindesalter aufgetreten sind.

Roter Fluss, Yuan Jiang, Song Hong, Hong Ha: Fluss in China und Vietnam; 1183 km (davon 495 km in Vietnam); entspringt im Hochland von Yunnan (China), durchfließt in einem geraden, tektonisch angelegten Graben das Bergland von Tonking, mündet mit 15000 km2 großem Delta in den Golf von Bacbo; bis Hanoi für Seeschiffe befahrbar, stark schwankende Wasserführung, ausgedehnte Deichanlagen. Die rote Färbung seines Wassers entsteht durch eisenoxidreiche Sinkstoffe (80 Millionen m3 pro Jahr), die das dichtbesiedelte Delta jährlich um 100 m anwachsen lassen.

Roter Frontkämpferbund, Abkürzung RFB: antimilitaristische, antifaschistische Wehr- und Schutzorganisation der deutschen Arbeiterklasse; am 31.5.1924 auf Beschluss der KPD geschaffen, zur Abwehr des Terrors der militaristische und faschistische Verbände und zur Zusammenfassung klassenbewusster Arbeiter, besonders ehemaliger Soldaten, zum Kampf gegen Militarismus und die Gefahr eines neuen imperialistischen Krieges. Vorsitzender seit 1925 E. Thälmann. Der RFB und die Nachwuchsorganisation Rote Jungfront hatten 1928 215000 Mitglieder. 4 Reichstreffen gegen Krieg und Faschismus (1925/28). Nach dem Blutmai 1929 wurde der RFB verboten, setzte jedoch seinen Kampf illegal fort.

Roter Pfeffer: satirisches antifaschistisches Blatt, erschien als Weiterführung des Eulenspiegel 1933 in Paris.

Roter Soldatenbund: erste Wehr- und Schutzorganisation der deutschen Arbeiterklasse, am 15.11. 1918 auf Anregung des Spartakusbundes gegründet; bekämpfte die militärische Konterrevolution, setzte sich für die Aufhebung der Befehlsgewalt der ehemaligen kaiserlichen Offiziere ein und verfolgte das Ziel, die Soldaten und ihre Räte für die Zerschlagung des Militarismus und für die revolutionären Ideen der Arbeiterklasse zu gewinnen. Selbstauflösung im Mai/Juni 1919.

Roter Tiefseeton: eisenoxidhaltige Ablagerung in der Tiefsee (Tiefen von mehr als 5000 m).

Roter Trommler: zehnbändige Schriftenreihe des Verlags der Jugendinternationale, Berlin 1927/30; enthielt Erzählungen deutscher und sowjetischer Autoren.

Roter-Turm-Pass: Durchbruchstal des Olt durch die Südkarpaten (Rumänien), zwischen Fagara- und Lotru Gebirge; 352 m über dem Meeresspiegel

Rote Rübe, Rote Bete, Beta vulgaris subsp. rapacea var. conditiva: eine Kulturform der Beta Rübe, mit durch Anthozyan rot gefärbtem Rübenkörper, Gemüsepflanze.

Rote Ruhrarmee: erste große deutsche Arbeiterarmee unter Führung der KPD und revolutionärer Kräfte der USPD nach dem Kapp-Putsch 1920. Zur Abwehr der drohenden Militärdiktatur formierten sich im Ruhrgebiet etwa 100000 Kämpfer und befreiten bis zum 23. 3. das Industrierevier von putschenden Freikorps und Reichswehrtruppen. Rechte SPD-Führer spalteten die einheitliche Kampffront (Bielefelder Abkommen) und ermöglichten der Reichswehr die Zerschlagung der Roten Ruhrarmee durch einen blutigen Terrorfeldzug.

Rotes Becken, Becken von Sichuan, Becken von Szetschuan: aus rotem Sandstein und Tongesteinen des Mesozoikums aufgebaute Senke im Südwesten Chinas, am mittleren Chang Jiang (Provinz Sichuan); etwa 180000 km2; von bis zu 3000 m über dem Meeresspiegel aufragenden Gebirgen umrahmtes dichtbesiedeltes Hügelland mit eingelagerten großen fruchtbaren Ebenen in 300 bis 700 m über dem Meeresspiegel; bei subtropischen Klima fast ganzjährig in Bewässerungsfeldbau Reisanbau (Reiskammer Chinas; Tianfu zhi guo, «gelobtes Land»); bedeutende Erdgas-, Erdöl- und Steinkohlenlagerstätten.

Rotes Kreuz: 1. internationales Wahrzeichen des Gesundheitsdienstes und Organisationsabzeichen.

2. internationale Organisation zur Verwundeten- und Krankenpflege, besonders zur Katastrophenhilfe; in Ländern mit mohammedanische Bevölkerung Roter Halbmond genannt; von dem Schweizer H. Dunant 1863 in Genf gegründet.

Rotes Meer: schmales, langgestrecktes Nebenmeer des Indischen Ozeans zwischen Afrika und Arabien, nördliche Fortsetzung des Ostafrikanischen Grabensystems; 438000 km2, bis 3039 m tief, Wassertemperatur in obersten Schichten bis 32 °C, Salzgehalt 38, in größeren Tiefen bis 42 %. Das Rote Meer wird beiderseits von Wüsten begrenzt. Wichtigste Meeresbuchten sind der Golf von Suez und der Golf von Akaba. Durch die 26,5 km breite Meerenge Bab al-Mandab ist es mit dem Golf von Aden, durch den Suezkanal mit dem Mittelmeer verbunden. Durch das Rotes Meer führen wichtige Schifffahrtswege. Im Golf von Suez Erdölförderung (Bohrinseln).

Rote Sportinternationale, Abkürzung RSI: internationale revolutionäre Arbeitersportorganisation zur ideologischen und physischen Ausbildung und Erziehung aller Arbeitersportler, 1921 in Moskau gegründet.

Rote Tribüne: Sammlung proletarisch-revolutionärer Bühnenstücke; 1930 vom Internationalen Arbeiter Verlag, Berlin, veröffentlicht.

Rotfeder, Scardinius erythrophthalmus: bis 40 cm langer Karpfenfisch stehender Gewässer Eurasiens; Schwarmfisch; frisst Kleintiere und Pflanzen.

Rotfeuerfische, Pterois: quer gestreifte Raubfische mit stark verlängerten Brustflossen, Hartstrahlen der Rückenflosse zum Teil mit Giftdrüsen verbunden; bewohnen meist Korallenriffe tropischer Meere; häufig in Seewasseraquarien gehalten.

Roth: 1. Eugen Roth, 24.2. 1895-28.4.1976, Schriftsteller; wurde bekannt mit humoristischen Versen aus der privaten bürgerlichen Lebenssphäre («Ein Mensch», 1935).

2. Herbert Roth, 14.12.1926-17.10.1983, Akkordeonist, Komponist, Sänger und Ensembleleiter; schrieb mehr als 300 populäre Heimatlieder («Rennsteiglied», «Auf der Oberhofer Höh»); gab mit seinem 1951 gegründeten Ensemble im In- und Ausland etwa 10000 Konzerte.

3. Joseph Roth, 2.9.1894-27.5.1939, österreichischer Schriftsteller; Journalist in Wien, Berlin; 1933 Emigration nach Paris; gestaltete mit scharfsinniger Zeitkritik zugleich ironisch und nostalgisch den Zerfallsprozess der österreichisch-ungarischen Monarchie, in deren Tradition seine Prosa tief verwurzelt ist (Roman «Radetzkymarsch», 1932), weiterhin die Forderung nach wahrer Menschlichkeit (Roman «Hotel Savoy», 1924; Novellen, unter anderem Sammlung «Der blinde Spiegel»), 1966) sowie die tragische Geschichte des jüdischen Volkes (Roman «Hiob», 1930).

4. Roth (ro0), Philip, geboren 19.3.1933, US-amerikanischer Schriftsteller; schreibt vorwiegend im Milieu des jüdischen amerikanischen Mittelstandes spielende kritische, satirische, psychologische einfühlsame Geschichten («Goodbye, Columbus», 1959, deutsch) und Romane («Portnoys Beschwerden», 1969, deutsch).

Rothaargebirge: Teil des Rheinischen Schiefergebirges, langgestreckter, regenreicher, mit Laubwald bestandener Gebirgszug im Südosten des Sauerlandes; im Langenberg 843 m, im Kahlen Asten 841 m; Quellgebiet von Lahn, Sieg, Ruhr, Eder; Blei-, Zinkerzbergbau; Wintersportgebiet.

Rothenberger, Anneliese, geboren 19.6. 1924, Sängerin (Sopran) der BRD; 1946/56 Mitglied der Hamburger, seit 1958 der Wiener Staatsoper; sang als Gast an vielen bedeutenden internationalen Opernhäusern; erfolgreich auch als Film- und Operettensängerin und in Fernseh-Shows.

Rothenburg ob der Tauber: Stadt in Bayern, in Mittelfranken; 12000 Einwohner; Elektro-, Holzindustrie; Fremdenverkehr; Reichsstadtmuseum. Fast völlig erhaltenes mittelalterliches Stadtbild: Stadtmauer mit Toren, Türmen und Wehrgang, Rathaus (Gotik, Renaissance), Jakobs- (14./15. Jahrhundert, mit Schnitzaltar von T. Riemenschneider), Franziskaner- (13./14. Jahrhundert), Johannis- (um 1400) und Spitalkirche (14. Jahrhundert), zahlreiche Giebelhäuser (Gotik, Renaissance). Im 10. Jahrhundert Erwähnung, einer Burg; 1172 Stadtrecht, 1274 Reichsstadt; im 14. Jahrhundert Blütezeit der Stadt; 1803 kam Rothenburg ob der Tauber an Bayern. zur Zeit der Romantik sah man in Rothenburg ob der Tauber das getreue Bild einer mittelalterlichen deutschen Stadt.

Rotherham: Stadt im mittleren England (Großbritannien), in der Großstadtgrafschaft South Yorkshire, nordöstlich von Sheffield; 82000 Einwohner; Stahlwerke, Maschinenbau, Herstellung von Werkzeugen; Technikum; Kunstgalerie; römische Baudenkmäler, Kirche Allerheiligen (15. Jahrhundert).

Rothirsch, Edelhirsch, Cervus elaphus: bis 2,1 m langer (Schulterhöhe 1,2 m) und 150 kg schwerer Hirsch Eurasiens, Nordamerikas und -afrikas; lebt

Rothmann, Bernhard Rothmann, um 1495-1535, Täufer; Ideologe des Täufer Reiches zu Münster 1534/35; wurde 1529 Geistlicher in Münster und war 1532 an der Einführung der Reformation beteiligt, seit 1533 Täufer. In der Täufer Kommune zu Münster «Worthalter» des neuen «Königs von Jerusalem».

rotieren: (lateinisch) sich um die eigene Achse drehen, umlaufen.

Rotkappe, Leccinum aurantiacum: Röhrling mit orange- bis braunrotem Hut, grauweißen Röhren und weißem, braun geschupptem Stiel; kommt in Wäldern und Heiden vor; Speisepilz.

Rotkehlchen, Erithacus rubecula: etwa 13. cm langer Drosselvogel mit orangeroter Brust und Kehle; 5 Eier werden in einem versteckten Bodennest abgelegt; von Europa bis Westsibirien verbreitet; Zug-vogel. Siehe auch Singvögel.

Rotkern: rötlicher bis brauner Alterskern bei der Rotbuche, der nach Eindringen von Luft in das Mark nahe Holz durch Einlagerung von Farb- und Gerbstoffen auftritt. Der dunkel gefärbte Frostkern ist eine besondere Art des Rotkern Er entsteht durch strengen Frost. Rotkernholz ist nur bedingt imprägnierbar.

Rotkohl, Rotkraut, Brassica oleracea subsp. capitata: Gemüsekohl mit durch Anthozyan violett gefärbten Blättern, bildet am Sprossende einen kugelförmigen, festen Kopf.

Rotlauf, Schweinerotlauf. Infektionskrankheit der Schweine, die mit Fieber, Kreislaufstörungen unter anderem verläuft und an die sich Veränderungen der Haut (Backsteinblattern) anschließen. Bei längerem Bestehen kann es zu schweren Hautnekrosen, Gelenkentzündungen und Herzklappenschädigungen kommen. Gegen Rotlauf kann vorbeugend geimpft werden. Die Erkrankung ist auch auf den Menschen übertragbar und tritt meist bei Fleischern an den Händen nach kleinen Verletzungen auf (Erysipeloid). Sie ist meldepflichtig.

Rötling: Gattung der Blätterpilze mit rosafarbenen Blättern; darunter mehrere Giftpilze, zum Beispiel der Riesenrötling (Rhodophyllus sinuatus) in Laubwäldern. Siehe auch Pilze.

Rotorverfahren: in der BRD entwickeltes Sauerstoffaufblasverfahren zur Stahlherstellung, das mit einer längeren Drehtrommel und einer geringeren Umdrehungsgeschwindigkeit als beim Kaldo Verfahren arbeitet.

Rotschenkel, Tringa totanus: 28 cm langer Wasserläufer Nordeurasiens mit roten Beinen; brütet auf feuchten Wiesen, meist in Seenähe, 4 Eier in 24 Tagen aus.

Rotschwänze, Phoenicurus: Drosselvögel Eurasiens mit rotem Schwanz; in Gärten, Parks unter anderem der 13 cm lange Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus), Männchen mit roter Unterseite, brütet gern in Nistkästen, legt 5 bis 7 hellblaue Eier; auf Häusern und im Gebirge in Felsen der Hausrotschwanz (Phoenicurus ochruros), Männchen schwarz, Weibchen aschgrau; beide Arten sind Zugvögel.

Rotse, Barotse: Bantuvolk am oberen Sambesi (Sambia); 400000; Bodenbauer, Rinderzüchter; Begründer des gleichnamigen Staatswesens (18./19. Jahrhundert), das im Jahre 1890 unter britischer Herrschaft kam.

Rotspon: (niederdeutsch, «Roter vom Fass») Rotwein.

Rotte: 1. Rotte (französisch): allgemein Trupp, Schar; Haufe (von Menschen).

2. Rotte (französisch): Jagdwesen - Gruppe von mindestens 2 Wildschweinen.

3. Umweltschutz: anaerobe oder aerobe Umsetzung organischer Substanzen (zum Beispiel Müll) durch Einwirkung von Mikroorganismen bei bestimmten Temperatur und Feuchteverhältnissen; führt zur Humifizierung beziehungsweise Mineralisation der organischen Stoffe.

Rotteck, Karl Wenzeslaus von, 18.7.1775-26.11.1840, Historiker, Staatswissenschaftler; einer der Führer der antifeudal-liberalen Opposition in Baden; entwickelte im «Staatslexikonische Encyklopädie der Staatswissenschaften» (1834/43, gemeinsam mit K. T. Welcker herausgegeben) und in der «Allgemeinen Weltgeschichte für alle Stände von den früheren Zeiten bis zum Jahre 1831» (4 Bände, 1831/33) fortschrittliche Anschauungen des Vormärz.

Rotten boroughs: (englisch, «verfallene Flecken») in England seit dem 18. Jahrhundert infolge der industriellen Revolution bedeutungslos gewordene, zum Teil entvölkerte alte Ortschaften mit dem Recht auf Parlamentssitz, die zu Wahlmanipulationen benutzt wurden; 1832 (1.Parlamentsreform) zugunsten der neu entstandenen Industriestädte beseitigt. im weiteren Sinne bis heute Wahlkreise, in denen viele Wähler vom Kandidaten (Fabrik- oder Grundbesitzer) ökonomisch abhängig sind.

Rotterdam: Stadt im Südwesten der Niederlande, in der Provinz Südholland, an der Nieuwe Maas, durch den Nieuwe Waterweg mit der 30 km entfernten Nordsee verbunden; 560000 Einwohner, als Agglomeration 1 Millionen Einwohner; Werften (unter anderem Bohrinseln, Schiffsreparaturen; Spezialschiffe), 5 Erdölraffinerien; Maschinen-, Waggon-, Fahrzeugbau; chemische, elektrotechnische/elektronische, Holz-, Bekleidungs-, Konserven-, Lebensmittel- und Genussmittelindustrie; größter Seehafen der Welt (Umschlagsleistung 1982 etwa 238 Millionen t, mehr als 500 internationale Liniendienste) mit modernsten Umschlagseinrichtungen (Ro-Ro-Verkehr, Container), dessen Hafenanlagen sich etwa 35 km an Nieuwe Waterweg und Nieuwe Maas entlangziehen; neue Hafenkomplexe mit umfangreichem Industriegelände entstanden nach dem 2. Weltkrieg; Hauptumschlagsprodukte sind Erdöl (größter Erdölhafen Europas), Erze, Kohle, Containergut, chemische Produkte, Düngemittel und Getreide; günstige Verbindungen zum Hinterland durch Binnenschifffahrt, Erdöl- (R. Antwerpen, Rotterdam-Frankfurt am Main über Ruhrgebiet) und Erdölproduktenleitungen; Verkehrsknoten, U-Bahn, internationaler Flughafen Zestienhoven; 2 Maastunnel; zahlreiche moderne Bauten (Kongress- und Geschäftsviertel), im Stadtkern nur noch wenige erhaltene alte Bauwerke; Hochschulen, Akademien; Museen, Theater, Konzerthalle De Doelen, Philharmonie; Börse; Europamast (185 m). Spätgotische Kirche St. Laurentius (Grote Kerk; unvollendeter Turm ist Wahrzeichen von Rotterdam), barocke Börse (1722, A. van der Werff), Denkmal «Die zerstörte Stadt» (1953, O. Zadkine). Im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt, entwickelte sich Rotterdam seit dem 17. Jahrhundert zu einem bedeutenden Handelszentrum und nach Rheinregulierungen im 19./20. Jahrhundert zum Welthafen. Im 2. Weltkrieg trotz begonnener Kapitulationsverhandlungen am 14.5.1940 durch einen faschistischen deutschen Luftangriff stark zerstört.

Rottmann, Carl, 11.1.1797-7.7.1850, Maler; bedeutend für die Weiterentwicklung der klassizistischen idealistischen Landschaftsmalerei, zu seinen Hauptleistungen gehören monumentale Landschaftszyklen über Italien und Griechenland, die sich durch großartige Weiträumigkeit und emotional betonte Farbigkeit auszeichnen.

Rottweiler: (nach der Stadt Rottweil) stämmiger stockhaariger zuverlässiger Wach-, Schutz- und Gebrauchshund; Rüden 60 bis 68 cm, Hündinnen 55 bis 63 cm groß; sattes Schwarz mit rostrotem Brand, Stummelrute oder kupiert.

Rotula: im Mittelalter Verzeichnis der von einem Boten mitgenommenen Postsendungen.

Rotulus: Buchrolle, Papyrusrolle des Altertums.

Rotunde: Rundbau oder Rundraum.

Rotverschiebung: Verschiebung von Linien des Spektrums einer Lichtquelle nach größeren Wellenlängen hin, also zum roten Ende des Spektrums; wird verursacht durch eine Bewegung der Lichtquelle vom Beobachter weg (Doppler-Effekt). Daher zeigt die Rotverschiebung in den Spektren extragalaktischer Sternsysteme den Hubble-Effekt. Rotverschiebung kann auch durch starke Gravitationsfelder erzeugt werden (siehe auch Relativitätstheorie).

Rotwelsch: (von rot, «Bettler», + welsch, «unverständlich») im Mittelalter entstandene deutsche Gaunersprache.

Rotwurm, Luftröhrenwurm, Syngamus trachea: in den oberen Luftwegen von Hühner- und Singvögeln schmarotzender, bis 4 cm langer Fadenwurm; das kleinere Männchen sitzt dem Weibchen ständig auf; erzeugt Husten und Atemnot

Rotz, Malleus: tödlich verlaufende Infektionskrankheit der Einhufer; gekennzeichnet durch hohes Fieber, gelbliches Nasenausfluss und Ausbildung von Geschwüren an der Hautoberfläche. Die Erkrankung ist in Europa getilgt.

Rotzsch, Hans-Joachim, geboren 25.4.1929, Sänger (Tenor) und Chorleiter; wirkte seit 1953 international erfolgreich als Konzert- und Oratoriensänger; war 1963/72 Dirigent des Leipziger Universitätschores; seit 1972 Thomaskantor in Leipzig; führte den Thomanerchor auch bei Konzertreisen zu hervorragenden Leistungen.

Rouault, Georges, 27.5.1871-13.2.1958, französischer Maler, Graphiker, Entwurfszeichner für Glasmalerei und Keramik; Vertreter des französischen Expressionismus, in seinen Bildern (besonders Gerichts-, Harlekin- und Prostituiertenszenen) schildert er Tragik und Elend der Menschen, im Spätwerk überwiegen religiöse Themen.

Roubaix: Stadt im Norden Frankreichs, nordöstlich von Lille, an der belgischen Grenze; 100000 Einwohner; mit dem angrenzenden Tourcoing Zentrum der französischen Wollindustrie; ferner chemische, Bekleidungs-, Metallindustrie; Stoffmuseum; gotische Kirche Saint-Martin (15. Jahrhundert).

Rouen: Stadt im Norden Frankreichs, Verwaltungszentrum des Departements Seine-Maritime, an der Seine; 100000 Einwohner; Erdölraffinerie; Baumwoll-, Bekleidungs-, Papier-, petrolchemische Industrie; Herstellung von Kfz- und Flugzeugteilen; See- und Flusshafen; Weinhandel; Messe; Universität; Museen, Kunstgalerie; botanischer Garten. Zahlreiche mittelalterliche Bauten: gotische Kathedrale Notre-Dame (12./16. Jahrhundert), Abteikirche St. Ouen (14./16. Jahrhundert), spätgotischer Justizpalast, gotischer Bürgerhäuser und Palais. Das römische Rotomagus wurde im 10. Jahrhundert Hauptstadt des Herzogtums Normandie. Während des Hundertjährigen Krieges wurde hier 1431 Jeanne d’Arc verbrannt.

Rouge: (französisch, «rot») Cœur (französisch, «Herz») dritte Farbe der französischen Spielkarte; deutsche Karte Rot, Herz, Herzen.

Rouge et noir: «Rot und Schwarz»; Kartenglücksspiel, bei dem auf eine dieser beiden Farben gesetzt werden muss.

Rouget de Lisle, Claude-Joseph, 10.5.1760 - 26.6.1836, französischer Offizier; Verfasser des revolutionären «Kriegsliedes der Rheinarmee» (1792, deutsch), das später als «Marseillaise» französische Nationalhymne wurde.

Roulett: Glücksspiel mit nummerierter, drehbarer Scheibe (Roulett) mit abwechselnd roten und schwarzen Fächern, in die eine Kugel eingerollt wird; die Spieler setzen auf Zahlen (0 bis 36), Rouge (Rot) oder Noir (Schwarz).

Roulette: Werkzeug des Kupferstechers; ein in regelmäßigen Abständen mit spitzen Zähnen versehenes, an einem Griff montiertes kleines Rad zum Punktieren von Metallplatten.

Roumain, Jacques, 4.6.1907-18.8.1944, haitischer Romancier; Kommunist; gestaltete unter Rückgriff auf folkloristische Überlieferungen Leben und Kampf der haitischen Bauern (Roman «Herr über den Tau», 1944, deutsch).

Rourkela: Stadt im Norden des Unionsstaates Orissa (Indien); 320000 Einwohner; staatliche Eisenhüttenkombinat mit Stahl- und Walzwerk, Düngemittelwerk, Zementfabrik, Wärmekraftwerk.

Rousseau: 1. Henri Rousseau, 21.5.1844-2.9.1910, französischer Maler, genannt «der Zöllner» (war bis 1884 Zollangestellter); bildete sich als Maler autodidaktisch und erfuhr mit seiner farbenfreudigen, naiven Darstellungsweise zunehmende Wertschätzung; malte Landschaften, Stillleben, Alltagsszenen, Bildnisse sowie märchenhaft-romantische Urwaldszenen, oft bestimmt von der Sehnsucht nach einem harmonischen, glücklichen Leben als Reflexion auf die zunehmenden Widersprüche der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

2. Jean-Jacques Rousseau, 28.6.1712-2.7.1778, französischer Philosoph, Pädagoge und Musikschriftsteller schweizerischer Herkunft; Vertreter kleinbürgerlich-plebejischen Schichten innerhalb der französischen Aufklärung; Wegbereiter der Französischen Revolution. Nach Rousseau gelangt die Menschheit aus einem idealen Naturzustand durch einen widersprüchlichen Prozess zur Zivilisation; dabei werde der Mensch korrumpiert und setze sich in Widerspruch zu seiner Natur. Den Staat erklärte Rousseau aus der Entstehung des Privateigentums und der sozialen Ungleichheit. Die Despotie, das heißt den Absolutismus seiner Zeit, prangerte Rousseau als schärfste Form der politischen Ungleichheit an. Der Naturzustand der Menschheit ende mit dem Abschluss eines Gesellschaftsvertrages («Der Gesellschaftsvertrag», 1762, deutsch); die aus ihm hervorgehende Volkssouveränität sei unteilbar (Ablehnung einer Gewaltenteilung) und unveräußerlich (Ablehnung der repräsentativen Demokratie). Rousseaus Sozialtheorie übte einen bedeutenden Einfluss auf die klassische deutsche Philosophie, besonders auf Kant, Fichte und Hegel aus. Als Pädagoge vertrat Rousseau, besonders in «Emile» (1762, deutsch), die naturgemäße Erziehung vernünftiger, selbstbewusster, tätiger Menschen. Er betonte die Arbeitserziehung (handwerkliche und landwirtschaftliche Tätigkeiten) sowie das Lernen aus Erfahrung und entwickelte Prinzipien der Anschauung und Faßlichkeit, der Selbsttätigkeit und schöpferische Anwendung der Kenntnisse. Im Widerspruch hierzu steht seine Forderung der geistigen Unterordnung der Frau unter den Mann.

3. Théodore Rousseau, 15.4.1812-22.12.1867, französischer Maler und Radierer; gehörte seit 1833 der Schule von Barbizon an; bildete sich unter dem Einfluss der niederländischen Kunst des 17. Jahrhundert sowie J. Constables und gilt als einer der bedeutendsten französischen Landschaftsmaler des 19. Jahrhundert.

Roussel, Albert, 5.4.1869-23.8.1937, französischer Komponist; war ursprünglich Marineoffizier und studierte erst seit 1894 Musik; aus seinem reichen Schaffen (unter anderem Ballette, Opern, Lieder) ragen besonders die 4 Sinfonien und eine Sinfonietta heraus.

Roussillon: historisches Gebiet im Süden Frankreichs, zwischen dem Golfe du Lion und den Ostpyrenäen, heute Teil der Region Roussillon-Languedoc (27 376 km2, 1,93 Millionen Einwohner, zum Teil katalanisch sprechend; 70 Einwohner/km2); Hauptort Perpignan; Nahrungsmittelindustrie; Wein-, Obst-, Gemüseanbau; Fischereihäfen; Seebadeorte.

Route: Reiseweg, Marschrichtung.

Routine: durch Übung erworbene Fertigkeit, handwerksmäßige Gewandtheit; Erfahrenheit.

routiniert: geübt, gewandt; gerissen.

Roux: 1. Jacques Roux, 21.8.1752-10.2.1794 (Selbsttötung), französischer Geistlicher, Revolutionär; Ideologe der Enragés; seit 1791 Mitglied des Klubs der Cordeliers, 1792 des Generalrates der Pariser Kommune; 1793 am Sturz der Girondisten beteiligt; kritisierte als Sprecher der Linken am 25.6.1793 im Konvent auch die Jakobiner und deren Verfassung, weil in ihr die sozialen Interessen der Sansculotten ungenügend berücksichtigt wurden; verhaftet am 5.9.1793.

2. Wilhelm Roux, 9.6.1850-15.9.1924, Anatom und Zoologe; begründete die Entwicklungsphysiologie («Entwicklungsmechanik»).

Rovaniemi: Stadt im Norden Finnlands, Verwaltungszentrum der Provinz Lapin, am Kemijoki; 31000 Einwohner; Wirtschafts- und Kulturzentrum Lapp-lands; Universität; Theater, Museum; völliger Neuaufbau nach Zerstörung im 2. Weltkrieg.

Rovinj: Stadt und Seebad in Kroatien, an der Westküste Istriens; 17000 Einwohner; Fischkonserven-, Tabakindustrie; Fischerei; Hafen; Institut für Meeresbiologie; barocker Dom.

ROV-Regel: (ROV Abkürzung für Risikoreichtum + Originalität + Virtuosität) im Männerturnen Vorschrift über die Vergabe von Gutpunkten über die Ausgangsnote von 9,4 Punkten hinaus (bis zu 0,2 Punkte jeweils für Risikoreichtum, Originalität und Virtuosität). Die ROV-Regel wird neuerdings COV-Regel (COV Abkürzung für Courage, Originalität, Virtuosität) genannt.

Rovuma, Ruvuma, Rowuma: Grenzfluss zwischen Mozambique und Tansania; 920 km; entspringt in Tansania östlich vom Malawisee, mündet in den Indischen Ozean; wichtigster Nebenfluss Lugenda; nur für kleine Schüfe auf etwa 200 km im Unterlauf schiffbar.

Rowdytum: Zusammenrottung von Personen, die aus Missachtung der öffentlichen Ordnung Gewalttätigkeiten, Drohungen, grobe Belästigungen von Personen oder böswillige Beschädigungen von Sachen oder Einrichtungen begehen; strafbar.

Rowicki, Witold, geboren 28.2.1914, polnischer Dirigent; seit 1950 Chefdirigent der Warschauer Nationalphilharmonie, seit 1965 auch Direktor der Warschauer Nationaloper, erwarb sich mit seinem Einsatz für die zeitgenössische polnische Musik hohe Anerkennung; komponierte Instrumentalmusik und Lieder.

Rowno: Stadt (Gebietszentrum) im Nordwesten der Ukraine, am Ustje (zum Pripjat); 215000 Einwohner; Maschinen- und Elektroapparatebau, Gießereien, Düngemittel-, Nahrungsmittel-, Leinenindustrie; Eisenbahnknoten, Flughafen; 3 Hochschulen; Theater, Heimat-, N.-I.-Kusnezow-Museum; Uspenski Kirche (18. Jahrhundert). Nördlich, am Styr, Kernkraftwerk (440 MW).

Roxas y Acuña, Manuel, 1.1.1892-16.4.1948, philippinischer Politiker; Führer der bürgerlichen Widerstandsbewegung gegen die japanische Besetzung 1942/45, seit 1945 Vorsitzender der Liberalen Partei, erster Präsident (1946/48) nach Erlangung staatlicher Selbständigkeit.

Roy, Gabriele, 22.3.1909-13.7.1983, frankokanadische Schriftstellerin; löste den frankokanadischen Roman durch realistische Werke («Zufallsglück», 1947; «Gott geht weiter als wir Menschen», 1954, deutsch) aus seinem bis dahin vorherrschenden geistigen und thematischen Provinzialismus heraus.

Royalist: Anhänger des Königs, des Königtums, der die Wiederherstellung der Monarchie erstrebt.

Royal Society: (englisch, «Königliche Gesellschaft»; Kurzform für The Royal Society of London for Improving Natural Knowledge) britische Akademie für Naturwissenschaften, gegründet 1660, königlich anerkannt 1662. Die Royal Society forderte bei der Durchsetzung der bürgerlich-kapitalistischen Produktionsweise die Naturwissenschaften und die Anwendung ihrer Ergebnisse in der Praxis. Mitglieder waren unter anderem Royal Society Boyle, W. Harvey, I. Newton.

Rozewicz, Tadeusz, geboren 9.10.1921, polnischer Schriftsteller. Seine von innerer Unruhe getragene Lyrik spiegelte anfangs vor allem das Grauen des Krieges wider («Formen der Unruhe», 1947, deutsch); setzt sich, oft poetisch überhöht, auch in Erzählungen (dt. Auswahl «Versuch einer Rekonstruktion», 1977) und Dramen («Die Kartei», 1960, deutsch; «Weiße Ehe», 1975, deutsch) mit zeitgenössischen Lebenshaltungen auseinander.

Rozycki, Ludomir, 6.11.1884-1.1.1953, polnischer Komponist, Dirigent und Pädagoge; gehörte zu Beginn des 20. Jahrhundert der Gruppe «Junges Polen» an und setzte sich für eine nationale polnische Musik ein; gründete unter anderem 1925 den Verband polnischer Komponisten und 1938 mit Rozycki Rolland die «Weltföderation der Künstler). Rozycki komponierte Werke aller Gattungen, in denen er nationale Ideen aufgriff, darunter die Opern «Boleslaw der Kühne» (1909) und «Die Teufelsmühle» (1931) sowie das Ballett «Pan Twardowski» (1920).

rp: Abkürzung für réponse payée (französisch, «Antwort bezahlt»); Vermerk auf Telegrammen, für deren Beantwortung der Absender bereits einen bestimmten Betrag bezahlt hat.

Rp.: auf Rezepten Abkürzung für recipe (lateinisch, «nimm»); enthält die kurzgefasste Aufforderung an den Apotheker, die danach aufgeführten Substanzen in der angegebenen Menge und Weise zu verarbeiten.

RR-Lyrae-Stern: (nach dem Stern RR im Sternbild Leier (lateinisch Lyra)) verändert. Stern, dessen regelmäßige Helligkeitsänderung mit Perioden zwischen 1,2 h und 1,2 d auf die Pulsation des Sterns zurückgeht RR-Lyrae-Stern kommen häufig in Kugelsternhaufen vor und heißen daher auch Haufenveränderliche.

Rsa, Rassul, geboren 19.5.1910, aserbaidschanisch-sowjetischer Dichter, der sowjetische Mensch im Krieg und in der friedlichen Arbeit, sein Patriotismus und Internationalismus sind Hauptthemen seiner Lyrik und Dramen (Poem «Lenin», 1950).

RSC: (Abkürzung für referee stops contest, englisch, «Ringrichter stoppt den Kampf») veraltet technischer K.o.: Boxen Kampfabbruch durch den Ringrichter wegen Überlegenheit oder Verletzung.

RTS: Abkürzung für Reparatur-Techn. Station; siehe auch Maschinen-Traktoren-Station.

Ruapehu: tätiger Vulkan im zentralen Teil der Nordinsel Neuseelands, im Gebiet des Tongariro Nationalparks; 2 796 m; in einem seiner 2 Krater Thermalsee (mitunter mit kochendem Wasser).

Rub al-Khali: (arabisch, «leeres Viertel») größte zusammenhängende Sandwüste der Erde, im Südosten des Schichtstufenlandes von Saudi-Arabien; etwa 700000 km2. Die von 100 bis 200 m über dem Meeresspiegel im Süden auf 500 bis 1000 m über dem Meeresspiegel im Westen ansteigende Rub al-Khali wird zu 80 % von Sand bedeckt, wobei fossile Dünen bis zu 300 m Höhe erreichen. Extrem trockenes Passatklima; siedlungsleer, etwas Kamelhaltung in den Randgebieten.

rubato, tempo rubato: Musik frei im Vortrag, nicht streng im Zeitmaß.

Rubbia, Carlo, geboren 31.3.1934, italienischer Physiker; unter seiner Leitung wurden die intermediären Bosonen nachgewiesen.

Rübe: Speicherorgan bei zweikeimblättrigen Pflanzen; entsteht aus der fleischig verdickten Hauptwurzel zweijähriger Gewächse (zum Beispiel Möhre, Zuckerrübe), oft unter Beteiligung des untersten Sprossabschnittes.

Rubeanus, Crotus, eigentlich Johannes Jäger, um 1480 bis nach 1539, Schriftsteller und Gelehrter; Vertreter des Humanismus; Rubeanus, Lehrer U. von Huttens, schrieb neulateinische Gedichte und war Hauptautor des 1. Teils der «Dunkelmännerbriefe».

Rubel: seit Anfang des 14. Jahrhundert Bezeichnung für (später gestempeltes) russischer Barrensilber, im Großfürstentum Moskau Gewichts- und Rechnungseinheit. Unter Peter I. wurde der Silberrubel alleinige Währungs- und Recheneinheit; seit Jekaterina II. kam der Papierrubel hinzu. Der Rubel ist gegenwärtig in der UdSSR Währungseinheit; sein Feingoldgehalt wurde 1961 bei gleichzeitiger Veränderung des Preismaßstabes auf 0,987412 g erhöht. Seine besondere Stabilität erhält der Rubel durch die planmäßige und proportionale Entwicklung aller Bereiche der sozialistischen Volkswirtschaft mit ihrer stetigen schnellen Zunahme des gesellschaftlichen Gesamtprodukts. Siehe auch transferabler Rubel. Rübeland: Gemeinde im Kreis Wernigerode, Bezirk Magdeburg, im Harz, an der Bode; 2000 Einwohner; Kalkwerke; Tropfsteinhöhlen (Baumanns-, Hermannshöhle; beliebtes Ausflugsziel).

Rüben, Walter, 26.12.1899-7.11.1982, Indologe; Professor in Ankara, Santiago de Chile und an der Humboldt-Universität zu Berlin; trug wesentlich zur marxistischen Fundierung der Indologie bei («Die gesellschaftliche Entwicklung im alten Indien», 6 Bände, 1967/73).

Rüben: Sammelbezeichnung für Kulturpflanzen mit rübenartigen Speicherorganen, die der menschlichen und tierischen Ernährung sowie als industrielle Rohstoffe dienen. Hierzu Beta-Rüben und Brassica-Rüben als zweijährige Pflanzen. Im Rübensamenanbau spricht man im ersten Anbaujahr von Rübenstecklingen und im 2. Vegetationsjahr von Samen-Rüben (Mutter-Rüben), die Blütenstengel (Samenträger) treiben. Siehe auch Schosser, Trotzer.

Rübenaaskäfer: 9 bis 12 mm langer Aaskäfer, schwarz, braun behaart mit gerippten Flügeldecken. Käfer und Larven sind an Rüben, Möhren und vielen anderen Kulturpflanzen schädlich.

Rübenälchen, Rübennematode, Heterodera schachtii: bis 16 mm langer, an Wurzeln von Rüben schmarotzender Fadenwurm; Erreger der Rübenmüdigkeit.

Rübenblattwanze Rübenwanzen. Rübenderbrüßler: Rüsselkäfer mit grauweißen Haarschuppen; Rübenschädling, auch auf Spinat und Möhren; Larve lebt im Boden von Wurzeln.

Rübenfliegen, Pegomyia: Gattung der Blumenfliegen mit 2 mitteleuropäischen Arten; häufig ist die Rübenfliege (Pegomyia hyoscyami); die Larven beider Arten minieren in Blättern von Rüben.

Peter Paul Rubens, 28.6.1577-30.5.1640, flämischer Maler; nach Studienaufenthalt in Italien ab 1608 in Antwerpen tätig; Hauptmeister des flämischen Barocks. Der durch ihn geprägte große Stil und die Monumentalität seiner Bildformen entsprachen den Wünschen und Forderungen sowohl der weltlichen Fürsten wie der katholischen Kirche in der Zeit der Gegenreformation. Sein reichbewegtes Leben, das ihn, zum Teil in diplomatischen Missionen, auf Reisen nach Italien, Frankreich und England führte, ist von ungeheurem Schaffensdrang erfüllt, der auch auf seinen umfangreichen Werkstattbetrieb ausstrahlte. R. weitgespannter Themenkreis umfasst Altarwerke, mythologische und historisch-allegorische Gemälde und Festdekorationen, Bildnisse (unter anderem die seiner beiden Frauen Isabella Brant und Hélène Fourment), Tierstücke und Landschaften. Einen Höhepunkt im Schaffen bildet der Altar in Ildefonso (1630/32). In flüssiger, schwungvoller Technik und urwüchsiger Genialität schuf er seine Gestaltenwelt bei der kraftvolles Muskelspiel des männlichen und lebendige Sinnlichkeit des weiblichen Körpers durch ein leuchtendes und prächtiges Kolorit noch gesteigert und damit zum Inbegriff barocken Malens wurden.

Rübenschnitzel: Futtermittel (energiereiche Konzentrate) aus zerkleinerten Zuckerrüben. Diffusions- oder Nassschnitzel sind nach fast vollständigem Zuckerentzug abgepresste Rückstände, die frisch oder siliert verfüttert werden, Trockenschnitzel technisch getrocknete Diffusionsschnitzel; Steffenschnitzel sind nur zum Teil entzuckerte, getrocknete Schnitzel und Zucker- oder Vollschnitzel geschnitzelte, ohne Zuckerentzug getrocknete Zuckerrüben.

Rübenwanzen, Piesmidae: Familie der Wanzen mit nur 4 mitteleuropäischen Arten. Die 3 mm lange, graubraune Rübenblattwanze (Piesma quadrata) saugt an Futter- oder Zuckerrüben und überträgt dabei Virosen, die zur Wanzenkräuselkrankheit der Pflanzen führen.

Rubidium, Symbol Rb: chemisches Element der Kernladungszahl 37; Alkalimetall; Atommasse 85,4678; Wertigkeit +1; F39°C; Kp 696 °C; Dichte 1,52 g/cm3. Rubidium ist silberweiß und wachsweich. Es ist eines der reaktionsfähigsten Metalle; an der Luft entzündet es sich sofort, mit Wasser reagiert es explosionsartig. Daher tritt es in der Natur nicht elementar auf, ist aber in Form von Rubidium Verbindungen (meist als Begleiter der chemisch sehr ähnlichen Kaliumverbindungen) weit verbreitet Rubidium wurde 1861 spektralanalytisch von Rubidium Bunsen im Dürkheimer Mineralwasser entdeckt.

Rubikon, Rubico, heute Rubicone: bis 43 vor Christus Grenzfluss zwischen Italien und der römischen Provinz Gallia Cisalpina. Berühmt durch Cäsar, der 49 vor Christus von Gallien kommend mit seinem Heer den Rubikon überschritt und damit den Bürgerkrieg einleitete.

Ruttner, Ludwig, 12.7.1881-27.2.1920, Schriftsteller; schrieb leidenschaftliche abstrakt-revolutionäre Gedichte und Aufrufe in der für den linken Flügel des Expressionismus charakteristischer aktivistisch-politischer Haltung («Der Mensch in der Mitte», 1917; «Kameraden der Menschheit. Dichtungen zur Weltrevolution», 1919); ferner Dramen («Die Gewaltlosen», 1919), Aufsatz «Der Dichter greift in die Politik» unter anderem; Mitarbeiter der Zeitschrift «Der Sturm».

Rubinstein: 1. Rubinstein, Anton Grigorjewitsch Rubinstein, 28.11.1829—20.11.1894, russischer Pianist, Dirigent und Komponist; galt zu seiner Zeit als der bedeutendste Pianist nach F. Liszt. Seine zahlreichen Kompositionen wurzeln in der russischen nationalen Musikkultur, sind dabei aber F. Mendelssohn Bartholdy und Rubinstein Schumann stark verpflichtet. Rubinstein gründete die Russische Musikgesellschaft (1859) und das erste russische Konservatorium (Petersburg, 1862), an dem er als Professor und Direktor wirkte:

2. Rubinstein, Artur, 28.1.1886-23.12.1982, Pianist polnischer Herkunft; seit 1946 Staatsbürger der USA; zählt zu den international erfolgreichsten Pianisten seiner Zeit; insbesondere als Chopin-Interpret hoch geschätzt.

3. Rubinstein, Nikolai Grigorjewitsch, 14.6.1835-23.3.1881, russischer Pianist, Dirigent und Musikpädagoge; Bruder von Rubinstein 1; Mitbegründer des Moskauer Konservatoriums (1866), an dem er bis zu seinem Tode als Professor wirkte, und dessen erster Direktor.

Rubljow, Andrej, um 1360 um 1430, russischer Ikonen- und Freskenmaler; Mönch des Sagorsker Dreifaltigkeitsklosters und des Moskauer Andronikow Klosters; wahrscheinlich Schüler des Prochor von Gorodez; beeinflusst von Theophanes dem Griechen. Rubljows Werke, die er außer für die Kirchen der genannten Klöster für die Moskauer Verkündigungskathedrale, die Mariä-Entschlafens-Kathedralen in Swenigorod und Wladimir schuf, sind geprägt von dem Geist der Epoche des Aufschwungs des Moskauer Fürstentums und der Herausbildung eines einheitlichen Nationalstaates in Russland. Hauptwerk ist die Ikone der Heiligen Dreifaltigkeit (1422/27), die sich durch eine ungewöhnlich weiche, gefühlsbetont-lyrische Auffassung der 3 Engel, wundervoll ausgewogene Komposition und feine Harmonie des von leuchtenden Farben bestimmten Kolorits auszeichnet.

rubrizieren: überschreiben; einordnen, einstufen.

Rubruk, Wilhelm von, um 1220/30-um 1270, flämischer Franziskanermönch und Asienreisender; reiste 1253/55 als französischer Gesandter und im päpstlichen Auftrag über die Krim und das untere Wolgagebiet nach Innerasien zur mongolischen Residenz Karakorum; verfasste einen wertvollen Reisebericht.

Rubrum: (lateinisch, «das Rote») Recht Anfang (Kopf) eines Urteils; wurde früher rot geschrieben.

Rübsen: (aus «Rübsamen») Brassica rapa subsp. oleifera: Kreuzblütler mit gelben Blüten; wird gelegentlich als Sommer- und Winterölfrucht angebaut; auch Futterpflanze.

Rubzowsk: Stadt in der Region Altai, im Süden Westsibiriens, am Alej (zum Ob); 165000 Einwohner; Landmaschinen- und Traktorenbau, Leichtindustrie; Theater.

Ruchgras, Anthoxanthum: Gattung der Süßgräser, das Gemeine Ruchgras (Anthoxanthum odoratum) ist ein häufiges Wiesengras von geringem Futterwert; das in ihm enthaltene Kumarin erzeugt den Heuduft.

Rücken, Holzrücken: Transportieren (Schleifen, Fahren) des Holzes vom Einschlagsort zu nahegelegenen Ausformungs- beziehungsweise Abfuhrplätzen. Zur Erleichterung der Rückearbeit wird das Stammende zum Beispiel mittels einer am Traktor angebauten, hydraulisch betätigten Rückezange ergriffen und angehoben.

Rückenflug: Vorwärtsflug mit um 180° um die Längsachse gedrehtem Flugzeug, wobei die Bordbesatzung mit dem Kopf nach unten in den Anschnallgurten hängt. Technisch wird die Triebwerksleitung beim Rückenflug von Sport- und Militärflugzeugen über eine sehr begrenzte Zeit durch spezielle Rückenflugventile beziehungsweise -vergaser gewährleistet.

Rückenmark, Medulla spinalis: im Wirbelkanal liegender, von Häuten (Gehirnhäute) umgebener Teil des Zentralnervensystems. Es besteht aus der inneren, im Querschnitt schmetterlingsförmigen grauen Substanz (Nervenzellenansammlungen), der äußeren weißen Substanz (Leitungsbahnen) und wird vom Zentralkanal (Fortsetzung des Ventrikelsystems des Gehirns) durchzogen. Das Rückenmark schließt sich an das verlängerte Mark an und endet beim Menschen in Höhe des 2. Lendenwirbels.

Rückenmarkentzündung, Myelitis (griechisch): Erkrankung des Rückenmarks mit unterschiedlichen Sitz und Ausdehnung; entweder infektiös oder allergisch bedingt.

Rückenmuskeln: beiderseits der Wirbelsäule angeordnete Muskulatur.

Rückenschwimmen: alle Ausführungsarten des Schwimmens in Rückenlage, im Sportschwimmen ausschließlich Rückenkraul mit wechselseitiger Armbewegung, koordiniert mit wechselseitiger Auf- und Abwärtsbewegung der Beine.

Rückenschwimmer, Notonectidae: Familie der Wasserwanzen; schwimmen mit langbewimperten Hinterbeinen und der hellen Bauchseite nach oben, fressen tote oder lebende Insekten und Fischbrut. S. a. Wasserwanzen.

Rückert, Friedrich, 16.5.1788-31.1.1866, Dichter; schrieb patriotische «Geharnischte Sonette» (1814); unter den späteren etwa 10000 Gedichten sind nur wenige eigenständig (oft vertont «Aus der Jugendzeit»); schuf sprach- und formvollendete Übersetzungen und Nachdichtungen aus orientalischen Literaturen («Östliche Rosen», 1822).

Rückfahrscheinwerfer: zusätzlicher Scheinwerfer an der Rückseite von Kraftwagen, mit dem während der Dunkelstunden bei eingelegtem Rückwärtsgang die Fahrbahn ausgeleuchtet wird.

Rückfall: erneutes Begehen von Straftaten durch Personen, die bereits straffällig geworden waren; strafverschärfender Umstand.

Rückflussdauer: Industrieökonomik Zeitraum des Rückflusses der gesamten einmaligen Aufwendungen (Aufwand für Wissenschaft und Technik und Investitionen) aus dem Zuwachs des einheitlichen Betriebsergebnisses (insbesondere Gewinnerhöhung aus Produktionssteigerung und Kostensenkung) bei Maßnahmen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts (Aufgaben der Forschung und Entwicklung sowie zur Einführung der Forschungsergebnisse; Vorhaben der Modernisierung und Erweiterung der Grundfonds durch Investitionen und Generalreparaturen). Die Rückflussdauer ist eine wichtige Effektivitätskennziffer zur Vorbereitung von Entscheidungen über die ökonomisch günstigste Lösungsvariante.

Rückfragetaste: zusätzlicher Kontaktknopf an Fernsprechapparaten, die an eine Nebenstellenanlage angeschlossen sind. Die Rückfragetaste ermöglicht Rückfragen oder beziehungsweise und Gesprächsumlegung innerhalb der Nebenstellenanlage bei Gesprächen über die Amtsleitung.

Rückhaltebecken: Speicheranlage zur Aufnahme von Hochwasserspitzen der Wasserläufe, von Abwasser- und Regenwasserspitzen in Kanalisationsnetzen.

Rückhandschlag, Backhand: Eishockey, Federball, Hockey, Tennis, Tischtennis unter anderem Schlag, bei dem der Rücken der den Schläger (Stock) führenden Hand dem anfliegenden Ball (der Scheibe) zugewandt ist Siehe auch Vorhandschlag. Rückkampf: zweiter Vergleich zwischen 2 Mannschaften mit Heimvorteil für den Gast des ersten Wettkampfes.

Rückkohlen: Zugabe kohlenstoffhaltiger Mittel (zum Beispiel Kohle, Koks, Graphit) zu Stahlschmelzen, um den durch Frischen stark gesunkenen Kohlenstoffgehalt wieder zu erhöhen.

Rückkopplung, Feedback, in der Kybernetik meist Rückführung. Elektrotechnik, Kybernetik Verfahren, einen Teil der Ausgangsgröße, meist eines Verstärkers, an dessen Eingang zurückzuführen. Addiert sich der rückgekoppelte Anteil zur Eingangsgröße, erhält man eine positive Rückkopplung oder Mitkopplung, bei Subtraktion eine negative Rückkopplung oder Gegenkopplung. Mitkopplung kann zur Entdämpfung (Verminderung der Dämpfung) von Schwingkreisen beziehungsweise zur Selbsterregung genutzt werden (Anwendung zur Schwingungserzeugung). Gegenkopplung bewirkt eine Verringerung der Verstärkung, aber auch eine Stabilisierung der Parameter des Verstärkers und eine Verringerung der Verzerrungen im Verstärker; sie wird heute in großem Umfang angewendet. Siehe auch akustische Rückkopplung.

Rückkühlanlage: Einrichtung zur Abführung von Wärmeenergie aus verschiedenartigen Prozessen an die Umgebungsluft; erfolgt meist durch Abkühlung (Rückkühlung) von Kühlwasser, wobei ein Teil des Wassers verdunstet Einfachste Rückkühlanlage sind Kühlteiche (geringe Kühlleistung, großer Platzbedarf) und Gradierwerke. Häufigste Art der Rückkühlanlage sind Rückkühlwerke (Kühltürme; kühlen). Das abgekühlte Wasser fließt aus einem Sammelbecken dann wieder in den Kreislauf zurück, wobei das verdunstete Wasser durch Frischwasser ersetzt wird.

Rücklagen: von Unternehmen zum Zwecke der Eigenfinanzierung, Sicherung gegen möglichen Verluste sowie Profitverschleierung außerhalb des ausgewiesenen Grundkapitals akkumulierter Profit. Offene Rücklagen sind Rücklagen, die als gesonderte Passiva in Handelsbilanzen ausgewiesen werden; stille Rücklagen (stille Reserven) erscheinen nicht in der Bilanz, weil sie durch Unterbewertung des Vermögens oder Überbewertung der Schulden geschaffen werden.

Rückgerät: luftbereiftes oder Raupenfahrzeug zum Rücken von Gurtbandförderern beziehungsweise Schienenfahrzeug zum Rücken von Gleisrosten der Tagebaugroßgeräte im Tagebau entsprechend dem fortschreitenden Abbau.

Rückstauverschluss: Absperrvorrichtung im Hausanschluss der Abwasserleitung mit selbsttätiger Rückstauklappe oder mit von Hand zu bedienendem Verschluss, die verhindert, dass rückstauendes Abwasser aus der Kanalisation in tieferliegende Kellerräume eindringt.

Rückstellungen: Verbindlichkeiten unbestimmter Höhe und Fälligkeit als Passivpositionen in Bilanzen kapitalist Unternehmen (zum Beispiel für zu erwartende Steuernachzahlungen). Der größte Teil der Rückstellungen sind jedoch stille Rücklagen.

Rückstoß: Impuls, den ein Körper, zum Beispiel eine Rakete, beim Ausstößen eines Teiles seiner Masse erfährt. Wegen der Erhaltung des Gesamtimpulses sind der Impuls der ausgestoßenen Masse n>! und der Rückstoß der ausstoßenden Masse m2 stets entgegengesetzt. Bei Maschinenwaffen wird der auf den Verschluss wirkende Rückstoß der Pulvergase beim Schuss zur automatischen Arbeit der Waffen genutzt.

rückstoßfreies Geschütz: leichtes Artilleriesystem mit glattem oder gezogenem Rohr und düsenförmigem Verschluss, durch den ein Teil der Pulvergase der Treibladung nach hinten entweicht und den Rohrrücklauf (Rückstoß) kompensiert

Rückstrahler, Katzenauge: flacher Glas- oder Kunststoffkörper mit profilierter (oft mit Spiegelbelag beschichteter) Rückfläche, der einfallendes Licht intensiv reflektiert. Straßenfahrzeuge müssen gemäß StVO hinten rote Rückstrahler aufweisen.

Rücktritt vom Versuch: freiwillige und endgültige Abstandnahme von der Vollendung der Straftat; Strafaufhebungsgrund.

Rücktritt vom Vertrag: einseitige Auflösung eines Vertrages mit rückwirkender Kraft; zulässig nur unter vereinbarten oder gesetzlich vorgesehenen Voraussetzungen, insbesondere wegen bestimmter Vertragsverletzungen durch den anderen Partner. Bereits erbrachte Leistungen sind zurückzuerstatten.

Rückversicherung: Weiterversicherung von versicherten Risiken einer Versicherungseinrichtung (Erstversicherer) bei anderen Versicherungs- oder Rückversicherungseinrichtungen (Rückversicherer).

Rückversicherungsvertrag: geheimer deutschrussischer Vertrag vom 18. 6.1887, der die Partner zu «wohlwollender Neutralität» im Kriegsfälle verpflichtete, außer bei Angriffen Russlands gegen Österreich-Ungarn und Deutschlands gegen Frankreich. Der Rückversicherungsvertrag gehörte zum Vertragssystem Bismarcks, das einen Zweifrontenkrieg verhindern beziehungsweise hinauszögern sollte; wurde 1890 nicht verlängert.

rückwärtige Dienste: Truppen und Einrichtungen der Streitkräfte, die deren Versorgung sicherzustellen haben. Zu den rückwärtigen Diensten gehören Bekleidungs- und Ausrüstungs-, medizinischen, Panzer-, Kraftfahrzeug-, raketen- und waffentechnischen Verpflegungsdienst unter anderem

Rückwärtsdiode, Backward-Diode: Sonderform einer Halbleiterdiode, bei der in Durchlassrichtung die normalen Diffusionsströme vorherrschen, in Sperrichtung jedoch Tunnelstrom fließt. Sie wird «rückwärts», das heißt in Sperrichtung betrieben und hat dort bessere Eigenschaften als normale Halbleiterdioden im Durchlassbereich.

Rückwärtssprünge: Wasserspringen Gruppe von Sprüngen, die aus dem Stand rücklings rückwärts-drehend ausgeführt werden.

Rückwirkung: die Wirkung eines Gesetzes oder einer Erklärung auf eine vorhergehende Zeit.

Rudaki, Abu-Abdullah Djafar, um 860-941, tadschikischer und persischer Dichter; trat in schlichten, ungekünstelten Versen gegen Rechtlosigkeit und Ungerechtigkeit auf. Von seinem Diwan sind nur Bruchstücke erhalten.

Rudbeckie, (nach einem schwedischer Botaniker) Sonnenhut, Rudbeckia: Korbblütlergattung mit langgestielten goldgelben Blütenköpfen und kegelig gewölbtem Köpfchenboden; unter anderem mehrere Zierpflanzen, zum Beispiel die ausdauernde Schlitzblättrige Rudbeckie (Rudbeckia laciniata).

Ruddigkeit, Frank, geboren 19.8.1939, Maler, Graphiker und Bildhauer; 1957/62 Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, seit 1981 Professor an der Hochschule für industrielle Formgestaltung Halle-Burg Giebichenstein; schildert Umwelt, Menschen und Zeitgeschichtliches in expressiver, oft sinnbildliche Verdichtung; verarbeitet in zahlreichen Graphiken Anregungen aus der Literatur (F. Kafka, W. Majakowski).

Rude, François, 4.1.1784-3.11.1855, französischer Bildhauer, schuf 1832/36 die Reliefgruppe «Auszug der Freiwilligen 1792» (auch «La Marseillaise») am Arc de Triomphe in Paris, die mit ihrem revolutionären Pathos zu den besten Leistungen der französischen Bildhauerkunst des 19. Jahrhundert gehört und den Übergang zur neubarocken Plastik bildet.

rüde: (französisch) roh, grob, ungesittet.

Rüde: (althochdeutsch) männliches Tier von Hund, Wolf, Fuchs und den meisten zum Niederwild gehörenden Raubwildarten (außer bei Katzen).

Rüden: Ostseeinsel vor der Peenemündung, am Ostausgang des Greifswalder Boddens; 0,4 km2.

Ruder:

1. Schifffahrt: blattartiger Körper zum Lenken (Steuern) von Schiffen und Booten, im Allgemeinen am Heck des Schiffes angebracht (Heckruder). Schiffe, die viel manövrieren müssen (zum Beispiel Fährschiffe), erhalten zusätzlich ein der Vorstevenkontur angepasstes Flächen-Bugruder oder ein Bug-Strahlruder mit einer Schiffsschraube, die in einem querschiffs im Bug angebrachten Kanal umläuft und angesaugtes Wasser je nach der gewählten Drehrichtung nach Steuer- oder Backbord drückt. Nach dem Querschnitt unterscheidet man Plattenruder (nur noch auf Binnenschiffen und Booten) und stromlinienförmige Verdrängungsruder, die den Ruderwiderstand verringern; nach der Aufhängung Schweberuder, oben gelagert, und Halbschweberuder, oben und mittig gelagert; nach Lage des Ruderschaftes Balanceruder (Teil der Ruderfläche vor der Drehachse, bewirkt kleinere Kraft zum Ruderlegen) und Halbbalanceruder (stromlinienförmige Leitkörper vor dem Ruder zur Erhöhung der Ruderwirkung). Tiefenruder sind beiderseitig an Bug und Heck von Unterseebooten um eine waagerechte Achse drehbare Ruder, die Änderungen der Tauchtiefe des Bootes ermöglichen.

2. Sport: Gerät zum Fortbewegen von Ruderbooten. Einseitig verwendete Riemen sind 3,75 bis 3,85 m lang und 4,1 bis 4,3 kg schwer, doppelseitig verwendete Skulls 2,92 bis 3,00 m lang und 2,0 bis 2,2 kg schwer.

Ruderanlage: Gesamtheit aller für das Bewegen des Ruders von Schiffen und Booten notwendigen Vorrichtungen. Das Ruder ist an einem Ruderschaft befestigt, der ins Schiffsinnere führt. Auf ihm sitzt bei Booten und Lastkähnen eine Pinne, auf Seeschiffen aber ein Ruderquadrant (Viertelkreissegment), bei Tauchkolben-Ruderanlage ein Querhaupt, bei Drehflügel-Ruderanlage ein Drehflügel, deren Bewegung eine Rudermaschine erfordert, die von der Kommandobrücke aus ferngesteuert wird. Bei Selbststeueranlagen schaltet der Kreiselkompass automatisch die Rudermaschine ein, sobald das Schiff von dem eingestellten Kurs abweicht.

Ruderboot: mit Rudern durch Ruderbewegungen angetriebenes Boot. Ruderboote für sportliche Zwecke werden nach Bauweise und Zweck, Antriebsweise und nach Zahl der Ruderer unterschieden:

a) Rennboote (ohne Maßvorschriften und Beschränkungen; mit Innenkiel): 1) Skullboote (Einer (Skiff), Doppelzweier, Doppelvierer mit (ohne) Steuermann);) Riemenboote (Zweier mit (ohne) Steuermann, Vierer mit (ohne) Steuermann, Achter);

b) Übungsboote sogenannt Gigs: Sportboote mit genauen Maßvorschriften sowie Außenkiel, die in die Arten A, B, C, D und Seegigs (Yoles de mer) unterschieden werden.

Ruderfrösche, Rhacophoridae: Familie der Froschlurche, deren Finger und Zehen mit einem zusätzlichen Glied ausgestattet sind; die großen Haftscheiben stellen eine Anpassung an das Baumleben dar, bewohnen Afrika, Madagaskar, Südasien, die Philippinen und Japan.

Ruderfüßer, Pelecaniformes: fischfressende Schwimm- und Tauchvögel der Meere und größerer Binnengewässer, bei denen alle 4 Zehen durch Schwimmhäute miteinander verbunden sind; hierzu gehören Fregattvögel, Kormorane, Pelikane, Schlangenhalsvögel, Tölpel, Tropikvögel.

Ruderfußkrebse, Copepoda: Unterklasse der Krebse mit etwa 10000 Arten; schalenlos, meist nur 0,5 bis 1,5 mm lang; leben in Salz- und Süßwasser am Boden, freischwimmend oder schwebend (Plankton), einige sind Fischparasiten; wichtige Grundnahrung der Fische.

Rudergänger, Rudergast: Seemann, der nach Weisungen des wachhabenden Offiziers oder selbständig durch Einhaltung des vorgegebenen Kompasskurses das Schiff steuert, indem er das Ruder legt.

Rüdersdorf: Industriegemeinde im Kreis Fürstenwalde, Bezirk Frankfurt, östlich von Berlin, in seenreicher Umgebung; 12000 Einwohner; Steinbrüche im Rüdersdorfer Muschelkalk-, Kalk-, Zement-, Beton-, Glühphosphatwerk; Ausflugsziel.

Rudersport, Rudern: vorzugsweise auf stehenden Gewässern mit Ruderbooten ausgetragene Geschwindigkeitswettbewerbe über international 2000 m (Männer und Frauen) sowie neuerdings auch Kurzstreckenwettbewerbe über 500 m in verschiedenen Bootsklassen (siehe auch Ruderboot) auf Regattastrecken mit 6 geradlinigen, 12,5 bis 15 m breiten, durch Bojen markierten Bahnen. Für Steuerleute gilt ein Mindestkörpergewicht von 50 kg (Männer) beziehungsweise 45 kg (Frauen). Olymp. Sportart seit 1900, Weltmeisterschaften seit 1962, Europameisterschaften seit 1893.

Rüdesheim, Rüdesheim am Rhein: Stadt in Hessen, im Rheingau; 10000 Einwohner; Weinbau, -handel, -Verarbeitung (Sekt, Weinbrand); Touristenzentrum; mittelalterlicher Stadtkern, Brömserburg (9. Jahrhundert, älteste rheinische Burg).

Rudiment: 1. allgemein Überbleibsel; Rest, Verkümmerung.

2. Morphologie: rückgebildetes Organ, das im Laufe der Stammesgeschichte seine Funktion verloren und für das Leben des Organismus keine Bedeutung mehr hat (zum Beispiel Wurmfortsatz des Blinddarms).

Rudisten: über 1 m lange, kegel- bis hornförmige, dickschalige Muscheln warmer Meere der Kreidezeit.

Rudnicki, Adolf, geboren 19.2.1912, polnischer Schriftsteller und Essayist; stand in der Zwischenkriegszeit unter dem Einfluss des Psychologismus (Erzählung «Die Ungeliebte», 1936, deutsch), wurde nach 1945 zum Gestalter des Martyriums des jüdischen Volkes in der «Epoche der Öfen» (Erzählungsbände «Shakespeare», 1948, deutsch; «Flucht aus Jasnaja Poljana», 1949, deutsch; «Das lebende und das tote Meer», 1952, deutsch.).

Rudolf, Fürsten: 1. Rudolf, Rudolf I. von Habsburg, 1.5.1218 - 15.7.1291, König seit 1273; seine Wahl beendete das Interregnum; besiegte 1278 Premysl II. Otakar auf dem Marchfeld und baute eine habsburgische Hausmacht (Österreich, Steiermark) auf; ordnete die Verwaltung der Reste des Reichsguts (Reichslandvogteien) und suchte den Landfrieden gegen Fürsten und Raubritter zu sichern.

2. Rudolf II., 18.7.1552-20.1.1612, König von Ungarn seit 1572, von Böhmen seit 1575, römisch-deutscher König und Kaiser seit 1576; Sohn von Maximilian II.; unterstützte die Gegenreformation, gewährte den böhmischen Ständen im Majestätsbrief 1609 weitgehende Sonderrechte; förderte Künste und Wissenschaften an seiner Residenz Prag. Seit 1605 wegen Geisteskrankheit zunehmend entmachtet.

Rudolf-Virchow-Preis: staatliche Auszeichnung für hervorragende Ergebnisse in der Forschung, Wissenschaft und Literatur auf den Gebieten der Medizin, Stomatologie, Pharmazie, Medizintechnik und angrenzenden Fachgebieten; 1960 gestiftet, Einzel- und Kollektivauszeichnung.

Rudolf von Ems, um 1200 zwischen 1252 und 1254, Dichter; stammt aus Schweizer Ministerialengeschlecht; verfasste gelehrte Epen, Verserzählungen und eine (im Mittelalter beliebte) «Weltchronik» (um 1250; Geschichtsablauf nach der Bibel). Kulturhistorisch bedeutsam ist die Lobpreisung des damals noch verachteten Kaufmanns in der Verserzählung «Der gute Gerhard» (1220/25).

Rudolf von Rheinfelden, gestorben 16.10.1080, Herzog von Schwaben seit 1057; 1077/80 Gegenkönig Heinrichs IV.; in der Schlacht bei Hohenmölsen tödlich verwundet.

Rudolph: 1. Hermann Rudolph, geboren 22.1.1935, Tänzer und Choreograph; wirkte in Leipzig, Berlin (Oper und Staatsoper), Potsdam und Karl-Marx Stadt; choreographierte zahlreiche klassische und moderne Ballette.

2. Wilhelm Rudolph, 22.2.1889-30.9.1982, Maler und Graphiker; 1908/14 Studium an der Kunstakademie Dresden bei Rudolph Sterl und C. Bantzer, 1932/38 dort Professor, von den Faschisten entlassen; 1946/48 Professor an der Akademie der bildenden Künste Dresden, danach freischaffend; schuf Porträts, Stillleben, Landschafts- und Tierdarstellungen; besonders ergreifend sind seine expressiven Holzschnitte und Zeichnungen von der Zerstörung Dresdens 1945.

Rudolstadt: Kreisstadt im Bezirk Gera, an Saale und Schwarza; 32000 Einwohner; Chemiefaserkombinat «Wilhelm Pieck» (Stadtteil Schwarza)-, elektronische Industrie, Herstellung von Porzellan, Pharmazeutika, Druckerzeugnissen, Lebensmitteln; Theater, Staatliche Museen, Freilichtmuseum «Thüringer Bauernhäuser»; Barockschloss Heidecksburg (Museen, Staatsarchiv; Schlossfestspiele, Tanzfeste), barockes Schloss Ludwigsburg. Im 8. Jahrhundert erwähnt; 1326 als Stadt genannt; 1571/1918 Residenz der Grafen beziehungsweise späteren Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt.

Rufiji: bedeutendster Fluss in Tansania; 280 km, mit Quellflüssen 1400 km; entspringt mit mehreren Quellflüssen im Ostafrikanischen Hochland; mündet mit 1300 km2 großem Delta in den Indischen Ozean; im Unterlauf zum Teil schiffbar.

Rufinus, Rufinus von Aquileia, Tyrannius, um 345-410, lateinischer Schriftsteller; bedeutender Übersetzer von griechischen christlichen Schriften, besonders des Orígenes und der Kirchengeschichte des Eusebios.

Rufisque: Stadt in Senegal, bei Dakar, am Atlantischen Ozean; 50000 Einwohner; Herstellung von Textilien, Schuhen, Erdnussöl und Zement; Fischereihafen; Fischereischule.

Ruf- und Signalmaschine, Abkürzung RSM-. Signalgenerator in automatischen Fernsprechzentralen, der die Signalströme für die Hörzeichen und den Rufwechselstrom (zur Betätigung des Weckers im gerufenen Fernsprechapparat) liefert.

Rufus, Milan, geboren 10.12.1928, slowakischer Dichter, Übersetzer; versteht seine Gedichte («Bis wir reifen», 1956, Auswahl deutsch) als Form der Teilnahme am Leben. Im Mittelpunkt der Zyklen «Wiege» und «Tisch der Armen» (1972, Auswahl deutsch) steht der seine Menschlichkeit bewahrende Mensch. Rufus schrieb auch zahlreiche moralkritische Essays und Aufsätze.

Rugby: (nach der Stadt) Elemente von Hand- und Fußball enthaltendes Malspiel zweier Mannschaften von je 15 Spielern (8 Stürmer, 2 Halb4 Dreiviertel-, 1 Schlussspieler). Das Spielfeld ist s69mxs 100m groß. Die sich auf den beiden Mallinien befindliche Male sind 5,60 m x 3 m groß, die Malstangen über die Querstange s 0,5 m verlängert. Hinter den Mallinien befindet sich jeweils ein £ 22 m tiefes Malfeld. Der eiförmige, 400 bis 440 g schwere Lederhohlball (größter Umfang 76,2 bis 78,7 cm, kleinster Umfang 61 bis 64,1 cm) soll möglichst oft in das gegnerische Malfeld getragen und dort niedergelegt beziehungsweise mit den Händen so berührt werden, dass er kurz auf dem Boden ruht (Versuch; ergibt 4 Punkte). Durch Platztritt über die Querstange des Mals zwischen den Malstangen verwandelt sich der Versuch in einen Treffer (ergibt 2 Punkte Erhöhung = 6 Punkte). Die Spielzeit beträgt 2 x 40 min. Der Ball darf mit den Füßen in alle Richtungen gestoßen und mit den Händen aufgenommen und getragen, jedoch ausschließlich nach hinten abgegeben werden. Olymp. Sportart 1900, 1908, 1920 und 1924. Siehe auch Fassen, Gasse, Gedränge.

Rugby: Stadt im mittleren England (Großbritannien), am Avon; 60000 Einwohner; Elektro- und Zementindustrie, Maschinenbau; berühmte Public School (1567), Musikschule; Ursprungsort des gleichnamigen Spiels.

Ruge, Arnold, 13.9.1802-31.12.1880, Publizist; kleinbürgerlicher Demokrat; gab zusammen mit E. T. Echtermeyer (1805-1844) die «Hallischen Jahrbücher für deutsche Wissenschaft und Kunst» heraus; 1844 begründete er zusammen mit K. Marx in Paris die «Deutsch-französischen Jahrbücher», von denen nur das erste Heft erschien.

Rüge: 1. allgemein tadelnde Bemerkung.

2. Recht: a) Beanstandung von Verfahrensverstößen in einem Prozess;

b) Bemängelung der angefochtenen gerichtlichen Entscheidung in der Rechtsmittelschrift;

c) Disziplinarmaßnahme; Erziehungsmaßnahme der Konflikt- und Schiedskommission.

Rügen: größte Insel der DDR, vor der Ostseeküste, im Bezirk Rostock, im Südwesten durch 2,5 km breiten Strelasund (vom 2450 m langen Rügendamm nach Stralsund überquert), im Süden durch den Greifswalder Bodden vom Festland getrennt; 926,4 km2 (als Kreis 973 km2), 85000 Einwohner; 92 Einwohner/km2; Kreisstadt Bergen, weitere bedeutende Orte Putbus, Garz und Saßnitz. Rügen besteht aus mehreren halbinselartig hervortretenden Inselkernen, wie Jasmund, Wittow (mit Kap Arkona), Granitz, Zudar und Mönchgut, die durch Nehrungen (Schaabe, Schmale Heide unter anderem) miteinander verbunden sind. Die Küste ist durch zahlreiche große und kleine Bodden stark gegliedert und durch den Wechsel von Flach- und Steilküsten gekennzeichnet. Die Oberfläche ist glazial geformt und zum Teil bewaldet (Buchen-, Kiefernwälder); mehrere Naturschutzgebiete. Wichtigste Ostseebäder sind Lohme, Binz, Sellin, Baabe, Göhren und Thiessow. Neben dem Urlauberverkehr haben Fischfang und -Verarbeitung (Saßnitz, Lauterbach), Kreideindustrie (Klementelvitz) und Landwirtschaft größte wirtschaftliche Bedeutung. Trajekt Verbindung von Saßnitz nach Trelleborg (Schweden) und von Mukran nach Klaipeda. Rügen war seit dem Abzug der ostgermanischen Rugier um die Mitte des 1. Jahrtausends von Slawen besiedelt; sie wurden 1168 von Dänemark unterworfen und christianisiert. Seitdem stand Rügen unter dänischer Lehnshoheit. 1648 kam Rügen an Schweden, 1815 an Preußen, 1945 zum Land Mecklenburg. Seit 1952 gehört Rügen zum Bezirk Rostock.

Rugier: ostgermanischer Stamm, ursprünglich in Skandinavien, um 100 nach Christus an der Weichselmündung und in Pommern ansässig; wanderte später in südlicher Richtung und setzte sich nach 453 in Niederösterreich fest. Nach Zerstörung ihres Reiches durch Odoaker (487/88) zog ein Teil der Rugier 489 mit den Ostgoten nach Italien.

Rugosa, Tetra Korallen, Ptero Korallen: vom Ordovizium bis zum Perm wichtigste skelettbildende Korallen; einzeln lebende und koloniebildende Formen (Riffe).

Ruhe:

1. Philosophie: Bewegung.

2. Physik: soviel wie keine Bewegung. Der Zustand der Ruhe ist stets relativ, das heißt nur in dem Bezugssystem des Körpers beobachtbar, in dem er ruht (Ruhsystem).

Ruheperioden: bei Pflanzen und Tieren Zeiträume stark verminderter Stoffwechseltätigkeit, zum Beispiel zur Überdauerung ungünstiger klimatischer Bedingungen; kann bis zur Entwicklung von Ruhestadien oder bis zum Wachstumsstillstand führen. Wechselwarmblüter verfallen bei tiefen Temperaturen in eine Kältestarre, im Unterschied zu den Warmblütern, die zur Überwinterung einen Winterschlaf halten. Auch hohe Temperaturen und extreme Trockenheit können durch Ruheperioden überdauert werden, bei Wechselwarmblütern durch Wärme- beziehungsweise Trockenstarre, bei Warmblütern durch Sommerschlaf.

Ruhepotential: elektrische Spannung zwischen Innen- und Außenseite einer erregbaren biologischen Membran (zum Beispiel Membran einer Nervenfaser) im unerregten Zustand infolge unterschiedlicher Kaliumionenkonzentration an der Innen- und Außenseite der Membran.

Ruhestrom: Betriebsgröße einer elektronischen Baugruppe (zum Beispiel NF-Verstärker), die sich im unausgesteuerten Zustand einstellt, das heißt der Strom, den eine Informationsanlage aufnimmt, wenn keine Signale übertragen werden.

Rühl, Alfred, 21.7.1882-13.8.1935, Geograph; seit 1914 Professor an der Universität Berlin; arbeitete besonders auf dem Gebiet der Geomorphologie und war Begründer der Wirtschaftsgeographie in Deutschland. Grundlage seiner wissenschaftlichen Arbeiten war dabei eine materialistische-dialektische Position.

Rühm, Gerhard, geboren 12.2.1930, österreichischer Schriftsteller; entwickelte analog zur geschriebenen und gesprochenen Sprache sogenannt Sehtexte (typographisch, farbig und durch Bildelemente angereichert) und Hörtexte (unter anderem «Fenster, texte 1955-1966»).

Rühmann, Heinz, geboren 7.3.1902, Schauspieler; wirkte seit 1930 in vielen Filmen als Komiker und Charakterdarsteller («Kleider machen Leute», «Die Feuerzangenbowle»), in «Der Hauptmann von Köpenick», «Das Haus in Montevideo», «Hokuspokus», in den USA in «Das Narrenschiff»; führte auch Regie.

Ruhmeskrone, Gloriosa: Gattung der Liliengewächse; tropische Kletterpflanze mit schmalen, eingerollten oder abstehenden, meist rot-gelben Farbwechsel aufweisenden Blütenblättern; in Gewächshäusern kultiviert.

Rühmkorf, Peter, geboren 25.10.1929, deutscher Schriftsteller; wendete sich in kritisch-sarkastischer, oft von Resignation zeugenden Gedichten gegen politische Reaktion und Wirtschaftswunder-Ideologie («Irdisches Vergnügen in g», 1959; «Kunststücke», 1962); näherte sich später (besonders in den Stücken «Was heißt hier Volsinii?», 1969; «Lombard gibt den Letzten», 1972) einer konsequent demokratischen Position; schrieb ferner Essays («Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich», 1975) unter anderem

Ruhner Berge: Endmoränenkuppen südlich von Parchim; bis 178 m.

Dysenterie, Ruhr, (althochdeutsch, zu «rühren»): meldepflichtige, durch Mikroorganismen (Ruhrbakterien) verursachte, durch Nahrungsmittel übertragene Infektionskrankheit; beginnt plötzlich mit Fieber und kolikartigen Bauchschmerzen und verläuft mit häufigem Erbrechen, zahlreichen blutig-schleimigen Stühlen und heftigen Bauchkrämpfen (Tenesmen). Die Ruhrbakterien bilden Toxine, die im Dickdarm zu Schleimhautgeschwüren führen. Siehe auch Inkubation. Bei Tieren durch artspezifische pathogene Kolibakterien hervorgerufene Durchfallerkrankung in den ersten 5 bis 10 Lebenstagen, vorwiegend bei Saugkälbern und Saugferkeln. Eintrittspforten für die Erreger sind der Magen-Darm-Kanal und der Nabel. Neben dem Durchfall treten Fieber und Abgeschlagenheit bei den Tieren auf. Infolge des hohen Wasserverlustes kann die Erkrankung sehr schnell zum Tode führen. Vorbeugende Maßnahmen sind Trächtigkeitsfürsorge, Geburts- und Neugeborenen Hygiene sowie rechtzeitige Kolostrum zufuhr.

Ruhr: rechter Nebenfluss des Rheins; 235 km, davon 41 km schiffbar; entspringt im Rothaargebirge (Sauerland), mündet bei Duisburg; mehrmals aufgestaut für das Ruhrgebiet, am rechten Nebenfluss Mohne der Möhnestausee.

Ruhrbesetzung: Okkupation des Ruhrgebietes durch französische und belgische Truppen vom 11.1.1923 bis 31.7.1925, mit der sich der französischen Imperialismus dieses Industriereviers bemächtigen und die Vorherrschaft in Europa erringen wollte. Vorwand war die vorsätzliche Verschleppung der Reparationszahlungen durch Deutschland. Zur chauvinistischen Verhetzung der Massen proklamierte die Reichsregierung den passiven Widerstand, den sie jedoch am 26.9.1923 aufgeben musste. Die deutschen und französischen Kommunisten kämpften gemeinsam gegen den aus imperialistischen Rivalität entstandenen, neue Kriegsgefahr heraufbeschwörenden Konflikt. Die UdSSR protestierte als einziger Staat gegen den Gewaltakt des französischen Imperialismus.

Ruhrfestspiele: seit 1947 jährlich in Recklinghausen stattfindende Kulturwochen unter der Regie der Gewerkschaften der BRD mit Theateraufführungen, Ausstellungen, Vorträgen, Konzerten unter anderem Gegen die lange Zeit konservative Grundhaltung setzten sich seit Ende der 60er Jahre fortschrittlicher Künstler und Gewerkschafter im offiziellen Festspielprogramm und besonders im «Jungen Forum» der Ruhrfestspiele verstärkt durch.

Ruhrgebiet: Zentrum des nordrhein-westfälischen Industriegebietes um die untere Ruhr, Emscher und Lippe; im Westen das linke Rheinufer einschließend, im Osten bis Hamm reichend; etwa 5000 km2, 5,5 Millionen Einwohner (hoher Ausländeranteil); 1100 Einwohner/km2; übermäßige Ballung der Bevölkerung durch Konzentration der hochmonopolisierten Industrie, Siedlungen zu Großstädten vereinigt, die zum Teil nahtlos ineinander übergehen (Ruhrstadt), industrielle Kerne Essen, Dortmund, Duisburg, Gelsenkirchen, Bochum, Oberhausen, Mülheim, Recklinghausen unter anderem; bedeutendster regionaler Wirtschaftsschwerpunkt der BRD mit Schlüsselpositionen in wichtigen Industriezweigen; Sitz zahlreicher Konzerne; Förderung von Steinkohle (etwa 80 % der BRD-Förderung, fast ausschließlich von der Ruhrkohle-AG kontrolliert, Abbau von Süden nach Norden in größere Tiefen (bis etwa 1300 m) vordringend); Erzeugung von Rohstahl, -eisen und Walzstahl aus importierten Erzen, Mineralölprodukten (Pipelines aus Rotterdam und Wilhelmshaven), Koks und Energie (zahlreiche Wärmekraftwerke); Bau von Industrieanlagen, Maschinen, Schienen- und Straßenfahrzeugen; ferner Verhüttung von Nichteisenmetallen (Blei, Zink, Aluminium) und Herstellung von Produkten der Elektrotechnik/Elektronik, Plastikverarbeitung, Textil-, Glas- und Nahrungsmittelindustrie; wachsende Konzentration der Grundstoffindustrie an der Rheinachse im Westen, Zunahme der Verarbeitungsindustrie nach Osten; dichtes Schienen-, Straßen- und Wasserstraßennetz (leistungsstarke Kanäle), größter Binnenhafen der BRD in Duisburg; Stauseen in der Umgebung zur Wasserversorgung. Hohe Krisenanfälligkeit («Kohlenkrise», «Stahlkrise») der strukturbestimmenden Zweige. Starke Umweltbelastung besonders durch Metallurgie und Kokereien. Als Folge von Struktur- und zyklische Überproduktionskrise Arbeitsplatzvernichtung, relativ hohe Arbeitslosigkeit und Abwanderung der Bevölkerung. Bereits im Mittelalter Kohleförderung, seit dem 18. Jahrhundert infolge der Industrialisierung stark entwickelt. Das im Ruhrgebiet konzentrierte Proletariat hatte an den revolutionären Kämpfen in Deutschland hervorragenden Anteil; große Bergarbeiterstreiks 1872, 1889, 1905, 1912; Streiks und bewaffnete Kämpfe 1918/23; im Kampf gegen den Kapp-Putsch (1920) Bildung der Roten Ruhrarmee. Französische und belgische Besetzung beantworteten die Arbeiter 1923 mit Massenstreiks. 1928, 1930, 1931 Streiks der Berg- und Metallarbeiter unter Führung der KPD für den Achtstundentag. Während der faschistischen Diktatur gab es eine starke illegale Widerstandsbewegung. Im 2. Weltkrieg wurden im Ruhrgebiet im April 1945 zwei deutsche Armeen eingekesselt und zerschlagen. 1948 wurde das Ruhrgebiet durch das Ruhrstatut der Internationalen Ruhrbehörde unterstellt; 1952 Anschluss der Grundstoffindustrie an die Montanunion. Seit den 50er Jahren zahlreiche Streiks unter anderem zur Sicherung der Arbeitsplätze und gegen Remilitarisierung.

Ruisdael, Jacob Isaacksz van, 1628 oder 1629-14.3.1682, holländischer Maler; ausschließlich als Landschaftsmaler und Radierer tätig, gelangte Ruisdael vom schlichten Naturausschnitt der Frühzeit ab etwa 1650 zu einer weiten, von großartigem Pathos erfüllten Stimmungslandschaft mit Ruinen und Wasserfällen.

Ruiz, Juan, genannt Arcipreste de Hita (spanisch, «Erzpriester von Hita»), 1283 — 1351, spanischer Lyriker; einer der bedeutendsten und genialsten Dichter des spanischen Mittelalters; entlehnte seine Motive antiken, orientalischen und französischen Quellen und stellte sie in originellem Gewand vor («Buch der rechten Minne», 1343, teilweise deutsch).

Rukwa Graben: Grabensenke im Südwesten Tansanias mit dem Rukwasee (Fläche zwischen 3000 und 760 km2); Fischerei.

Rulfo, Juan, 16.5.1918-7.1.1986, mexikanischer Schriftsteller; gestaltete am Thema der von feudalen Verhältnissen geprägten Beziehungen der Menschen die Gegenwart von Gewalt und Tod in einer durch Schrecken gekennzeichneten Welt («Der Llano in Flammen », 1953, deutsch; «Pedro Páramo», 1955, deutsch).

Rum: im Wesentlichen aus Zuckerrohrsaft und -melasse durch Vergären und anschließendes Destillieren hergestellte Gruppe von Edelbränden unterschiedlichen Aromas, die als Übersee-Rum (Jamaika, Kuba, Martinique) im Allgemeinen mit einem Volumenanteil an Alkohol von 75% importiert und dann auf Trinkstärke verdünnt werden.

Rumänien: nördlich der unteren Donau; grenzt im Norden und Osten an die UdSSR im Südosten an das Schwarze Meer, im Süden an Bulgarien, im Nordwesten an Ungarn. Verwaltungsmäßig in 40 Bezirke und die Hauptstadt (Munizipium) Bukarest gegliedert. Währung ist der Leu.

Bevölkerung: Neben den Rumänen (88%) leben Ungarn (8%) und Deutsche (2 %) sowie weitere nationale Minderheiten (Zigeuner, Ukrainer, Serben unter anderem) in Rumänien Amtssprache ist Rumänisch. Am dichtesten sind die Bezirke Prahova, Galati und Dimbovi(a, am schwächsten die Bezirke Tulcea (Donaudelta) und Caras-Severin (Banat) besiedelt. Der Bevölkerungszuwachs (jährlich 1,2 %) ist vor allem auf eine hohe Geburten- und sinkende Sterberate zurückzuführen. 50 % der Bevölkerung leben in Städten. 54 % der Einwohner befinden sich im arbeitsfähigen Alter (20 bis 59 Jahre), 33 % im Kindes- und Jugendlichen Alter, 13% sind Rentner. Von den Berufstätigen sind etwa 37% in der Industrie, 8% im Bauwesen und 29% in der Land- und Forstwirtschaft tätig.

Natur - Oberfläche: Im Zentrum befinden sich das hügelige, lößbedeckte, 400 bis 600 m hohe Transilvanische Hochland oder Becken, von Olt, Mure; und Someg entwässert, und das Some-Hochland, die vom Karpatenbogen mit den Ost- und Südkarpaten (Moldoveanu, 2 544 m, höchster Berg Rumäniens) sowie im Westen von einer Gebirgszone, die in Rumänien als Westkarpaten (Apuseni-, Poiana-Rusca- und Banater Gebirge) bezeichnet wird, begrenzt werden. Parallel zum Karpatenbogen schließt sich nach außen das lößbedeckte Bergland der Vorkarpaten an. Im Nordosten bilden das Hochland der Moldova, im Südosten das Hügelland der Dobrudscha die Übergangsstufe des Reliefs. Die niedrigste Stufe (unter 200 m über dem Meeresspiegel) bilden die peripher gelegenen Tiefebenen und Flussniederungen: im Süden die Rumänische Tiefebene, ein wenig zerschnittenes lößbedecktes Tafelland mit Salzseen im östlichen Teil; im Westen die Theiss Niederung, eine Schwemmlandebene, durchzogen von Entwässerungskanälen. Die Donauniederung (Balta) wird nach Melioration stärker ackerbaulich genutzt. Das 4 340 km2 große Donaudelta steigt kaum über 4 m überm Meer an und ist der tiefste Teil von Rumänien.

Das Klima ist gemäßigt kontinental und je nach Höhenlage modifiziert; im Westen leicht ozeanisch, im Südwesten mediterran, im Nordosten ausgeprägt kontinental beeinflusst; Durchschnittstemperaturen winters -3 °C, sommers 22 bis 24 °C. Die mittleren Niederschlagsmengen betragen im Gebirge 1000 bis 1400 mm/ Jahr (in den höheren Lagen überwiegend als Schnee), die geringsten Niederschläge (unter 400 mm/Jahr) erhalten die Dobrudscha und das Donaudelta; Niederschlagsmaximum zumeist im Juni. Gewässer. entsprechend dem Relief ist das Flussnetz radiär angelegt. Rumänien liegt zu 98 % im Einzugsgebiet der Donau, die das Land auf 1075 km durchfließt. Am Rande des Banater Gebirges durchbricht sie in 3 Talengen und -Weitungen auf 130 km das Gebirge, darunter als vorletzte Enge den Kasanpaß (Cazane), als letzte das Eiserne Tor (Portile de Fier), und spaltet sich im Delta in 3 Hauptarme auf. Weitere wichtige Flüsse sind Mureg, Olt, Siret mit Bistrita, Prut, Ialomita, Someg, Crig, Theiß (Oberlauf), Argeg und Jiu. Sie haben eine stark schwankende Wasserführung mit Hochwasser im Frühjahr zur Zeit der Schneeschmelze und Niedrigwasser im Sommer. Von 3450 überwiegend kleinen Seen ist der größte der Strandsee Razim (415 km2); viele Heilquellen, besonders in den Ostkarpaten.

Pflanzen- und Tierwelt. Überwiegend mitteleuropäische Florenelemente, die Dobrudscha hat Anteil an der pont Flora, im Süden Mittelmeerflora (Walnuss, Edelkastanie), im Gebirge vertikale Abstufung der Vegetation: 150 bis 400 m Höhe Eichen, bis 1000 m Rotbuchen, bis 1800 m Nadelhölzer, oberhalb 1800 m Almen und Matten. In den Wäldern kommen noch Bär, Wolf und Luchs vor, artenreiche Vogelwelt (Gans, Ente, Schwan, Storch, Pelikan, Kormoran) an Gewässern und im Donaudelta; zahlreiche Naturparks, am größten ist der Nationalpark im Retezat Gebirge (Südkarpaten, 210 km2). Bodenschätze. Reiche Erdöllager im Karpatenvorland, in der Theißebene, im Rumänischen Tiefland (Bezirke Teleorman, Cäläragi); Erdgas ist zum Teil an die Erdöllager gebunden, zum Teil eigenständig, so im Transsilvanischen Becken (Bezirke Sibiu und Mureg). Salzlager am Außen- und Innenrand der Karpaten, in den Senken und in den Vorkarpaten; Steinkohle in intramontanen Becken; Braunkohle bei Comänegti, bei Bacäu, außerdem in der Oltenia; Eisenerz im Poiana-Rusca-Gebirge, im Banat und im Apuseni Gebirge; Blei-, Zink-, Kupfererze (Ostkarpaten, Banater Gebirge, Dobrudscha); Bauxit im Quellgebiet des Crisul Negru und im Apuseni Gebirge; reiche Naturstein Vorkommen.

Geschichte: Seit etwa 1800 vor Christus war das Gebiet des heutigen Rumänien von Dakern bewohnt, die Beziehungen zu den griechischen Stadtstaaten am Schwarzen Meer unterhielten. Im 1. Jahrhundert vor Christus schuf Burebista (82 oder 70/44 vor Christus) einen dakischen Zentralstaat, dessen politische religiöses Zentrum später Sarmizegetusa (in den Südkarpaten) war. 105/06 nach Christus unterlag der dak. König Decebal (86 oder 87/106) den Angriffen Roms. Dakien wurde zur römischen Provinz Dacia, erlebte einen ökonomischen und kulturellen Aufschwung. 271/74 zog Rom seine Armee und Administration im Kampf gegen anstürmende Wandervölker und Sklavenaufstände zurück; die Bevölkerung floh vor den Goten und Hunnen in die Berge. Im 6-/7. Jahrhundert vermischten sich einwandernde Slawen mit der römisch-dakischen Bevölkerung, woraus sich, gefordert durch Christianisierung (seit 4. Jahrhundert) und Feudalisierung, bis zum 10. Jahrhundert das rumänische Volk (Vlachen oder Walachen) herausbildete. Vom 9. bis zum 13. Jahrhundert entstanden frühfeudale rumänische Staaten, die im 11./13. Jahrhundert in ständige oder zeitweilige Abhängigkeit von der ungarischen Krone gerieten und besonders durch den verheerenden Mongoleneinfall (1241) Rückschläge erlitten. Seit Mitte des 12. Jahrhundert riefen die ungarischen Könige deutsche Siedler (Siebenbürger Sachsen) zur Stabilisierung ihrer Herrschaft nach Siebenbürgen (Transilvania). zwischen 1300 und 1330 erfolgte der Zusammenschluss der rumänischen Staaten südlich der Karpaten zum Feudalstaat Walachei. Im Kampf gegen die Goldene Horde vereinigten sich die Staaten östlich der Karpaten zwischen 1352 und 1359 zum Feudalstaat Moldova. Um der militärischen Eroberung zu entgehen, zahlten die Jara Romaneasca seit 1415 und die Moldova seit 1456 Tribut an die Türken. In Transilvania richteten sich Bauernaufstände 1437/38 und 1514 gegen die feudale Ausbeutung. 1541 geriet Transilvania unter türkischer Herrschaft, die 1691 durch die Österreich, abgelöst wurde. Im Kampf gegen die türkische Fremdherrschaft vereinigte Mihai Viteazul (1593/1601) kurzzeitig die 3 rumänischen Länder.

Zu Beginn des 18. Jahrhundert wurde die Autonomie der Donaufürstentümer weiter eingeschränkt, indem durch den Sultan griechische Fürsten (Fanarioten) als Herrscher eingesetzt wurden. Die Bauern wehrten sich in zahlreichen Rebellionen, die einen Höhepunkt in dem von Horea, Clogca und Crisan geführten Aufstand von 1784/85 in Transilvania fanden, gegen die doppelte Ausbeutung. Der antifeudale antitürkische Aufstand von 1821 unter Führung von T. Vladimirescu in der tara Romaneasca erreichte die Abschaffung der Fanariotenherrschaft und leitete eine stärker national geprägte geistig-kulturelle Entwicklung ein. Unter Protektion Russlands (seit dem Russisch-Türkischen Krieg 1828/29) erhielten die Tara Romaneasca und die Moldova eine Verfassung (Organisches Regulament). Die bürgerlich-demokratische Revolution von 1848 stand im Zeichen des Strebens nach Freiheit, Einheit und sozialen Reformen. In der Moldova wurde der Aufstand schnell erstickt, in der Tara Romaneasca war die Revolution unter der Führung von N. Balcescu zunächst erfolgreich, wurde aber durch türkische und zaristische Truppen niedergeworfen, in Transilvania begünstigten nationale Widersprüche die Niederschlagung der Revolutionäre durch habsburgische und zaristische Heere. 1859 wurden die Donaufürstentümer durch die Wahl eines gemeinsamen Herrschers vereinigt, 1861 konstituierten sie sich unter Fürst ALI Cuza zum Fürstentum Rumänien mit Bukarest als Hauptstadt Cuza ließ eine Reihe bürgerliche Reformen durchsetzen, unter anderem die Agrarreform von 1864. Nach seinem Sturz 1866 wurde Karl von Hohenzollern-Sigmaringen (Carol I.) Fürst von Rumänien Nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1877/78, an dem Rumänien als Verbündeter Russlands teilgenommen hatte, errang es endgültig seine staatliche Souveränität. Der entstandene einheitliche Markt und die Sprengung der letzten feudalen Fesseln förderten die Entwicklung von Handel und Industrie (besonders Erdöl). 1881 wurde Rumänien Königreich.

In den 80er Jahren des 19. Jahrhundert bildeten sich erste proletarische Organisationen, in denen die Lehren von K Marx und F. Engels Verbreitung fanden, 1893 wurde die Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rumäniens gegründet, jedoch 1899 wieder aufgelöst. 1906 konstituierte sich der Generalrat der Gewerkschaften. Der rumänische Bauernaufstand von 1907 wurde blutig niedergeworfen. 1910 erfolgte die Gründung der Sozialdemokratischen Partei Rumäniens. 1913 nahm Rumänien am 2. Balkankrieg und ab August 1916 auf der Seite der Entente am 1. Weltkrieg teil. 1918 besetzte Rumänien Bessarabien (bis 1940); es eignete sich die Süddobrudscha und die Nordbukowina an. Im Vertrag von Trianon (1920) wurden die 1918 vollzogenen territorialen Angliederungen bestätigt.

Unter dem Einfluss der Großen sozialistischen Oktoberrevolution kam es besonders in Bukarest zu revolutionären Massenaktionen. Die Klassenkämpfe von 1918/20 führten zur Gründung der Kommunistischen Partei Rumäniens (8.5.1921). Trotz der bürgerlich-demokratischen Verfassung von 1923 wurde die KP 1924 verboten. Auch unter den Bedingungen der Illegalität spielte die KP die führende Rolle in den Klassenauseinandersetzungen (Bergarbeiterstreik 1929, Streik der Eisenbahner und der Erdölarbeiter 1933). Im Februar 1938 wurde die Verfassung von 1923 durch einen Staatsstreich außer Kraft gesetzt. Carol II. errichtete eine profaschistische monarchistische Diktatur, die enge Beziehungen zu Hitlerdeutschland herstellte. Sie akzeptierte die Abtrennung Nord-Transilvanias an Horthy-Ungarn (2. Wiener Schiedsspruch, August 1940). Die reaktionärsten Kreise der herrschenden Klasse zwangen Carol II. zur Abdankung (September 1940) und errichteten eine faschistische Militärdiktatur mit I. Antonescu an der Spitze. Rumänien trat im November 1940 dem Dreimächtepakt bei und nahm am 22.6.1941 am Überfall auf die UdSSR teil. Das Ringen der KP um die Formierung aller antifaschistischen Kräfte Rumäniens führte im Juni 1943 zur Bildung der Patriot. Antihitlerfront, im April 1944 konnte die Aktionseinheit der Arbeiterparteien verwirklicht werden, im Juni 1944 wurde der Nationaldemokratische Block gegründet, dem die beiden Arbeiterparteien und die nichtfaschistischen bürgerlichen Parteien angehörten. Im Einvernehmen mit dem Königshaus und der Armeeführung bereitete die KP den bewaffneten antifaschistischen Aufstand vor. Das Vorrücken der sowjetischen Truppen auf rumänischem Territorium war Hauptvoraussetzung für das Gelingen des Planes. Am 23. 8. 1944 wurde der antifaschistische Aufstand in Bukarest ausgelöst; er führte zum Sturz der Antonescu-Diktatur. Noch vor der Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages vom 9.9.1944 erklärte Rumänien Deutschland und Ungarn den Krieg und leistete seinen Beitrag zur Befreiung Rumäniens, Ungarns und der Tschechoslowakei.

Nach revolutionären Massenaktionen gegen die reaktionäre Regierungsmehrheit gelang am 6.3.1945 die Einsetzung einer volksdemokratischen Regierung, die gesellschaftlichen Umwälzungen (u. a Gesetz über die Bodenreform 20.3.1945) durchführte. Bei den Parlamentswahlen vom 19.11.1946 errangen die progressiven Kräfte fast 80% der Stimmen. Gestützt auf dieses Vertrauen, verdrängten sie die Bourgeoisie im Laufe des Jahres 1947 von den politischen Machtpositionen. Am 20.12.1947 dankte König Mihai unter dem Druck der revolutionären Bewegung ab, gleichzeitig erfolgte die Proklamation der Volksrepublik. Die KP und die Sozialdemokratische Partei vereinigten sich im Februar 1948 auf marxistisch-leninistischen Basis zur Rumänischen Arbeiterpartei (Abkürzung RAP); im April wurde die neue Verfassung und im Juni 1948 das Gesetz über die Nationalisierung der Industrie und der Banken angenommen. Bis Mitte der 60er Jahre wurden in Rumänien die Grundlagen des Sozialismus geschaffen. Die 1949 begonnene sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft war im März 1962 abgeschlossen. Der IV. Parteitag der RAP (IX. Parteitag der KP) im Juli 1965 beschloss die Umbenennung der Partei in Rumänisch Kommunistische Partei (Abkürzung RKP). Am 21.8.1965 trat eine neue Verfassung in Kraft, zugleich wurde die Staatsbezeichnung sozialistische Republik Rumänien eingeführt. Rumänien erneuerte am 7.7.1970 den Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand mit der UdSSR und schloss am 12.5.1972 einen gleichartigen Vertrag mit der DDR ab. In den 70er Jahren vertiefte Rumänien die Beziehungen mit seinen Partnerländern im Warschauer Vertrag, dem es seit 1955 angehört, und dem RGW (Mitglied seit 1949). Zugleich baute Rumänien die Zusammenarbeit mit kapitalistischen Ländern (1971 Beitritt zum GATT, 1972 zum Internationalen Währungsfonds und zur Weltbank, 1980 Abkommen mit der EG) und Entwicklungsländern aus. Der XI. Parteitag (November 1974) nahm das «Programm der RKP für den Aufbau der allseitig entwickelten sozialistische Gesellschaft und das Voranschreiten Rumäniens zum Kommunismus» an. Der XII. Parteitag (November 1979) und insbesondere der XIII. Parteitag (November 1984) orientierten auf ein dynamischen volkswirtschaftlichen Wachstum bei verstärkter Nutzung der Intensivierungsfaktoren. Generalsekretär der KP, Präsident Rumäniens und Vorsitzender des Staatsrates ist N. Ceausescu, Ministerpräsident C. Dascalescu.

Kunst: Älteste Denkmäler sind aus der Frühgeschichte, der Dakerzeit, der griechischen und römischen Antike überliefert. Aus der Slawenzeit stammen einige Siedlungen (Moresti). Auf der Grundlage einer alten und reichen Volkskultur und der von Byzanz und dem slawischen Balkan ausgehenden Christianisierung begann die Kunstentwicklung des Feudalismus. Eine erste Blüte erreichte sie in Transilvania, angelehnt an die Romanik und Gotik Ungarns und Mitteleuropas. Seit dem 13. Jahrhundert und besonders im 14./15. Jahrhundert wurden Städte, wie Brasov, Sibiu, Bistrita, mit ihren Kathedralen und etwa 300 siebenbürgische gotische Kirchenburgen neu erbaut und befestigt. Seit dem 14. Jahrhundert entwickelten sich in den Fürstentümern Jara Romaneasca und Moldova eine eigenständige Architektur und Kunst auf Grund verarbeiteter byzantinisch-slawische, armenische und islamische Einflüsse. Höhepunkt dieser nationalen Kultur sind die sogenannte Moldauklöster (Voronet unter anderem) mit ihren einzigartigen Wandmalereien (besonders Außenwandmalereien) beziehungsweise die Bischofskirche von Curtea de Arges (um 1525, wertvolle Wandmalereien). Spätgotische Altarmalerei stammt vor allem aus Sibiu. Eigene Ikonen- und Hinterglasmalerei entwickelte sich erst im 17./18. Jahrhundert Seit dem 16. Jahrhundert drangen vereinzelt Renaissance (Schlösser von Cris, Bontida) und Barock (Sibiu, Cluj, Brasov) ein. Eine besondere Leistung stellt der sogenannt Brincoveanustil um 1700 dar (unter anderem Schloss Mogosoaia, 1702). Nach 1800 schloss sich die rumänische Kunst dem Klassizismus in Profanbauten (Bukarest, Iasi) und Plastik (Grabmäler) an, was ebenso wie auch die Akademiegründungen in beiden Orten den nationalen Aufschwung der Künste im 19. Jahrhundert vorbereitete. Beginnend um 1848 (B. Iscovescu; später N. Grigorescu, T. Aman, I. Andreescu) entwickelte sich ein demokratischer Realismus, den die Künstler um Luchian und O. Bäncilä vor allem nach dem Aufstand von 1907 mit sozialer Thematik erfüllten. Nachdem sich Grigorescu und Andreescu der Freilichtmalerei angeschlossen hatten, Luchian eine besondere Farbsensibilität entwickelte, wurde diese koloristische und intime Tendenz von zahlreichen Malern fortgeführt (G. Petrascu, T. Pallady). In der Plastik wurde eine klassizistische Richtung unter anderem durch J. Georgescu, Ionescu-Valbudea vertreten; F. Storck führte sie zum Realismus, D. Paciurea eher zum Symbolismus. C. Bräncugi, der vor allem in Frankreich lebte, erlangte mit seinen stark abstrahierten, aber auch auf der Volkstradition beruhenden Plastiken Weltgeltung. Fortschrittliche Maler und Graphiker festigten zwischen 1918 und 1944 die realistische Traditionen (I. Iser, C. Ressu, N. Tonitza, A. Steriadi) und bemühten sich um eine antifaschistische (J. Perahim, A. Jiquidi) und proletarische Kunst (A. Phoebus) beziehungsweise vertraten eine linksorientierte künstlerische Avantgarde (M. H. Maxy, J. Mattis-Teutsch). V. Brauner schloss sich dem Surrealismus an, M. Jancu schon während des 1. Weltkrieges der Dada-Bewegung. Die Befreiung vom Faschismus und die Errichtung eines volksdemokratischen Staates brachte die Wende zum sozialistischen Realismus und besonders zur Blüte einer malerisch subtilen und koloristisch reichen Kunst, deren bedeutendste Vertreter zuerst C. Baba, A. Ciucurencu, L. Grigorescu und weitere Angehörige der älteren Generation waren. Eine eigene nationale und phantastische Note brachte der Autodidakt I. Tuculescu ein. Die gegenwärtige bildende Kunst ist sehr experimentierfreudig, davon zeugt unter anderem das Steinbildhauersymposium von Magura, die reiche Graphik (M. Chimoaga unter anderem). Die Architektur, lange Zeit klassizistisch, fand auf der Basis der sozialistischen Städteplanung zu einem vielgestaltigen modernen Bauen (Wohnsiedlungen in Bukarest, Oradea und Ploiesti).

Literatur: Die ersten Dokumente rumänischer Literatur sind in altslawischer Sprache verfasst. Im 16. Jahrhundert erschienen als Folge der in Transilvania eingedrungenen Reformationsbewegung erste Übersetzungen religiöser Texte. Um den Buchdruck machte sich besonders der Diakonus Coresi verdient. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich die Geschichtsschreibung in rumänischer Sprache, getragen von Vertretern des Bojarenstandes. In Transilvania bildete sich im 18. Jahrhundert die sogenannte Siebenbürg. Schule heraus, deren kulturelle Tätigkeit unter Verarbeitung aufklärerischer Vorstellungen auf die nationale und soziale Befreiung von der österreichisch-ungarischen Oberhoheit gerichtet war. In der Moldova und der Muntenia entstanden neben Chroniken gegen Ende des 18. Jahrhundert weltliche Dichtungen, die teilweise wesentlich zur Vorbereitung der Revolution von 1848 beitrugen. Die Historiker M. Kogalniceanu und N. Balcescu waren die theoretischen Köpfe der Revolution. Namhafte Schriftsteller dieser Zeit waren I. Eliade-Radulescu, D. Bolintineanu, V. Alecsandri, A. Russo. Nach der Niederschlagung der Revolution blieben einige Schriftsteller, wie B. P. Hasdeu und A. Odobescu, den revolutionären bürgerlich-demokratischen Idealen treu. Die folgende Zeit der Desillusionierung begünstigte das Entstehen einer starken romantischen Literatur. Ihr Hauptvertreter war M. Eminescu, dessen Lyrik umwälzend für die gesamte rumänische Dichtung war. Daneben setzte sich immer konsequenter eine kritische-realistische Literatur durch, zu deren bedeutendsten Vertretern I. L. Caragiale, I. Creanga, G. Cogbuc und I. Slavici gehörten. Gegen Ende des 19. Jahrhundert entstand auch eine kräftige symbolistische Lyrik; begründet von A. Macedonski, erreichte sie ihren Höhepunkt mit der nächsten Generation (G. Bacovia). Zeitgleich traten Schriftsteller gegen modernistische und volkstümlerisch-idyllisierende Tendenzen auf, die der sozialistischen Bewegung verbunden waren. In ihren Werken artikulierten sich erstmals Interessen und Probleme des Arbeiters. Der 1. Weltkrieg und der beschleunigte Kapitalisierungsprozess des Landes förderten nach 1920 die Entwicklung einer realistischen, gesellschaftskritische Prosaliteratur, vertreten durch solche bedeutenden Autoren, wie M. Sadoveanu, L. Rebreanu, Camil Petrescu, Cezar Petrescu. Die Lyrik T. Arghezis führte in Substanz und Form zu einer grundlegenden Erneuerung dieser Gattung. Daneben behauptete sich eine nach Bodenständigkeit und nationaler Identität suchende Dichtung, die durch L. Blaga philosophische Vertiefung erfuhr und starke Vorbildgeltung für spätere Generationen bis in die unmittelbare Gegenwart erhielt. Andere Schriftsteller dieser Generation, wie Z. Stancu, M. Beniuc, G. Bogza und E. Jebeleanu, die teils von sozialistischen teils von linksorientierten surrealistischen Positionen herkamen, konnten ihre Begabung erst nach der Befreiung Rumäniens vom Faschismus voll entfalten. Ihre Werke waren der Auseinandersetzung mit Krieg und Faschismus, dem antiimperialistischen Kampf und dem Aufbau der sozialistischen Gesellschaft und allen damit zusammenhängenden Problemen in der Stadt und auf dem Lande gewidmet. Einen Grundzug ihrer Literatur stellten die internationalen Bezüge und Zusammenhänge dar. Die jüngere Generation rumänischer Schriftsteller, deren Debüt in die Mitte der 60er Jahre fiel, wandte sich verstärkt innergesellschaftlichen Problemen und Fragen der nationalen Geschichte und Kultur zu. Einen besonderen Platz nimmt seit dem Ende der 60er Jahre der sogenannt politische Roman ein, der sich vorrangig mit den 50er Jahren und ihrer speziellen Problematik auseinandersetzt. In der Dichtung des letzten Jahrzehnts sticht eine als patriotische Lyrik bezeichnete Richtung hervor. Zu den bedeutendsten Vertretern der zeitgenössischen rumänischen Literatur gehören die Prosaschriftsteller M. Preda, E. Barbu, T. Popovici, A. Ivasiuc und D. Popescu, die Dichter E. Jebeleanu, N. Cassian, N. Stanescu, M. Sorescu und I. Alexandru sowie die Dramatiker H. Lovinescu, A. Baranga und P. Everac.

Musik: Die rumänische Kunstmusik wurzelt in einer reichhaltigen Volksmusik, die, von wenigen Sammlungen im 19. Jahrhundert abgesehen, erst seit Beginn des 20. Jahrhundert systematisch erforscht wird. Neben der ursprünglich bäurischen Volksmusik, die im Prinzip einstimmig ist und relativ komplizierte Rhythmen in ungewöhnliche Taktarten nutzt, war bis ins 19. Jahrhundert die byzantinische Musik, die von den «Melurgi» in Klosterschulen gepflegt wurde, die einzige Form professioneller Musik. In der Volksmusik sind instrumentale Tänze und seit dem 13. Jahrhundert Balladen, Doinas, Tanz- und Scherzlieder, rituelle Gesänge (zu Hochzeit, Begräbnis und so weiter), Weihnachtsgesänge (Colinde) unter anderem, die von Volkssängern und fahrenden Spielleuten (Lautari) bewahrt und vorgetragen wurden, überliefert. Außer der ländlich-bäurischen Musikkultur bildete sich im späten 18. und im 19. Jahrhundert eine städtliche Musikkultur heraus, die stark vom Ausland beeinflusst war. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich nach dem Vorbild ross, und westeuropäischer Musik eine nationale Kunstmusik. Während die ersten rumänischen Komponisten kaum im Ausland bekannt wurden, erwuchs dann in G. Enescu der rumänischen Musik ein Komponist (und Interpret) von internationalem Rang. Sein Wirken beeinflusst das rumänische Musikschaffen noch bis in die Gegenwart. Seit 1958 findet in Bukarest das internationale George-Enescu-Festival mit einem Interpreten Wettbewerb statt. Die Schaffung des neuen sozialistischen Staates brachte auch der Musik einen bedeutenden Aufschwung. Zur Förderung musikalischer Talente wurden neben den Konservatorien in Bukarest (gegründet bereits 1864), Cluj-Napoca weitere Musikschulen geschaffen sowie neben der seit 1834 in Bukarest bestehenden Philharmonie in den wichtigsten Städten zahlreiche Orchester, Operntheater, Kammermusikvereinigungen u, a. Komponisten, wie P. Constantinescu, A. Mendelsohn, I. und G. Dumitrescu, die bereits vor 1944 bekannt waren, prägten die rumänische Musik entscheidend. Hinzu kamen viele jüngere Autoren (A. Vieru, T. Olah, W. Berger, D. Popovici, C. Georgescu, A. Stroe unter anderem), die zunächst an die Folkloretradition anknüpften, inzwischen aber eine eigene moderne Musiksprache entwickelt haben.

Rumänisch: eine der aus dem Latein hervorgegangenen romanischen Sprachen, ursprünglich im Gebiet des alten Dakiens, heute vorwiegend in Rumänien gesprochen (etwa 22 Millionen Sprecher); im Verlaufe der Entwicklung stark mit slawischen, griechischen, ungarischen und deutschen Sprachelementen durchsetzt; Varianten des Rumänisch kommen auch in anderen Balkanstaaten vor.

Rumba: kubanischer Volkstanz im 4/4- oder 2/4-Takt mit vielfach verlagerten Betonungsrhythmen; seit etwa 1930 Modetanz in Europa; seit 1950 Turniertanz mit mehrfach verändertem Tanzstil und -rhythmus.

Rumburk: Stadt in der CSSR (Nordböhmischer Bezirk), an der Mandava; 9100 Einwohner; Textilindustrie, Maschinenbau; ehemaliges Kapuzinerkloster (17. Jahrhundert; Museum).

Rumford, Sir Benjamin Thompson, Graf, 26.3.1753-21.8.1814, US-amerikanischer Ingenieur, Physiker und Staatsmann; wirkte in Großbritannien, Frankreich und Bayern; bestimmte 1798 das mechanische Wärmeäquivalent beim Bohren von Kanonenrohren; legte den Engl. Garten in München an.

Rumi, Maulana Dschalal-ad-Din, genannt Maulawi, 30.9.1207-17.12.1273, bedeutendster Mystiker der persischen und tadschikischen Literatur, Begründer und geistiger Führer des Maulawi-Ordens (tanzende Derwische); erläuterte in seinem Hauptwerk, dem «Masnawi» (etwa 26000 Doppelverse) in Form von Fabeln und Reflexionen die Sufi-Lehre (Sufismus).

Rumjanzew: 1. Michail Nikolajewitsch Karandasch.

2. Nikolai Petrowitsch Graf, 14.4.1754 bis 15.1.1826, russischer Staatsmann und Diplomat; Sohn von Rumjanzew 3; Kanzler (seit 1809); 1808/14 Außenminister, 1810/12 Vorsitzender des Reichsrats; Kunstmäzen, förderte die Sammlung und Herausgabe historischer Quellen; seine Sammlungen bilden den Grundstock des Rumjanzew-Museums, aus dem die Moskauer Leninbibliothek hervorging.

3. Pjotr Alexandrowitsch Graf, 15.1.1725 bis 19.12.1796, russischer Feldherr; hob als Generalgouverneur ab 1764 die Selbständigkeit der Ukraine auf; Heerführer im Siebenjährigen Krieg (1756/63) und im Krieg gegen die Türkei (1768/74), erzwang 1774 den Frieden von Kütschük Kainardschi.

Rumor: Lärm, Unruhe; Gepolter.

Rumpf: 1. Teil des Körpers ohne Kopf, Hals und Gliedmaßen; in Brust, Bauch und Becken gegliedert.

2. Flugzeug.

Rumpffläche, Fastebene, Peneplain: flachwellige und meist auch weiträumige Einebnungsfläche des Festlandes, besonders deutlich über gefaltetem Untergrund. Die Rumpffläche ist das Ergebnis flächenhafter Abtragung bei tektonischer Ruhe und sehr intensiver Verwitterung über lange geologische Zeiträume hinweg; vor allem in den semihumiden und -ariden Gebieten der Tropen und Mittelbreiten. Sie wird häufig fälschlich der wesentlich kleineren, aber stärker geneigten Gebirgsfußfläche (Piedmontfläche oder Pediment) gleichgesetzt, die am Rande der Gebirge gleichfalls in Phasen tektonische Ruhe gebildet wird.

Rumpfgebirge: durch Abtragung eingeebnetes Orogen, das nochmals gehoben und erneut der Erosion ausgesetzt wurde, zum Beispiel der Harz.

Rumpfparlament: 1. der Rest der Frankfurter Nationalversammlung, der im Juni 1849 nach dem Austritt konservativer und gemäßigt-liberaler Abgeordneter in Stuttgart tagte.

2. Langes Parlament.

Rumpler, Edmund, 4.1.1872-7.9.1940, österreichischer Ingenieur, Flugzeug- und Kraftwagenkonstrukteur, verbesserte nach 1910 die von I. Etrich entwickelte «Etrichtaube»; baute das erste Kabinenflugzeug, den ersten V-Motor sowie die ersten zweimotorigen Flugzeuge; schuf den ersten stromlinienförmigen Kraftwagen sowie die erste brauchbare Absorptionskältemaschine.

Run: panischer Ansturm (auf die Kasse); Bankpanik, besonders im Zusammenhang mit Kursstürzen oder drohenden Bankpleiten.

Rundbiss: Bisstyp, bei dem im Unterschied zum Hackbiss die Mahlbewegung (ein durch den Massetermuskel gesteuerter rhythmische Vor-Seit- und Rückbiss des Unterkiefers) dominiert.

Rundblickstation: Funkmessanlage für die Ortung in einem Seitenwinkelbereich von 360°. Rundblickstation werden zur Luftraumüberwachung, zur Beobachtung der Erdoberfläche oder als Wetterstation eingesetzt. Der im Sender erzeugte Hochfrequenzimpuls wird gerichtet abgestrahlt; gleichzeitig wird der Elektronenstrahl der Elektronenstrahlröhre im Sichtgerät radial ausgelenkt. Die Echos werden an das Sichtgerät angelegt und zur Helltastung des Bildschirms ausgenutzt. Die Entfernung zum reflektierten Objekt wird anhand der Zeit zwischen Impulsabstrahlung und -empfang ermittelt Infolge der Antennendrehung wird so nacheinander der gesamte Seitenwinkelbereich abgetastet.

Runde: Sport a) Bahnlänge bei Rundbahnen (-kursen);

b) festgelegter Zeitabschnitt in Kampfsportarten (Zeit-Runde);

c) ein Durchgang bei Sportspielen (Spiel-Runde) und in Turnieren (Vor-, Zwischen-, End(Schluss-) Runde).

Runden:

1. Fertigungstechnik: Biegen.

2. Mathematik: beim Rechnen mit Zahlen fester Stellenzahl, also vor allem auch in Rechenautomaten, unvermeidliche Operation. Sie soll so definiert werden, dass bei Anwendung auf viele zufällige Zahlen der damit verursachte Fehler gleichverteilt ist. Das trifft annähernd auf die für Dezimalrechnung gültige «Gerade-Zahl-Regel» zu: Die zu rundende Stelle bleibt ungeändert, wenn die erste folgende Stelle < 5 ist (Ab-R), sie wird um 1 erhöht, wenn mehr als eine 5 folgt (Aufrunden)-, sofern nur eine 5 folgt, rundet man auf oder ab, so dass die gerundete Ziffer gerade wird. Zunehmend setzt sich gegen diese komplizierte Vorschrift durch, dass Aufrunden stets schon ab 5 erfolgt.

Rundenturnier: Schach gebräuchlichste Turnier form (s 20 Spieler); es spielt jeder gegen jeden gewöhnlich 1 Partie.

Rundfahrtproblem: Aufgabe der Operationsforschung, n Orte so miteinander zu verbinden, dass der entstehende geschlossene Weg so kurz wie möglich wird, wobei jeder Ort genau einmal durchlaufen wird; tritt insbesondere im Transportwesen auf.

Rundfunk: ungerichtete drahtlose Übertragung von Sprache und Musik (Hörrundfunk) oder Bild, Sprache und Musik (Fernsehrundfunk; Fernsehen 1) mittels elektromagnetischen Wellen für einen großen, mit entsprechenden Empfangsgeräten ausgestatteten Teilnehmerkreis. Die elektrischen Signale der Sprach-, Musik- oder Bildinformation werden aus dem Studio über Kabel- oder beziehungsweise und Richtfunkverbindungen dem Sender zugeführt, hier einer Trägerschwingung aufmoduliert (1 Modulation 1) und über die Antenne abgestrahlt. Für Hörrundfunkübertragung mit Lang-, Mittel- und Kurzwellen (Rundfunkwellen) sowie Fernsehbildübertragung verwendet man Amplitudenmodulation, für UKW- und Fernsehtonübertragung Frequenzmodulation. Die Senderleistungen liegen zwischen 10 kW (UKW) und 500 kW (Langwelle). Im Rundfunk- und Fernsehempfänger werden die aufmodulierten Signale nach Umsetzung, Verstärkung und Demodulation wieder hör- und sichtbar gemacht. Beim Stereorundfunk wird der UKW-Trägerschwingung ein Signal aufmoduliert, das sich aus den links- und rechtsseitigen Schallinformationen der Studiomikrophone zusammensetzt (siehe auch Pilottonverfahren, Stereophonie) und im Rundfunkempfänger sowohl eine stereophone als auch eine monophone Wiedergabe ermöglicht (siehe auch Kompatibilität 3). Die Aufnahme von Hörrundfunk- und Fernsehsendungen erfolgt in speziellen Studios (siehe auch Fernsehstudio), in Kultur- und Sportstätten unter anderem. Die meisten Sendungen werden nicht unmittelbar übertragen, sondern vorher aufgezeichnet (siehe auch Fernsehaufzeichnung). Der Rundfunk entwickelte sich bald nach seinem Entstehen zu einem universellen Publikationsmittel; bereits Ende der 70er Jahre gab die UNESCO die Zahl der erteilten Rundfunklizenzen in der Welt mit mehr als 1 Md. an. Der Rundfunk der sozialistischen Staaten ist ein wichtiges Instrument der Friedenspolitik und Völkerverständigung; imperialistische Staaten nutzen ihn vor allem zur ideologischen Diversion, zur Manipulation und zur Unterstützung der imperialistischen Außenpolitik. Den größten Anteil an den Programmen des Hörrundfunks hat die Musik aller Genies (60 bis 70%). Neben journalistischen Formen, die im Rundfunk ihre spezifischen Anwendung finden (Nachricht, Kommentar, Interview, Dokumentation, Reportage, Rezension) entwickelte der Rundfunk eigene künstlerische Formen (Hörspiel, Hörfolge, Hörbild, Feature, Funkerzählung).

Rundfunkempfänger: Gerät zum Empfang und zur Wiedergabe von Hörfunkfunksendungen (siehe auch Rundfunk). Im allgemeinen verbreiteten Überlagerungsempfänger (Superhet(erodyn), Super) werden die von der Antenne aufgenommenen modulierten hochfrequenten Schwingungen verstärkt und mit einem im Rundfunkempfänger erzeugten Hilfssignal überlagert (gemischt); das dabei entstehende Zwischenfrequenzsignal wird weiter verstärkt, demoduliert und im Lautsprecher hörbar gemacht. Im Stereo-Rundfunkempfänger (siehe auch Kompatibilität 3, Stereophonie) wird die dem Träger zusätzlich aufmodulierte stereophone Information im Dekoder zurückgewonnen. Beim Pilottonverfahren werden dabei Summen- und Differenzsignal der links- und rechtsseitigen Schallinformationen der Studiomikrophone sowohl addiert als auch subtrahiert; mit den so gebildeten Links- und Rechtssignalen werden 2 räumlich getrennte Lautsprecher vom sogenannt Steuergerät gespeist. Rundfunkempfänger werden als Heimgeräte (Betrieb am Netz) oder als tragbare Rundfunkempfänger (Batteriebetrieb; Reiseempfänger, Taschenempfänger) hergestellt. Moderne Rundfunkempfänger weisen einen hohen Bedienungskomfort auf (Abstimmanzeige, Druck- und beziehungsweise oder Sensortasten, automatische Scharfabstimmung, programmierbare Senderwahl, automatische Mono-/Stereoumschaltung, Plattenspieler-, Magnettongerät-, Stereokopfhöreranschluss unter anderem).

Rundfunkwellen: für Rundfunk verwendete elektromagnetische Wellen. Man unterscheidet nach Frequenz beziehungsweise Wellenlänge Langwellen (148,5 bis 283,5 kHz beziehungsweise 2020,2 bis 1058,2 m), Mittelwellen (526,5 bis 1606,5 kHz beziehungsweise 569,8 bis 186,7 m), Kurzwellen (3,2 bis 26,1 kHz beziehungsweise 93,8 bis 11,5 m), Fernsehen Band I, VHF (47 bis 68 MHz beziehungsweise 6,38 bis 4,41 m; Kanäle 1 bis 4), Ultrakurzwellen, UKW, VHF, Band II (87,5 bis 108 MHz beziehungsweise 3,43 bis 2,78 m), Fernsehen Band III, VHF (174 bis 230 MHz beziehungsweise 1,72 bis 1,30 m; Kanäle 5 bis 11), Fernsehen Band IV/V, UHF (470 bis 790 MHz beziehungsweise 0,638 bis 0,38 m; Kanäle 21 bis 39).

Rundgotisch, Rotunda (dat., «die Runde»): zu den gebrochenen Schriften gehörende, aus der karolingischen Minuskel entwickelte Schriftgattung mit einfachen Versalien und nicht oder nur wenig gebrochenen Füßen der Grundstriche der Kleinbuchstaben.

Rundhöcker: durch sich bewegendes Gletschereis geformte Felsbuckel mit ovalem Grundriss und stromlinienförmigem Längsschnitt. Die gegen die Fließrichtung des Eises gerichtete steilere Seite ist allseitig abgeschliffen, deren entgegengesetzte Seite oft schrofig. Rundhöcker sind morphologische Leitformen für die glaziale Abtragung in ehemals von Inlandeis bedeckten Tiefländern sowie in Hochgebirgen und bilden oft Rundhöckerlandschaften.

Rundhorizont: Abschluss des Bühnenraumes, meist durch halbzylindrische, in der Obermaschinerie hängende, aufrollbare Leinwandfläche.

Rundi, Barundi: Bantuvolk in Burundi und angrenzenden Gebieten; etwa 6,6 Millionen; mit ihnen verwandt sind die Ganda oder Baganda in Uganda und die Rwanda oder Banja Rusanda in Rwanda und angrenzenden Gebieten Zaires und Tansanias (6 Millionen); zum ethnischen Bestand dieser Völker gehören die Batussi (Watussi) oder Tutsi (Hima; bantuisierte, urspr. fremde feudale Oberschicht; Viehzüchter, 13%), Bahutu oder Hutu (Bantu; früher hörige Bauern; 86 %) und Batwa oder Twa (Pygmoide; früher Arbeitssklaven).

Rundköpfe: volkstümliche Bezeichnung für die Königsgegner in der englischen bürgerlichen Revolution; benannt nach dem Kurzhaarschnitt der Puritaner.

Rundmäuler, Cyclostomata: einzige rezente Klasse der zu den Wirbeltieren gehörenden Kieferlosen; aalähnliche Wassertiere mit nackter schleimiger Haut, einem runden, bezahnten Saugmaul und unpaarer Nasenöffnung. Hierzu gehören I Inger und Neunaugen.

Rundschalttisch: periodisch um einen eingestellten Winkel schaltbarer Maschinentisch zur Aufnahme eines oder mehrerer gleichzeitig gespannter Werkstücke, die von verschiedenen Seiten beziehungsweise an mehreren Stationen nacheinander oder gleichzeitig bearbeitet werden.

Rundstreckenrennen: Radsport Straßenrennen auf geschlossenem, 800 bis 5000 m langem Rundkurs. Im Unterschied zum Kriterium entscheidet ausschließlich der Zieleinlauf.

Rundverfügung: Verfügung (Weisung) einer Behörde an alle ihr nachgeordneten Behörden.

Runeberg, Johan Ludvig, 5.2.1804 - 6.5.1877, finnland-schwedischer Schriftsteller; seine Stellung als Nationaldichter fußt auf dem Patriot. Epos «Fähnrich Stils Erzählungen» (1848/60, deutsch), dessen einleitende Verse zur finnischen Nationalhymne erhoben wurden.

Runen: (altnordisch run, «Geheimnis») älteste bekannte germanische Schriftzeichen, mit Laut- und Begriffswert; vermutlich seit dem 2. Jahrhundert vor Christus entwickelt; Hauptverbreitungsgebiet: Skandinavien mit Dänemark; siehe auch Futhark.

Runge: 1. Franz Rudolf Runge, 5.12.1893-29.8.1973, Chemiker; Professor für technische Chemie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, arbeitete über Plaste, Ionenaustauscher, metallorganische Verbindungen, organisch-chemische Technologie; verfasste ein Lehrbuch über Chemie und Technologie der Kunststoffe.

2. Friedlieb Ferdinand Runge, 8.2.1795-25.3.1867, Chemiker, begründete die technische Verwertung des Steinkohlenteers und isolierte daraus zum Beispiel Phenol und Anilin; entdeckte unter anderem auch Koffein und Atropin.

3. Philipp Otto Runge, 23.7.1777-2.12.1810, Maler und Graphiker; 1799/1801 Schüler der Kopenhagener Akademie, 1801/03 der Dresdner Akademie, seit 1804 in Hamburg ansässig. Runge ist der bedeutendste Vertreter der norddeutschen Romantik. In seinen Figuren- und Landschaftsdarstellungen durchdringen sich phantastisch-religiöse und allegorisch-symbolische Gedanken. Das Verwoben sein von Mensch und Natur zeigt sich besonders in seinem Hauptwerk, der Folge «Tageszeiten» (1803/08). Bedeutend sind auch seine theoretischen Untersuchungen zur Farbenlehre («Die Farbenkugel», 1810).

Runge-Kutta-Verfahren: (nach 2 Mathematikern) sehr wirksame Einschrittverfahren zur Lösung von Anfangswertaufgaben für gewöhnliche Differentialgleichungen. Für Gitterpunkte x, := x0 + ih wird dabei eine Näherung y, für y(x,) nach einer Vorschrift y, := y,~1 + hf(x,.!, y,_,) berechnet. Charakteristisch für Runge-Kutta-Verfahren ist dabei, dass in / Informationen über y' an anderen als den Gitterpunkten verwendet werden.

Runkelrübe, Futterrübe, Dickrübe, Beta vulgaris subsp. rapacea var. crassa: Gänsefußgewächs mit fleischig verdickter Hauptwurzel und langstieligen, großen Rosettenblättern; Futterpflanze. Andere Varietäten sind Rote Rübe, Zuckerrübe.

Runotex: Handelsname für einen in der DDR produzierten Klebvliesstoff aus Reißfasern, der durch Aufsprühen von Bindemitteln auf einzelne Faserschichten und anschließendes Trocknen erzeugt wird; hauptsächlich für Füll-, Polster-, Filter- und Isolierzwecke.

Runterreißer: Ringen Gruppe von Grifftechniken, mit der der Gegner (ohne ihn von der Matte abzuheben) aus dem Stand in die Bank-, Bauch-, Brücken- oder Rückenlage gebracht wird.

Runzelkorn: Polygraphie beim Trocknen der Gelatineschicht von Lichtdruckformen auftretende, als Druckelement dienende Runzelbildung, die ein charakteristisches Merkmal des Lichtdruckes (Druckverfahren) ist.

Ruodlieb: wahrscheinlich von einem Tegernseer Mönch um 1140 in lateinischen Hexametern verfasster ältester Abenteuerroman des Mittelalters; wegen zahlreicher Wirklichkeitsbezüge von großer kulturhistorische Bedeutung.

Rupfen: Polygraphie das Herausreißen kleiner oder größerer Faser- und Füllstoffteile aus der Papieroberfläche, wenn die äußeren Adhäsionskräfte (Spaltung des Druckfarbenfilms) größer sind als die innere Gefügefestigkeit der Papierbestandteile.

Rupie: Währungseinheit unter anderem in Indien, Nepal, Pakistan; siehe auch Währung.

Ruppiner Platte: welliges Gebiet beiderseits des oberen Rhins, von vielen Gewässern durchzogen; umfasst das waldreiche Seengebiet um Rheinsberg (Rheinsberger See, Großer Stechlinsee, Rhinsee) und die westlich vorgelagerten Hügel von Zechlin (Krähenberge, bis 118 m); auch Ruppiner Schweiz genannt (Ausflugsgebiet).

Ruppiner See: vom Rhin durchflossener Rinnensee südöstlich von Neuruppin; 8,5 km2, bis 24 m tief.

Ruptur: Zerreißen eines Organs oder Blutgefäßes, zum Beispiel Milzruptur.

rural: ländlich, bäuerlich.

Rurik, gestorben 879, sagenhafter Warägerfürst; Begründer der russischen Dynastie der Rurikiden (bis 1598). Die um seinen Namen gewobene Legende diente der unwissenschaftlichen Normannentheorie, die den Warägern (schwedisch Normannen) entscheidenden Anteil an der Staatsbildung in Russland zuschreibt, als Grundlage.

Rusch, Heinz, 21.12.1908-18.5.1965, Schriftsteller; verfasste unter anderem den Gedichtband «Alle Quellen fließen wieder» (1952), das «Poem für die Partei» (1958) und trat als Dichter von Kantaten hervor («Der neue Kolumbus», 1961).

Rusizi, Ruzizi: Fluss im Zentralafrikanischen Graben; 160 km; fließt aus dem Kivu- (hier an Schnellen Staudamm und Kraftwerk) nach dem Tanganjikasee, bildet die Grenze zwischen Zaire sowie Rwanda und Burundi.

Rusk, Dean, geboren 9.2.1909, US-amerikanischer Politiker; 1952/60 Präsident der Rockefeller-Stiftung zur «Förderung wissenschaftlicher, pädagogischer, religiöser und medizinischer Zwecke»; 1961/69 Außenminister.

Ruskin, John, 8.2.1819-20.1.1900, englischer Kunsttheoretiker und utopisch-sozialistische Sozialreformer; sah in der Kunst ein Hauptmittel der moralischen, ästhetischen und politischen Erziehung der Menschen und suchte die durch die industrielle Revolution und den Missbrauch der Maschine entstandene Kunstkrise durch Propaganda für die Handarbeit, durch Kunsterziehung und die Entwicklung neuer Stile unter Benutzung der Tradition zu beenden; forderte Gründung von Kunstgewerbemuseen, unterstützte die Präraffaeliten.

Ruß: 1. schwarze, aus kleinsten Graphitkristallen bestehende Modifikation des Kohlenstoffs; entsteht bei der unvollständigen Verbrennung von Kohlenwasserstoffen (Äthin, Naphthalin unter anderem) und wird technisch dadurch gewonnen, dass man entsprechend Flammen auf gekühlte Flächen richtet. Man verwendet Ruß als abriebvermindernden Zusatz zu Gummi und als Schwarzpigment.

2. Ruß, Pechräude: Hauterkrankung der Ferkel, die meist innerhalb der ersten 5 Lebenswochen auftritt. An verschiedenen Körperstellen bildet sich ein blasenartiger Ausschlag, der sich später in eine dicke schwarze Borke umwandelt. Als Ursachen kommen Vitamin-A-Mangel, Mangel an Spurenelementen und bestimmte Mikroorganismen in Betracht.

Russe, Ruse: Bezirksstadt im Norden Bulgariens, an der Donau; 180000 Einwohner; Schiffswerft, Lokomotiv-, Waggon- und Landmaschinenbau, Schwermaschinenbaukombinat Giurgiu-Russe als bulgarisch-rumänisches Gemeinschaftsunternehmen; elektrotechnische, chemische, Textil-, Nahrungsmittelindustrie; «Brücke der Freundschaft» (2,2 km) über die Donau nach Giurgiu (Rumänien); Hochschulen; Theater, Museen, Philharmonie.

Rüssel, Proboscis: als Tast- beziehungsweise Greiforgan ausgebildete muskulöse Verlängerung der Nase beziehungsweise Oberschnauze bei Säugetieren (zum Beispiel Schwein, Tapir, Elefant); bei Wirbellosen verlängerter Kopfteil.

Rüsselbecher: Glasbecher der Völkerwanderungszeit mit an der Gefäßwand herabhängenden Fortsätzen in der Form eines Rüssels (ursprünglich Delphine).

Rüsselkäfer, Curculionidae: 45000 Arten umfassende Käferfamilie; über 1000 mitteleuropäische Vertreter mit 1 bis 25 mm Länge. Vollkerfe meist flugunfähig, Mundteile rüsselartig verlängert, stechen damit zum Zwecke der Eiablage Triebe, Blüten, Blattrippen, Früchte und andere Pflanzenteile an, oder rollen Blätter zusammen. Die fußlosen Larven fressen im Innern dieser Pflanzenteile; Larven und Käfer zum Teil schädlich, zum Beispiel im Forst (Fichtenrüssler), im Garten (Apfelblütenstecher), an Feldkulturen (Rübenderbrüßler) und an Vorräten (Kornkäfer).

Russell: 1. Bertrand Arthur William Russell, Earl of Russell, 18.5.1872-2.2.1970, britischer Philosoph, Logiker und Sozialkritiker; erarbeitete zusammen mit A. N. Whitehead eine logische Begründung der Mathematik und förderte die Entwicklung der mathematischen Logik. Die Philosophie entnehme ihre Probleme den Naturwissenschaften und solle deren Begriffe mit den Mitteln der Logik klären. Die Welt bestehe allein aus logisch verbundenen Sinnesdaten. Als bürgerlicher Humanist und Pazifist kritisierte er die imperialistische Gesellschaft und forderte unter anderem das Verbot der Kernwaffen und allgemeine Abrüstung. Russell gründete ein nach ihm benanntes Tribunal zur Untersuchung der Kriegsverbrechen der USA in Vietnam.

2. Henry Norris Russell, 25.10.1877-18.2.1957, US-amerikanischer Astronom; lieferte grundlegende Beiträge zur Theorie des inneren Aufbaus und der Atmosphäre der Sterne; gab 1913 dem Hertzsprung-Russell-Diagramm die heute übliche Form.

Rüsselrobben, Cystophorinae: Unterfamilie der Hundsrobben mit aufblasbarem Rüssel im männlicher oder in beiden Geschlechtern, rückgebildeten Schneide- und kleinen Backenzähnen; gesellig leben die bis 6 m langen Elefantenrobben oder See-Elefanten (Mirounga) in antarktischen, gemäßigten und tropischen Meeren. Siehe auch Klappmütze.

Rüsselspringer, Macroscelidae: afrikanischer Insektenfresser mit röhrenförmig verlängerter Schnauze. Die Elefantenspitzmaus (Elephantulus intufi) mit 14 cm Körperlänge und 11 cm langem Schwanz lebt in Trockengebieten; das Rüsselhündchen (Rhynchocyon) mit 28 cm Körperlänge und 20 cm langem Schwanz bewohnt zentralafrikanische Urwälder.

Russenkaninchen: kleine, 1,75 bis 2,75 kg schwere Kaninchenrasse mit typischen Spitzenfärbung; Schwärzung von Ohren, Pfoten, Nase (Maske) und Blume auf leuchtendem, reinem Weiß.

Russisch: eine ostslawische Sprache (Ostslawisch); auch als Großrussisch bezeichnet; im engeren Sinne die auf mittelgroßrussischen Mundarten (mit der Moskauer Mundart) beruhende russische Literatur- oder Hochsprache. Charakteristisch für Russisch sind zum Beispiel die konsequente Parallelität harter und weicher (palatalisierter) Konsonanten (-phoneme), der relativ freie Wortakzent, der Verbalaspekt besonders für die Literatursprache, der stark nominale Charakter der Syntax und die vielseitige und häufige Verwendung des Gerundiums (Adverbialpartizip) und des Infinitivs. Russisch wird von rund 185 Millionen Menschen als erste oder zweite Muttersprache gesprochen; es verbindet als Verkehrssprache alle Völker der UdSSR und ist eine der führenden Weltsprachen.

Russisch-Deutsche Legion: 1812 auf Betreiben deutscher Patrioten in Russland gebildete Legion aus emigrierten preußischen Offizieren und übergetretenen beziehungsweise gefangengenommenen deutschen Soldaten. Auf Vorschlag des Reichsfreiherrn vom und zum Stein erfolgte die Aufstellung der Russisch-Deutsche Legion, um den Widerstand des russischen Volkes gegen Napoleon I. zu unterstützen und den Kampf auf deutschem Boden gegen die französische Fremdherrschaft zu führen. Im Befreiungskrieg gelang es den reaktionären Kräften, die Aktionen der Russisch-Deutsche Legion einzuengen. Im Frühjahr 1815 aufgelöst.

russische Schrift: auf der kyrillischen Schrift beruhendes Alphabet des Russischen; einschneidende Veränderungen in Zahl und Form unter Peter I. führten zur sogenannt bürgerliche Schrift (Grazhdanka); die Rechtschreibereform 1917 verminderte die 37 Buchstaben des Alphabets um 5.

Russisch-Japanischer Krieg 1904/05: imperialistischer Krieg um die Vorherrschaft im Fernen Osten und im pazifischen Raum; begann am 8./9.2. 1904 mit dem japanischen Überfall auf die russische Pazifikflotte, japanische Siege bei Mukden (Shenyang) und Tsushima zwangen Russland am 5.9. 1905 zum Frieden von Portsmouth (unter anderem Verzicht auf Südsachalin); begünstigte den Ausbruch der Revolution von 1905/07.

russisch-orthodoxe Kirche: seit 1589 selbständiger, größter und bedeutendster Teil der griechischen-orthodoxen Kirche. Siehe auch östlich-orthodoxe Kirche.

Russistik: Zweig der Slawistik.

Russkaja Prawda: (russisch, «Russisches Recht») altrussische Rechtssammlung; entstand Anfang des 11. Jahrhundert und wurde bis zum 13. Jahrhundert mehrmals überarbeitet oder ergänzt; widerspiegelt die Entwicklung des russischen Feudalismus und die zunehmende Verschärfung des Klassenkampfes.

Rustaweli, Schota, um 1200, georgischer Dichter; sein Epos «Der Recke im Tigerfell» (1712 erstmals gedruckt, deutsch auch «Der Recke im Pantherfell») krönt die weltliche Literatur des georgischen Hochfeudalismus. 200 Jahre vor dem Beginn der Renaissance in Westeuropa ist dieses Werk zutiefst von humanistischem renaissancehaftem Gedankengut durchdrungen.

Rüstkammer: ursprünglich Aufbewahrungsort für Waffen und Kriegsausrüstungen; heute oft Grundstock für militär- und kulturhistorischen Museen.

Rüstung: 1. im Mittelalter Bezeichnung für Waffen und Schutzbekleidung der Ritter.

2. Entwicklung, Herstellung und Beschaffung von Kampftechnik, Waffen, Munition und anderen Mitteln des bewaffneten Kampfes, einschließlich der Errichtung von baulichen Anlagen für militärische Zwecke. In kapitalistischen Ländern dient die Rüstung dem Streben nach Rüstungsprofit und militärischer Übermacht. In sozialistischen Ländern wird das Maß der für die Rüstung aufgewandten Kräfte und Mittel ausschließlich durch die Erfordernisse der Landesverteidigung bestimmt.

Rute:

1. Anatomie: Penis.

2. Jagdwesen: Schwanz bei Hund und allem Haarraubwild (außer Fuchs und Marder).

3. Metrologie: Zeichen Rute alte deutsche Längeneinheit, etwa 2 bis 6 m, in Preußen 3,77 m.

Ruthenium, (nach Ruthenia, lateinisch für Russland) Symbol Ru: chemisches Element der Kernladungszahl 44, Platinmetall; Atommasse 101,07; Wertigkeiten + 3, +4, +8 unter anderem; F 2427°C; Kp 4150°C; Dichte 12,45 g/cm3; begleitet in der Natur das Platin. Ruthenium ist silberglänzend, hart und spröde; es absorbiert bis zum 1500fachen Volumen Wasserstoff, womit es selbst Palladium übertrifft. Es ist luftbeständig und wird auch von Königswasser nicht angegriffen. Man verwendet es als Katalysator und Legierungsmetall. Ruthenium wurde 1844 von dem russischen Chemiker Karl Karlowitsch Klaus (1796-1864) entdeckt.

Ruthenium Verbindungen: Substanzen mit chemisch gebundenem Ruthenium. Die Ruthenium Verbindungen sind meist stark komplex und zerfallen beim Glühen unter Abscheidung von feinverteiltem, schwarzem Ruthenium metallischen Ruthenium(VIII)-oxid, Ru04, bildet gelbe, giftige, leicht verdampfende Kristalle von ozonähnlichen Geruch; F 25,5 °C; Kp 100,8 °C.

Rutherford, Ernest, Lord Rutherford of Nelson, 30.8.1871—19.10.1937, britischer Physiker; gilt als Begründer der Kernphysik. Er unterschied die beim radioaktiven Zerfall entstehende a-, ß- und y-Strahlung, entwickelte 1903 eine Theorie der Zerfallsstufen und wies nach, dass a-Strahlen aus Heliumkernen bestehen. Aus seinen Streuexperimenten (siehe auch Rutherford-Streuung) entwickelte er 1911 das nach ihm benannt Atommodell (siehe auch Atom). 1919 führte Rutherford die eiste künstliche Kernreaktion und Elementumwandlung durch.

Rutherford-Streuung: (nach E. Rutherford) Kernreaktion, bei der das einfallende Teilchen nur durch die Coulomb-Kraft und nicht durch die Kernkräfte des Targetkerns elastisch gestreut wird. Durch die Rutherford-Streuung von a-Teilchen wurde nachgewiesen, dass fast die gesamte Masse eines Atoms mit positiver Ladung auf kleinstem Raum im Zentrum des Atoms, im Kern, konzentriert ist.

Ruths Speicher: (nach einem schwedischen Ingenieur) bekannteste Bauart des Gefällespeichers.

Rutin: Glykosid aus Weinraute, Buchweizen und anderen Pflanzen mit kapillarabdichtender Wirkung.

Rütlibund, Ewiger Bund: Bündnis der 3 Waldstätten Schwyz, Uri und Unterwalden, das 1291 auf dem Rütli, einer Bergwiese oberhalb des Vierwaldstätter Sees, zum Schutz der reichsunmittelbaren Rechte und Freiheiten abgeschlossen wurde. Aus dem Rütlibund entwickelte sich in mehreren Etappen seit dem 14. Jahrhundert der schweizerische Bundesstaat.

Rutsche, Schurre: geneigte Rinne (Schüttrinne) oder geneigtes Rohr (Schüttrohr) aus Blech oder Holz zur gleitenden Abwärtsförderung von Schütt- oder Stückgütern durch Schwerkraftwirkung.

Rütteltisch: Vibrationstisch zur Prüfung und Verdichtung von Beton, wobei auf eine mit Beton gefüllte Form Impulsschwingungen übertragen werden.

Ruttkai, Eva, 31.12.1927-27.9.1986, ungarische Schauspielerin bei Bühne und Film; erfolgreich sowohl in Charakter als auch in komischen Rollen (Filme «Julika mit der Stupsnase», «Geschichte meiner Dummheit», «Sindbad», «Wenn Josef kommt», «Das Labyrinth»).

Ruuth, Alpo, geboren 17.3.1943, finnischer Schriftsteller, wurde durch Romane, Erzählungen, Hörspiele und Dramen bekannt; hervorzuheben sind seine Romane «Heimatland» (1974, deutsch) und «Aufstiegsphase» (1977), in denen er die Folgen der Arbeitslosigkeit schildert. Auch in seinen Novellen gestaltet er vorwiegend Alltagsprobleme («Im Jahr der Frau», 1975; «Die Besichtigung», 1981).

Ruwenzori: kristalliner Gebirgsstock am Zentralafrikanischen Graben, an der Grenze Uganda/ Zaire; bis 5109 m (Pik Margherita); Gipfelgletscher, darunter Geröll, Matten, Regen-, Nebelwald und Kaffeepflanzungen; Nationalpark (Berggorillas).

Ruysch, Rachel, 1664-12.8.1750, holländische Malerin; malte vorwiegend farbenfrohe Blumen- und Frachtstücke.

Ruysdael, Salomon van, 1600 oder 1602-1670 (begraben 3. 11.), holländischer Maler, wie sein Neffe Jacob Isaacksz van Ruisdael vorwiegend Landschaftsmaler, schuf auch Jagdstillleben.

Ruyslinck, Ward, eigentlich Raymond de Belser, geboren 17.6.1929, belgischer Schriftsteller niederländischer Sprache; beschreibt in Erzählungen («Die Rabenschläfer», 1957, deutsch) und Romanen («Das Tal von Hinnom», 1961, deutsch) das durch (meist anonyme) gesellschaftliche Mächte bedrohte Zusammenleben.

Ruzhen, Dschurdschen: im Amurgebiet siedelnder Tungusenstamm, dessen Führer Aguda die Jin-Dynastie begründete (1115) und die Herrschaft der Kitan in Nordchina stürzte (1124). Die Ruzhen unterlagen 1234 den in China eingefallenen Mongolen.

Ruzzante, («der Scherzende») eigentlich Angelo Beolco, 1502-17.3.1542, italienischer Schauspieler und Dramatiker, spielte mit eigener Schauspielertruppe seine volkstümliche, das Bauernleben realistisch darstellenden Dialektkomödien und Farcen; schuf für sich die Gestalt des listigen Dieners, des Ruzzante, und führte diesen Namen später selbst.

Rwanda, Republik Rwanda: Binnenstaat in Ostafrika, östlich vom Kivusee; grenzt im Norden an Uganda, im Osten an Tansania, im Süden an Burundi und im Westen an Zaire; verwaltungsmäßig in 10 Präfekturen gegliedert. Die Bevölkerung (größte Bevölkerungsdichte Kontinentalafrikas) setzt sich zu 90% aus Bahutu und 9% aus Batussi zusammen. Amtssprachen sind Kinyarwanda und Französisch. Währung ist der Rwanda-Franc. Rwanda umfasst ein steil zum Zentralafrikanische Graben abfallendes seenreiches, vom Kagera durchflossenes Hochland (1500 bis 2000 m über dem Meeresspiegel) einschließlich der Mittelgruppe der Virunga Vulkane (bis 4531m). Es herrscht ein durch die Höhenlage gemildertes tropisches, niederschlagsreiches Höhenklima. Vorherrschend sind Höhenwald, Feucht-, Trockensavanne und Weiden. Bodenschätze: Zinnerz (Kassiterit), Tantalit, Wolframerz, Beryllium, Gold, Methangas. Rwanda ist ein äußerst rückständiges Agrarland, das von ausländischen, besonders belgischen Monopolen beherrscht wird. In der Landwirtschaft sind 90% der Erwerbstätigen beschäftigt, wobei 95% in Verhältnissen der Subsistenzwirtschaft außerhalb der Ware-Geld-Beziehungen leben (Anbau von Bataten, Bananen, Hirse, Maniok, Hülsenfrüchten). Größte wirtschaftliche Bedeutung hat der Anbau von Exportkulturen, wie Kaffee (erbringt etwa 60% der Exporterlöse), Tee, Baumwolle, Ölfrüchte, Pyrethrum und Tabak. An zweiter Stelle steht der exportorientierte Bergbau mit der hauptsächlichen Förderung von Zinn- und Wolframerzen. Die verarbeitende Industrie steht erst am Anfang ihrer Entwicklung (Verarbeitung landwirtschaftlicher Rohstoffe, Druckerei). Das Verkehrsnetz ist ungenügend entwickelt (wenige asphaltierte Straßen, keine Eisenbahn); internationale Flughäfen in Kigali.

Einfuhr: Nahrungsmittel, Textilien, Zement und andere Baustoffe, Mineralölprodukte, Fahrzeuge, Ersatzteile; Haupthandelspartner: Belgien; ferner Frankreich, BRD, Kenia, USA Im 15./16. Jahrhundert wanderten Batussi-Hirtenstämme ein, die sich als Oberschicht über die Bevölkerungsmehrheit der einheimischen Bahutu etablierten. 1899 annektierte das imperialistische Deutschland Rwanda und gliederte es der Kolonie Deutsch-Ostafrika an. Rwanda wurde 1923 mit Burundi als Ruanda-Urundi belgisches Mandatsgebiet des Völkerbundes beziehungsweise 1946 der UN. Unter Führung der 1959 gegründeten Nationalunion von Rwanda (französisch Abkürzung UNAR) begann der organisierte Kampf der nationalen Befreiungsbewegung; die Vorherrschaft errang die Partei der Befreiungsbewegung der Bahutu (französisch Abkürzung PARMEHUTU), die dem katholischen Klerus nahestand. Durch UN-Beschluss zur Aufhebung des belgischen Mandats wurde am 1.7. 1962 die staatliche Selbständigkeit Rwandas verkündet (schon 1961 Abschaffung der Monarchie). Erster Präsident wurde G. Kayibanda, seit 1961 Vorsitzender der PARMEHUTU. Ethnische Differenzen und ökonomische Schwierigkeiten mündeten am 4.7.1973 in einen Militärputsch. Generalmajor J. Habyarimana trat an die Spitze eines Nationalen Komitees für Frieden und Einheit. 1975 wurde die National-Revolutionäre Bewegung der Entwicklung (französisch Abkürzung MRND) als Einheitspartei gegründet. Sie ist die führende gesellschaftliche Kraft des Landes; Vorsitzender ist Juvenal Habyarimana. Anfang 1982 wurden (erstmals seit 1973) Wahlen zur Gesetzgebenden Versammlung durchgeführt.

Rybak, Natan, 3.1.1913-11.9.1978, ukrainisch-sowjetischer Erzähler, begann mit Erzählungen und Romanen über den sozialistischen Aufbau (Romantrilogie «Dnepr», 1937/38), wurde vor allem mit historischen Romanen bekannt, insbesondere mit dem Balzac-Roman «Der Irrtum des Honoré de Balzac» (1940, überarbeitet 1956, deutsch) sowie dem zweibändigen Roman «Die große Entscheidung» (1948/53, deutsch), einer breitangelegten Schilderung vom Kampf des ukrainischen Volkes im 17. Jahrhundert um die Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland.

Rybnik: Stadt in Polen (Wojewodschaft Katowice), im GOP; 135000 Einwohner; Zentrum eines großen Steinkohlenreviers mit hochwertiger Steinkohle (Gas-Koks-Kohle); Hüttenindustrie; Kraftwerke (800 MW); TH; Museum.

Rydberg, Viktor, 18.12.1828 bis 21.9.1895, schwedischer Dichter; Professor für Kultur- und Kunstgeschichte in Stockholm. Ausgehend von liberalen Positionen, verfasste Rydberg lyrische Gedichte und historische Romane, wie «Singoalla» (1857, deutsch), «Der letzte Athener» (1859, deutsch) unter anderem; übersetzte J. W. Goethes «Faust» 1876; wurde 1877 Mitglied der I Schwedischen Akademie.

Rydberg-Konstante: (nach einem schwedischen Physiker) Konstante in den Serienformeln des Wasserstoffspektrums, wobei der Atomkern als unendlich schwer angenommen wird (e Elementarladung, me Elektronenmasse, e0 elektrische Feldkonstante, h Planck-Konstante, c0 Vakuumlichtgeschwindigkeit).

Ryle, Sir Martin, 27.9.1918-14.10.1984, britischer Astronom; entwickelte das Apertursynthese Verfahren und verbesserte damit wesentlich das Auflösungsvermögen von Radioteleskopen.

Rylejew, Kondrati Fjodorowitsch, 29.9.1795 bis 25.7.1826, russischer Dichter; wurde mit seiner politischer Lyrik (Poem «Wojnarowski», 1823/25, deutsch; «Dumen», 1825; Gedicht «Der Bürger», 1824/25) zum bedeutendsten Vertreter der Dekabristen Dichtung; nach der Niederwerfung des Dekabristenaufstandes zum Tode verurteilt und gehenkt.

Rylow, Arkadi Alexandrowitsch, 29.1.1870-22.6.1939, russisch-sowjetischer Maler. Ausgehend von der Tradition der Peredwischniki, schildert Rylow in kraftvoller Farbigkeit die heimatliche Landschaft, sucht jedoch auch im romantisierend-symbolhaften Landschaftsbild («In blauer Ferne», 1918) revolutionärer Thematik Ausdruck zu verleihen.

Rylski, Maxim, 19.3.1895-24.7.1964, ukrainisch-sowjetischer Dichter, entwickelte sich nach Überwindung ästhetizistische Züge zu einem der führenden Lyriker der ukrainischen Sowjetliteratur; verlieh in über 40 Gedichtsammlungen dem neuen sozialistischen Lebensgefühl poetischer Ausdruck («Kiew», 1935; «Ukraine», 1938; «Rosen und Weinreben», 1957; «Dort wo die Lerche singt», 1961; «Winterliche Notizen», 1964). Rylski war auch ein bedeutender Übersetzer (A. S. Puschkin, A. Mickiewicz, W. Shakespeare, Voltaire, H. Heine).

Rytcheu, Juri, geboren 8.3.1930, sowjetischer Schriftsteller aus dem Volk der Tschuktschen; schildert den Wandel in der Lebensweise der Rentierzüchter und Jäger am Rande des Polarmeeres in Erzählungen und Romanen, von denen «Abschied von den Göttern» (1958, deutsch) und «Traum im Polarnebel» (1969, deutsch) besonders bekannt wurden.